F. Eckhard Ulrich: für später

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von F. Eckhard Ulrich: für später

Ulrich-für später

WOHIN GEHEN

wohin gehen wenn sich das gitter senkt
wenn nur noch die wirbelnden vogelschwärme des
aaaaaherbstes
schmale brücken finden unter günstigem wind
schon geortet im netz registrierter himmel

das lächeln wird zu spät aus den gesichtern fallen
kronzeuge am tage der abrechnung
die urteile lauten auf lebenslänglich
begnadigung in letzter instanz für den henker

die gräben wachsen zu die drähte fallen
das war die täuschung
auf den breiten straßen birst der asphalt
wer jetzt noch zögert setzt nichts mehr aufs spiel

keine abschiede mehr und keine umkehr
diese zeit weiß antwort auf alles
bleiben – stumm sein
und rüsten zum abstieg in die katakomben der trennung

7/1961

 

 

 

Vorbemerkung

Warum die Gedichte eines bereits toten Dichters in der Zeitzeichen-Reihe? Wir meinen, weil hier jemand Gültiges am Ausgang des 2. Jahrtausends zu sagen wußte, sich in seinen Gedichten gab, eigentlich wurde und mit Worten Zeichen in Zeit setzte: Zeitzeichen.
Als mir Mitte der 90er Jahre in einem Antiquariat der Gedichtband ich habe aufgegeben dieses Land zu lieben des in Halle/Saale praktiziert und gelehrt habenden Arztes Prof. Dr. F.E. Ulrich in die Hände fiel, kannte ich seinen Autor dem Namen nach nur von einer Veröffentlichung in der 1968 erschienen Anthologie Neue Lyrik – Neue Namen, wo mir sein Kinderlied ob seiner Musikalität aufgefallen war.
Bereits beim Blättern im Buch stieß ich auf ein Gedicht, welches mich bis heute nicht losläßt:

das war genug

an einem tag, den niemand recht vermißt
wird sich die sonne im gewölk verlieren-
dann werde ich den regen nicht mehr spüren,
ich hoffe, daß es sommerregen ist,

daß in den gossen vor den braunen türen
die kinder spielen – streiten – sich vertragen,
daß schwalben tief am boden zickzack schlagen
und vögel – jung im nest – nach futter gieren.

ich bin nicht mehr – mein buch ist zugeschlagen,
und niemand wird auf seinen seiten lesen
den schlichten satz: Du bist mit mir gewesen-
das war genug-
aaaaaaaaaaaaaaaaaich wollte es Dir sagen.

Wer war der Mann, der in sprachlich so genauer, emotional geladener und formsicherer Diktion solche Gedichte zu Stande brachte? Bei dem sich Trauer nicht in Larmoyanz verflüchtigte, der alltägliche Dinge (ganz im Sinn Hegels) aufhob und bei dem die Ansprache des Du noch Gewicht hatte?
Im Versuch einer Beantwortung dieser Frage entstand das vorliegende Bändchen mit Gedichten, für die Begleitung auf dem Weg dahin danke ich an dieser Stelle herzlich Frau Dr. Cordula Ulrich.
Herrn Prof. Dr. Ulrich konnte ich nicht mehr persönlich kennenlernen: er nahm sich 1992 in Halle/S. das Leben. Möge dieses Bändchen helfen, den auf uns gekommenen Texten F.E. Ulrichs einen Weg zu einer breiteren Leserschaft zu ebnen.

Paul Alfred Kleinen, Vorwort, Halloween 2000

 

Kleinert liest Gedichte

(…) An dem Abend hatten sich im Grauen Hof sehr viele Besucher zur zehnten Veranstaltung in dieser Reihe eingefunden und genossen einen sehr ansprechenden, kulturvollen und unterhaltsamen Abend. Paul Alfred Kleinert stellte Gedichte aus dem Lyrikband für später vor und im Anschluss daran gab es Jazz und Tanzmusik mit dem Mario-Grohn-Quartett.
Das Reizvolle und Besondere im ersten Teil dieser Abende sind die Lesungen und Vorstellungen von literarischen Werken, die bisher unveröffentlicht waren und in Aschersleben in der Reihe Zeitzeichen aus dem Unartig-Verlag des Kunstvereins sozusagen ihre Premieren erleben. Vor wenigen Tagen las Paul Alfred Kleinert, einer der Hauptinitiatoren der literarischen Veröffentlichungen, Gedichte aus dem Nachlass des Hallenser Arztes F. Eckhard Ulrich. für später heißt das zehnte in dieser Reihe erschienene kleine Büchlein, das, chronologisch aufgebaut, Gedichte aus einer Zeitspanne von 40 Jahren enthält
Als unheimlich schöpferisch und kreativ, warmherzig und aufopfernd für seine Patienten schilderte Renate Brömme, eine enge Bekannte der Familie Ulrich, den Verfasser der Gedichte. Als junger Mann begann der angehende Arzt zu markanten politischen Daten literarisch Stellung zu nehmen, sich zu äußern und oft vorausschauend zu hinterfragen. Aus den fünfziger und sechziger Jahren liegen von F.E. Ulrich eine große Anzahl zum Teil unveröffentlichten Gedichten vor. Es war seine schaffensreichste Phase. Ab 1968 erscheinen keine Texte Ulrichs mehr. Gedichte schrieb er noch bis 1981, dann folgte eine längere Pause und erst von 1990 findet sich wieder ein literarischer Hinweis. Noch im Todesjahr 1992 erschien der Gedichtband Ich habe aufgegeben dieses Land zu lieben, für das der Literaturpreis der Bundesärztekammer (postum) vergeben wurde. Dazu kam nun die Ausgabe in Aschersleben.

Marie-Luise Graichen, Mitteldeutsche Zeitung, 4.12.2001

 

Nach dem Überleben der Freitod 

Als sich der 33jährige Lyriker Eckhard Ulrich 1968 von Roger Melis für auswahl 68. Neue Lyrik – Neue Namen fotografieren ließ, tat er es im weißen Kittel des Arztes, der er war, vor einem Regal mit Laborflaschen. Ein Foto wie ein Zitat, das auf ein anderes Foto mit Gottfried Benn in dessen Praxis der späten zwanziger Jahre verweist. Eckhard Ulrichs Pose war Ausdruck seiner Nähe zu einem Dichter, der „den Traum alleine trug“, und zu dessen Haltung: 

Wer die Zerstörung flieht, wird niemals stehn.

Als Eckhard Ulrichs Zerstörung 1992 aufgedeckt wurde, eine Unterschrift bei der Staatssicherheit, schloß er sich in sein Arztzimmer ein, nahm eine tödliche Dosis Tabletten und las, bis sein Kopf auf das Buch fiel, in dem er gelesen hatte – Gedichte von Gottfried Benn. 

wenn so einer wie ich weggeht
an einem beliebigen morgen
werdet Ihr das Brot noch essen
das ich heimtrug
und den apfel den ich pflückte
ein paar tage liegt das buch
in dem ich las noch aufgeschlagen
an meinen schuhen haftet der staub von gestern
ein teil meiner unruhe überdauert mich
– dann nimmt jemand schuhe und buch
und bringt auch das andere in ordnung
im vorbeigehn
– denn ich habe das brot nicht gebacken
keinen apfelbaum gepflanzt kein buch geschrieben
und der staub am schuh war fremder staub
ich hatte nur unrast 

Der Dichter und Arzt Eckhard Ulrich, der im Alter von 56 Jahren starb, floh nicht aus dem Leben. Um bei sich zu bleiben, ging er. „wenn so einer wie ich weggeht“ entstand 1976, drei Jahre nachdem er als Inoffizieller Mitarbeiter bei der Stasi seine Unterschrift geleistet hatte. „Unter Druck erpreßt“, vermerkte die Staatssicherheit damals. Doch Dr. Eckhard Ulrich, so zeigen es seine Gedichte, hat sich diese Unterschrift nie verziehen, obwohl er damals umgehend seinen Chef Professor Konrad Seige und seinen Kollegen und Freund Dr. Peter Hanke unterrichtete, was zur Folge hatte, daß der IM-Vorgang umgewandelt wurde in einen Operativen Vorgang gegen ihn selbst.
Eckhard Ulrich, seit 1961 an der II. Medizinischen Klinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, war als Internist mit dem Spezialgebiet Endokrinologie eine Kapazität in der DDR – und ein Lyriker von Rang. Sarah Kirsch, die ihn aus ihren Hallenser Jahren kannte und die 1977 die DDR verließ, sagt: 

Ulrich war immer ein Gegner des Regimes gewesen.

