Fuad Rifka: Das Tal der Rituale

Rifka-Das Tal der Rituale

STERN

Vom Fischen
kehren die Schiffe zum Hafen zurück,
vom Donner
kehrt der Regen zum Flußbett zurück,
von den Ebenen
kehren die Flügel zu ihren Nestern zurück,
vom Reisen
kehren die Lippen zu den Lippen zurück

Und du?
Zum Stern dort,
zu ihm allein − deine Augen,
und kein Weg!

 

 

 

Provokation oder Erlösung

DIE DICHTUNG Fuad Rifkas beginnt bei einer imaginären Stunde Null, oder sie steuert auf diese Stunde Null zu. Die Stunde Null ist der Tod und das Verstummen, oder sie ist der Geburtsschrei und die Geburt. Das ideale Gedicht ist dasjenige, das so nah wie möglich an diese Stunde Null gelangt oder das sich so wenig wie möglich von ihr entfernt. Der Gedanke als formulierter Gedanke, die Reflektion perlt an diesem Gedicht ab. Das Gedicht tut, als wäre es vorsprachlich. Fremd ist ihm alles Artifizielle, Handwerkliche, Eloquente, Blendende, Taktische. Stattdessen kindliches Urvertrauen in die Sprache: „Nackt, / einfach und arm, / Kindersprache / in des Sprechens Anfang / ist seine Sprache“. Die Sprache ist dieser Dichtung nie Material, nie signifiant, sondern immer Aussage, immer signifié. Rifkas Dichtung trotzt einer Welt, welche nicht mehr selbst, sondern nur als Zeichen erscheint. Anders gesagt: Sie zeigt ihr die kalte Schulter, ignoriert sie so rigoros, als sei die Welt, in der diese Dichtung entsteht und die von ihr beschworen wird, nicht unsere, vielmehr eine andere, ein Paralleluniversum vor jeder begrifflichen Teilung.

ABER WENN MAN es so ausdrückt, spricht man dieser Poesie schon den Anspruch auf Welthaltigkeit ab, man folgt nicht ihr, sondern dem, wogegen sie anschreibt. Läßt man sich hingegen auf Rifkas Dichtung ein, muß man es anders sagen. Dann verwirft sie nicht die Welt, sondern nur das Bild dieser Welt, wehrt sich gegen die medialen Instanzen, die diese Welt zur Erscheinung bringen. Damit ist nicht nur die schiere Flut der Bilder gemeint – Rifkas Dichtung tut so, als gäbe es den unlängst von Peter Handke diagnostizierten Bildverlust nicht −, dazu zählt auch die Skepsis der modernen Poeten, die Sprachskepsis und was daraus folgt, der poetische Sophismus, die Poesie als Kunst statt als – ja, wagen wir das Wort! – Offenbarung. Dazu zählt außerdem alles Gesellschaftliche, Politische, alles, was mehr als zwei Menschen betrifft. Schon solche zwei sind selten, meist sind allein der Dichter und die Welt. Nur als Monade kann er der Welt auf Augenhöhe begegnen, begegnet ihm die Welt, öffnet sie sich ihm, offenbart sie sich ihm.

NICHT ERST BEI Heidegger, früher schon, mit Kierkegaard, beginnt das existenzialistische Dichten Rifkas. „Ob du bereust oder nicht: / Du wirst es bereuen“, klingt es wie ein Echo der „Diapsalmata“ aus Entweder-Oder. Vielleicht ist es diese Ausweglosigkeit eines Denkens in Kategorien des Gewissens, die den Dichter zum „Nachbarn des Seins“ macht. Auf nur wenige Lyriker unserer Zeit dürfte Heideggers Wort vom „ek-statischen Wohnen in der Nähe des Seins“ so genau zutreffen. Rifka tut „den Schritt zurück“, nicht den, der, wie es im Brief über den Humanismus heißt, „das Denken in ein erfahrendes Fragen eingehen und das gewohnte Meinen der Philosophie fallen lässt“, sondern der die Dichtung aus ihren rhetorischen Rollen – und dazu zählt für Rifka jede Form äußerlicher Komplexität – fallen und in ein ursprüngliches, vordergründig naives Schauen eingehen läßt.

RIFKAS DICHTUNG BELEGT, welchen ungeheuren Weg die arabische Lyrik seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgelegt hat. Der Monoreim, die strenge Metrik der Klassik wurden erst in den vierziger Jahren aufgebrochen, und selbst da zunächst sehr verhalten. Bei Rifka findet sich seit den achtziger Jahren nur wenig davon – ganz anders als bei Adonis, der Metrum und Reim bis heute in den verschiedensten Varianten gerne nutzt, ganz anders als bei Mahmoud Darwisch, für den dasselbe gilt. Anders auch als in den Richtungen der arabischen Poesie, die Rifka äußerlich betrachtet näher stehen und dennoch so wenig mit ihm gemein haben: Die Dichtung des Alltags mit ihrer einfachen, oftmals provokant flapsigen Sprache; und die aus dem arabischen Surrealismus stammende Schule, die die Sprache ebenso wenig achtet und stattdessen auf eine zwischen Tiefsinn und Unsinn changierende Metaphorik setzt. Rifka hegt eine Meinung von der Dichtung, wie die Alltagsdichter es nicht mehr tun. Dieser Anspruch nötigt Rifka indessen nicht wie die Surrealisten zu einer stärkeren Verschlüsselung; im Gegenteil, er führt zur Vereinfachung, Verdeutlichung. Die Worte brauchen nicht mehr durch ihren Kontext aufgeladen zu werden, sie sind bedeutungsschwer an und für sich. Das genügt. Dieser Glaube ans Wort macht Rifka zu einem originär arabischen Dichter, fast einem klassischen arabischen Dichter, diese unverhohlen hehre Auffassung von Poesie, dieses Pathos der Mitteilung, obgleich er mit alldem ganz andere Wege beschreitet, als es die Geschichte der arabischen Poesie vorgesehen hat. Kaum Metrum, wie gesagt, kaum Reim, nichts zum Pathos-Transport. Auch keine Ideologie, kein Weltbild, was man so Weltbilder nennt. Statt Weltbild Anschauung. Statt Form Sinn. Als wären beide noch – oder wieder! – trennbar. Oder, was auf dasselbe hinausliefe, nicht mehr zu unterscheiden, Form ganz aufgehoben in Sinn, Form als Sinn und durch Sinn. Schließlich, in Das Tal der Rituale, ist das Gedicht oft nur noch Aufzählung, reines Benennen um des Benennens willen, viele Zeilen lang. Näher rückende Stunde Null in der Dichtung.

