Friederike Mayröcker: Friederike Mayröcker und ihr Gedicht „Register zu den geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Friederike Mayröcker und ihr Gedicht „Register zu den geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder“. –

 

 

 

 

FRIEDERIKE MAYRÖCKER1

Register zu den geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder

„… gestürzt ins savoir seiner Rede; gestürzt, gestürzt; und
aaaaaaaaaaaalle register gezogen; odumeingott
gestürzt ins weisze; ins heil/noch halbes Kind
gestürzt; bekleidet mit weiszen küssen
märkisch/gestiftet von Jasomirgott/alle register:

aaaaaaaa(beautiful angel/my guard and my might
aaaaaaaaaatenderly guard me/for i am your child)

„arsenik-blüte“
das zahnende Kind; das zehnte
gestürnt ins weisze;
zur geheimen Bestürzung seiner Mitbrüder
tastend zahllose Augenblicke
was grün ist im Auge/es grünen
aaaaaaaaaaao mein erbarmer oh! Saviour
die sendungen des frosts
die geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder
der stillstand der küsten/v-winkel
die räder der jahre; o dickicht; Raine
(Küsse und Kraft des Paraklet)

gestürzt in die partikelchen;
in die Redefigur
während Posaunen/pommersche Zeit
und feiner Regen gehäuft:

aaaVERGIPSUNG

eine Stelle für Paulus/ein gewährter Schild (wurde „frey“)
gestürzt in die traurigkeit seiner rede

inbegriff seiner Pairs-Würde
was an seiner Iris erblüht /
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa certain „tension“
all-Stadt und all-Mann
oh! gracious love & alle register /
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalle register gezogen:
aaaaaaaaaaaaaaaabderhalden seite 148
aaaaaaaaaaaaaaaabsoluter nullpunkt seite 164
aaaaaaaaaaaaaaaaether seite 96
aaaaaaaaaaaaaaaamethyst seite 46
aaaaaaaaaaaaaaaanorganische schlüssel seite 117
aaaaaaaaaaaaaaaar senik-blüte seite 49
aaaaaaaaaaaaaaaauer von welsbach seite 44
aaaaaaaaaaaaaaaazofarben seite 164
ICH SUCHE DICH/an den schönen ulmen
grün dein auge/ich sage euch NICHTS IST
in regelmäsziger Krümmung &
wie eine Muschel-Schale in die der Vogel sich selbst einschlieszt
allmächtiges nein/„thru’ “ – „i’m thru’“

aaaaaaaaaaaaaaaVERGIPSUNG

verjährt
alle register/und alle register/
aaaaaaaaaaaaaaa(eine prothese am linken bein; die rechte hand:
aaaaaaaaaaaaaaaAsche; am Hals eine kanüle; ein muttermal…

die geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder –)

grünendes Deutschland/in seinen Augen
sendungen des Todes/o
aaaaaaaaaaaaaaamädchen: arsenik-blüte!
mein erbarmer/v-winkel
ich suche dich/AN DEN SCHÖNEN ULMEN
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaan der Innenseite meiner Hände

einer seele ruderblatt
geboren am letzten Tag eines Frühlingsmonates
Buchten und offenes Meer
see-Vögel und schreiender bettelsack/„kierkegaard“
„arsenik-blüte“ & die diversen
aaaaaaaaaaaaaaaRedefiguren
simplifizierung
bolschewistische Manier/scherenschnitt
responsorium seite 21
(gespräch über Krolow/dem 21. februar/faszination des unbefriedigtseins)
Raine/dickichte/fels
gestürzt in seine festrede/ein fallendes Kind (noch halbes Kind)
ein fallendes Kind
an den felswänden die schnäbel – gespräch über Krolow
schnäbel über dem Meer
zärtliche Nächte/brandung/
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaein Schimmer von „wildfeuer“
erbarmen oh! gracious love

DIE EINLEITUNG EINER ZEIT DER VERGIPSUNG
hatte see-Vögel in seiner rede
in der gegenwärtigen Kraft &
wurde „frey“
selbst Chaucer hatte gewuszt
aaaaaaaaaaaaaaa(eine junge Elf’/„mönchen“ – to munique somebody or to monk s.b. /
aaaaaaaaaaaaaaaa certain „tension“ –)