Er war nie Mitglied der SED. Das Regime ließ ihn weder als Mediziner noch als Dichter entsprechend seiner Qualitäten aufsteigen. Nicht viel mehr als ein Dutzend seiner Gedichte durften in Anthologien erscheinen. Ein eigenständiger Gedichtband wurde abgelehnt.
Spätestens seit dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, der Bertolt Brecht zu einer gewundenen Stellungnahme gegenüber Ulbricht veranlaßte, durchschaute der damals achtzehnjährige Eckhard Ulrich das System. Ein Jahr nach dem Bau der Mauer antwortete der 27jährige, der Brecht Nachgeborene, auf dessen Gedicht „An die Nachgeborenen“. Bei Ulrich heißt es: 

die wir leben müssen zwischen den feuern
spuren suchen im sandigen niemandsland
spuren auslöschen, haß verbergen, trauer verbergen
träume verschweigen
die wir leben müssen zwischen den feuern
ja sagen – nein denken – nicht denken
verraten
die wir schmutzige hände haben müssen
und genormte gesichter
die wir leben müssen
ohne erwartung und sehen
die herzen werden alt vor der zeit
und sehen doppelzüngige kinder
und keine antwort wissen
nein denken – ja sagen – schweigen
die wir so sind
bitten Euch – die anderen:
verschont uns
mit der menschlichkeit 

Da ist jener Ton angeschlagen, der Eckhard Ulrich zu einem außergewöhnlichen Dichter der deutschen Teilung werden läßt, ohne daß eines solcher Gedichte vor der Wende von 1989 in Deutschland veröffentlicht worden ist.
Eckhard Ulrich kam am 20. Juni 1935 in Oberschöna im sächsischen Kreis Freiberg zur Welt, wo der Vater, ein Elektriker, eine Tochter aus der zwölfköpfigen Familie eines Bäckers geheiratet hatte. Wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Eckhard gingen die Eltern in die Altmark, wo Eckhard Ulrich bis Kriegsende die Volksschule in Salzwedel besuchte. Danach zog die Mutter mit ihren inzwischen vier Kindern von Dorf zu Dorf, bis der Vater 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und sich die Familie in Mehrin niederließ. Der Vater wurde dort Bürgermeister.
Die Altmark als seine Kindheitsgegend hat der Arzt Ulrich kontinuierlich besucht. „Wir sind da ständig zum Wandern hinausgefahren“, erinnert sich Ulrichs Frau Cordula, eine Augenärztin, die er während des Studiums in Halle kennengelernt hatte. 

Er kannte da jede Pflanze und jeden Vogel. Und dort konnte er, der so unruhig war, ausharren, stillstehen. Klinikausflüge machte er am liebsten in die Altmark, und die Kollegen staunten, daß er jede Pflanze und jeden Vogel bestimmen konnte.

Mit zwölf Jahren wurde Eckhard Ulrich Internatsschüler und kam 1947 in jene einst berühmte Fürstenschule Schulpforta, die Klopstock, Fichte, Ranke besuchten und in der Nietzsche gelitten hatte. Sein Abitur machte Ulrich dort am humanistischen Zweig 1953. Und auch er hatte gelitten – an der Trennung von Eltern und Geschwistern, die er selten besuchen konnte, und an jener Zerstörung des Privaten in Schlafsälen mit fünfzig Gymnasiasten.
Cordula Ulrich hat ihren Mann als einen „Auf-und-ab-Menschen mit depressiven Phasen“ in Erinnerung. „Er war ein suchender, ein schwieriger, ein problematischer Mensch“, sagt Hannelore Arnold, damals Wirtschaftsleiterin am Internat Schulpforta. 

Das Schwermütige ist wohl eine Veranlagung gewesen. Er war in seinem Urteil sehr schnell und konnte dabei Menschen vor den Kopf stoßen. Andererseits war er der rührendste Mensch in Hilfsbereitschaft und Fürsorge. Er hat zwei Seiten gehabt.

Eckhard Ulrich gehörte zu den besten Schülern. Er selbst sprach davon, daß er in Schulpforta keine Kontakte zu Mitschülern gefunden hat. Aber er suchte ihn, war überall dabei, wenn die FDJ ihre Treffen organisierte und es zu den Weltjugendspielen ging. Hannelore Arnold zählte ihn zu den „Pumas“, den Pubertätsmarxisten. Einer, der sich dann wieder verkroch in eine Arbeitsecke, die er mit Schränken umstellt hatte.
Bei aller Beteiligung in der FDJ ließ er sich vom Wir-Gefühl nicht täuschen und formulierte spontan und präzis jede Unwahrhaftigkeit. Wie später in seiner Karriere als Mediziner ließ man ihn seine Unangepaßtheit spüren. Eckhard Ulrich hat zwei Abiturszeugnisse. Das eine, in dem man seine Leistungen absichtlich unterbewertete, wurde vor dem 17. Juni 1953 abgefaßt, das andere nach dem Arbeiteraufstand, als man mit den Menschen vorübergehend behutsam umging. Der Achtzehnjährige war mit seinem Protest durchgekommen: Seine Noten wurden angehoben.
Cordula Ulrich, Tochter eines Landwirts, der sich auf Heilpflanzen spezialisiert hatte, erinnert sich an die Zeit des gemeinsamen Medizinstudiums in Halle: 

Ich kenne ihn seit 1953 nur schreibend, abends mit Tee und Zigarette am Schreibtisch. Das war ihm in jungen Jahren ganz wichtig. Das kam eigentlich vor allem andern.

Nach den Wahlen ein Jahr nach dem Arbeiteraufstand schrieb der Neunzehnjährige: 

Fluch der Gewalt –!
Die Lauheit klag ich an!
Millionen wußten,
doch sie schwiegen bang.
Daß sich ein ganzes Volk vergessen kann –
und du es sinken läßt…
Herrgott, das klag ich an
vom Frührot bis zum Sonnenuntergang. 

