Alibi

Nach Jahren des Wartens ist «der neue Pynchon» erschienen, ein Erzählwerk von rund 1.500 Seiten Umfang, das unterm Titel Gegen den Tag bemerkenswert rasch ins Deutsche gebracht wurde und das, wie die frühern Texte Pynchons auch, sofort unter die Deutungshoheit eines globalen Syndikats von Fans und wissenschaftlichen Exegeten geraten ist, die sich angesichts der wiederum zahlreich in den Text eingelassnen Rätselhaftigkeiten – fiktive Orts- und Eigennamen, historische Daten, quasiliterarische Anspielungen und pseudowissenschaftliche Zitate – sogleich ans Knobeln machten, sekundiert von einer andächtig belobigenden Kritik, die auffallend kurzfristig auf das schwierig zu lesende und noch schwieriger zu verstehende Buch reagiert hat.
Gelobt wird, eine Vielzahl von Rezensionen belegt’s, eben dies – Pynchons «genial», «virtuos» oder «gigantisch» genannte Fertigkeit, es dem Leser «schwer zu machen». Lob also für das, was gemeinhin – bei gemeineren Autoren – wortreich gerügt wird. Es dem Leser «schwer zu machen», ihn zu fordern, ihn dadurch zu irritieren und bald auch zu langweilen, gilt bekanntlich weithin als inakzeptabler Makel einer Literatur beziehungsweise einer Literaturauffassung, die vom Publikum wie von der professionellen Kritik gleichermassen für «elitär», «intellektuell», «professoral»,  «abgehoben»  oder  schlicht  «unverständlich»  gehalten wird.
Pynchon hat aber wohl das Privileg, vielleicht auch bloss das zufällige Glück, zu einem Alibiautor «schwieriger Literatur» geworden zu sein, den man, weil er ohnehin nur alle paar Jahre mit einem neuen Buch kommt, durchaus für eine Saison als «anspruchsvollen» Autor hochleben lassen kann, wodurch seinem Werk (und dieser Art von Literatur überhaupt) wiederum für eine Weile Genüge getan ist. Die Anstrengung und das Risiko, sich mit solcher Literatur ernsthaft zu befassen, sie sich verständlich zu machen oder gar einen Sinn daraus zu entwickeln, bleiben mithin 
auf jenes Minimum beschränkt, das gewöhnlich auch für die Würdigung «schwieriger» Klassiker der Moderne – Beispiel: James Joyce – ausreichen muss. Vergessen bleibt dabei, dass der sicherlich einflussstärkste europäische Autor, Homer, auch der bei weitem «schwierigste», elitärste gewesen ist; denn als Homer seine grossen Versepen niederschrieb, konnte er sich keineswegs auf eine kundige Leserschaft verlassen; griechische Schrifttexte gab es (nach dem westsemitischen Aufschreibesystem) erst seit einem Jahrhundert, und die Griechen waren damals mehrheitlich noch Analphabeten, hatten also ausser der Schwierigkeit des Textverständnisses (komplexer Handlungsverlauf, ungewöhnliche Charakterzeichnung, kühne Metaphernbildungen, hoch ausdifferenzierte Prosodie usf.) auch die elementare Schwierigkeit des Lesens – schlicht: der Entzifferung – zu bewältigen. All diesen enormen Schwierigkeiten zum Trotz war die Ilias mit ihren annähernd 16.000 Versen bereits zwanzig, dreissig Jahre nach ihrer Entstehung auch im fernen Westen bekannt, und dies keineswegs nur unter Spezialisten, sondern selbst bei einem breitern alphabetisierten Publikum. Nur dem kritischen Engagement einer kleinen elitären Minderheit, die anstehende Schwierigkeiten nicht gescheut, sondern gemeistert hat, ist es zu verdanken, dass Homers Epos sowie dessen ethische und ästhetische Standards sehr früh schon rezipiert, bald auch produktiv fortentwickelt wurden. Der heutige Kulturbetrieb mit seiner Primärtendenz zur Nivellierung und Kommerzialisierung würde eine solche Vermittlungsleistung (gäbe es denn entsprechende Meisterwerke noch) nicht mehr erbringen können.