Stefan Weidner, Aus dem Nachwort, 2002

Das Tal der Rituale

versammelt Fuad Rifkas schönste Gedichte aus den letzten 15 Jahren, darunter eine Auswahl aus den seit langem vergriffenen Bänden Tagebuch eines Holzsammlers und Gedichte eines Indianers, die bereits Anfang der neunziger Jahre auf deutsch erschienen, sowie drei jüngeren, noch unübersetzten Gedichtbänden.
Der Holzsammler, der Indianer, später der Samariter und der Sufi fungieren als Masken des naturverbundenen Dichters auf seiner ewigen Suche nach dem einen, in Klarheit und Einfachheit vollendeten Gedicht. Es sind Eremiten-Existenzen, unterwegs in einer kargen, elementaren Landschaft, in der alles wesentlich wird. Die einfache und konzentrierte Sprache dieser Gedichte wird von einer starken poetischen Spannung getragen.
Die Vorstellung, der Dichter sei zugleich auch Prophet und Seher, reicht in vorislamische Zeit zurück; ein Rückgriff, der dem Dichter Fuad Rifka dank der intensiven Beschäftigung des Übersetzers Fuad Rifka mit Friedrich Hölderlin gelang.
Die Rolle des Dichters, der Bleibendes stiftet, hat aber auch mit der verzweifelten politischen Lage und der entbehrten Freiheit zu tun. Ein Volk, so sagte Rifka in einem Interview der Neuen Zürcher Zeitung, das sein Wesen nicht ausdrücken könne, bleibe am Rand der Geschichte.
Rifkas Weg zu dem einen, absoluten Gedicht dokumentiert sich hier durch eine zunehmende Verknappung und Läuterung der poetischen Mittel, was Rifka eine Sonderstellung unter den großen arabischen Dichtern der Gegenwart verleiht. Zwar bleibt das Pathos der arabischen Poesie unterschwellig erhalten, doch verzichten diese Gedichte auf die traditionellen rhetorischen Mittel.

Straelener Manuskripte Verlag, Ankündigung, 2002

 

Stern hinter Wolken

− Ein arabischer Hölderlin: Gedichte von Fuad Rifka. −

Die Lyrik ist immer noch die angesehenste Gattung der arabischen Literatur. Dichter – wie Adonis – werden als säkulare Propheten verehrt. Oder – wie der Palästinenser Mahmud Darwish – als Symbolfiguren im politischen Kampf. Den im Libanon aufgewachsenen Syrer Fuad Rifka kann man mit solchen Kategorisierungen nicht fassen. Er ist weder Prophet noch Rebell. Rifka, der arabische Christ, hat Teile der Bibel in eine modernisierte arabische Fassung gebracht, und die Dichtung, die er schreibt, ist ohne sein religiöses Erbe nicht denkbar.
Entscheidend für seine Entwicklung ist seine Beziehung zu Deutschland geworden. In Tübingen hat der heute zweiundsiebzigjährige Rifka Philosophie studiert und 1965 über Heidegger promoviert. Er hat Hölderlin, Goethe, Novalis, Rilke und Trakl übersetzt und in der Beiruter Avantgardezeitschrift „Shi’r“ (Dichtung) moderne deutsche Lyrik vorgestellt. Rifkas eigene Lyrik ist in Deutschland bisher in zwei kleinen, inzwischen vergriffenen Publikationen erschienen. Der schön gemachte Band „Das Tal der Rituale“, eine Auswahl aus den letzten fünfzehn Jahren seines Schaffens, könnte den Dichter bei uns nun endlich bekannter machen.
Die deutsche Lyrik ist nach Rifkas Bekenntnis ein Freund, „mit dem ich ruhig im selben Haus wohnen kann“. Ein Satz, der das Fremde seiner Poesie mildert, aber auch dazu verführt, über Verwandtschaften zu spekulieren. Wer Rifka im Original liest, glaube, Hölderlin auf arabisch zu lesen, schreibt Stefan Weidner in seinem Nachwort. Um dann aber – aus der Erfahrung des Übersetzers – entschieden zu modifizieren: „Was läge ferner als Hölderlin? Nichts von der langen, gewundenen, griechischen Syntax. Nichts von den Odenmaßen. Nichts von der Mythentrunkenheit. Nichts Ausschweifendes. Gut so, sonst wäre es Parodie. Hölderlin kommt am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts völlig verwandelt nach Deutschland zurück und, gewiß auch das, reduziert.“
Halten wir uns zunächst an die Reduktionen. Fuad Rifka ist ein Dichter der Konzentration und des Konzentrats, des knappen Bilds und der schönen Nüchternheit. Er ist nie geschwätzig, nie hybrid. Er kehrt nicht den Propheten heraus, nicht das große Subjekt. Er gibt sich bescheiden, fast demütig und liebt es, durch lyrische Masken zu sprechen. So vor allem in dem Zyklus „Tagebuch eines Holzsammlers“. Unser Holzsammler ist nicht bloß in Wäldern zu finden: „In Manhattan bettet sich / der Holzsammler / in die Falten seiner Hände. / Er schläft / ohne zu schlafen.“ Ein Mystiker in New York. Der durchaus weltläufige Autor ist zugleich ein dezidiert unzeitgemäßer Poet. Er verschmäht die aktuellen Diskurse und lädt uns in seine Hütte: „Und die Freunde werden sich freuen / über das Brot und den Wein / und über den Ofen.“ Dieser Ofen gemahnt von fern – oder gar nicht so fern – an den Ofen in einer Schwarzwälder Hütte. Auch der Hölderlin, den man hier evoziert findet, dürfte einiges mit Heideggers Hölderlin zu tun haben.
Seine Liebe zur deutschen Kultur hindert Rifka nicht, seiner Dichtung auch andere mythische und mythologische Bezüge zu implantieren. Mit andern Worten: der Dichter ist Synkretist. In den „Gedichten eines Indianers“ ist die Maske offenbar nur noch Vorwand, um „Tübingen“, einen „Derwisch“ oder den „Neuen Hiob“ zueinanderzubringen. Im „Krug des Samariters“ beschwört Rifka die Gestalt des barmherzigen Samariters als Figur einer Epiphanie: „Ein Krug auf seiner Schulter / ein Brotlaib in seiner Hand, / und in seiner Stimme / ein Kissen, ein Verband.“ Der Zyklus „Die Ruine des Sufis“ rekurriert auf die altpersische Sufi-Mystik. Das Titelgedicht spricht von einem Sufi-Poeten, der die Dichtung mit Askese und Einsamkeit vertauscht: „Als er die Dichtung vergaß, / war er ein Dichter.“ Rifka kommt diesem Paradox so nah wie möglich. Er kann (und will) die Dichtung nicht vergessen, aber er verlangt ihr asketische Einfachheit ab. Er ist ein Dichter, der an Worte glaubt, weil er in ihnen die Wahrheit repräsentiert sieht.
Der letzte Zyklus formuliert diesen Anspruch in einer Präambel: „Das Tal der Rituale besteht aus mehreren Hymnen in einer Hymne auf vielen Saiten. Die Saiten dieser Hymne sind ,alt‘, fremdartig für den ,modernen‘ Leser, für die ,Moderne‘ und was danach kommt. Deshalb wird sie wie ein Stern hinter Wolken sein.“ Ein fast romantisches Programm, aus dem man das Echo von Novalis’ „Hymnen“ hören mag.
Religiöses Erfüllungsverlangen verbindet sich mit apokalyptischen Vorstellungen. So endet eine Sequenz mit der Ölbergszene: sehnsuchtsvoll dringlich: „Gib uns ein Zeichen / Oh Herr / Ein einziges Zeichen, / Nichts sonst, und wir kommen.“ Am Schluß dieses großgedachten Zyklus hört man die Stimmen von einem Begräbnis. Nachgetragen wird eine Art Regiebemerkung: „Das Echo entfernt sich, in den Nischen des Tempels verlöschen die Kerzen, ein leichter, unruhiger Wind wird vernehmbar, ein Säuseln wie das Röcheln der Sterbenden.“ Hier ist Fuad Rifka bei Beckett und Celan angekommen. Er nimmt den Hymnenton zurück. Er bedarf keiner Maske mehr. Er wartet auf ein Zeichen, das die Zeit endet, die Moderne endet. Der Dichter spricht mit gedämpfter Stimme, fast anonym, aber unverkennbar er selbst.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.2.2003