(eine prothese am linken bein; die rechte hand: Asche; am hals
aaaaaaaaaaaaaaaeine kanüle; als muttermal geboren am letzten Tag
aaaaaaaaaaaaaaaeines frühlingsmonates…)

geheime Schmerzen meiner Mitbrüder
alles Brüder!
zärtliches äffchen / gesicht eines Kinds („ich heisze Elfe…“)
aether / werden alle zu aether
die bestell-code dieser Jahre
arsenik-blüte! meine Liebe
eine sterbliche Stelle / für Paulus
Stillstand der Küste &
die see-Vögel die mein Glück
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(„schnäbelten um mein Glück…“)
ein Heer von lichtblauen Windmühlen am Horizont
„westfalen“
aaaaaaaaaaaaaaabeautiful angel / my guard and my might / tenderly
aaaaaaaaaaaaaaaguard me / for i am your child –
meine sterbliche Stelle / verjährte Vergipsung
und alle register gezogen / oh! Saviour
und die geheimen Schmerzen meiner Mitbrüder
wenn deine Stirn in vierzig wintern

(„… not marble nor the gilded monuments…“)

freiwillig „frey“
meine sterbliche Stelle & das grün
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaader heckenrosen…

„wildfeuer“ / stillstand der Küste
(„when in the chronicles of wasted time…“)

Redefigur / stürzte ins weisze seiner Rede
alle register / alle register gezogen
von aether bis arsenik-blüte
die wölbung deiner stirn /
offenbart das grün des frühlings…
aaaaaaaaaaaaaaa& weidenruten / knospen / körbe & einen ganz blassen
aaaaaaaaaaaaaaaregenbogen / spaten
aaaaaaaaaaaaaaaRaine / dickichte
ICH SUCHE DICH / an den schönen ulmen
Stillstand der Küste
eine Stelle für Paulus

aaaaaaaaaaaaaaa(„… when in the chronicles of wasted time…“)

oh! saviour – when in the chronicles of wasted time…“

 

Mir geht es mit der Poesie so,

wie meinem guten alten Zahnarzt aus Polen mit seinem Auto – lassen Sie mich davon erzählen:

Mein Zahnarzt, 72 Jahre alt, stammt aus einem Dorf in Polen und wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Groszvater, ein Goldschmied, von den Dorfbewohnern hochgeachtet, wurde nur Moses Eljesa Goldschmied genannt. Immer wenn mein Zahnarzt, damals noch in Polen und 13jährig, von sich sprach, sagte er: ich, Jakob, Enkel des Moses Eljesa Goldschmied. Er wurde Arzt, Zahnarzt und Menschenfreund. Er hielt nichts vom Luxus im allgemeinen und vom Autobesitz im besonderen. Bis zu dem Tag, als ihm ein reicher Freund eines seiner Autos schenkte. Als mein alter Zahnarzt vor etwa fünf Jahren zum erstenmal sein eigenes Auto bestieg, sagte er: wie unvorstellbar, ich, Jakob, Enkel des Moses Eljesa Goldschmied, fahre in meinem eigenen Auto. Wie unglaublich, ich, Jakob, Enkel des Moses Eljesa Goldschmied, habe ein eigenes Auto. Dies wurde zur Obsession. Heute noch, wenn er sich ans Steuer setzt, sagt etwas in ihm: wie ungeheuerlich, ich, Jakob, Enkel des Moses Eljesa Goldschmied, fahre in meinem eigenen Auto. –

Sehen Sie, so ergeht es mir mit meiner Poesie. Ich, ahnungslos aus einer hermetischen Kindheit, ohne besondere Vorzeichen oder Vorzüge, entdecke eines Tages, wie unvorstellbar, wie ungeheuerlich, wie unglaublich: ich schreibe meine eigene Poesie.
Voraussetzungen für mein Dichten gab es ebenso wenige wie es bei meinem alten Zahnarzt Voraussetzungen fürs Autolenken gab. Vielleicht aber hat gerade die Abgeschlossenheit meiner Kindheit dazu beigetragen – eine Art Dunkelkammer, in der alles schon voraus entwickelt wurde – und das Netz der Familie, in dem ich mich, geschwisterlos, zugleich gefangen und geborgen fühlte: in einem meiner langen Gedichte schreibe ich davon:

netz-geher; standort netz
netz-familie
aaaaaa„bruchlandung“
„reinliche-gute-schmalspur brachte
mir in frühen jahren bei / war schön
durchsichtig „katzen-quälereien“ –
im mondlicht der terrasse in den frühen
30-er-Jahren wo es anfing hier und dort…
auf der terrasse ein verkäufer mit tanzpüppchen /
sie erklärte mir warum ich katzen –
wunderbar: eine nacht 1930 oder nachher;
und ich ein unwissendes kind…“

