Felix Philipp Ingolds Übersetzung von Charles Racine

CHARLES RACINE

Nachgelassene Gedichte

Aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold

 

Vorbemerkung

Schon einmal hat Felix Philipp Ingold im Rahmen seiner entstehenden Anthologie mit Gedichten französischsprachiger („welscher“) Schweizer Autoren an dieser Stelle auf den noch immer kaum bekannten Lyriker Charles Racine (1927–1995) mit einer kleinen Textauslese aufmerksam gemacht. Inzwischen liegt von Racine eine dreibändige Werkausgabe bei Editions Grèges (Montpellier) vor. Daraus hat nun der Übersetzer rund ein Dutzend von bisher unveröffentlichten, auf die 1980er und frühen 1990er Jahre zu datierenden Gedichten neu ins Deutsche gebracht, die nun erstmals auf planetlyrik.de zu lesen sind.

Red.

  

*

 

Ich sinne dieser Farbe nach
die grün war und grün
blieb. Ich besuche sie
manchmal, neige ihr zu.
Ich vermag weder ihre
Wirkkraft noch ihren
hegenden Wandel
anzustossen. Sie rührt mich an
und stösst mich ab,
sie rührt mich an,
denn sie ist meinem Herz
die Gewähr für eine
heimliche Liebe.

 

&

 

Das Antlitz
erleuchtet das
Gesicht
das in ihm erlischt.

 

 

 

 

 

 

Ist das schöne liebreiche
Gesicht erleuchtet
dringt es ein in das
Antlitz und vergeht darin

 

&

 

und es bricht sich das Licht Lichtbruch
Erneuerung           Lichtfaden      ich seh die Hände
die Finger  das Schuhwerk           von Lichtbrüchen
durchwirkt    Lichtfäden
am Schuhwerk               den Fingern       Lichtbrüche
Lichtstreifungen         zum Spinnen
zum Weben
Flechtwerk der Lichtspinne

das Licht erbitten       es quert    es
weitet                schindet mich           skalpiert mich
stellt die Leere bloss oder die Abwesenheit wo
ich bin                  die Leerstelle     meine Herkunftsleere
aus der dichterische Art oder Weise erwachsen −

Leere oder Abwesenheit wo du bist    o getaktete Leere
oder Abwesenheit woraus du spinnst und webst
Lichtbrüche        Lichtbrechungen
denen der Kantor nachgibt um erneut
in der Leere       in der Abwesenheit
die Strahlkraft deiner Sprache zu bündeln

für Gennadij Ajgi

 

&

 

Das Subjekt gibt euch gesondert vom Pauper ein Zeichen.

Das Subjekt von dem ich gesondert bin
das Subjekt von dem Ich gesondert ist

Meine Seele begehrt mich anderweitig und enthebt mich

 

Das Subjekt von dem mein Kopf gesondert ist
das Subjekt von dem meine Hände gesondert sind
das Subjekt von dem meine Füsse gesondert sind
das Subjekt von dem meine Worte gesondert sind

 

das Subjekt dessen Identität uneins ist
das Subjekt dessen Leib uneins ist
das Subjekt dessen Buch uneins ist

 

 

 

 

 

Einziges Leben, einziger Halt
ich überlasse mich meinen Buchstaben

 

&

 

Nachgelassene Briefe (Nachgelassene Legende)

  

Legende wo die nachgelassenen Briefe1 sich zu Grabesfedern fügen.

Das Subjekt ist tot für das Gedicht.
Der Brief ist mir Nachlass (ist zu lesen nach meinem Tod).

Meine friedfertigen, nicht widersetzlichen Briefe
im dichterischen Geviert.

Die Dichtung wäre der Abwesenheitsbericht.

Der Dichter erliegt dem Buchstaben,2 den er niederschreibt. Doch er „setzt sein
aaaaaLeben fort“,
indem er den nächsten Buchstaben niederschreibt, das nächste Wort, den
aaaaanächsten Satz.

Ich habe Buchstaben, habe Wörter, habe Sätze zur Verfügung und schiebe
die phraseologische Einäscherung auf.

 

&

 

Meine Texte sind’s,
die mich geheimhalten,
die mich gefangen halten,
die mich eingeschlossen halten.
Du hast oft
nach mir gefragt; nie hab ich dir
Antwort gegeben.

Texte, die ich dir hätte
zeigen wollen, hielten mich
geheim.

Als Gefangener meiner Texte
bin ich fort von der Welt jedoch
bin ich fort von meinen
liebsten Freund(inn)en.

Als Gefangener der Obrigkeit
des Textes bin ich in Haft und denke
an dich. Die Haft. Sag nichts.

(Ich denke immer so
sehr an Dich.
Ich habe schon
immer sehr an
Dich gedacht.)3

 

&

 

Der Spiegel ärgert die Augen
die ihn mit ihren Tränen trüben.

Trübnis zu Ägernis.

 

 

 

 

 

 

 

Das Schreiten widerspiegelt nicht den Schritt.
Gleichwohl gehe ich.
Abwesend die Schatten
Dicht die Nacht.
Der Traum will nicht erwachen.
Nacht umfängt mich.
Ich suche Halt.
Ich schreite.

 

&

 

Ich finde die alltäglichen Gegenstände nicht mehr
die ich einst gebrauchte. Ich suche sie und
finde sie andernorts. Die Hand gleitet über den
Tisch und findet sie andernorts. So breitet die Hand
den Gedanken der sie dort vorfindet wo er
sich ausgebreitet hat. Ebenso die Hand die den Gedanken
dort vorfindet wo er sich auszubreiten pflegt.

 

 

Der Gedanke und die Hand lassen sich gegenseitig
nicht täuschen, sind sie doch Mitläufer und Gebieter eines
einzigen Geschicks nebst der Kerze die sie verschmilzt.

 

&

 

Dran zu glauben war sinnlos.

 

 

 

 

 

 

Ich habe zwei Hände, ich habe zwei Augen,
ich habe zwei Beine, die die Verzweiflung
durchmessen, das Unerhörte.
Ich habe ein Herz, das mir sagt, dass
das zweite vernutzt ist
und abstirbt.

 

Deutsch von Felix Philipp Ingold

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