Guntram Vesper: Ich hörte den Namen Jessenin

Vesper-Ich hörte den Namen Jessenin

ZWEI HÄLFTEN DES LEBENS

Mit zwanzig bejahte mein Vater
den Sozialismus, mit dreißig
fiel er in Rußland ein.

Als er endlich zurück war, hatte er
nur noch Interesse für den Schmied gegenüber
für die Ölmühle, die dort
im Keller stand.

Heute sagt er bei jedem Besuch:
Gerechtigkeit, Fortschritt
Schwindel das alles

da, sagt er noch
und gibt mir fünfzig Mark.

 

 

Auf der Suche nach dem ersten Gedicht

Die Schreibversuche am Anfang waren zufällig und naiv. Drei Jahre nach dem Krieg, achtundvierzig, ging ich in die zweite Klasse der Frohburger Grundschule. Ich hatte Lesen und Schreiben gelernt und trug in eine ausgediente Kladde des Tierarzt-Großvaters einen Text ein, den ich Erstes Weltgedicht nannte und in dem ich über zwei Seiten die Bestandteile und Hervorbringungen der Schöpfung aufzählte, Zeile auf Zeile, in einer Mischung aus Druckbuchstaben und Schreibschrift, mit Bleistift.
Die Kladde ist zwischen Frohburg und Göttingen verlorengegangen. Dagegen gibt es das Heft noch, in dem die Erzählung steht, die ich drei oder vier Jahre später geschrieben habe. Sie spielte im Wilden Westen und erzählte von einer Räuberbande, die Siedlertrecks mit falschen Wegzeichen in die Wüste lockte und ausplünderte, die Siedler wurden umgebracht. Rächende Hand des Schicksals am Ende. Dazu eine Einleitung und drei oder vier Fußnoten. Für die Schönschrift habe ich einen der stotternden Kugelschreiber der Nachkriegszeit benutzt, auf der allerletzten Seite findet sich eine Liste für die Signaturen der Leser, das Heft ist in brüchiges braunes Packpapier eingeschlagen.
Mein Erstaunen, heute. Wie kam ich damals dazu, dem geschriebenen Wort, Gedichten und Erzählungen zu trauen. In einem Land, das gerade, von seiner Schuld und seiner bewaffneten Sprache auseinandergetrieben, in zwei feindliche Teile zerfiel. Und in einer abgelegenen Kleinstadt von kaum fünftausend Einwohnern, die alle entweder zu den vielen Mitläufern oder zu den wenigen Aktivisten des angeblich Vergangenen und des angeblich Kommenden gehörten.
Die einzige Buchhandlung am Ort war in erster Linie Schreibwarenladen, während die beiden kleinen Leihbibliotheken auf Anordnung des sowjetischen Stadtkommandanten schon im Juli fünfundvierzig zugemacht hatten und höchstens unter der Hand einmal einen Edgar Wallace herausgaben. Nur die Volksbücherei zwischen Rathaus und Apotheke stand mir offen. Zwei Räume mit Fenstern zum Markt. Immer neue verlagsfrische Bücher landeten in den anfangs gähnend leeren Regalen. Geruch nach Druckerschwärze. Haltbare Einbände. Auf den Deckeln kräftige Bilder. Erkenne ich von weitem in jedem Antiquariat, in das ich komme.
Die langen Sommernachmittage, die ich zwischen den drei oder vier Regalreihen verbrachte. Ich mußte nur schräg über den staubigen Markt gehen. Vorn, am Eingang der Bücherei, saß eine der häufig wechselnden älteren Frauen hinter dem Tisch und wartete, Tintenstift und Klappkasten in Bereitschaft, niemand kam. Als sei ich der einzige Leser.
Alle Fenster offen, Stille. Das Summen der Fliegen unter der Decke. Dazu jede Stunde von draußen das Rasseln des Traktors, der Tag und Nacht die Wagen mit dem Kohlenstaub für die Kattundruckerei vom Bahnhof holte. Meist saß ich in einer Ecke des Hinterzimmers auf den geölten Dielen und las die Berechnungen, die sie Romane nannten, Fern von Moskau, Ritter des goldenen Sterns, Sturm, allesamt hatten sie ihren Verfassern den Stalinpreis eingebracht.
Daneben die kleinen Funde. Willi Bredels Fünfzig Tage zum Beispiel. Vom Dorf Bruchstedt in Thüringen war die Rede, das im Mai neunzehnhundertfünfzig durch Unwetter und Überschwemmung zerstört worden war. Partei, Jugendverband und Volkspolizei setzten eine landesweite Kampagne zum gelenkten Wiederaufbau in Gang und drückten diesen Wiederaufbau gegen die abwartende Skepsis der ruinierten Bauern durch. Fünfzig Tage, dann sollte alles fertig sein, verlangten Regierung und Rote Armee. Merkwürdig und bezeichnend, daß man sich bei der Kürze der Zeit nicht darauf beschränkte, die Reste der zerstörten Gehöfte abzutragen, auch unbeschädigte Häuser wurden niedergerissen, um die Dorfstraße verbreitern und einen Kindergarten, ein Kulturhaus, überhaupt ein Dorf neuen Typs bauen zu können, im Schwung und mit den Hintergedanken der Anfangsjahre.
Die Stadtbücherei war nicht mein einziger Bezugspunkt am Markt. Genau gegenüber, vier Häuser neben uns, wohnte ein ehemaliger Lehrer. Im ersten Stock der Bäckerei. Er hatte dort Anfang der zwanziger Jahre eingeheiratet. Intimus meines Vaters aus der Zwischenkriegszeit, Demokrat. Mitglied oder Anhänger der Demokratischen Partei. Was Großmutter zu immer erneuten Warnungen Anlaß gab, linksbürgerlich, das passe von zwei Seiten nicht zusammen.