Eckhard Ulrich liest Wolfgang Borchert und schreibt: 

Nur darum schreckte uns die Helle,
und weil wir drinnen saßen;
indessen Du
wieder ins Draußen tratst…

Eckhard Ulrich liest Georg Heym und schreibt: 

Zu jenen gittertüren, die das jenseits grenzen
war oft – wie oft schon? unser weg gewandt
es brauchte nur das rühren einer hand
und offen lag des pfades kieselglänzen…

Er liest Gottfried Benn und schreibt: 

astern – zersplissene seide
weine, der sommer ist tot
hinter dem abendrot
graut schon die heide…

Im Jahre 1958 findet Ulrich über seinen einstigen Deutschlehrer in Schulpforta Kontakt zum Schriftsteller Martin Gregor-Dellin, der „Ungestüm-Genialisches“ bei dem 23jährigen entdeckt – und natürlich viele Schwächen. Gregor-Dellin, der noch im selben Jahr die DDR verläßt, wird den Weg des Lyrikers Ulrich als Freund begleiten. Zuerst von Bayreuth aus, wo ihn Ulrich bis zum Bau der Mauer besucht, und wo sich dann auch Horst Bienek und Günter Bruno Fuchs einfinden, danach brieflich. Aus dem neun Jahre älteren „Lehrer“ Gregor-Dellin wird ein Freund und Bewunderer, der in Eckhard Ulrichs Lyrik eine „weinende Heiterkeit“ entdeckt, wie sie im Gedicht „Ehrfurcht“ aus dem Jahre 1968 zum Ausdruck kommt: 

von meiner tochter leih ich mir
einen lustigen regenschirm
und reite
auf einem karusselpferd durch die stadt 

vor leuten
die den ernst des lebens
begriffen haben
zieh ich tief den hut 

Gedichte dieser Art sind die seltenen Momente, in denen es Ulrich gelingt, sich von seiner Traurigkeit zu lösen, die von Jahr zu Jahr stärker wird. Seit 1960 sind Cordula und Eckhard Ulrich verheiratet. Zwei Töchter haben sie. Und die Eltern sind nicht zu Hause, sind beide angestellt als Ärzte. Was tun? Cordula Ulrich erinnert sich, wie allergisch ihr Mann reagierte: 

Alles ist möglich, aber kein Heim und keine Krippe.

Seine Frau sagt: 

Da habe ich gesehen, wie in ihm die eigene Internatserziehung saß.

Eckhard Ulrichs Traurigkeit geht tief zurück in seine Kindheit: 

alt sind deine hände geworden mutter
alt über den sommern
alt über dem fallenden jahr
streichle mein gesicht
deine hände sind alt geworden
einmal noch auf die sterne hoffen
und auf die geheimnisse
ängstlich gehüteter türen
mutter
zu schnell wurden wir groß
jetzt friert uns mit kleinem herzen 

Als die Mauer 1961 gebaut wird, weiß Eckhard Ulrich: 

noch gelten die Schritte nicht uns
aber wir sind schon verlassen
schon im verhör…

In einem anderen Gedicht aus jener Zeit heißt es: 

dieser sommer starb glühend
und brannte die sehnsucht
in die fassaden der städte
es geht eine mauer durchs land…

Wieder woanders steht: 

wohin gehen wenn sich das gitter senkt
wenn nur noch die wirbelnden vogelschwärme des herbstes
schmale brücken finden unter günstigem wind
schon geortet im netz registrierter himmel…

Auf dem Küchenzettel in der Wohnung findet die Kommunikation des Ärztepaars – die Oma kümmert sich um die Kinder in den ersten Lebensjahren – schriftlich statt. Ein Gedicht Eckhard Ulrichs auf jenem Zettel vom 14. August 1961 reagiert nicht nur auf die deprimierende Abschottung der DDR, sondern auch auf eine höchst private Unruhe dieses Mannes: 

Wer jetzt bestehen will
muß stark sein – und sich selbst
vergessen können,
wer jetzt erst halt sucht ist ohne hoffnung,
laß dem, der allein sein muß
die stunden, derer er bedarf – nur so
kann er leben – weil wir zusammenhalten müssen 

Eine Ethik des Aufstands in der Fesselung entwickelt Eckhard Ulrich in seiner Dichtung. Und sie steht nur scheinbar im Widerspruch zu einem Leben, von dem Ehefrau Cordula sagt: 

Sie müssen sich uns nicht als Märtyrer vorstellen. Wir waren fröhlich, und wir haben gefeiert.

In dieser Aussage kommt anderes zum Ausdruck, als es ein Westmensch versteht. In ihr spiegelt sich die Psychologie einer geschlossenen Gesellschaft, die Psychologie der sich Ausgrenzenden und der Ausgegrenzten.
Es gibt nicht das totale Ausleben in der totalitären Welt des Ostblocks. Es gibt alles halb. Niemand sonst hat diese Situation so treffend im Bereich des Erotischen dargestellt wie der Tscheche Milan Kundera. Die Verführer in seinen Büchern sind fast durchweg Intellektuelle, denen man jeden Werdegang unmöglich gemacht hat. Als Menschen dieser Art gehen sie auf die Frauen los – als einzige Form der Selbstverwirklichung.
Wer hört, was Eckhard Ulrichs Freunde der sechziger Jahre sagen, der gewinnt den Eindruck, als gehe da Milan Kunderas Neurochirurg Tomas aus dem Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins durch Halle und nicht durch Prag. Ein Mann zwischen den Wiederholbarkeiten der Ehe, aber auch ihren schönen Ruhepunkten und den Unwiederholbarkeiten schwindelerregender erotischer Auf- und Abbrüche. Als Arzt noch dazu in der besonderen Erfahrung, immer wieder ohnmächtig gegenüber Sterben und Tod zu sein. Ein Lebenshunger wächst da, der verzweifelt gegen die eigene Hoffnungslosigkeit angeht.
Dr. Ulf Schulz, der Freund aus Hallenser Klinikzeit, heute mit Praxis in Rottach-Egern, erinnert sich: 

Die Klinik der Martin-Luther-Universität in Halle galt als die schwärzeste in der DDR. Bis zur Hochschulreform 1968 gab es bis auf eine Ausnahme sonst keine SED-Mitglieder.

Das hat sich dann später gründlich geändert, so daß der parteilose Dr. Ulrich die Ausnahme an der Uniklinik wurde. Schulz sagt: 

Wir hatten damals eine gewisse Narrenfreiheit. Wir haben ja auch die Nomenklatura behandelt. Doch die Bedrückung wurde seit dem Bau der Mauer stärker. Wir haben das nachhaltig diskutiert. Vom Gefühl her war Eckhard links. Er hatte eine Haßliebe zu den Roten. Deren fürchterliche Moral stieß ihn ab. In der Dubček-Zeit von 1968 begann er noch einmal zu hoffen. Jetzt das menschliche Antlitz! Mit der Okkupation war für ihn alles erledigt.

Die Ärzte Ulf Schulz und Eckhard Ulrich finden schnell Kontakt zur Schar der Schriftsteller, die sich in den sechziger Jahren in Halle aufhielten: Rainer und Sarah Kirsch, Heinz Czechowski, Elke Erb, zeitweilig auch Helga M. Novak. Heinz Czechowski, seit 1963 mit dem Gedichtband Nachmittag eines Liebespaars präsent, schreibt einen „Blues für S.“. Sarah Kirsch schreibt Gedichte an Eckhard Ulrich. Eckhard Ulrich schreibt Gedichte an Sarah Kirsch.
Siegfried Wieczorke, ein enger Freund Ulrichs bis zu dessen Tod, sagt: 

Eckhard war uneigennützig. Er half, wo er konnte. Er hatte als Arzt gute Beziehungen, hat anderen Wohnungen besorgt. Es war kein Problem für ihn, ein Auto zu bekommen. Er war sehr liebenswert, erst Mensch, dann Arzt. Er wirkte locker, aber er spielte das Leichte.

