Gesang auf mein Messer

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Gesang auf mein Messer

Gesang auf mein Messer

„DAS GRÖSSTE VERBRECHEN IST DIE UNSCHULD“

wenn wir schuldner und lügner
allesamt verschuldet untereinander
allemal verlogen miteinander
unsere schuld täten und heimzahlten
wem wir es schuldig sind
vom lügen abliessen und wahrmachten
worum wir uns betrogen haben
uns lüge und schuld vergäben
und die rechnung aufginge
bliebe nichts weiter übrig
worüber noch zu streiten wäre
ausser das bisschen geld – ja
aufrichtig auf der schiefen bahn
ehrlich genug um fort zu verkommen
borgten wir uns andere wahrheiten
lögen uns grössere vermögen vor
auf dass wir schuldner und lügner
verlogen verschuldet füreinander
und unschuld also das grösste verbrechen

Stefan Döring

 

 

Wer im Provisorischen haust, ist spärlich möbliert

37 deutschsprachige Autoren einer literarischen Generation sind mit Gedichten und Statements im dritten Jahrbuch für junge Lyrik vertreten: Die ältesten geboren im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland, die jüngste im Jahr der Beatles, als diese zum ersten Mal im amerikanischen TV auftraten. Stärker noch als in den vorangegangenen Jahrbüchern zeigen sich in dieser Sammlung unterschiedliche Entwicklungen. Autoren kommen zu Wort, die Zeitgenossenschaft verbindet und literarische Strömungen trennt. Geschnitten wird viel in diesen Gedichten. Vom Kopf in den Körper wandert das Messer als poetische Chiffre. Von „Geschlitztes Ohr im Himmel“ zu „Gesang auf mein Messer“ führt ein direkter Weg. Das Messer als kollektive Obsession ist ein zweischneidiges Schwert, ein vieldeutiges Motiv, das Lust und Schmerz auf Leben und Tod verbindet. Die Kugel verfehlt ihr Ziel – das Messer setzt die Zäsur. Nach den beiden im Oberbaum Verlag erschienenen Jahrbüchern erscheint Gesang auf mein Messer in der Berliner Edition Mariannenpresse. Der Wechsel war notwendig geworden, da der Oberbaum Verlag den Herausgebern im Juni überraschend eröffnet hatte, daß das seit Januar satzfertige Manuskript – das Buch hätte bereits im Frühjahr laut Vertrag an Buchhandel und Privatabonnenten ausgeliefert werden müssen – aus finanziellen Gründen nicht mehr erscheinen würde. Einem drohenden Scheitern begegnete die Mariannenpresse mit ihrer unbürokratischen Entscheidung, das Jahrbuch kurzfristig in ihr Verlagsprogramm zu übernehmen, um ein Erscheinen im Frühherbst zu gewährleisten. Der Verlagswechsel ist durch die zeitlich früher terminierten Veränderungen innerhalb des Herausgeberteams nicht unmittelbar berührt worden. Gemeinsame Herausgeberschaft ist ein Bündnis auf Zeit, ein Zeit-Gewinn und ein Zeit-Verlust, keine eheähnliche Gemeinschaft. Auch Herausgeber aber müssen, sehr frei nach Lorca, einen Plan haben von der Gegend, die sie gemeinsam durchstreifen wollen. Gegensätzliches im Editorischen, Poetischen und Poetologischen und offengebliebene Stilfragen im persönlichen Umgang miteinander, haben diesen Plan scheitern lassen. Da mehrheitliche Abstimmung kein intuitives und intensives Gemeinsames ersetzen kann, ist die Trennung der Herausgeber die einzige Lösung, soll das Jahrbuch für junge Lyrik nicht grundsätzlich gefährdet werden. Ronald Glomb und Lothar Reese scheiden auf ihren Wunsch hin aus. Die Gründe des einen sind nicht die des anderen. Das Jahrbuch wird künftig von Wolfgang Heyder und Ernest Wichner zusammengestellt, die als Herausgeber das Projekt in einem anderen Verlag betreuen werden. Nach wie vor gilt, daß allein vieljähriges Erscheinen Auskunft geben kann über den Verbleib des Gedichts in unserer Zeit.
Wir möchten nicht aufhören, ohne denen Dank zu sagen, die das Jahrbuch für junge Lyrik möglich machen, und die damit hoffentlich auch nicht aufhören.

Ronald Glomb, Wolfgang Heyer, Lothar Reese, Nachwort, August 1985

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