Oder, an anderer Stelle, bezugnehmend auf die Kriegsjahre 42–45, die ich wie hinter einem Schirm, der alle Wirklichkeit abdeckte, verbrachte, – vertieft in meine englischen Lehrbücher, in melancholische Tagträume, in die Lektüre (Romain Rolland, mein erstes literarisches Erlebnis!), exzerpierend, – schwebend in einem subjektiven Luft-Raum, ohne Kontakte mit der Auszenwelt:

(schauerliche vigilen zwischen 42 und 45:
eiszeit; frühes traumeis; panzer; auf eis-treten-
geblendet-unwissend-beinah-stumm-beinah-taub
gespeist von irgendwoher mit echo –
auffangen echo; und allmählich sehend / hörend / greifend / und nun
alles begreifend!
diese äuszerste spitze!)

Die „äuszerste spitze“ meint: den Zustand des Dichters, der im Vollbewusztsein seiner Kraft ein Gedicht schreibt – ich selbst also, beim Schreiben dieses langen Gedichtes, oder der anderen langen Gedichte, die das äuszerste an Poesie sind, wozu ich bisher fähig war.

Ich habe diese Gedanken vorausgeschickt, um Ihnen zu erklären, dasz es mir schwerfällt, zur Idee meiner Poesie etwas zu sagen; meine Poesie, die ich beim Start eines zu schreibenden Gedichts immer wieder anstaune und zu der ich, – wie mein guter Zahnarzt, wenn er in sein Auto steigt, – flüstere: wie unvorstellbar, wie unglaublich, wie ungeheuerlich! – wie komme ich eigentlich dazu, Poesie zu machen?
Sie wissen nun, dasz es mir schwerfällt, mich zu meiner Poesie zu äuszern, und dieses Bewusztsein ist anderseits ein Stein in meiner Brücke zu Ihrem Verständnis.
Natürlich könnte ich Sie mit ein paar glatten theoretischen Äuszerungen, die jedem, der sich ein wenig in der modernen Literatur umgesehen hat, geläufig sind, abspeisen – und Sie würden vielleicht am Schlusz sagen: aha, so ist das also, man musz eben, um eine Sache gut zu machen, sie von Grund auf verstehen und durchleuchten können. Ich könnte Ihnen etwas von random-Elementen in meinen Texten erzählen, von ästhetischen Verdichtungs- und Verdünnungszonen, und dasz ich mein Wortmaterial auflade, atomisiere, deformiere, dasz ich Collagen, Montagen, Assemblagen mache, dasz ich verba substantiviere, substantiva verbalisiere, dasz ich eine Armee von Satzzeichen einsetze, um sie attackierend, schmetternd, lockend, beiseitesprechend, besänftigend, neutralisierend funktionieren zu lassen, wenn auch nur für den lesenden und nicht den hörenden Empfänger, dasz ich Wiederholungen verwende, vor allem als Leitmotive, dasz eines meiner Hauptanliegen darin besteht, Disparatestes zu harmonisieren, dasz ich eine Synthese anstrebe, die nicht durch müden Ausgleich zustandekommt, sondern durch eine vielgestaltige co-existenz der verbalen Kräfte, durch gemeinsames Vorhandensein gegensätzlichster Elemente. Ich könnte Ihnen sagen, wie ich Gedanken, Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse, Motivisches, Vorgefundenes und Übernommenes einsetze, wie manchmal durch ein Wort, zufällig auf der Strasze aufgefangen, durch eine plötzlich festgehaltene Aufschrift, durch eine „Verhörung“ oder „Verlesung“ irgendeines Zusammenhangs sich etwas weiterbewegt in meinem Bewusztsein, dasz solche unscheinbaren punktuellen „Verschiebungen“ oder „Verfremdungen“ eine Kettenreaktion von Konstellationen auslösen, die ich sonst auch nicht nach stundenlangem Nachdenken oder Experimentieren oder Träumen gewonnen hätte. Ich könnte Ihnen also von den minutiösen Imponderabilien eines dichtenden Menschen erzählen, aber – ich frage mich ernsthaft: wird es Ihnen etwas von dem vermitteln können, was seine Auslösung bewirkt hat?
Ich fürchte, wir sind wie Leute, die am Morgen nach einer Unzahl von Träumen versuchen, diesen verästelten komplizierten Traumkörper nachzuziehen, bald aber enttäuscht ablassen, weil es unbefriedigend ist, Vages zu fixieren. Die wenigen Knotenpunkte des Traums konnte man ja reproduzieren, aber das Eigentliche, das Vibrierende, das weit Ausgesponnene, das Intensive, das Faszinierende, die Farbe konnte man nicht wiederherstellen; es ist nicht wiederzugeben, es war da als Traum, man hatte es sozusagen als Traum produziert, und das war schon das beste was man tun konnte.
Ein Schlußwort, um Sie nicht allzu enttäuscht zurückzulassen: ich schreibe meine Gedichte zum Teil so, wie sie dann geschrieben erscheinen, zum Teil anders, das heiszt, sie sind zum Teil Annäherungen an etwas, an das ich nicht näher herangehen konnte, eine Bewusztmachung von etwas, dessen ich nicht bewuszter werden konnte, und damit auch für mich eine neue Situation, nicht nur für den Leser. Eine Situation, die durch ihren unbeendeten Reiz zu weiterer Produktion drängt. Dadurch entsteht vielleicht das Vegetative in diesen Gedichten. Ich schalte, um meine „Bewusztseinsmaschine“ – wenn Sie so wollen –, in Gang zu bringen, auf Erinnerungspunkte irgendwelcher Vergangenheit, bringe dadurch, wenn es gelingt, etwas ganz intensiv in die Mitte meines Bewusztseins, wo es lebendig dasteht, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu betasten, in einer Eigenbeweglichkeit, die es aus dem Zustand des Eingebettetseins in einen Erinnerungsablauf befreit. Es steht für sich selbst da, an einer Stelle, die ihm gehört, statisch, und zugleich in einem Strahlenkranz von Assoziationsmöglichkeiten. Diesem zum Auseinanderflieszen strebenden Ding wird von mir eine eiserne Form aufgesetzt.
Das „freie“ oder „totale“ Gedicht, das ich anstrebe und in meiner jüngsten Produktion angestrebt habe, ist meiner Vorstellung nach ein Gedicht, das einen Ausschnitt aus der Gesamtheit meines Bewusztseins von der Welt bringt. „Welt“ verstanden als etwas Vielschichtiges, Dichtes, Bruchstückhaftes, Unauflösbares.

