Etwa so wie

Ich übersetze (wenn ich Poesie übersetze) etwa so wie ich photographiere, will heissen: Die Vorgabe – das jeweilige Sujet, das jeweilige Gedicht – wird integral übernommen, ohne Filter, ohne Kunstlicht, aber neu, bisweilen eigenmächtig formatiert. Das Objekt muss in beiden Fällen erkennbar bleiben, bietet sich jedoch, naturgemäss, unter veränderter Perspektive, in verändertem Rahmen dar. Was das Gedicht betrifft, so geht’s mir darum, dessen Aussage und Gestimmtheit annähernd zu erhalten, seine formalen Qualitäten und strukturellen Eigenarten aber möglichst präzise nachzubilden: Rhythmus, Melodik, Metaphorik, rhetorische Figuren sollen in der Zielsprache adäquat zum Tragen kommen.
Ein Exempel dafür mag diese Strophe von Marina Zwetajewa sein:

Dein Name − aber ach, was soll’s! − er wird zum Kuss,
Senkt sich auf meine Augen, ja, es ist ein sanftes Muss,
Er löst den Frost, der meine Lider lähmt,
Dein Name ist ein Kuss, der schweren Schnee erwärmt.
Ein Schluck aus blauem, eisig kaltem Quellenschlund.
Denn meinem Traum verleiht dein Name sichern Grund.

Man muss den originalen russischen Wortlaut dieser Verse nicht kennen, muss sie nicht lesen und verstehen können, um kraft der Übersetzung eine genaue Vorstellung davon zu bekommen, was die Autorin, einerseits, hat sagen wollen, und wie sie es, anderseits, sprachlich zum Ausdruck bringt. – Der Vergleich mit dem photographischen Bild, wie ich es gewöhnlich bewerkstellige, ist diesbezüglich allerdings nicht mehr von Belang.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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