Die Malerin Renate Brömme, die auch zum Freundeskreis der Künstler gehörte, sagt: 

Eckhard Ulrich war ein aktiver, zupackender Mensch, gradlinig und aufsässig. Er war ein sehr guter Arzt. Das weiß man gerade jetzt, wo die Patienten klagen und sich seiner erinnern. Er war von breiter sozialer Verantwortung und über die Maßen anspruchsvoll. In der Literatur, im Schreiben hatte er die Möglichkeit zu sublimieren, sich selbst zu unterhalten.

fremdes gesicht
eingegraben in das feld des abends
dir folgend spricht die lüge
wie ein gebet
auch unerkannt
kauert dein schatten in den kühlen bögen
der dome
findet einlaß in die verbotenen gärten
eines sommers
und trägt ins genist der nachtvögel
flügelschlagende hast 

auf deiner milchigen stirn
stand schon die wirre zeile der trennung
als du in den abschied gingst
wurde das gestern regenschwer 

fremdes gesicht
steine und glas zwischen uns
was bleibt
ist gut 

Heinz Czechowski, damals Lektor im Mitteldeutschen Verlag, sorgt dafür, daß dieses Gedicht und drei weitere in der Anthologie Erlebtes Hier 1966 erscheinen dürfen. Sarah Kirsch bringt 1968 sechs weitere Gedichte in Saison für Lyrik unter, in der sie und Heinz Czechowski dabei sind, auch Günter Kunert, Reiner Kunze, Volker Braun und Adolf Endler und Elke Erb. Im selben Jahr bringt Bernd Jentzsch in der auswahl 68 vier Gedichte Eckhard Ulrichs heraus. Das ist es denn auch schon.
Ein von Heinz Czechowski zusammengestellter Band mit Gedichten Ulrichs, der im Hinstorff-Verlag erscheinen sollte, darf nicht erscheinen. Cheflektor Kurt Batt schreibt am 20. Mai 1969 unverfänglich: 

Ich bedaure es sehr, daß ich Ihnen keine freundlichere Mitteilung machen kann.

Heinz Czechowski erinnert sich: 

Eckhard hat mir das Scheitern bei Hinstorff übelgenommen, so, als sei ich dafür verantwortlich. Wenn wir uns seit jener Zeit in Halle begegneten, schaute er weg. Er konnte sehr besorgt um Menschen sein, aber eben auch launisch. Bis zu der Absage, die er bekam, war es eine schöne Zeit mit ihm. Es war eine merkwürdige Unruhe in ihm. Er war ununterbrochen auf Achse. Sarah Kirsch hat ihn wohl gemocht und noch viele andere Frauen. Es gab so gut wie nichts, was er nicht besorgen konnte. Meine ersten Originaljeans bekam ich von ihm.

Eckhard Ulrichs Frau sagt: 

Er war schon ein Mensch mit vielen Selbstzweifeln. Er hatte jedesmal schlaflose Nächte, wenn jemand von seinen Patienten gestorben war. Dann plagte er sich mit der Frage: Was habe ich falsch gemacht? Er rechnete es sich persönlich als Schuld an, wenn er jemanden nicht vor dem Tod hat retten können. In allem, was mein Mann tat, war er ein Perfektionist, und er war extrem ehrgeizig. Mir fehlt der Ehrgeiz. Ich konnte das gar nicht nachvollziehen.

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gerät die Beziehung der Ulrichs in eine Krise. Mehr will Cordula Ulrich dazu nicht sagen. Mehr sagen die Freunde. Aus seiner Affinität zu den Frauen entstanden wunderbare Gedichte: 

zwischen zwei Feuer gebannt
hierhin gerannt
dorthin gerannt
immer verbrannt 

zwischen zwei türen gesperrt
links mach ich auf
rechts mach ich auf
immer verkehrt 

zwischen zwei flüsse gedrängt
einer zu tief
einer zu flach
immer ertränkt 

zwischen zwei mühlsteine gesteckt
lang ausgestreckt
kurz hingelegt
immer verreckt 

ach – meine füße im schnee
wie ich mich wend
wie ich mich dreh
immer tuts weh 

Als Sarah Kirsch 1968 Halle verläßt und nach Berlin in ein Hochhaus auf der Fischerinsel zieht, da fällt jener Kreis auseinander, der sich bei ihr so oft zusammengefunden hat. An die Zeit, in der Eckhard Ulrich all seine Kompromißlosigkeit in der Literatur ausleben kann, in der diskutiert, kritisiert, korrigiert wird in einem vertrauten Miteinander, erinnert ganz am Rande das Poesiealbum 6, das der 1934 geborenen russischen Lyrikerin Novella Nikolajewa Matwejewa galt. Die Gedichte sind von Sarah Kirsch und Eckhard Ulrich übersetzt.
Die 1961 geborene Ulrich-Tochter Kerstin Koppe erinnert sich, wie der Vater mit ihr Sarah Kirsch besuchte und der Fahrstuhl zur Wohnung im Hochhaus nicht funktionierte: 

Sarah Kirsch klemmte ihren kleinen Sohn Moritz unter den Arm, und dann sind wir die Treppen hoch. Ich hab’ dann nach der Rückkehr in der Schule einen Aufsatz darüber geschrieben: „Können Dichter fliegen“.

der regen redet
italienisch oder esperanto
vertrauter wird der schatten am haus
das licht in den fenstern klettert ins zwanzigste stockwerk 

so kommt der himmel über die stadt
und macht ihren bäumen eine grüne spur 

jetzt bist du
unterm regenschirm zu zweit mit nassen schultern 

fährst gelbe straßenbahn
und hörst das fünfte brandenburgische Konzert
unter einem balkon 

in allen parks bist du
bei den schimmernden bänken
und trittst mit rotem kies am schuh
in ein zimmer
voll gedanken 

morgen werden neue straßen bewohnbar
neue fundamente gegossen
morgen wirst du andere fragen haben
und bessere antwort 

der regen redet
italienisch oder esperanto
von den einfachen dingen
dieser zeit 

Dichten ist für Eckhard Ulrich ein Deutlichmachen der Freiheit. Mit dem Schreiben wehrt er sich gegen eine Einengung, die von Jahr zu Jahr in seiner Klinik zunimmt. Noch einmal darf Ulrich, der in Halle eine forschungsorientierte Abteilung für klinische Endokrinologie aufbaut, zum Hospitieren nach Frankfurt/Main fahren. Dann wird es 22 Jahre dauern, bis er 1988 zu wissenschaftlicher Arbeit in die Schweiz reisen darf. Während seines Aufenthalts in Frankfurt nutzt Ulrich die Gelegenheit, um den inzwischen in München lebenden Freund Gregor-Dellin zu sehen.
An seine Frau schreibt Ulrich über seine Eindrücke in der Bundesrepublik: 

Dies ist ein Land, wo man alles vergißt, nur nicht, woher man gekommen ist; dies ist ein Land, das einem vor Augen führt, wie wenig noch Vaterland für uns da ist… Verstehst Du, die Bindungen sind andere geworden, schmale Pfade – mit festem, individuellen Ziel. Nicht wertloser dadurch, aber für das, was uns manchmal doch noch erreichbar schien, desillusionierend. Es gibt nicht mehr hüben und drüben. Wie sehr stehe ich noch dazwischen, noch immer… Die Frage, wo wir leben und warum wir dort leben, wird nicht mehr gestellt. Sie ist nicht mehr zu beantworten.

Als Wissenschaftler weiß Ulrich, daß ihm nur im Westen alle Wege offenstehen. Im Brief schätzt er seine Lage präzis ein: 

Die fehlenden Möglichkeiten bei uns drängen mich zwangsläufig an den Rand.