Fuad Rifka: Das Tal der Rituale

Das Tal der Rituale, im Verlag Straelener Manuskripte erschienen, versammelt die schönsten Gedichte des syrisch-libanesichen Dichters Fuad Rifka, die in den letzten 15 Jahren entstanden sind. Darunter befindet sich auch eine Auswahl aus den beiden bereits 1990 und 1994 auf deutsch erschienenen Bänden Tagebuch eines Holzsammlers und Gedichte eines Indianers (beide bereits vergriffen), sowie eine Auswahl aus drei jüngeren, bisher unübersetzten Gedichtbänden (Der Krug des Samariters, Die Ruine des Sufis, Das Tal der Rituale).

Aus dem Klappentext des Bandes: „Rifkas Weg zu dem einen, absoluten Gedicht dokumentiert sich hier durch eine zunehmende Verknappung und Läuterung der poetischen Mittel, was Rifka eine Sonderstellung unter den großen arabischen Dichtern der Gegenwart verleiht. Zwar bleibt das Pathos der arabischen Poesie unterschwellig erhalten, doch verzichten diese Gedichte auf die traditionellen rhetorischen Mittel. Rifka vereinigt so das Beste der beiden Kulturen, des Orients und des Okzidents.“

Fuad Rifka, 1930 in Syrien geboren, lehrt in Beirut Philosophie. Er promovierte in Tübingen über die Ästhetik Heideggers und übersetzte Hölderlin, Rilke, Trakl, Novalis und Goethe ins Arabische. Für seine einzigartige Vermittlertätigkeit erhielt er im Herbst 2001 den Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

O-Ton Rifka:

IMMER SCHEINT DIE SONNE

In unserer Nacht
scheint die Sonne über dem Kaukasus.
In den Nächten des Kaukasus
scheint die Sonne über Alaska.
In den Nächten Alaskas
scheint die Sonne über dem
Himalaja.
In den Nächten des Himalaja
scheint die Sonne über dem Olymp.
In den Nächten des Olymp
scheint die Sonne über Sannin.
aaaaaIn der Nacht
Scheint immer die Sonne.

Dieses Gedicht des syrisch-libanesichen Dichters Fuad Rifka kann man nach zwei Seiten hin betrachten, wie die helle oder dunkle Seite eines Planeten. In seiner optimistischen, tröstlichen Deutung verheißt das Gedicht die Zuverlässigkeit der Sonne, die zwar nicht immer sichtbar, aber doch latent vorhanden ist. In seiner fatalistischen, dunklen Auslegung hin läßt sich aber auch lesen, daß die Sonne jeweils genau dort aufleuchtet, wo der Betrachter nicht weilt. Sie kann er nicht erreichen, sosehr er ihr auch quer über den ganzen Erdball nachjagt. Die Sonne scheint selbstverständlich immer, nur nicht für ihn, bei ihm verharrt die Nacht. Diese schattigere Seite des Gedichtes entdeckt man erst beim zweiten Lesen, sie wird von der Helligkeit des beschriebenen Planeten verdeckt.

Wer ist Fuad Rifka, der in seinen klaren, einfachen Gedichten soviel von den philosophischen Seiten des Seins versteckt? Wer ist dieser Grenzgänger zwischen Orient und Okzident, zwischen arabischer und europäischer Denkungsart, zwischen Islam und Christentum, zwischen Philosophie und Dichtung? Dieses Balancieren zwischen zwei Seiten macht seine Literatur nicht nur spannend – sondern, nimmt man sie nur von einer Seite aus wahr, nicht immer sichtbar.

Fuad Rifka, jetzt Zweiundsiebzig, wurde in Syrien in einer Familie christlichen Glaubens geboren und wuchs dort in einem Dorf in ländlichen und zuverlässigen Strukturen auf. Noch als er Kind war, zog seine Familie in den Libanon. Dieses Land blieb bis zur israelischen Invasion 1982 das Exilland für Intellektuelle aus der gesamten arabischen Welt, da es relative politische Stabilität mit weitgehenden Freiheiten garantierte. Hier gab es zahlreiche Verlage und Zeitschriften wie die 1957 gegründete und für die arabische Poesie äußerst wichtige Literaturzeitschrift „Shi’r“, was übersetzt Poesie bedeutet. Bis etwa in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die arabische Dichtung von einer bereits im 6. Jahrhundert entstandenen Form dominiert, die klare Grenzen durch ein vorgegebenes Versmaß setzte. Die politischen und sozialen Erschütterungen im arabischen Raum nach den beiden Weltkriegen und der Einbruch der Moderne in festgefügte Traditionen veränderten auch allmählich die Literatur. Sie wurde in den fünfziger, sechziger Jahren gewagter, offener, experimenteller. Es entstanden neue Richtungen in der Poesie, darunter sogenannte Schulen der free verse, der freien Verse. Angeregt vom französischen gab es bald auch einen arabischen Surrealismus. „Shi’r“ war ein wichtiges, wenn nicht sogar das Podium dieser aufbrechenden Dichtung und wesentliches Bindeglied zur internationalen Poesie. Und Fuad Rifka war einer der engsten Mitarbeiter des Gründers dieser Zeitschrift. Diese Erlebnisse prägten Rifkas eigenes Schaffen. Ebenso wie ihn eine zweite wesentliche Fügung in seinem Leben beeinflußte: Nach einem Studium der Philosophie in Beirut ging Fuad Rifka mit knapp zwanzig Jahren nach Deutschland, nach Tübingen, um hier über Heidegger zu promovieren.

