Altern

Sand im Getriebe – der Zeit! Das stört, heute, keinen mehr. Der Imperativ hat sich verbraucht, ist vergessen. 

Sand im Haar, Sand unter der Vorhaut oder – nach dem leichten Sommerregen – Sand auf der eben erst gelederten Karosserie; dies ist das Ärgernis. 

(Und daß das Bild ausgedient hat?) 

»heute beim Onanieren das erste graue Haar entdeckt …«
»so altern wir.«
»Wie? Wir!«
»Aber …«
»… nicht doch!«
»Ja …«
»… und?«
»So’n Sauwetter!«
»Ach …«
»Na schön. Bezahlen!« 

(mitgehört; vom Nebentisch) 

(aus Frischs Notizen zu einem »Handbuch für Mitglieder«🙂 

»Niemand will wissen, was ihm im Alter bevorsteht. Wir sehen es zwar aus nächster Nähe täglich, aber um uns selbst zu schonen, machen wir aus dem Altern ein Tabu: der Gezeichnete selber soll verschweigen, wie widerlich das Alter ist. Dieses Tabu, nur scheinbar im Interesse der Alternden, verhindert sein Eingeständnis vor sich selbst und verzögert den Freitod so lange, bis die Kraft auch dazu fehlt.« 

Altern; der gewaltsam natürlichen Verringerung der Welt beiwohnen. 

Die Menschheit wächst. Der Mensch wird rar; er stirbt weg, weil es für ihn keine Vorfahren mehr gibt – auch nicht unter den Tieren. 

Das Alter; Bordell der verpaßten Gelegenheiten. 

Die Erde nimmt ab; doch leichter wird sie nicht deswegen. Während sie, von den Polen her, zusehends verflacht, wird ihr der Abfall, mit dem sie sich selber vermint, zur zweiten Natur. 

Altern; bis zum bitteren Beginn. 

Ende gut. Alles. 

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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