All sein Anerkennungshunger, der Eckhard Ulrich vorantreibt, verweist auf seine ewige Randständigkeit. Verabschieden kann man sich erst, wenn man endlich einmal angekommen ist. In seinem Beruf als Forscher erreicht er seine Ziele, aber das Regime verweigert ihm die Ankunft in der Anerkennung. Als Dichter schreibt Ulrich für die Schublade: Ausgeschlossen von seiner Berufung, wird so sein Schreiben ein Sterbenlernen. Im Sterbenlernen seiner Dichtung erfüllt sich seine Berufung. Eckhard Ulrich ahnt das. 

glaube nicht du könntest noch entfliehen
wenn es jetzt auch nur die andern trifft
irgendwo in dir wächst schon das gift
irgendwo bleibt etwas unverziehen 

deine hände sollten sauber bleiben
irgendwie warst du dir stets zu gut
irgendwo spuckt irgendeiner blut
und ein lächeln friert an blinden scheiben 

deine stimme war der furcht entliehen
aber irgendwann verrätst auch du
irgendwann kommt etwas auf dich zu
glaube nicht du könntest noch entfliehen 

Dieses Gedicht hat Eckhard Ulrich mit 27 Jahren geschrieben, im November 1962. Als Eckhard Ulrich sah, wie immer mehr Ärzte der Hallenser Universitätsklinik sich dem Druck entzogen und in den Westen flohen, wollte auch er weg. Sein Freund Ulf Schulz, der 1973 einen Fluchtversuch unternahm, erinnert sich: 

Ich sagte ihm, daß wir gehen müssen. Er stimmte mir zu und sagte: „Ich kann nicht, ich kann nicht!“

Ulrichs Frau Cordula sagt dazu: 

Ich denke, er wäre gegangen, wenn ich so ohne weiteres zugestimmt hätte. Ich wollte es nicht. Wir hatten zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Der Gedanke, die Kinder in Tiefschlaf zu versetzen und sie unter Gefrierfleisch in den Westen zu schmuggeln, war mir ganz unerträglich. Noch dazu habe ich erlebt, wie Freunde geschnappt wurden und deren Kinder in ein Heim kamen. Und da waren noch meine alten Eltern und seine alte Mutter.

So ist Eckhard Ulrich geblieben in einer existentiellen Bedrohung, die in ihm tiefer saß als bei anderen und für die er verzweifelt nach einer Erklärung sucht. „Vielleicht beginnt das Unglück in dem Augenblick, in dem einer den anderen zu durchschauen glaubt“, schreibt Ilse Aichinger in der Erfahrung ihrer langen Ehe mit Günter Eich. 

Solange wir wissen, daß wir unerkundbar sind, ist Liebe.

Eckhard und Cordula Ulrich waren mitten im Unglück. Erfüllung sucht Eckhard Ulrich anderswo, um die Hoffnung aufrechterhalten zu können und das Erstarrte in sich zu lösen. Aber jeder Versuch, sich zu trösten, führt ihn in tiefere Traurigkeit. 

„geborgter himmel und entliehene / sterne / wo wollen wir / ein haus bauen“, fragt er. „Ich / der ohne gesicht / esse vom teller der hast“, heißt es an anderer Stelle. Und: 

der zopf die furcht die liebesgier
das kind der rauch das katzentier
sie alle sind nur spuren
auf straßen die wir fuhren

Ulrichs Orpheus singt: 

unser weg mündet
noch stets zwischen gittern
aber wir bleiben singende kinder
in einem wald voller angst

Seiner neunjährigen Tochter Almut schreibt er zur „erklärung“ für später: 

weißt du – werde ich sagen
unsere sterne sind weniger freundlich
unsere vögel fliehen im herbst
und finden im sommer nicht mehr zurück
zu den nestern in unseren augen 

Die Staatssicherheit hat keine „inoffizielle Basis“ in der II. Medizinischen Klinik, der Professor Seige vorsteht. Die Stasi forscht die Lebenwege der Ärzte aus. Über Eckhard Ulrich sammelt sie 110 Seiten: vorwiegend Erpressungsmaterial. Akribisch hält sie das unstete Privatleben des Arztes fest. Sie weiß, daß er in der Krise ist. Sie weiß, daß er darunter leidet, seine Gedichte allein für die Schublade zu schreiben. Sie weiß um seinen Ehrgeiz, als Forscher sichtbar zu werden. Eckhard Ulrich sieht sich „talwärts“: 

ich geh über tag zu lärmenden feiern
nachts zu den messen in geweißter trauer
in meinen augenhöhlen nistet wieder
die lahmgeschlagene schwalbe
mein mund der zugemauerte brunnen
trägt unruhe unterm geröll
ich bin der mantel der nur mich noch wärmt
und dessen andre hälfte niemand will
hütet Euch mich heilig zu sprechen! 

Am 28. Februar 1973 unterschreibt der 37jährige Dr. Eckhard Ulrich bei der Stasi eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter und verpflichtet sich zu „strengstem Stillschweigen gegenüber jedermann“. Wieder ist ein Arzt der Klinik geflohen. Es ist sein enger Freund, der vierzigjährige Dr. Ulf Schulz. Doch Ulf Schulz ist nur bis Budapest gekommen. Dort wurde er verhaftet. Knapp vier Monate später wird ein weiterer Freund Ulrichs wegen Beihilfe zur Republikflucht festgenommen: der Kraftfahrzeugmechaniker Siegfried Wieczorke.
Ulf Schulz erinnert sich: 

Man ließ sich damals in den Westen schleusen. Man gab einem Schleuser sein Paßbild und bekam dann Anweisung, sich zu einem ganz bestimmten Flug nach Budapest einzufinden. Man stieg mit dem DDR-Paß ins Flugzeug und mit einem Paß der Bundesrepublik, der einem im Flugzeug zugesteckt wurde, in Budapest aus. Daß ich wirklich fliehen würde, habe ich Eckhard nicht gesagt.

Schulz unternahm zwei Fluchtversuche. Siegfried Wieczorke wußte Bescheid. Er fuhr den Arzt zum von der Schleuserorganisation vereinbarten Flughafen nach Prag. Aber dort durfte Schulz das Flugzeug nach Budapest nicht besteigen, weil zu jenem Zeitpunkt in der DDR Maul- und Klauenseuche herrschte.
Zum zweiten Fluchtversuch fuhr Schulz mit der Bahn und flog von Schönefeld ab. Wie kurze Zeit vorher andere Geschleuste aufgeflogen waren, so erging es nun Schulz in Budapest.
Die Schleuser hatten gestohlene Pässe benutzt, und die Nummern waren der Stasi bekannt. Schulz wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren, Wieczorke zu drei Jahren verurteilt. Wieczorke kam nach zwei Jahren frei und blieb in Halle. Schulz wurde nach vier Jahren Haft von Bonn freigekauft. Nach der Verurteilung wollte die Stasi den Arzt gleich wieder freilassen, falls er für sie arbeite. Auch eine Professur sollte er an einer anderen Klinik bekommen. Schulz lehnte ab.
Der Arzt kann sich erinnern, wie der Stasimann mit ihm argumentierte: 

Wir wissen, daß an der Spitze nicht alles in Ordnung ist. Frau Honecker hat ein Verhältnis mit einem General. Herr Honecker hat viele Verhältnisse. Sollen wir uns an solchen Dingen aufhängen. Der Sozialismus darf nicht an einzelnen Unzulänglichkeiten scheitern. Arbeiten Sie mit.

