Eugen Gomringer und Nora Gomringer: Zu Eugen Gomringers Gedicht „die acht häuser des i-ging“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Eugen Gomringers Gedicht „die acht häuser des i-ging“. –

 

 

 

 

EUGEN GOMRINGER

 

 

das haus des stillehaltens

m  m

m  o

m  h

m  i

o  i

h  i

n  i

n  m

 

das haus des abgründigen

w  w

w  i

w  u

w  o

i  o

u  o

e  o

e  w

 

 

die acht häuser des i-ging

das I-GING ist bekannt als der BUCH DER WANDLUNGEN. das heisst, man muss sich mit ihm ein leben lang befassen. ich liess mich anregen durch den aufbau der urzeichen, jedes bestehend aus 6 strichen. es gibt 8 urzeichen, beginnend mit 3 durchgezogenen linien, gefolgt von 3 unterbrochenen linien. im spiel der bedeutungen von „durchgezogen“ und „unterbrochen“ liegt der grosse reiz der bedeutungen von „männlich“ und „weiblich“. generationen von jungen dichtem haben sich zuerst von der einfachen zeichenordnung, die sich visuell einprägt, einnehmen lassen. werden durchgezogene linien mit durchbrochenen, also männlichen mit weiblichen bzw. „himmlischen“ mit „irdischen“ zu einem grosszeichen verbunden, das dann aus 6 linien besteht, ergeben sich 64 sogenannte hexagramme, deren vielfalt ebenso viele deutungen erlaubt. da das I-GING vor allem als spiel ausgeübt wird und auskunft über wandlungszustände in der mannigfaltigkeit erwartet wird, ist es ein orakelspiel, wobei das „ja“ durch den durchgehenden strich, das „nein“ durch den unterbrochenen strich als antwort auf entscheidungsfragen sinnvoll ist.