Im Herbst fünfundvierzig, als nach einem Sommer zwischen Ende und Anfang auch bei uns der Unterricht wieder begann, wurde der Schwiegersohn des Bäckers nicht mehr in die Schule gelassen. Woran das lag. Mit den braunen Jahren hatte es jedenfalls nichts zu tun. Eher war es ein Fall von Zuträgerei und Entscheidung im Hinterzimmer. Seine Eingaben bis nach Berlin blieben ohne Erfolg. Wieder ein Kandidat für die Kohlengruben oder die Wismut.
Der abgehalfterte Lehrer aber hatte mit der Arbeit in der Kohle nichts im Sinn, er suchte Monat für Monat und kam endlich bei der Kirche unter. In der Alten Farbe am Schloßteich hielt er klassenweise die Christenlehre ab. Der Religionsunterricht war aus den Räumen der Schule ausquartiert worden, so zogen wir mittags mit Ranzen und Mappen durch die Amtsgasse zur Alten Farbe und ließen uns dort die biblischen Geschichten, das Neue Testament vorlesen, nach einem Vorspiel auf dem Harmonium. Natürlich war, was die Kirche zahlte, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Vater verabredete deshalb mit seinem Freund, daß er mir Stunden gab, zwei-, dreimal die Woche, gegen Bezahlung, Rechnen vor allem.
Wieder erinnere ich mich an Nachmittage im Sommer. Neben mir am Eßzimmertisch der alternde Mann Ende Fünfzig, sein großes graues Gesicht, die Brille. Manchmal stieß ihm das Essen auf. Kurzes unterdrücktes Würgen, dann führte er schnell die Hand zum Mund. Fleckige Haut. Fingerkuppen, die sich schälten, überall, in allen Heften und Büchern die weißen trockenen Flocken.
Offenes Fenster auch hier. Rufe spielender Kinder vom hallenden Platz herauf. Um so lauter, je später der Nachmittag. Hin und wieder übertönt von den Durchsagen des Ortsfunks, dessen Lautsprecher an allen vier Ecken des Marktes hingen. Im Hintergrund des Zimmers wandbreit, wandhoch das Bücherregal. Als ganz junger Lehrer habe ich mir die große Balzacausgabe der Insel gekauft, sechzehn Bände, Einleitung Hugo v. Hofmannsthal. Kostete seinerzeit ein Vermögen.
Ein-, zweimal bei jedem Besuch das Klappen der Tür in meinem Rücken, dann ging hinter mir lautlos die blasse Frau durch den Raum. Die Ehe war kinderlos. Oder hatte es einen Sohn gegeben, der an der Ostfront gefallen war. Kinderlose Gesichter, empfand ich.
Das erste Vierteljahr übte ich Malnehmen und Teilen. Untereinanderschreiben der Zahlenkolonnen, Zusammenzählen, je besser ich das im Lauf der Zeit beherrschte, desto länger wurden unsere anschließenden Gespräche. Bis wir uns nur noch unterhielten. Ob ich mir unter dem Wort Equipage etwas vorstellen könne, wurde ich gefragt. Eine Kutsche vielleicht. Ganz recht, vornehme Reisekutsche, ein Wort aus dem Französischen. Dann sprachen wir lange über das verrottete Königtum der Bourbonen und über die Revolution von siebzehnhundertneunundachtzig. Oder es ging um den Ebro, um Madrid und Barcelona. In welchem Land. Folgte ein Abriß des Spanischen Bürgerkriegs, Schilderung der Moros, der grausamen maurischen Truppen Francos, wie die Beauftragten Stalins hinter der republikanischen Front erst gewühlt, dann gewütet hatten. Auf beiden Seiten haben übrigens Leute aus unserer Gegend gekämpft. Ein Unteroffizier aus Greifenhain in der Legion Condor und aus der Schulgasse hier zwei Brüder bei den Internationalen Brigaden.
Einmal, im Sommer dreiundfünfzig, ging der Freund zum Regal und kam mit einem Heft wieder, das während der Inflation in Berlin gedruckt worden war. Gedichte aus Sowjetrußland, ich wunderte mich nicht.
Er las mir vor: durch Ebenen zum Horizont. Jessenin. Merk dir den Namen. Seine Bauern sind damals verhungert. Und in Leningrad wurde der erste Dichter erschossen. Drei Jahre Frankreich, die Flucht zu Elisabeth Duncan, dann kommt er zurück an die Newa, die eigene Haut ist besser, besser als jede glitzernde fremde. Und hängte sich auf, lies es nach.
Eine Woche später, am siebzehnten Juni, schrieb ich kurz vor dem Schlafengehen ein paar Zeilen in meinen Taschenkalender.