O-Ton Rifka: Ursprünglich bin ich ein Dichter. Aber gleichzeitig hatte ich eine große Neigung, die Philosophie zu studieren. Meiner Erfahrung nach hat die Philosophie mir geholfen, Visionen zu haben und hat sie auch mir geholfen, den Horizont meines Lebens deutlicher zu verstehen… Aber mein persönliches Gefühl ist, daß in manchen Fällen die Dichtung die Existenz des Menschen viel tiefer ausdrücken kann. … Weil in der Dichtung das ganze Sein des Menschen aktiv ist…

Auf die Frage, was Fuad Rifka ausgerechnet nach Deutschland zog, was ihn an der europäischen Philosophie und Dichtung interessierte, beklagte der Dichter den Mangel philosophischen Denkens in der heutigen arabischen Welt.

O-Ton Rifka: Wir hatten Philosophen im Mittelalter und jemand wie Averroes zum Beispiel hat das griechische Denken oder die griechische Philosophie der westlichen Welt übersetzt…
Stimmt genau, daß wir nach dem Mittelalter überhaupt keine Philosophie, eigene Philosophie geschaffen haben, das ist wirklich eine Kulturkrise. Ich kann nicht verstehen, wie eine Kultur einen Sprung in die Zukunft hinein machen kann ohne einen philosophischen Hintergrund … sogar sind die Naturwissenschaften im Boden der Philosophie verwurzelt … Wir können weder auf der selben Ebene stehen noch können wir unsere Existenz mit der übrigen Welt koordinieren und deswegen haben wir in der Gegenwart eine Art von Trennung zwischen dem Orient und dem westlichen Raum.
Nun ist die Frage, wie kann man diese Kluft zwischen den beiden Kulturen enger machen und das ist jetzt, ich glaube, die Hauptaufgabe der modernen Welt..

Fuad Rifka liefert seinen Anteil dazu nicht nur durch seine Poesie. Er arbeitet im Brotberuf als Philosophieprofessor an einer Beiruter Universität und bringt jungen Studenten die Gedankensysteme von Hegel, Schelling, Nietzsche, Husserl, Jaspers und Heidegger nahe. Rifka ist nicht nur ein Übersetzer zwischen verschiedenen Kulturen und Denksystemen, sondern auch zwischen verschiedenen Literaturen. Seine Übersetzungen von Hölderlin, Novalis, Goethe, Rilke oder Trakl ins Arabische sind zum überwiegenden Teil erstmalige Exkursionen dieser deutschsprachigen Dichter in den Orient. Und natürlich hat sich Rifkas eigene Dichtung um die Erfahrungen mit deutschsprachiger Dichtung bereichert. Dennoch bleibt Rifka tief in seiner arabischen Herkunft verwurzelt.

O-Ton Rifka: … Mein Leben in Deutschland, mein Studium in Deutschland, meine Erfahrung in Deutschland haben bewußt und unbewußt mein Gedicht beeinflußt. Aber mein Gedicht hat diese fremden Elemente orientalisiert und deswegen spürt man so stark die Existenz der Natur, auch romantische Elemente, auch mystische Elemente. Sicher haben auch manche und mehrere westliche Dichter über Natur geschrieben, aber meine Beschäftigung mit der Natur hat einen Schatten, den man überhaupt nicht in der westlichen Dichtung finden kann. Diese Einfachheit, diese enge Freundschaft mit der Natur, dermaßen, daß ich manchmal fühle, daß der Baum draußen mich anschaut und mich anspricht, und manchmal höre ich die Stimme der Blume, des Flusses, und meine Rolle ist dann, diese Stimme ins Wort zu verwandeln und zu interpretieren.

Der syrisch-libanesische Dichter Fuad Rifka ist dennoch eine Ausnahmeerscheinung unter den arabischen Dichtern. Ganz im Gegensatz zur orientalischen Sprachfülle und zur oft beträchtlichen Zahl der Verse, die erst wie Perlen auf eine lange Schnur gereiht ein anerkanntes Gedicht ergeben, arbeitet Rifka mit knappen Mitteln. Mit bewußt schlichter Sprache und auf ein Mindestmaß beschränktem Wortschatz erreicht seine Dichtung eine tiefe Klarheit, eine fühlbare Nähe zum steten Kreislauf des Kosmos. Die Titelfiguren seiner Gedichtbände – der Holzfäller, der Scheich Derwisch, der Sufi oder der Samariter – übertragen die Sprache der Natur in die des Menschen, sie verkünden aus dem Mund des Dichters das Sein der Dinge.
Doch der Islam verwehrt einem Dichter die Rolle des Visionärs und Propheten, denn diese Rolle wurde bereits dauerhaft besetzt. Eine Ausnahme bildeten vielleicht noch die arabischen Mystiker, sie konnten für eine kurze Zeit die Rolle eines Verkünders für sich in Anspruch nehmen.
Rifka bricht als Vertreter der modernen Poesie deshalb nicht nur mit dichterischer Tradition, sondern auch mit der im arabischen Raum dominierenden weltanschaulichen. Gleichzeitig knüpft er an die Tradition der vorislamischen Araber wieder an, denn auch sie sahen im Dichter den Wahrsager, Seher und Propheten. Bestärkt zu diesem Schritt haben Rifka die deutschen Romantiker, vor allem Hölderlin, die ein gleiches dem Dichter zuschrieben.

Um noch einmal an das Ausgangsgedicht von Rifka anzuknüpfen: die Sonne verbindet mit in ihrem Kreislauf Orient und Okzident – wieviel verbinden wohl erst die Dichter?

O-Ton Rifka:

DICHTERISCHER MOMENT

Warum ist er so blaß,
und warum wird er jeden Tag blässer,
der da ewig steht
an der Grenze zur Dichtung?

Immer wacht er,
denn er weiß nicht, wann der Blitz zuckt
und den Himmel erleuchtet
und woher.

Cornelia Jentzsch, Deutschlandfunk

Ins Offne kommen

– Orient und Okzident – der Dichter Fuad Rifka. –

Der syrisch-libanesische Dichter Fuad Rifka ist ein Grenzgänger zwischen Orient und Okzident, Philosophie und Poesie, Islam und Christentum. Viele seiner Gedichte sind gleichermaßen von europäischer Dialektik wie arabischer Mystik inspiriert.

IMMER SCHEINT DIE SONNE

In unserer Nacht
scheint die Sonne über dem Kaukasus.
In den Nächten des Kaukasus
scheint die Sonne über Alaska.

In den Nächten Alaskas
scheint die Sonne über dem
Himalaja.
In den Nächten des Himalaja
scheint die Sonne über dem Olymp.
In den Nächten des Olymp
scheint die Sonne über Sannin.
In der Nacht
Scheint immer die Sonne.

