Papischorsch

Verwandt fühlte ich mich eigentlich nur meinem Großvater mütterlicherseits. Er war in unserm großen Familienzusammenhang – vorwiegend Kaufleute, ein Lehrer, zwei, drei Handwerker – der »Versager« und »Vergeuder«. Man verachtete ihn, weil er keinen »rechten Beruf« hatte; weil er nie etwas »zu Ende« führte; weil er »nur so ein Künstlertyp« war, ein »Freischwebender«, ein »eitler Geck«, der kaum je ohne sein rotes Gilet ausging und im übrigen das von seiner Frau mühsam verdiente Geld mühelos durchbrachte. Ich kannte ihn, da er früh starb, nur als Kind, und leider habe ich keine genauere Erinnerung an ihn. Ich könnte nicht einmal sagen, wie er aussah, was für eine Statur und Stimme er hatte. Ich weiß nur – aber ist das ein Wissen? oder vielmehr ein nachträglicher Wunsch? –, daß er mich über alles liebte; daß er mir des öftern Süßigkeiten mitbrachte; daß ich ihn ein paarmal in die Stadt begleiten durfte, wo er jeweils eine »liebe Dame« – meine Mutter sagte: »dieses Luder« – traf. Ja. Weiter reicht mein Gedächtnis nicht. Und doch ist mir »Papischorsch« (so nannte ich Großvater, der seinen Vornamen französisiert hatte) bis heute auf eine unklare Weise vertraut geblieben, sinnlich vertraut gewissermaßen, denn das einzige, woran ich mich leibhaftig erinnern kann, ist jener ausgeprägte Höcker harter Haut an seinem rechten Mittelfinger, den ich, wenn wir in der Stadt unterwegs waren, stundenlang umklammert hielt. Die übergroße Schwiele kam mir seltsam, ja irgendwie unanständig vor, und erst als Großvater tot war, entschloß ich mich, danach zu fragen. Des Rätsels Lösung war, da ich sie nicht verstand, enttäuschend, und die kategorische Antwort meiner Mutter ließ, wie mir schien, fast alles (gewiß alles Wesentliche) offen:

»Das hatte der doch nur von seinem ewigen Schreiben …«

 

aus: Felix Philipp Ingold: Haupts Werk Das Leben
Ein Koordinatenbuch vom vorläufig letzten bis zum ersten Kapitel.

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