Lebensende

(Als er gerade eben Assistenzarzt geworden sei, habe er – so ließ ich mir unlängst, auf einer Bahnfahrt zwischen Bern und Lausanne, von H. berichten – den Auftrag erhalten, einen Monat lang den ihm befreundeten Oberarzt einer am Genfersee gelegenen psychiatrischen Anstalt zu vertreten:)

Eines Abends sei mit dem Transalpin-Express aus Wien ein bekannter russischer Exilschriftsteller eingetroffen, der sich unter dem Pseudonym N. A. Bokow einen Namen gemacht habe. Bereits zweimal habe der Mann, laut Krankengeschichte, zuvor schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Er sei von einem Fenster des zweiten Stockwerks auf die Straße gesprungen, habe sich dabei aber nur eine leichte Knöchelfraktur am Fuß zugezogen. Dann sei er, mehrere Stufen auf einmal nehmend, nochmals in den zweiten Stock hinaufgerannt, um sich wieder aus dem Fenster zu stürzen. Diesmal habe der Versuch mit einer Kreuzbeinfissur geendet.

Der Patient sei, obwohl er hinkend habe gehen können, auf einer Bahre eingeliefert worden. Man habe ihn in einer offenen Abteilung untergebracht, wo er Tag und Nacht unter strenger Aufsicht geblieben sei. Zunächst habe er ausführlich von seinem Leid und seinem unwiderstehlichen Todeswunsch erzählt, später habe er sich dann in hartnäckiges Schweigen gehüllt. Und als ihm einmal zur Essenszeit die Krankenschwester kurz den Rücken zugekehrt habe, sei es ihm gelungen, sich mit einem Tischmesser erheblich zu verletzen.

Psychotherapie und Sedativa hätten sich bald als nutzlos erwiesen. Man habe den Schriftsteller deshalb in eine geschlossene Abteilung verlegt, was ihm offenbar schwer zu schaffen gemacht habe. Nur sehr selten komme es vor, daß bei Suizidkandidaten Zwangsmaßnahmen das Gegenteil der erwünschten Wirkung zur Folge hätten. Wenige Tage später habe der Schriftsteller nämlich erklärt, daß er, um endlich Schluß zu machen, einen Bleistift verschluckt habe. Als man ihn darauf aufmerksam gemacht habe, daß dies doch wohl recht schwierig sei, habe er mit einer stummen Geste zu verstehen gegeben, daß er den Bleistift zuvor entzweigebrochen habe.

Der Patient habe in der Folge keinerlei Beschwerden gehabt, er habe sogar mit auffallend gutem Appetit gegessen. Eine Röntgenuntersuchung habe man deshalb nicht für nötig erachtet, und es sei nicht mehr über den Vorfall gesprochen worden.

Nachdem der Oberarzt zurückgekehrt sei, habe dieser selbst die weitere Betreuung des Kranken übernommen. Wenig später habe er berichten können, dem Schriftsteller gehe es bedeutend besser, er sei heiterer und äußere keine Selbstmordabsichten mehr. Man habe ihm danach gestattet, täglich in Begleitung einer Pflegerin im Park der Anstalt zu spazieren. Bald sei er mit ihr auch auf die Straße und sogar bis zum Bahnhof gegangen, wo er gerne die ungebremst durchfahrenden Züge beobachtet habe. Dabei habe er sich stets freundlich mit der Schwester unterhalten, die schon etwas älter und nicht mehr sehr beweglich gewesen sei. Er habe Pläne geschmiedet, habe immer häufiger von seiner Heimkehr und seiner ferneren Zukunft, ja sogar von der Gründung einer literarischen Zeitschrift gesprochen.

Eines Morgens, beim gewohnten Spaziergang in unmittelbarer Nähe des Bahndamms, habe er seine Begleiterin gebeten, sich etwas ausruhen zu dürfen. Als der 11-Uhr-Express, dessen Ankunftszeit er sich genau gemerkt habe, herangebraust sei, habe er der verdutzten Schwester seinen Mantel zugeworfen und sei mit raschen, entschiedenen Schritten direkt vor die Lokomotive gelaufen.

Bei der Bergung seiner verstümmelten Leiche habe man auf den Geleisen, zwischen verstreuten Teilen seiner Eingeweide, den entzweigebrochenen Bleistift gefunden …

(… auch ein Erzählschluß: Lebensende)

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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