Göran Sonnevi: Das Unmögliche

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Göran Sonnevi: Das Unmögliche

Sonnevi-Das Unmögliche

DAS UNMÖGLICHE; ZWEITER TEIL

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Die ernsthafte arbeit

Wo existiert deren raum, wo
deren zeit?

Sie existiert in verschiedenen stadien
ungleich verteilt in
raum und zeit
Zersplittert, zusammengefügt, wieder
zersplittert, mit scherben die glänzen
unter den bäumen

Es gibt gruppen hier, menschen
unterwegs,
in feindschaft, zersplitterung, gemeinschaft
In kollektiven
lügen, fehlurteilen, wahrheiten
Bisweilen abgeschirmt
in den blendbildern der geschichte
so daß fast jeder weg hinaus
unmöglich scheint
Auch dort
vollzieht sich die ernsthafte arbeit

Sie wird ausgeführt von menschen
die nicht anders
handeln können
Und in der hoffnung,
bisweilen maskiert als freude,
bisweilen als bodenlose verzweiflung,
daß das beinah unmögliche
sich als möglich erweist

Der durchbruch der freiheit

Die wirklichkeit der großen demokratie

 

 

 

Nachwort

Die Lyrik der Schweden erscheint oft unpersönlich geheim, entstanden wie Vogelflug oder Eisflora am Fenster. /… / Was ihr /… / in hohem Maße zugeteilt wurde, könnte man mit einer leuchtenden Ekstase des Geistes bezeichnen, verwandt jenem abendländisch-mittelalterlichen ,Spiritus‘, der keine Vereinfachung des hinter allen Rätseln harrenden Gottesgeheimnisses erlaubt und dennoch erscheint wie mit dem Silberstift in die Luft gezeichnetes Gezweige entblätterter Bäume. (Nelly Sachs)

Die zentrale Gestalt der schwedischen Lyrik der sechziger und siebziger Jahre unsres Jahrhunderts ist Göran Sonnevi. 1939 im südschwedischen Lund geboren, wächst er in Halmstad auf und studiert an der Universität Lund Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Religionswissenschaft. Außerdem absolviert er eine Bibliothekarsausbildung, übt den Beruf aber nie aus. 1960 veröffentlicht er seine Übersetzungen Ezra Pounds sowie erste eigene Gedichte in der Studentenzeitschrift Vox. Es folgen Übersetzungen vor allem aus dem Deutschen: von Jürgen Becker, Bobrowski, Celan, Enzensberger, Heissenbüttel und Franz Mon, sowie im Jahr 1961 der Debütband Unausgeführt (Outfört), zwei Jahre darauf die Sammlung Abstrakte Gedichte (Abstrakta dikter).
Von Anfang an ist die Diktion geprägt von einer anti-poetischen Exaktheit, des Ausdrucks, einer Sprödigkeit, die sich auszeichnet durch Reduktion und Komplexität zugleich, in einem ständigen Wechselspiel von Abstraktem und Konkretem, von Innen und Außen. Bei aller asketischen Strenge ist die Syntax der Kurzzeilen musikalisch aufgeladen durch eine synkopische, am Jazz orientierte Rhythmik, einen stockenden, stakkatohaften Puls.
Die abstrakte Welt, gegen die Sonnevi anschreibt, ist eine Welt der Hypostasierungen, von Verdinglichung und Erstarrung in sprachlichen Zeichensystemen und Machtverhältnissen. Gegen diese existentielle Bedrohung setzt seine Dichtung offene Formen, anfangs, etwa in der Sammlung eingriffe – modelle (ingrepp – modeller) von 1965, als „Sprachaggregate“, später in großangelegten vielschichtigen Zyklen.
Eine enorme Wirkung nicht nur literarisch, sondern auch für die politische Diskussion erzielt das ebenfalls 1965 veröffentlichte Gedicht „Über den Krieg in Vietnam“, das mit seinem unterkühlt-nüchternen Engagement zu einem Auftakt für die breite schwedische Vietnambewegung wird.
Eine Ausweitung seiner Themenstellung vollzieht Sonnevi in den beiden umfangreichen Bänden Die unabgeschlossene Sprache (Det oavslutade språket, 1972) und Das Unmögliche (Det omöjliga, 1975). Sie formen sich zu einem offenen Diskurs über die Problematik von Erkenntnis und Befreiung in einem weiter greifenden Sinn als innerhalb der engagierten Lyrik gemeinhin. Neben seismographisch genauen Chroniken der politischen Ereignisse stehen immer neue Ansätze zu einer Totalität der Wirklichkeitserfassung. Der konsequente Prozeß von Reflexion und Selbstvergewisserung setzt sich fort in dem vier Jahre später erscheinenden Band Sprache; Werkzeug; Feuer (Språk; Verktyg; Eld). So heißt es dort etwa im Rückbezug auf die Aussagen über die Befreiung Vietnams von 1975: „22.2.76 Die befreiung Kambodschas war keine befreiung“.
Im Konzept des „Unabgeschlossenen“, Offenen, Vorwärtsgerichteten von Sein und Geschichte trifft sich Sonnevis Poetik mit der Philosophie Ernst Blochs. Ähnlich wie Bloch versteht Göran Sonnevi Materie in ihrer Prozeßhaftigkeit:

Die Materie selber ist unabgeschlossen; also ist sie Materie nach vorwärts, ist offen, hat eine unabsehbare Karriere vor sich, in die wir Menschen eingeschlossen sind, sie ist die Substanz der Welt. Die Welt ist ein Experiment, das diese Materie durch uns mit sich selber anstellt. (Bloch, Utopische Funktion im Materialismus. In: Gespräche mit Ernst Bloch. Frankfurt/Main 1975, S. 286).

Auch bei Sonnevi ist das „Unabgeschlossene“, bezogen auf Sprache und Geschichtlichkeit der Existenz in ihrer ungelösten Antinomie von Möglichem und Unmöglichem, von Lebens- und Todesvorstellungen:

der gleichzeitige
bau von hölle und paradies, immer
unabgeschlossen

wird in Gedichte ohne Ordnung (Dikter utan ordning, 1983) postuliert, und im bislang, letzten Band Unabgeschlossene Gedichte (Oavslutade dikter) aus dem Jahr 1987 heißt es:

Das sehr alte
projekt, von der befreiung
des menschen; das ganz junge noch
unabgeschlossen

Im Werk Göran Sonnevis scheinen die beiden in der Poesie der Moderne auseinanderklaffenden Pole von engagierter und hermetischer Dichtung für einen kurzen Zeitraum vereint: in der durchgängigen, dennoch schillernden Metaphernsprache seiner Lyrik wird der Gegensatz eingebettet in den Kreislauf von Zerstörung und Neugeburt in Natur und Gesellschaft und letztlich aufgehoben in einem luziden Mystizismus, der die politischen Fakten rätselhaft werden läßt und die enigmatischen Bilder, etwa der Mutter, des unablässigen Gebärens, immer wieder eintaucht in konkrete Materialität, in Körperlichkeit und Deformation. Schreiben wird verstanden als Teil einer steten Anstrengung, der „ernsthaften Arbeit“ die destruktiven, lähmenden gesellschaftlichen Kräfte, das „Unmenschliche zu transformieren“ und die sprachlichen Festlegungen aufzubrechen.
Der vorliegende erste Band einer zweibändigen Werkausgabe mit Texten von Göran Sonnevi umfaßt eine Auswahl aus der Produktion der Jahre 1958 bis 1975. Die Gedichte werden chronologisch vorgestellt. Die einzige Ausnahme bildet „Das Unmögliche“, das an den Anfang gestellt den Kreis zum abschließenden großen zyklischen Gedicht „Das Unmögliche; Zweiter Teil“ schlägt. Im Original umfaßt allein dieser Text 235 Seiten. Er wurde als Steinbruch aufgefaßt, aus dessen offener tektonischer Textur einzelne Brocken herausgelöst wurden. Die Strukturlinie des Ganzen dürfte dennoch in groben Zügen erhalten geblieben sein. Ähnliches gilt für den Zyklus „Die unabgeschlossene Sprache“ aus dem Jahr 1972.
Im geplanten zweiten Band sollen, in ähnlich breiter Auswahl, Texte aus der Zeit von 1975 bis 1987 folgen.
Für die Hilfe und den kritischen Blick bei der Durchsicht der Übersetzungen danke ich Ulf Peter Hallberg.

Klaus-Jürgen Liedtke, Nachwort, Mai 1988

 

Ein Gespräch über Bäume und Kriege

– Der schwedische Lyriker Göran Sonnevi in Zürich. –

Zu der Reihe Lyrik der Welt – Welt der Lyrik hat die Galeristin Susanna Rüegg Steiner für gestern Sonntag einen der bedeutendsten Lyriker Schwedens nach Zürich eingeladen. Göran Sonnevis Dichtung spricht von Blumen, Sprache, Krieg.
Im Spätwinter 1965 schrieb der schwedische Lyriker Göran Sonnevi ein Gedicht über den Schnee.

Am Morgen
war alles zugeschneit. Ich gehe jetzt
hinaus und fege nach dem Sturm.

Das Gedicht heisst „Über den Krieg in Vietnam“ und hat es in die Spalten der Literaturgeschichten geschafft: als literarischer Anstoss zur schwedischen Anti-Vietnamkriegs-Bewegung.

Mit jedem Tag
werden mehr getötet in dem widerwärtigen Krieg der USA.
… Mehr Tote, mehr Rechtfertigungen,
bis alles zugeschneit ist.