Vielmehr wird die Tageskritik bis zum nächsten Pynchon – der Name des im Verborgnen lebenden Autors, von dem es kaum Lebenszeugnisse gibt, steht gleichsam als Titel für (oder über) dessen Werk – reichlich Gelegenheit haben, «schwierigen Autoren» die Mängel und Defizite ihrer Texte mit Bezug auf den herrschenden Publikumsgeschmack vorzurechnen; immer öfter allerdings werden solche Autoren vom Feuilleton gar nicht mehr 
wahrgenommen, während konsensfähige Literatur, die der Vermittlung eigentlich gar nicht bedürfte, weil sie durch Verlagswerbung, Bestsellerlisten, Preisvergabungen bereits weithin präsent ist, ohne jeglichen Erkenntisgewinn anhand trivialer Kriterien wie Gefallen, Wirklichkeitsnähe, Authentizität, Spannung, Unterhaltungswert usf. unentwegt vorgeführt wird. Dass die dabei üblichen Schlusssätze (sofern sie empfehlend ausfallen) wenig später vielfach als Werbesprüche Verwendung finden, macht deutlich, wie eng die Fusion zwischen Literaturmarkt und Literaturkritik geworden ist.
Gelesen wird, wo Lektüre überhaupt noch ein Desiderat ist, mit Vorliebe das, was man selbst schon verstanden, erlebt, erlitten hat. «Die Leichtigkeit der Lektüre ist in der schönen Literatur zur Regel geworden unter der Herrschaft der allgemeinen Hast und der Zeitungen, die diese Bewegung mit sich bringen oder sie antreiben», hat schon Paul Valéry beobachtet: «Alle Welt neigt dazu, nur das zu lesen, was alle Welt hätte schreiben können.» Der Akt des Lesens wird somit zu einem Akt der Selbstverständigung oder Selbstbestätigung, zwischen Leser und Autor baut sich so etwas wie eine persönliche Beziehung auf, die in nicht wenigen Fällen – bei Lesungen zum Beispiel, wenn der Autor «hautnah» zu haben ist – durch ein Autogramm, eine Widmung beglaubigt wird.
Umgekehrt kommt es gegenüber Autoren und Texten, die nicht ein bereits Verstandenes, sondern ein zu Verstehendes zur Diskussion stellen, rasch zu Berührungsängsten oder gar zur reflexartigen Ablehnung, da der Leser, der Kritiker das eigne Nichtverstehn als Niederlage empfindet, diese Niederlage aber dem «schwierigen» Autor zuschreibt, dem es nicht gelungen sei, «sich verständlich zu machen».
Schon immer haben sich «schwierige» Autoren – naturgemäss und notwendigerweise – an mündige Leser gewandt; sie nehmen ihre stets minderheitliche Leserschaft ernst und setzen dabei voraus, dass diese sich auch tatsächlich ernst nehmen lasse, was 
wiederum mit der Bereitschaft verbunden sein sollte, bei der Lektüre «Anstrengung» auf sich zu nehmen, «Willenskraft» aufzuwenden. Valéry, in diesen Dingen nach wie vor der unübertroffene Experte, hat einst in paradoxaler Weise zu bekennen gewagt, leicht und angenehm und lehrreich zu lesende Texte grundsätzlich nicht «verstehen» zu können, da Verständnis nur über Widerstände zu gewinnen sei. Mit Verständnis ist hier wohl Eigensinn gemeint, das heisst eigenständige Lektüre und Sinnbildung durch den jeweils individuell engagierten Leser, der mit dem vorliegenden Text nicht nur «fertig wird», vielmehr damit «etwas anfangen» kann, das über ihn hinausführt, hinaus auch über die allfälligen Intentionen des Autors. Kundige Leser wissen aus Erfahrung, dass das Verstehn von angeblich schwierigen Texten weniger eine Sache des Könnens als vielmehr des Wollens ist.

 

aus: Felix Philipp Ingold: Gegengabe
zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.