Auf seiner optimistischen, hellen Seite zeigt das Gedicht die Zuverlässigkeit der Sonne, welche zwar nicht immer sichtbar, aber latent vorhanden ist. Die fatalistische, dunkle Seite des Gedichts läßt ironisch die Sonne jeweils genau dort aufleuchten, wo der Betrachter gerade nicht weilt. Er kann das Licht nicht erreichen, sosehr er ihm auch quer über den ganzen Erdball nachjagt. Die Sonne scheint selbstverständlich immer – nur nicht für ihn. Bei ihm verharrt die Nacht.
In einem Gespräch sagte der über siebzigjährige, aus Syrien stammende Libanese Fuad Rifka:

In erster Linie bin ich natürlich ein Poet. Die Dichtung kann die menschliche Existenz umfassender und tiefer ausdrücken als die Philosophie, weil in ihr das ganze Sein des Menschen aktiv ist. Andererseits gab mir die Philosophie Visionen, ich konnte mit ihrer Hilfe den Horizont meines Lebens besser und klarer verstehen. Beide, die Philosophie und das Dichten, sind eng miteinander befreundet und kommunizieren stets miteinander.

Wer ist dieser Grenzgänger, dieser Geistesnomade des 21. Jahrhunderts? Geboren wurde Fuad Rifka in einem kleinen syrischen Dorf, seine Eltern gehörten nicht der islamischen, sondern der christlichen Religion an. „Wir lebten in einer engen Gemeinschaft und unseren Tagesablauf prägte der Kreislauf der Natur.“ Diese Erfahrung nahm Fuad Rifka als dauerhaften Proviant für seine spätere Dichtung mit.
Weil er und seine Geschwister an einer amerikanischen Schule ausgebildet werden sollten und weil es in Syrien kaum solche Bildungsstätten gab, zog die Familie in den Libanon. In Tripoli lernte Fuad Rifka zunächst an einer Einrichtung der Presbyterianischen Kirche, bevor er an eine amerikanische Universität ging, um Philosophie zu studieren.
Zu dieser Zeit, in den 40ern und 50ern, zog der Libanon Menschen aus der gesamten arabischen Welt und vor allem Intellektuelle magisch an. Das Land war politisch stabil und seinen Bürgern gegenüber kaum restriktiv. Besonders Zuwanderer aus Syrien, Palästina und dem Irak honorierten das. Auch viele Exilanten, die das weiter entfernte Amerika oder Europa bevorzugten, waren zunächst in die am Mittelmeer gelegene Hauptstadt des Libanon, nach Beirut, gekommen, um von hier aus weiterzuziehen. Bis zum Bürgerkrieg 1975 blieb diese Stabilität erhalten, mit der israelisches Invasion 1982 blieben allmählich auch die Zuwanderer aus.
Unter denen, die sich damals niederließen, waren viele Autoren. Im Libanon gab es eine überdurchschnittlich Anzahl von Verlagen und Zeitschriften, so erschien in Beirut das wichtige Literaturmagazin Shi’r. In den fünfziger und sechziger Jahren wagte sich die Dichtung ins Freie, sie wurde offener und experimenteller. Es entstanden neue Richtungen in der arabischen Poesie, beispielsweise sogenannte Schulen der freien Verse. Bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts verfaßten die arabischen Dichter ihre Poesie in einer Form, deren Ursprünge noch aus dem 6. Jahrhundert stammten. Seitdem jedoch die Moderne nach den Erschütterungen der beiden Weltkriege auch im arabischen Raum an festgefügten Traditionen rüttelte, öffnete sich auch die Literatur.

Es gab zwei ausländische Strömungen, die eine kam aus Amerika und England und brachte für uns Ezra Pound und T.S. Eliot mit. Beide Autoren beeinflußten vor allem die jungen Dichter im Irak und diejenigen, die auch bei uns im Libanon eine angelsächsische Ausbildung besaßen. Später kam noch die französische Literatur hinzu, die einen arabischen Surrealismus auslöste.

Behilflich war diesem Literaturimport, daß viele junge Dichter fremdsprachige Poesie im Original lesen konnten, weil die jungen Leute im Libanon nicht nur englisch, sondern beinahe alle französisch sprachen. „Nicht nur Eliot, sondern auch Baudelaire konnten wir also direkt lesen.“
Mitte der 50er Jahre lernte Fuad Rifka den fünfzehn Jahre älteren libanesischen Dichter Yussuf Khal kennen. Khal hatte die bereits erwähnte Literaturzeitschrift Shi’r gegründet, der Name übersetzt „Poesie“ bedeutet. Fuad Rifka wurde zu seinem engen Mitarbeiter. Shi’r war eines der wichtigsten Podien der jungen aufbrechenden Dichtung im Libanon, die sich – im Gegensatz zum Irak, dessen Dichtung besonders politisch ausgerichtet war – vor allem unter literarischen Aspekten definierte.

Im Libanon konnte ich mich als junger Lyriker nur deshalb entwickeln, weil es hier in den 40er und 50er Jahren im Vergleich zu anderen arabischen Ländern möglich war, mit vielen arabischen Dichtern zu kommunizieren. Zahlreiche von ihnen waren damals zu uns in den Libanon – gekommen, der Freiheit wegen.

Zu dieser Zeit entdeckte Fuad Rifka im Beiruter Goethe-Institut ein Buch, das sein weiteres Leben prägen sollte. Es war ein schmales, auf englisch und deutsch verfaßtes Bändchen.

Ich verstand zwar kein einziges Wort vom deutschen Original. Doch eine ganze Stunde stand ich völlig vertieft und verschlang die englischen Übersetzungen, erst danach schaute ich überhaupt auf den Titel: Rainer Maria Rilke, Elegien. Ich habe diese Elegien geklaut. Später gestand ich den Diebstahl dem Direktor des Goethe-Instituts, der mir lachend das Buch schenkte.

Angeregt von der deutschen Literatur reiste Fuad Rifka kurz nach seinem Abschlußexamen mit knapp zwanzig Jahren und kaum deutschen Sprachkenntnissen, dafür aber mit einem DAAD-Stipendium ausgerüstet, nach Deutschland. Neun Jahre später promovierte er an der Tübinger Universität über die Ästhetik bei Heidegger. Er hatte sich inzwischen nicht nur eingehend mit Rilke, sondern auch mit Hölderlin, Trakl, Novalis und Goethe beschäftigt und diese Dichter ins Arabische übersetzt, manche sogar mehrmals in überarbeiteten Versionen. Zunächst in Beiträgen in der Zeitschrift Shi’r, später in eigenständigen Publikationen. Zum überwiegenden Teil ermöglichten Rifkas Übersetzungen erstmalig die Bekanntschaft mit diesen Dichtern im Orient.
Auch für den Dichter und Philosoph selbst wurde der Kulturtransfer immer wichtiger. In der heutigen arabischen Welt fehle es, so Rifka, an philosophischem Denken, denn die Religion des Islam verbiete Zweifel an der Urkraft der Welt. Noch in der Zeit des Mittelalter pulsierte im arabischen Raum eine kräftige philosophische Ader. Ernst Bloch beschrieb die mittelalterliche arabische Gesellschaft als eine überaus prosperierende und agile.