In der ganzen DDR die Arbeiter gestreikt. Polizisten vertrieben, Parteihäuser und Propagandapavillons geplündert. Regierung machtlos. Mittags dann Waffengewalt.

Vielleicht mein erstes Gedicht. Sätze, deren Anfang und Ende ich suchen mußte. Ich war gerade zwölf geworden.

Guntram Vesper, Nachwort

 

Heimat als ein Verlangen nach Glück

– Guntram Vespers Lyrik in der Frankfurter Verlagsanstalt. –

Der Ruch des Spektakulären haftet ihm nicht an. Autoren, die in den siebziger und achtziger Jahren die DDR verließen, hatten es einfacher, sich literarisch zu behaupten. In der Folge ihres zumeist demonstrativen Fortgehens standen und stehen sie im Licht der Öffentlichkeit. Guntram Vesper, 1941 als Sohn eines Landarztes in der sächsischen Kleinstadt Frohburg geboren, ging bereits 1957 über Westberlin in die Bundesrepublik, war Hilfsarbeiter, Heimschüler und Student und lebt heute als Schriftsteller und Privatgelehrter in Göttingen und in Steinheim am Vogelsberg. Er hat Erzählungen, Romane und Hörspiele geschrieben, vor allem jedoch Gedichte.
Ich hörte den Namen Jessenin, kürzlich erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, ist der vorläufig letzte in einer ganzen Reihe von Lyrikbänden. Was daran verblüfft: Vesper kehrt dann thematisch zu seinen Ursprüngen zurück, zur Kindheit in Frohburg, zur Flucht mit den Eltern nach Westberlin und zu den ersten Jahren in Steinheim. War das Motiv des geteilten Vaterlandes, des Verlustes der Heimat, zuerst in Fahrplan (Eremitenpresse 1964) und Gedichte (Sigbert Mohn Verlag 1965) aufgegriffen, nicht längst anderen Themen gewichen? Rückblickend scheint es nun als hätten Vesper die Erfahrungen der DDR-Kindheit nie losgelassen, als hätte die Leidensästhetik der Illusionen des Unglücks (1980) ihren Ursprung bereits in den Frohburger Jahren, ebenso wie der Sinn für Niederlagen, der insbesondere in den Balladen der Nordwestpassage (1980) zum Ausdruck kam. Glaubte der Autor in der Aufbruchstimmung der sechziger Jahre – gleich anderen noch an die Möglichkeit des direkten Eingreifens von Literatur in öffentliche Belange, streifte er die Eierschalen der Naivität in Die Inseln im Landmeer (1982, erweitert 1984) endgültig ab. Der Zugewinn an gedanklicher und poetischer Reife wurde 1985 mit dem renommierten Peter-Huchel-Preis bedacht. Mit Huchel gemeinsam hat er zweifellos die Thematisierung von Erinnern und Gedächtnis. Johannes Bobrowski als einer der Großen in der Traditionslinie muß genannt werden. Der Heimatort Frohburg, bereits in Die Illusionen des Unglücks zur „Chiffre für unbändigen Zorn und unendliche Trauer, für unerfüllte Hoffnungen, ein unstillbares Verlangen nach Glück und Geborgenheit, für Seelennot, die immerwährenden