Dr. Peter Hanke, der zweite enge Arztfreund Ulrichs, sagt: 

Eckhard Ulrich hat sich mit mir vor und nach jedem Treffen mit der Stasi getroffen. Wir haben abgesprochen, wie er sich jeweils verhalten soll, und er hat mich mit den Dingen konfrontiert, die er auskundschaften sollte. Ob er mir erzählt hat, daß er eine Unterschrift geleistet hat, kann ich nicht mit Sicherheit bestätigen. Es kann sein, es kann nicht sein. Die Unterschrift war nicht das Entscheidende. Entscheidend war, wie sollte er sich verhalten.

„Verstrickt in diesen Konflikt“, schreibt Professor Seige, „vertraut er sich mir an und leistet wiederum Widerstand gegen das System.“ Und Peter Hanke erklärt, welchen Widerstand Seige meint: 

Immer wieder hatte sich Eckhard Ulrich über seine Eigenschaft als Arzt hinaus mit den DDR-Behörden angelegt, wenn seine Patienten Konflikte hatten.

Siegfried Wieczorke sagt über seine Gefängniszeit: 

Ohne Eckhard Ulrich wäre ich draufgegangen. Er hat mir ins Gefängnis geschrieben. Meine Frau, die physisch und psychisch am Ende war, hat er behandelt. Mehr noch: Er hat sich um meine ganze Familie gekümmert und sich damit nach offizieller Sichtweise zum Feind des Staates gemacht.

Die Stasi notiert: 

Es besteht kein Vertrauensverhältnis zum operativen Mitarbeiter… U. weiß bedeutend mehr als er sagt, ist skeptisch, nicht offen und ehrlich… Er macht nur Angaben zu solchen Sachverhalten und Gegebenheiten, die ohnehin schon bekannt sind… Nach der Inhaftierung des Dr. Sch. und drei weiterer Personen solidarisierte sich der U. mit deren Handlungen, was nicht zuletzt durch seine Unterstützung der Angehörigen der Inhaftierten zum Ausdruck kommt.

Die Stasi merkt sehr schnell, daß Ulrich das ihm abverlangte Stillschweigen nicht wahrt, und notiert: 

Dekonspiration… Als IM ungeeignet.

Am 12. Februar 1974 eröffnet sie gegen Ulrich einen Operativen Vorgang. Von nun an wird jedes Telefonat aufgezeichnet, jeder Brief gelesen, jedes Paket geöffnet, jeder Gast beobachtet, eine Abhöranlage im Dienstzimmer angebracht, werden Berichte verschiedener Spitzel eingeholt, die die Familie beobachten. 1976 werden die Maßnahmen noch verschärft: Weiterbearbeitung in einer operativen Personenkontrolle. Ein persönlicher Bewacher folgt ihm überall hin. Begründung der Stasi: 

U. zeigt in seinem gesamten Verhalten zur Gesellschaftsordnung der DDR eine negative Einstellung. Entsprechend seiner negativen Einstellung und zahlreichen Verbindungen zu negativen Personenkreisen macht es sich erforderlich, den U. unter operative Personenkontrolle zu stellen, um staatsfeindliche Handlungen zu verhindern.

Erst im Jahre 1977 wird die Akte gegen Ulrich von der Stasi geschlossen: 

Auf Grund der… beruflichen Zielstellung wird eingeschätzt, daß von seiten des U. keine weiteren negativen Handlungen zu erwarten sind. Es wird vorgeschlagen, die OPK einzustellen und mit den zuständigen staatlichen Organen (Kaderabteilung des Bereiches Medizin) eine Absprache über die Begrenzung der beruflichen Entwicklung des U. zu führen.

Eine ordentliche Professur wird ihm vorenthalten. Zur Wende 1989, elf Jahre nach der Habilitation erst, wird Ulrich ordentlicher Professor.
Was in ihm geschehen ist, ist ablesbar in zahlreichen Gedichten. Im Monat, in dem er die IM-Unterschrift geleistet hat, schreibt er: 

ablegen wie die schlange
müßte man
seine haut
oder sich schälen lassen
vom tag
sieben mal 

neu sein ist
ohne stachel im fleisch
fehl versuch 

Da heißt es: 

wer anders ist in dieser
von gott verlassnen welt
wer glaubt daß niemand über ihm ist
wer glaubt daß niemand unter ihm ist
wer glaubt daß jeder jedermann ist
wer glaubt daß keiner gut
keiner besser
(auf gar keinen fall der beste-) ist
der wird ans kreuz geschlagen, wird zum rapport bestellt
wer zum rapport verkeilt ist
trägt später unterm kleid
ein leben das geheilt ist
von der gerechtigkeit…

In dem Gedicht „angeln“ aus dem Jahre 1974 heißt es: 

fallen stellen
oder jagen
den schnüren nachdenken
widerstand spüren und flucht
anderer willen
fänger sein
eine erklärung ist’s nicht

Auch die „astronomie“ gibt keine Erklärung: 

… kalt sichelt der mond meinen leib
ist es der spöttische rotblick des mars
oder lauert das auge meines bewachers
hinterm polarstern –?
wessen sünden büß ich mit der verbannung
unter diesem himmel

Am 25. November 1975 gelingt dem Dichter Eckhard Ulrich wieder eines seiner großen Deutschland-Gedichte, in denen er sich von sich selbst zu lösen weiß, um exemplarisch einen Verrat zu beschreiben, den er nicht verursacht, aber dessen Folgen er zu tragen hat – als jemand, der in eine Diktatur geboren wurde und in einer anderen zu leben hat: 

ich habe aufgegeben dieses land zu lieben
dieses land niemand sahs außer mir
dieses land gabs nie
was es gab
waren die oben die unten und die dazwischen
was es gibt
sind die
die mit den hunden den mauern den minen
die mit scheinwerfern stacheldraht und
maschinenpistolen
die mit der lüge foltern mit der wahrheit
verhöhnen 

die sich das unsichtbare blut unter den nägeln
hervorbürsten abends vorm heimweg
die mit der schlagzeile für die welt
mit dem schlagbaum für die macht
mit dem schlagstock für die gedanken 

ich habe aufgegeben dieses land zu lieben
und niemals vermocht meinen traum zu töten
sie habens gewußt 

Seiner Frau erzählt er nichts von der Unterschrift bei der Stasi. Aber er sucht einen Neuanfang: 

dieses mal werde ich worte
haben und hände 

für dich
dieses mal atme ich dein haar
denke ich alles schöne zu ende
dieses mal borg’ ich
mir deine augen
frag’ ich warum du schweigst
lachst weinst und müde bist
dieses mal
bin ich der spiegel für deine kleider
bin ich die antwort auf deine fragen
habe ich angst
mit dir
dieses mal bin ich anders
WIE ANDERS? 

Warum fragst du mich wach? 

Daß in ihm etwas zerbrochen ist, das weiß er. Er kann sich selbst nicht helfen, aber er hilft allen. Er vergräbt sich in seine Arbeit als Arzt. Er sorgt für seine Patienten nicht nur in der Klinik. Er begleitet sie weiter – mit Hausbesuchen. In den achtziger Jahren sagt er: 

Meine Patienten sind mit mir alt geworden. Jetzt können sie nicht mehr kommen. Jetzt gehe ich hin zu ihnen.