Sie besaß ihre Venedigs und Mailands fünfhundert Jahre früher. So ganz anders als das europäische Frühmittelalter ist mithin das arabische basiert, auf weltfahrende Kaufleute, auf blühende Warenerzeugung, reichen Warenumlauf, statt auf Halbwildnis und Burgen, geringe Städte und Klöster… Hinzu trat, daß neben Handel und Wandel das Buch heimisch war… Syrische Christen waren schon lange vor der Zeit Mohammeds als Ärzte tätig sowie, in der ersten islamischen Zeit, als Übersetzer griechischer Philosophen ins Arabische.

Der 980 bei Buchara geborene Arzt, Naturwissenschaftler und Philosoph Avicenna übersetzte seinerzeit Aristoteles nicht nur, sondern entwickelte auch dessen gedankliches System in wesentlichen Positionen weiter. Nach ganz Europa gelangte die griechische Philosophie schließlich über das maurische Spanien, wo einhundert Jahre später der Theologe, Jurist, Mediziner und Philosoph Averroës wirkte und Avicennas Werk fortsetzte. Thomas von Aquin und vor allem Giordano Bruno nahmen die modifizierten Gedanken des griechischen Philosophen in Empfang und entwickelten daraus ihr eigenes Werk.
Die Boten vergaß man undankbarer Weise wieder, nach dem Mittelalter verlor das lateinische Christentum jegliche Erinnerung an die beiden frühen arabischen Universalgelehrten und verleugnete ihre Bedeutung für die abendländische Philosophie.
Ähnlich erging es Avicenna und Averroës im arabischen Raum, sie wurden verfolgt und ihre Bücher verbrannt, da beide Philosophen frühe Spuren der im europäischen Mittelalter beginnenden Aufklärung gesetzt hatten. Mit beider Ächtung verwelkte die kurze Blüte der arabischen Philosophie, ohne im Orient weitere Früchte tragen zu können.

Daß wir nach dem Mittelalter keine eigene Philosophie weiterentwickeln konnten, ist eine Kulturkrise. Keine Kultur kann ohne philosophischen Hintergrund in eine Zukunft gelangen. Selbst Naturwissenschaften sind im Boden der Philosophie verwurzelt. Wir waren kaum zu Fortschritten in der Lage, noch konnten wir unsere Existenz mit der übrigen Welt koordinieren. Deswegen besteht gegenwärtig diese Differenz zwischen Orient und westlichem Raum. Die Kluft zwischen beiden Kulturen zu verringern, ist die Hauptaufgabe der modernen Welt.

Seit 1966 arbeitet Fuad Rifka im Brotberuf als Philosophieprofessor am Beiruter University College und versucht, jungen Studenten die Gedankensysteme von Hegel, Schelling, Nietzsche, Husserl, Jaspers und Heidegger nahezubringen. Seine Dichtung verarbeitet sowohl orientalische als auch okzidentale Einflüsse.

Die Erfahrungen in Deutschland beeinflussen bewußt und unbewußt meine Poesie. Andererseits habe ich diese fremden Elemente orientalisiert.

Rifkas Dichtung enthält gleichermaßen romantische wie mystische Elemente.

Meine Beschäftigung mit der Natur besitzt jedoch eine Schattierung, die allein in der orientalischen Dichtung zu finden ist und aus der mystischen Tradition Arabiens herrührt. Manchmal fühle ich körperlich, wie ein Baum mich anschaut und anspricht, manchmal höre ich die Stimme der Blume, des Flusses, und meine Rolle ist dann, diese Stimme ins Wort zu verwandeln und zu interpretieren. Zum Wesen von Dichtung gehört, daß sie offen bleibt.

Fuad Rifkas Gedichtbände tragen eigenwillige Namen. Ein 2002 in den Straelener Manuskripten erschienener und von Stefan Weidner übersetzter Gedichtband heißt Das Tal der Rituale. Er bietet Probebohrungen aus den beiden in Deutschland vergriffenen Bänden Tagebuch eines Holzsammlers und Gedichte eines Indianers und aus drei bisher unübersetzten Bänden Der Krug des Samariters, Die Ruine des Sufis und Das Tal der Rituale.

Holzsammler, Indianer, Scheich Derwisch, Sufi – sie sind wie jeder wirkliche Dichter Freunde der Natur, sie symbolisieren das Wesen von Poesie. Diese Personen hören die Sprache der Natur und besonders hören sie ihr zu.

Fuad Rifkas Gedichte wirken mit knappen Mitteln. Sie bilden einen Gegensatz zur orientalischen Sprachfülle und zur zumeist großen Anzahl der Verse. Gedichte gelten im Arabischen traditionell als solche, wenn sie ihre Verse wie Perlen auf eine lange Schnur reihen. Rifka ist eine Ausnahme unter modernen arabischen Dichtern, da er mit einer betont schlichten Sprache und einem auf Mindestmaß beschränkten Wortschatz arbeitet. Er gehöre sprachlich und rhetorisch zur ganz jungen Generation von Dichtern im arabischen Raum, schätzt der Orientalist Stefan Weidner Rifkas literarische Position ein. Ihr ist Rifka zugehöriger als Dichtern seiner eigenen Generation wie Adonis oder Mahmûd Darwîsh, die zwar neue Formen zu schaffen versuchen, aber von ihrer Sprache her koranischer Tradition verhaftet bleiben.

Ich lasse die Sprache aus sich selbst kommen. Es dauert lange, einige Zeilen zu schreiben. Form und Sprache meiner Poesie entsprechen nicht dem Mainstream in der arabischen Welt. Einige junge Dichter benutzen inzwischen ebenfalls die einfache Sprache. Sie haben den Surrealismus aufgegeben und versuchen, direkt und unmittelbar in beinahe alltäglicher Sprache zu schreiben.

Fuad Rifka setzt die Tradition der Mystiker der arabischen und islamischen Welt fort, deren Hoch-Zeit vom 9. bis zum 12. Jahrhundert reichte und die im Dichter einen Wahrsager, Seher und Propheten sahen. Während des Aufenthaltes in Tübingen und besonders durch das Werk Hölderlins entdeckte Fuad Rifka, daß die deutschen Romantiker ein ähnliches Ideal besaßen.