Am Wochenende kam Sonnevi aus Stockholm nach Zürich, um in der Galerie Savoir-vivre an der Schipfe auf Schwedisch und Deutsch aus seinem Werk zu lesen. Am schwedischen Mälarsee zeigen sich zaghaft erst die Schneeglöckchen, an der frühlingshaft rauschenden Limmat blühen die Osterglocken. Sonnevi geniesst den Frühling und die Blumenpracht. – Und der Krieg?

Lyrischer Langstreckenlauf
Göran Sonnevi ist einer der bedeutendsten Lyriker der schwedischen Gegenwartsliteratur. Der Titel seines ersten Gedichtbands von 1961, Outfört (Unvollendet), enthält schon ein Programm für sein gesamtes Werk. Die Gedichte – und auch die Gedichtsammlungen – sind keine abgeschlossenen Sinneinheiten, sondern Bausteine in einem fortlaufenden Prozess, einer unermüdlichen lyrischen Arbeit an den Bedeutungsgefügen der Sprache, die unser Denken beherrschen, unsere Wirklichkeit herstellen. In diesem „lyrischen Langstreckenlauf“, so der Romancier Lars Gustafsson über Sonnevis Hauptwerk, die 400 Seiten starke Gedichtsammlung Det omöjliga (Das Unmögliche, 1975), bewegt sich der Dichter in kühnen Reflexionsbögen über die Grenzen der Wissensgebiete hinweg. Souverän verwandelt er Psychiatrie und Sprachphilosophie, Geschichte und Astrophysik, Mathematik und Erotik in – Poesie. Er schliesst Persönliches und Politisches, kurz, Konkretes und Abstraktes, Emotion und Reflexion. Nicht nur in Det omöjliga und im folgenden Band Språk; Verktyg; Eld (Sprache, Werkzeug, Feuer, 1979), die beide von Klaus-Jürgen Liedke ins Deutsche übersetzt wurden, arbeitet er sich unablässig ab an den Grenzen des Wissens, des Denkens, der Sprache, der Individualität. Und springt doch immer wieder zurück ins Zentrum der Lebenswirklichkeit: zum Du, zur Liebe, zu Erlen und Schwalben, zur Antiterrorgesetzgebung in Schweden oder zum Völkermord in Kambodscha.
Sonnevi ist Lyriker. Kein Literaturwissenschafter, obwohl er, der ursprünglich Ingenieur werden wollte, neben Geschichte und Philosophie an der Universität Lund einst auch dieses Fach studiert hat. Auf Fragen nach Einflüssen auf seine Dichtung reagiert er zögernd. Celan hat ihn als jungen Mann so beeindruckt, dass er eine Reihe seiner Gedichte ins Schwedische übersetzte. Auch Hölderlin, Mandelstam oder Bobrowski gehören zu der auserwählten Schar, die er in eine Sammlung eigener Lyrikübersetzungen unter dem Titel Framför ordens väggar (Vor den Wänden der Worte, 1993) aufgenommen hat. Aber Einflüsse? Seine Dichtung entstehe nicht geplant, nicht durch bewusste Konstruktion, sondern in einem Prozess, in dem das Unbewusste, die Sprache selbst oder der Zusammenstoss von Ich und Sprache, ebenso viel Anteil habe wie das rationale Bewusstsein. Strukturen, Logiken werden sichtbar erst im Nachhinein.

Poesie und Politik
Und der Krieg? – Göran Sonnevi, ein mittelgrosser, eher unscheinbarer Mann Anfang sechzig, sitzt in der Galerie an der Schipfe und lächelt freundlich, nachdenklich. Die Limmat rauscht, die Grossmünstertürme leuchten in der Abendsonne, Glocken läuten. „Ein Gedicht kommt von selbst“, sagt der Autor, „nicht weil ich es will“. Sonnevi ist Lyriker. Kein Politiker. Er ging früher zu Protestveranstaltungen gegen den Vietnamkrieg, heute zu Demonstrationen gegen den Irakkrieg. Aber ein Gedicht über den Krieg gegen Saddam braucht er nicht mehr zu schreiben. Er hat es schon geschrieben – irgendwo und irgendwann in dem endlosen lyrischen Prozess, den sein Werk darstellt. Letzte Woche leitete eine schwedische Tageszeitung ihren Kommentar zum Irakkrieg mit Zeilen aus Sonnevis 1981 veröffentlichtem Sonettband Små klanger; en röst (Kleine Klänge; eine Stimme) ein:

Ich kann den unbeholfenen Worten nicht glauben,
die versprechen, der Sieg sei nahe,
wenn ich den Preis sehe, die Absichten.

Wolfgang Behschnitt, Neue Zürcher Zeitung, 31.3.2003

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Göran Sonnevi liest beim Södermalms poesifestival 2015.

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