Friederike Mayröcker aus Walter Höllerer (Hrsg.): Ein Gedicht und sein Autor, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1969

 

Die Tradition des zitierenden langen Gedichts

hat Friederike Mayröcker weitergeführt, des Gedichts, das in seinem Fluß Bruchstücke von Vorformuliertem aufnimmt, das das Material gliedert, – vieles was von außen kommt, einbezieht. – Selbst das scheinbar Zitierte ist hier jedoch Einfall, ist weitgehend Erfundenes. – „Das meiste davon scheint vorfabriziert zu sein, ist aber von mir selbst, Einfälle, im Trubel des Arbeitstages notiert, aber auch Notizen von sogenannten ,Verlesungen‘, ,Verhörungen‘, Zeitung, Straßenbahnen, Schlagzeilen, Reklameschilder, ,Verfremdungen‘ usw. … Äußerst selten verwende ich richtige ,Zitate‘ (immer noch Scheu vor Diebstahl?) alter oder neuer Dichter oder Philosophen.“ – „Verbale Tagträume“, wie ihr Landsmann Gerald Bisinger sagt, aber er fügt mit Recht hinzu: daß Friederike Mayröcker sich von vorherrschend surrealistisch beeinflußten, traumnahen Arbeiten zu in sich kritischen, reflexiven Texten hingewandt hat. Privates und fremdes Material ist gleichberechtigt, bekommt Formelcharakter, wird in einem kalkulierten System lesbar, – bekommt aber allein durch die persönliche Eigenart der Autorin den Stil aufgeprägt.

Ich schalte, um meine Maschine in Gang zu bringen, auf Erinnerungspunkte irgendwelcher Vergangenheit, bringe dadurch, wenn es gelingt, etwas ganz intensiv in die Mitte meines Bewußtseins, wo es lebendig dasteht, zu sehen, hören, riechen, betasten, und in einer Eigenbeweglichkeit, die es aus dem Zustand des Eingebettetseins in einen Erinnerungsablauf befreit.

Walter Höllerer, aus Walter Höllerer (Hrsg.): Ein Gedicht und sein Autor, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1969

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