F. Eckhard Ulrich: für später

Ulrich-für später

WOHIN GEHEN

wohin gehen wenn sich das gitter senkt
wenn nur noch die wirbelnden vogelschwärme des herbstes
schmale brücken finden unter günstigem wind
schon geortet im netz registrierter himmel

das lächeln wird zu spät aus den gesichtern fallen
kronzeuge am tage der abrechnung
die urteile lauten auf lebenslänglich
begnadigung in letzter instanz für den henker

die gräben wachsen zu die drähte fallen
das war die täuschung
auf den breiten straßen birst der asphalt
wer jetzt noch zögert setzt nichts mehr aufs spiel

keine abschiede mehr und keine umkehr
diese zeit weiß antwort auf alles
bleiben – stumm sein
und rüsten zum abstieg in die katakomben der trennung

7/1961

 

 

Vorbemerkung

Warum die Gedichte eines bereits toten Dichters in der Zeitzeichen-Reihe? Wir meinen, weil hier jemand Gültiges am Ausgang des 2. Jahrtausends zu sagen wußte, sich in seinen Gedichten gab, eigentlich wurde und mit Worten Zeichen in Zeit setzte: Zeitzeichen.
Als mir Mitte der 90er Jahre in einem Antiquariat der Gedichtband ich habe aufgegeben dieses Land zu lieben des in Halle/Saale praktiziert und gelehrt habenden Arztes Prof. Dr. F.E. Ulrich in die Hände fiel, kannte ich seinen Autor dem Namen nach nur von einer Veröffentlichung in der 1968 erschienen Anthologie Neue Lyrik – Neue Namen, wo mir sein Kinderlied ob seiner Musikalität aufgefallen war.
Bereits beim Blättern im Buch stieß ich auf ein Gedicht, welches mich bis heute nicht losläßt:

das war genug

an einem tag, den niemand recht vermißt
wird sich die sonne im gewölk verlieren-
dann werde ich den regen nicht mehr spüren,
ich hoffe, daß es sommerregen ist,

daß in den gossen vor den braunen türen
die kinder spielen – streiten – sich vertragen,
daß schwalben tief am boden zickzack schlagen
und vögel – jung im nest – nach futter gieren.

ich bin nicht mehr – mein buch ist zugeschlagen,
und niemand wird auf seinen seiten lesen
den schlichten satz: Du bist mit mir gewesen-
das war genug-
aaaaaaaaaaaaaaaaaich wollte es Dir sagen.

Wer war der Mann, der in sprachlich so genauer, emotional geladener und formsicherer Diktion solche Gedichte zu Stande brachte? Bei dem sich Trauer nicht in Larmoyanz verflüchtigte, der alltägliche Dinge (ganz im Sinn Hegels) aufhob und bei dem die Ansprache des Du noch Gewicht hatte?
Im Versuch einer Beantwortung dieser Frage entstand das vorliegende Bändchen mit Gedichten, für die Begleitung auf dem Weg dahin danke ich an dieser Stelle herzlich Frau Dr. Cordula Ulrich.
Herrn Prof. Dr. Ulrich konnte ich nicht mehr persönlich kennenlernen: er nahm sich 1992 in Halle/S. das Leben. Möge dieses Bändchen helfen, den auf uns gekommenen Texten F.E. Ulrichs einen Weg zu einer breiteren Leserschaft zu ebnen.

Paul Alfred Kleinen, Vorwort, Halloween 2000

 

Kleinert liest Gedichte

(…) An dem Abend hatten sich im Grauen Hof sehr viele Besucher zur zehnten Veranstaltung in dieser Reihe eingefunden und genossen einen sehr ansprechenden, kulturvollen und unterhaltsamen Abend. Paul Alfred Kleinert stellte Gedichte aus dem Lyrikband für später vor und im Anschluss daran gab es Jazz und Tanzmusik mit dem Mario-Grohn-Quartett.
Das Reizvolle und Besondere im ersten Teil dieser Abende sind die Lesungen und Vorstellungen von literarischen Werken, die bisher unveröffentlicht waren und in Aschersleben in der Reihe Zeitzeichen aus dem Unartig-Verlag des Kunstvereins sozusagen ihre Premieren erleben. Vor wenigen Tagen las Paul Alfred Kleinert, einer der Hauptinitiatoren der literarischen Veröffentlichungen, Gedichte aus dem Nachlass des Hallenser Arztes F. Eckhard Ulrich. für später heißt das zehnte in dieser Reihe erschienene kleine Büchlein, das, chronologisch aufgebaut, Gedichte aus einer Zeitspanne von 40 Jahren enthält
Als unheimlich schöpferisch und kreativ, warmherzig und aufopfernd für seine Patienten schilderte Renate Brömme, eine enge Bekannte der Familie Ulrich, den Verfasser der Gedichte. Als junger Mann begann der angehende Arzt zu markanten politischen Daten literarisch Stellung zu nehmen, sich zu äußern und oft vorausschauend zu hinterfragen. Aus den fünfziger und sechziger Jahren liegen von F.E. Ulrich eine große Anzahl zum Teil unveröffentlichten Gedichten vor. Es war seine schaffensreichste Phase. Ab 1968 erscheinen keine Texte Ulrichs mehr. Gedichte schrieb er noch bis 1981, dann folgte eine längere Pause und erst von 1990 findet sich wieder ein literarischer Hinweis. Noch im Todesjahr 1992 erschien der Gedichtband Ich habe aufgegeben dieses Land zu lieben, für das der Literaturpreis der Bundesärztekammer (postum) vergeben wurde. Dazu kam nun die Ausgabe in Aschersleben.

Marie-Luise Graichen, Mitteldeutsche Zeitung, 4.12.2001
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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