Ein Mystiker verläßt sich auf die innere Welt, auf das Herz, die Gefühle, die Träume und die Visionen. Die Mystiker der orientalischen Kultur haben dieses auf besondere Weise vervollkommnet. Leider werden diese Mystiker heute ignoriert, weil ihre Gedanken angeblich dem allgemeinen Strom der Religion widersprächen. Viele wurden verfolgt, verbrannt oder gekreuzigt allein deswegen, weil man von diesen Mystikern behauptete, sie würden gegen die Grundsätze der Religion stehen.

In seiner Poesie knüpft Fuad Rifka ebenso an das Nomadentum aus vorislamischer Zeit an. Die arabischen Nomaden besaßen viele Götter, doch vor allem glaubten sie daran, daß unpersönliche Mächte wie Zeit und Schicksal ihr Leben bestimmten. Ein Dichter spielt in ihrem Glauben eine besondere Rolle. In seinen Worten verwahrt er nicht nur die wichtigen Erlebnisse im Leben der Nomaden, sondern als erneuerbares memoriales System erinnert er dauerhaft an diese Erfahrungen.
Wie sehr die arabische Poesie die europäische und insbesondere deutsche beeinflußte, bezeugt als bekanntestes Beispiel wohl Goethes Westöstlicher Divan. Von der arabischen Poesie hat die europäische aber schon immer profitiert. Der eigentliche Urheber des mittelalterlichen Versepos Tristan und Isolde ist weder der französische Dichter Chrétien de Troyes, noch ist er keltischer Herkunft. Zu seinem Epos ließ sich Chrétien de Troyes von einer alten arabischen Dichtung inspirieren, anhand von Textstellen und Sujetvorlieben konnten dies die Literaturwissenschaftler belegen. Darüber hinaus entdeckten die Literaturkriminalisten, daß die französischen Troubadoure und höfischen Minnesänger oft aus der reichen Poesie des arabischen Raumes schöpften. Eindeutig läßt sich das an den Schriftspuren verfolgen, die die arabische Dichtung auf ihrem Weg über das maurische Spanien nach Frankreich hinterlassen hat.

Der Mystiker wie der Dichter, beide sind sie Vermittler zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen. Deshalb feierten es die Griechen stets, wenn ein Dichter erschien. Auch die Araber dachten anfänglich, daß Dichter durch Geister inspiriert sind. In dieser Hinsicht wurden den Poeten prophetische Fähigkeiten zugesprochen, und bis heute nehmen sie auf grund dieser nur ihnen widerfahrenen Gnade eine besondere Stelle in der arabischen Welt ein. Auch die Romantiker in Deutschland oder England nahmen an, daß der Dichter eine Brücke zwischen dem Himmel und der Erde ist. Viele der heutigen Dichter jedoch erfüllen nicht mehr diese Aufgabe oder ignorieren sie. Sie beschäftigen sich mit der Rinde der Dichtung, mit der technischen Seite von Sprache und Form. Aber was nützt die Form, wenn man sich nicht zugleich auf seine menschliche Erfahrung bezieht und darauf, wie tief man diese umfassenden Erlebnisse ausdrücken kann.

Gastprofessuren, Forschungsaufenthalte und Stipendien führen Fuad Rifka auch noch mit über Siebzig nach Deutschland, Amerika oder Italien. Seine reisende Beweglichkeit ist enorm, er verdankt sie dem Unsteten seiner Gedanken, die zwischen Philosophie und Wortmagie, zwischen arabischer wie europäischer Kultur wie zwischen zwei Magneten hin- und hergezogen werden. Der Ort jedoch, an dem Fuad Rifka im Einklang mit dem Universum innehalten und neu schöpfen kann, bleibt für ihn die Poesie.

Die Politik schlägt Brücken zu den Völkern, aber die Politik verändert sich. Die Ökonomie schlägt Brücken zwischen den Völkern, aber auch die Ökonomie verändert sich. Dichtung, Kunst, Denken und Philosophie jedoch sind dauerhaft. Das ist die wirkliche Brücke, die wir brauchen. Und falls wir an einer gegenseitigen, wechselseitigen Verständigung zwischen den Völkern interessiert sind, benötigen wir als Brückenpfeiler Übersetzungen.

Cornelia Jentzsch, neue deutsche literatur, Heft 560, Oktober 2004

Die Zitate Fuad Rifkas entstammen einem Gespräch der Autorin mit ihm am 27.9.2002 in den Räumen der Berliner Akademie der Künste sowie einem Gespräch zwischen Fuad Rifka und Stefan Weidner am 25.5.2003 in Bad Driburg innerhalb der vom Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe veranstalteten Wege über das Land.

Das nackte, einfache Wort

− Dichtungen des Libanesen Fuad Rifka. −

Die Wolken hat Hans Magnus Enzensberger auf seine alten Tage entdeckt. Dem „Spiegel“ war’s zwei Seiten wert – als Schritt vom Zeitgeist zum Geist. Neuigkeiten wie diese kann der syrisch-libanesische Dichter Fuad Rifka nicht bieten: Er nimmt sich schon lang das Recht, die Zeitläufe im Gedicht hinter sich zu lassen, das Radio auszuschalten und zu träumen. „In den Trümmerfeldern von Beirut, / in den Trümmerfeldern von Rom und Berlin / bis Hiroshima, / auf dem Trümmerfeld Erde / immer noch ein Jasminstrauch, / der das Auge überrascht, / ein Abendstern.“ (1998)

Sein Gedicht, das eine, das er immer klarer fassen will, zieht sich aufs Existenzielle zurück, das Ich steht vor der Schöpfung, ihrem Schöpfer und einem geliebten Menschen. Dabei knüpft Rifka eher an Hölderlin und Rilke – denen er sich auch als Übersetzer angenähert hat – als an Zeitgenossen an und schert sich nicht darum, ob das Mode sei. Das hat ihm im deutschen Sprachraum eine treue Lesergemeinde beschert; im Herbst 2001 wurden seine Übertragungen der verehrten Dichter ins Arabische mit dem Friedrich-Gundolf-Preis gewürdigt.

Reiz der Einfachheit
Nun ist umgekehrt auch ein Band ausgewählter Gedichte von Rifka auf Deutsch erschienen: „Das Tal der Rituale“ versammelt Verse aus zwei vergriffenen und drei jüngeren, bis dahin unübersetzten Werken in einer zweisprachigen Ausgabe, die das Herz jedes Bibliophilen höher schlagen lässt: So schön sind die Seiten gesetzt, dass sich das arabische Original in Ziegelrot und die deutsche Version in Schwarz zu einem typographischen Kunstwerk fügen. Es sind Gedichte aus den letzten 20 Jahren, einsetzend in Rifkas 53. Lebensjahr: ein Spätwerk, das von den „Gedichten eines Indianers“ (1993) bis zur „Ruine des Sufis“ (1998) vornehmlich ums Altern kreist. „Am Rande der Existenz / steht er immer, / in der Tasche / die Fahrkarte, / er wartet auf das Schiff, / auf die Flagge zum Übergang.“ Oder, dürrer noch: „Seit Dutzenden von Jahren / beim Gastmahl des Todes / ohne zu sterben.“ Einfacher geht es kaum, und gerade das ist Rifkas Stärke.