In Halle geht das Wort von der „Ulrich-Gemeinde“ um.
Und da der Eckhard Ulrich mit seinem erneuerten Leben auch immer der alte ist, träumt er Dantes Traum von seiner Beatrice, in dem sich seine Widersprüche aufheben. 

ausatmen ins kühlblaue
mehr gelb gegen abend
etwa 

Canalettos Dresden Wien Warschau
oder Caspar David Friedrichs boddenhimmel 

von solchen farben ins rückwärts blickend
wird sonnenaufgang verpönte landschaft
– einmal der enttäuschung das wort gegeben: 

wir sind noch nicht frei von sehnsüchten
noch nicht geheilt von der krankheit liebe
wir haben noch tränen…

In der zweiten Hälfte des Jahres 1980 fährt Dr. Eckhard Ulrich nach Posen. Um zum ordentlichen Dozenten berufen zu werden, muß er ein halbes Jahr im sozialistischen Ausland gearbeitet haben. Ulrich gerät mitten in den Aufbruch der Solidarność, in jenen Freiheitsaufbruch, der das Ende des kommunistischen Systems einleiten sollte. „wahrlich / verlorener sein kann keine / generation als die meine“, schreibt er, 

– ich bin kein pole –
ich habe nichts
vom gegenteil
eines deutschen
und ich liebe
dieses land
als seis
mein
deutsches Orplid

„Meinen polnischen Feunden zugeeignet“ heißt ein Gedicht, das an der polnischen Universität ausgehängt wird, mehr noch: Es wird zu einer Hymne der Solidarność-Bewegung: 

Ihr habt die verräter an Euerm geschick
aus hochmut und dunkel geschreckt
Ihr gabt Euerm volke die würde zurück
laßt brennen die herzen – doch haltet im blick
auch das, was die zukunft noch deckt
noch schweigen sie Euch ihren haß ins gesicht
kann sein, daß sie warten
mit ihrem gericht
kann sein – oder auch nicht…

Bleibt kühl auch im heißesten härtesten streit
bedenkt – Eure straße ist lang
sie warten nur auf Eure uneinigkeit
sie halten die ketten noch immer bereit
und maulkorb und kerker und strang
das teile und herrsche – seit uralter zeit
die geißel der schwachen
vergeßt nicht und seid
stark – hart und bereit 

Zwei Professoren der Akademie der Wirtschaftswissenschaften, zugleich führende Vertreter der Solidarność in Posen, übersetzen das Gedicht Ulrichs, nennen als Verfasser nicht seinen Namen, um ihn nach seiner Rückkehr in die DDR nicht zu gefährden. Nur, alle wissen: Diese Zeilen sind die Zeilen eines Deutschen. Die beiden Übersetzer Wladyslaw Balicki und Witold Hornung, heute Professoren der Wirtschaftsuniversität, erinnern sich. Witold Hornung sagt: 

Ulrich unterschied sich von den roten Stipendiaten, von denen die meisten mehr linientreu als weniger waren.

Professor Balicki sagt: 

Das Gedicht Ulrichs wurde nach der Melodie „Die letzten zehn vom vierten Regiment“ gesungen. 

„Die letzten zehn vom vierten Regiment“ ist ein Lied aus dem polnischen Aufstand von 1831, den die Russen niederschlugen. Der Aufstand löste damals ein ungeheures Echo im Westen aus, am stärksten in Deutschland. Den Text des Aufstandsliedes von einst schrieb auch ein Deutscher: Julius Mosen. Die Melodie stammte von dem Franzosen Joseph-Denis Doche. Professor Balicki sagt: 

Als das Gedicht Ulrichs übersetzt war, war es reiner Zufall, der uns diese Melodie wählen ließ. Aber so ist das mit den Zufällen.

Nach der Rückkehr in die DDR erlebt Ulrich, wie das SED-System gegen die Veränderungen in Polen reagiert. Es kommt das Kriegsrecht, das General Jaruzelski über sein Land verhängt. An der Hallenser Universitätsklinik läßt das Regime Ulrich nun ungestört arbeiten. Seine Forschungsergebnisse werden gebraucht. Doch kommt er endlich einmal zur Ruhe, dann inszeniert man „Nebenkriegsschauplätze“. So, als seine Tochter Kerstin gegen Ende des Romanistikstudiums bei einer Diskussion im Marxismus-Leninismus-Seminar sich auf das „Feindbild von den Imperialisten“ nicht einlassen will und erklärt, sie habe keine Feindbilder und sehe sich deshalb auch nicht in der Lage, Feindbilder zu vermitteln.
Es beginnen die „Maßnahmen“. Warnungen, jemanden nicht zur Promotion zuzulassen, der solche Haltung vertritt. Kerstin Koppe erinnert sich: 

Ich hatte eine furchtbare Angst. Es ging schließlich gar nicht mehr um die Promotion, es ging um Relegation. Immer wieder wurde ich zu Gesprächen gerufen. Ohne meinen Vater hätte ich das nicht durchgehalten. Er hat mit mir jedes Wort, jede Reaktion besprochen. Ich wollte unbedingt das Studium abschließen.

Die versprochene Assistentenstelle bekommt Ulrichs Tochter Kerstin nicht. Aber sie bekommt letztlich die Zulassung für den Schuldienst. 

das ist es
ziele haben die erreichbar sind
vorgedachtes bedenken
bedachtsam sein
aufgaben nach ihrer lösbarkeit
annehmen
oder verwerfen
scherben kitten…

Eckhard Ulrich, der mit Gottfried Benn als literarischem Vorbild begann, zieht sich in den achtziger Jahren lesend auf den Arzt-Dichter zurück, sucht sich in ihm zu erkennen. Schon 1962 hat er über ihn zu dessen sechsten Todestag geschrieben: 

… in tausend einsamkeiten gelebt;
eigentlich nie
wortspiele 

immer hintergründig
und groß im traurigsein…
und den zwiespalt der hoffnung
spöttisch zweifelnd
weitergereicht…

Eckhard Ulrich holt sich nach wie vor die für ihn zurückgelegten Neuerscheinungen in der Buchhandlung Das gute Buch ab, wo man für ihn seit vielen Jahren ein Fach eingerichtet hat. 

gestern habe ich meine liebe erschlagen
wie eine jungen katze
erschlagen – ertränkt
sie war noch blind
gottseidank
ihre blicke ertragen
hätte ich nicht oder gar ihre fragen
gottseidank
daß eine junge katze nicht denkt 

gestern wollte ich meine liebe verscharren
wie eine erfrorene lerche
damals als kind
aber ich fand sie nicht mehr
mußte lachend verharren
gottseidank
werden ältere narren
von ihren eigenen tränen selten
für lange zeit blind 

Im Jahre 1985, in dem seine Frau und er fünfzig Jahre alt werden, schreibt er ihr – von sich: 

… und immer wieder – immer noch träumer
leergeredet jetzt vielleicht oder leergeschrieben
aber nicht leergeträumt…
unbequem für sich selbst zu mehr reichts nicht
DAS ABER GRÜNDLICH
um für die auferstehung eine spur würde zurückzuerlangen…

Von Jahr zu Jahr schreibt Eckhard Ulrich weniger. Seit 1987 gibt es keine Gedichte mehr. Der Dichter verstummt. Nur noch im Tagebuch tauchen Gedichte auf.
Im Jahr 1988 darf Ulrich nach 22 Jahren wieder in den Westen reisen. Seine Frau erinnert sich: 

Er kam völlig erschlagen insofern zurück, als er sagte: „Wir sitzen in der Klinik nächtelang und zählen, wieviel Partikel hier, wieviel Partikel dort, damit früh das Ergebnis da ist. Dort macht es ein Computer. Wir gehen Kaffee trinken, und wenn wir wiederkommen, ist alles ausgedruckt.“

Dann kommt die Wende. Sie sieht Eckhard Ulrich mit anderen auf der Straße. „Ich kann Ihnen das gar nicht beschreiben, wie froh wir waren“, sagt Cordula Ulrich.
Der 1987 emeritierte Professor Konrad Seige, bis dahin Ulrichs Chef, erinnert sich: 

Die Wende findet unter Ulrichs aktiver Mitwirkung statt, sieht ihn am Runden Tisch und bei der Neugründung von ärztlichen Standesorganisationen. In dieser Zeit ist Ulrich ein tatkräftiger Hoffnungsträger bei der Umgestaltung der Universität und des öffentlichen Lebens.