Eugen Gomringer, aus Eugen Gomringer: poema. Gedichte und Essays, Nimbus, 2018

die acht häuser des i-ging

Wenn ich diesen Text meines Vaters mit Philipp Scholz am Schlagzeug interpretiere, fühle ich die Verpflichtung, vorher eine Anmoderation für das Publikum zu formulieren. Ich erzähle dann von der uralten Schrift, dem chinesischen Kult-Buch, dem I GING und seiner Schönheit, die auch im Ausgleich der Formen liegt: der Schrift und den beigefügten Linienzeichnungen. Manchmal erwähne ich, dass ich bei einer Lesereise nach China sogar junge Leute mit Tattoos auf dem Oberarm gesehen habe, die Linienzeichnungen des I GING zeigten. Sprach ich die chinesischen Studenten darauf an, war sofort eine Verbindung zwischen West und Ost geschaffen, denn die Freude darüber, dass ich Kenntnis von diesem Klassiker der chinesischen Literatur habe, machte die Studenten sehr stolz auf ihre Kultur und deren Strahlkraft durch die Jahrhunderte. Schließlich ist das I GING über 5.000 Jahre alt.
Scholz und ich haben für die 8 HÄUSER-TEXTE (Eugen Gomringer hat sich für eine Reduktion entschieden und 64 durch 8 geteilt), die sich in jeweils 2 Buchstaben – in der Regel ein Vokal, ein Konsonant – in zwei Spalten à 8 Zeilen auf das Blatt „bauen“, individuelle Sprech- und Klangmuster erarbeitet. Alle Häuser sind verschiedenen Aktionen und Emotionen gewidmet. Nacheinander sind es DAS HAUS DES SCHÖPFERISCHEN, DES EMPFANGENDEN, DES ERREGENDEN, DES STILLEHALTENS, DES ABGRÜNDIGEN, DES HAFTENDEN, DES HEITEREN und DES SANFTEN.
Diese Titel evozieren Stimmungen, Stimmungen helfen dem Musiker sein Instrumentarium zu wählen. Die Notierung der acht Texte lädt den Sprecher ein, die Buchstabenkombinationen artikulatorisch sehr frei zu interpretieren. Identische Vokabelkombinationen „i i“, „o o“, Doppelkonsonanten wie „m m“ und „w w“ lassen eine Gesangsform zu. Kurz und gut.
Scholz hat einen Klingelton parat, sobald ich unsere Ankunft an einem entsprechenden Haus ankündige durch das Vorlesen der Titelzeile. Dann geht es hinein ins SCHÖPFERISCHE.
Alles in der Arbeit des Sprechers beginnt mit dem Atem, der Technik rund um sein Einfangen und Auslassen. Aber die Arbeit des Autors ist ein geistiges Atemholen und Darlegen des spiritus. So beginnt Eugen Gomringer mit der Doppelnennung des aspirierenden „h“. Langsam bildet sich daran ein Körper, mehr Materialität für den Stimmambitus mit den Konsonanten „n“ und „m“, die den Vokal „e“ natürlich mitschwingen lassen. So ist dann auch der erste offizielle Vokal das in der deutschen Sprache so häufige „e“. Alle acht Texte im Blick, erschließt sich eine Art matrixhafter Buchstabengleise, die zwischen Übereinstimmung und Abwechslung changieren. Kombinatorik, Timing, Charme und die Evozierung eines höheren Gedankens ist allen Texten gemein.
Der Charme ist das Element, auf das ich als Interpretin im Vortrag gut aufbauen kann, denn so findet sich semantisch stimmig in der letzten Zeile des ersten Hauses DES SCHÖPFERISCHEN das staunende „oh“. Der Beginn des STILLEHALTENS ist das doppelte „m“, das seinen Sprecher zwingt, mit geschlossenem Mund zu artikulieren. Im Haus DES HEITEREN schließen sich die Kombinationen „w m“ und „e m“ ein, die den Fußballfan und Humoristen Gomringer dahinter vermuten lassen können. Mit „u i“ wird dieses Haus geschlossen. Semantisch ist es der Ausdruck für echte Freude, so auch verschriftlicht in Comics, an den Stellen, da Enthusiasmus sprachlich beschrieben werden soll.
Scholz und ich bewegen uns mittlerweile schlafwandlerisch durch diese Häuser, diese Texte; Oft denke ich an die amerikanische TV-Serie DESPERATE HOUSWIVES, in der der Zuschauer 5 Hausfrauen in der Wisteria Lane bei der Bewältigung ihrer tragischen, komischen Alltagsszenarien dramaturgisch von Haus zu Haus geführt wird. Gedanklich lehne ich die Interpretation der Häuser-Texte wohl an meine Erinnerung daran.
Acht emotionalisierte Häuser ergeben einen Kosmos, da ja symbolisch gesprochen bereits ein Haus mit seinen Stockwerken, Fenstern, Türen, Zimmern, seiner Möblierung und natürlich seinen Bewohnern eigentlich eine ganze Welt abbildet.
Scholz und ich schließen unsere Performance des kleinen Zyklus’ mit zarten, dumpfen Herzschlägen, die DAS HAUS DES SANFTEN begleiten. Ich versuche, ein zärtliches ,u‘, ein pianissimo für das ,m n‘ zum Abschluss und wenn wir es verstanden haben, den 8 HÄUSERN DES I GING Eugen Gomringers zu ihrem intrinsischen noch unseren performativen Charme zu addieren, dann finden wir ein Publikum, das sich begeistert für zwei Phänomene der Literatur: ein uraltes Buch und seine immer-moderne Interpretation durch einen schweizerischen Dichter, dem das Wandeln zwischen den Welten zweite Natur geblieben ist. Und die erwähnte Schönheit des I GING, die durch den Ausgleich von Wort und Zeichen erwächst, die setzt sich fort in sängerischer Artikulation und musikalischem Klang. Bisher gab es jedenfalls keine Beschwerden, nur oft Schmunzeln, herzliches Lachen, wie auch lauschendes Staunen zum Schlussapplaus. Mehr können Dichter, Sänger und Musiker kaum erwarten.

Nora Gomringer, aus Eugen Gomringer: poema. Gedichte und Essays, Nimbus, 2018

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