Der libanesische Christ hat die Bibel nicht nur neu übersetzt, er hat sich an ihrem demütigen Vortragsstil, dem sermo humilis, geschult und weiss mit schlichten Worten, mit Kindersprache – „nackt, einfach und arm“ – eine Saite zum Klingen zu bringen, ja den Leser zu erschüttern. Von der geschichtlichen Zeit findet nur Widerhall, was sich apokalyptisch deuten lässt. Mit der Zivilisation macht der meditative Naturlyriker kurzen Prozess: „Grenzen, / Sperren, / Drähte, / Reisepässe. / Und bis zum Ende der Erde / ohne Mauern / schwebt die Schwalbe, / schweifen die Füchse.“ Ihn bewegen andere Fragen: „Woher, 0 Gott? / Wohin?“ Seit dem „Krug des Samariters“ (1995) gilt ihm die Hymne als Licht in der Dämmerung des Lebens: Der von Sehnsucht nach dem Ursprung ergriffene Ton verheisst den Übergang. Das titelgebende „Tal der Rituale“ von 2001 wagt Hymnen auf die Erde, Kindheit, Liebe und Dichtung, verkündet im Angesicht des Todes; sie erklingen zwischen Eingangs- und Schlussversen, welche die Szenerie eines antiken Begräbnisrituals evozieren. Die Haltung der Hymnen ist überkonfessionell religiös, der Autor weiss genau um die Provokation, die sie „für den ‚modernen‘ Leser, für die ‚Moderne‘ und was danach kommt“, darstellen; er distanziert sich mit skeptischen Anführungszeichen und vertraut im Übrigen auf seine „alten“ Weisen. Diese feiern das Leben mit Wehmut. Die Natur erneuert sich, der Mensch schaut zu und fragt sich: „Und wir?“ So hofft er, dem die Wiederkehr verwehrt ist, am Ende auf Heimkehr zum Schöpfer.

Stimme der Besinnung
Stefan Weidners deutsche Fassung der Hymnen trifft den rechten Ton – selbst wenn der Übersetzer und Herausgeber da und dort ohne Not die ekstatische Syntax opfert, den vereinfachten Hölderlin-Ton, den das dichte Nachwort zu Recht konstatiert. „Dem Himmel / nah war …“ müsste und könnte es heissen, nicht nur „Das Kraut der Kindheit / war dem Himmel nah“ und ebenso „Stets / nach Sonnen gieren die Augen“ und nicht „Stets / gieren die Augen nach der Sonne“. Das Ende des Werks lässt die Dichter in götterferner Zeit verstummen. Das ist eine düstere Diagnose und parteiisch – will es doch anscheinend, was Lyriker heute leisten, nicht als Dichtung gelten lassen, nur Worte der Offenbarung. Glücklicherweise brauchen wir diesen Standpunkt nicht zu teilen, um Rifkas leise Stimme der Besinnung zu schätzen. Sie klingt noch lange nach in Versen wie diesen: „Die Bäume stimmen ein in die Jahreszeiten, / Die Felder färben sich, / Es singen die Vögel. / Und wir? Zwischen Nichtsein und Sein / In den Kehlen die Flamme der Frage. ( … ) In der Zeit der Wunder rollt der Stein hinab / und auf den Plätzen lächelt der Krüppel. / Gib uns ein Zeichen, / 0 Herr, / Ein einziges Zeichen, / Nichts sonst, / Und wir kommen.“

Ludwig Ammann, Neue Zürcher Zeitung, 27.5.2003

Arabien, Persien: Lyrik von Fuad Rifka

Hanser, Suhrkamp, Amman, DuMont, – man braucht nicht die Finger einer Hand, um die Häuser aufzulisten, die sich um ein konsequentes Lyrik-Programm bemühen. Wenn man sich anschaut, dass hierzulande nicht einmal die amerikanische Gegenwartsdichtung auch nur in allergröbsten Zügen erschlossen ist, mag man das Ausmaß des Mangels erahnen. Kleine, spezialisierte Verlage erwerben sich beträchtliches Verdienst, indem sie einspringen, mitunter durch vorbildlich aufgemachte Ausgaben. Diesmal wären die Straelener Manuskripte zu nennen, die den arabischen Dichter Fuad Rifka in einer liebevoll aufbereiteten zweisprachigen Fassung vorstellen.
Fuad Rifkas Gedichtband „Das Tal der Rituale“ ist auf schlichte Weise edel gestaltet und entspricht dem tradierten, aber nicht oft gepflegten Bild des stimmigen Buches. Dazu gehört freilich, dass Gestalt und Gehalt sich bedingen: die Gedichte wirken gereift, bedacht und weise, allerdings wird man hier kaum Kühnheit finden, verstörende Bilder oder irritierende Sprachkraft. Im ersten Kapitel, „Tagebuch eines Holzsammlers“, kann man sich einlesen in Rifkas politische Sicht, und im Verlauf des Buches begegnet man ihr in vielfältigen Variationen wieder, um dann erst im titelgebenden Schlussabschnitt auch eine vorsichtig erweiterte, hymnische Ausdrucksweise kennen zu lernen.
„Tagebuch eines Holzsammlers“, „Gedichte eines Indianers“, „Der Krug des Samariters“, „Die Ruine des Sufis“, „Das Tal der Rituale“ – die Namen der Buchabschnitte sprechen für eine dezente Naturmystik. „Wer ist dein Freund, / Holzsammler?“, heißt es in einer Frage-und-Antwort-Passage: „Der Leib der Erde. / Wo ist dein Weg? / Wo es keine Wege gibt.“ In dieser Welt sind die Erscheinungen nicht so abgrenzbar wie im Profanen: „Er wandert durch den Wald, / sein Hemd die Äste, / sein Stock eine Lampe“, mit dieser Vorstellung des Holzsammlers beginnt die Auswahl Stefan Weidners, der zusammen mit Ursula und Simon Yussuf Assaf die Gedichte übersetzte und sich im Nachwort für seinen Autor stark macht, der wie kein anderer arabischer Dichter mit der deutschen Kultur verbunden ist: 1965 promovierte der nun über Siebzigjährige, der auch als Übersetzer von Goethe, Hölderlin, Novalis, Rilke und Trakl vermittelnd wirkte, zu Heideggers Ästhetik, in Tübingen.

Dieter M. Gräf, Basler Zeitung, 31.1.2003

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor 
DAS&D + Friedrich-Gundolf-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett
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Fuad Rifka liest auf dem XIX. International Poetry Festival von Medellín im Juli 2009.

 

Fuad Rifka – Interview auf DW-TV, Ein Leben für die deutsche Sprache.

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