Eckhard Ulrich kämpft für die Auflösung der DDR. Er verlangt die Entlassung derjenigen aus ihren Ämtern, die mit Staat und Partei an der Universität zu Amt und Würden gekommen sind. Er fordert eine Offenlegung der alten Berufungsverfahren.
Eine Personalkommission zur Erneuerung der Universität Halle überprüft nach der Wiedervereinigung die Lebensläufe der Akademiker, sucht in Zusammenarbeit mit der Gauck-Behörde nach Klärung der Frage, wer sich etwas zuschulden hat kommen lassen. Die Gauck-Behörde stößt auf die Unterschrift Ulrichs bei der Stasi, bittet um Diskretion, es sei lediglich ein Sachverhalt zu klären.
Die Ärzte-Zeitung, kein offizielles Verbandsorgan, aber im Abonnement an Mediziner vertrieben, schreibt: 

Die Diskretion wurde nicht eingehalten. Am 11. November 1991 schrieb jemand bei einer Promotionsfeier die Anschuldigung an die Tafel: „Ulrich war der Stasi-Mann“.

Am 5. Dezember 1991 teilt die Ärztekammer Sachsen-Anhalt Professor Ulrich mit, von der Personalkommission unterrichtet worden zu sein, daß er „über viele Jahre zweifelsfrei Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes“ gewesen sei.
Wer aus der wenige Monate dauernden IM-Zugehörigkeit Ulrichs eine Mitarbeit „über viele Jahre“ gemacht hat, ist heute nicht mehr zu klären. Keiner jedenfalls will es gewesen sein.
Fest steht: Professor Ulrich hat nicht nur am „Runden Tisch“, sondern auch gegenüber der Ärztekammer gelogen, als er die Frage nach einer Mitarbeit, wie sie auch anderen gestellt wurde, verneint hat. Frau Dr. Ulrich kann sich erinnern, wie ihr Mann zu Hause einen Fragebogen vor sich hatte und unschlüssig hin- und herschob. „Waren Sie Mitarbeiter der Staatssicherheit?“ So steht es auf dem Bogen Papier.
Eckhard Ulrich sagt zu seiner Frau: 

Ich weiß gar nicht, was soll ich denn hier schreiben?

Cordula Ulrich macht sich noch heute Vorwürfe, daß bei ihr die Alarmglocke nicht schrillte, daß sie in ihrer direkten Art sagt: „Na warste Mitarbeiter oder warste’s nicht?“ „Natürlich nicht.“ „Na, dann schreib’s hin.“ Und er schreibt es hin: „Nein“.

glaube nicht
der mond sei dein freund
die kälte in dir ist die wahrheit
so wird der tod sein –
dich überdauernd
wie
das tote gestirn 

du hattest die wahl nicht
zu leben –
zufall das spiegelbild
abends im zimmer oder
sommers im fluß 

du hattest keine wahl
für das sterben –
der den krug zerbrach
zum scherbengericht
gab dir den tod
schon ins herz 

Schon immer ist in seinen Gedichten alles auf ihn selbst zugelaufen: 

nachts wenn die stunden von den wänden tropfen
erreicht dich auch der eigene ruf nicht mehr

Nun läuft alles auf Selbsthinrichtung. Der Dichter Eckhard Ulrich ist sich ewig voraus. „erst hinter dem herzen / fängt das zuhause an“, hat er geschrieben. Der Weg in eine Zeit jenseits des alten Horizonts ist für ihn nicht mehr begehbar. Der Dichter hat seinen Weg vorgezeichnet: 

spiel dich hinüber
eh die brücken sinken…

All seine Gedichte zeigen, daß er seine Unterschrift nie vergessen hat. Selbst noch sein Kampf nach der Wende gegen diejenigen, die so profitabel vom System gelebt haben, hat sich allein aus jener Demütigung von 1973 gespeist.
Die alten Freunde von einst, die ihn und seine Frau nicht allein lassen, sehen, wie die Depression von ihm Besitz ergreift. „Du glaubst mir doch, daß ich nie etwas für die Stasi gemacht habe“, sagt er zu Siegfried Wieczorke und weiß, daß mit dem Gerede derjenigen, die niemanden geschadet haben, nichts anzufangen ist. Ulf Schulz aus Rottach-Egern ruft an und will ihn dazu bringen, Halle hinter sich zu lassen: 

Komm zu uns. Wir nehmen dich in die Praxis hinein.

an einem tag, den niemand recht vermißt
wird sich die sonne im gewölk verlieren –
dann werde ich den regen nicht mehr spüren,
ich hoffe, daß es sommerregen ist…

Eckhard Ulrich geht im Winter. Am 17. Januar 1992, zwei Tage nach dem Telefongespräch mit Ulf Schulz. Cordula Ulrich sagt: 

Ich habe irgendwie nicht gemerkt, wie tief er verletzt war. Ich hab’ über das Gerede in Halle gesagt: „Laß die doch, das kann dir doch egal sein. Du weißt doch, was du gemacht hast. Es wird sich alles klären. Du bist doch nicht der Mittelpunkt der Welt.“

Sie schüttelt den Kopf über diese Sätze: 

Solche dummen Sprüche habe ich ihm gesagt, ehe er am Morgen gegangen ist.

Als Eckhard Ulrich am nächsten Morgen in seinem Dienstzimmer in der Universitätsklinik tot aufgefunden wird, liegt da ein Zettel: 

Ich war kein Stasi-Spitzel, aber das Warten auf Richtigkeit und Recht ist jetzt zuviel, zu schwer, zu lange.

Der Band mit den Benn-Gedichten, auf dem Ulrichs Kopf lag, war aufgeschlagen: 

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
wurde auch kein Chopin gespielt
ganz amusisches Gedankenleben…

Cordula Ulrich kämpft für die Rehabilitierung ihres Mannes. Zuerst allein. Dann helfen ihr ein Theologieprofessor aus Halle und ein Rechtsanwalt aus dem Sauerland. Im April 1992 kann sie Einblick nehmen in die Stasi-Akte. Zwei Gespräche mit der Stasi sind verzeichnet. Dann ist der IM-Vorgang abgeschlossen, und es beginnt die Opferakte. Knapp ein Jahr später bekommt Frau Ulrich einen Brief von Professor W. Brandstädter, dem Präsidenten der Ärztekammer Sachsen-Anhalt.
In dem Schreiben vom 1. März 1993 heißt es: 

Ich betrachte Ihren Mann als voll rehabilitiert und hätte ihn nach Kenntnis des abschließenden Votums der Personalkommission und entsprechender Beratung und Zustimmung der zuständigen Gremien der Ärztekammer gebeten, seine Funktionen in der Kammer wieder aufzunehmen…

Im Jahre 1994 erscheint der erste Gedichtband Eckhard Ulrichs mit dem Titel ich habe aufgegeben dieses land zu lieben. Ulrichs Frau hat für die Veröffentlichung den kleinen Fliegenkopf-Verlag in Halle gewonnen. Friedrich Schorlemmer schreibt das Nachwort. Mehr als 300 Gedichte Ulrichs sind noch unveröffentlicht. Am 1. Juni 1996 wird dem Professor Eckhard Ulrich postum der Literaturpreis der Bundesärztekammer zuerkannt. 

Jürgen Serke, aus Jürgen Serke: Zu Hause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR, Piper Verlag, 1998

 

 

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