Ängste…“ (F.J. Görtz im Nachwort zu Landeinwärts, Prosa und Gedichte 1984) geworden, lieh den Gedichten des nächsten, 1985 erschienenen Buches den Titel. Auch die ersten drei Kapitel in Ich hörte den Namen Jessenin handeln von Frohburg eine poetische Bilanz der frühen Jahre. Das Wort „handeln“ ist hier ganz bewußt gewählt; obwohl es Gedichte sind, stehen sie der Prosa sehr nahe. Guntram Vesper selbst hat in seinem Essay „Bemerkungen zum Schreiben von Gedichten“ dieselben „stark stilisierte, verkürzte und verdichtete Geschichten“ genannt. In „Landmeer“ formulierte er sein literarisches Credo. Auch dort ist von „beschreiben“ und „erzählen“ die Rede:

Wir dürfen unser
Leben
nicht beschreiben, wie wir es
gelebt haben
sondern müssen es
so leben
wie wir es erzählen werden:
Mitleid
Trauer und Empörung.

Gefühle aber werden in Ich hörte den Namen Jessenin nicht ausgebreitet. Mitleid, Trauer und Empörung, vor allem aber Angst stecken in den Details. Karg ist die Sprache, mit der Vesper die Landschaft der frühen Kindheit beschreibt: die Teiche bei Eschefeld, das sandige Ackerland um Frohburg, den Wald, die Kindheit am Fluß Wyhra. Nüchtern ist der Bericht über das Land bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit in der Kleinstadt und bei den Bauern der umliegenden Dörfer. Selbst die Natur ist ohne Sentiment beschrieben: kein Pathos (darin unter anderem unterscheidet er sich von Huchel), keine Gefühligkeit, keine ausschweifenden Bilder. Wie fand er zu einer solch eindrucksvoll kargen Sprache? In einem Essay hat Vesper das Geheimnis gelüftet: bis zu vierzigmal schreibt er seine Gedichte immer wieder neu, entschlackt sie, bis sie nur noch das Wesentliche enthalten. „Dabei ist sprachliche Schönheit für mich immer Schlichtheit gewesen. Eine einfache Sprache habe ich eigentlich immer für schön gehalten. Und dann gibt es die Schönheit der Bilder, des gedanklichen Inhalts. Das alles finde ich beim späten Brecht und, anders entwickelt, beinahe von Anfang an bei Huchel,“ sagte Guntram Vesper 1985 in einem Interview im 2. Hörfunkprogramm des Südwestfunks. Wie bei Huchel leben die Gedichte von sozialer Stimmigkeit bis ins Detail: „Damals verschwand das / Brot aus den Bäckereien // aus den Straßen / verschwanden die Männer“ lesen wir im „Bericht“ über die Zeit gegen Ende des Krieges. Die einfachen Dinge weisen auf zeitlich fixierte soziale Befindlichkeit, ganz konkret: „Hohe Schuhe mit Holzsohlen / Aktentaschen aus Pappe…“ („Frühschicht“) sind die Attribute der Nachkriegszeit. Soziales verrät besonders die gesprochene Sprache. „Die Bauern von Greifenhain“ kommen im gleichnamigen Gedicht in knappen Stilfiguren selbst zu Wort; das gesprochene Wort als soziales und politisches Indiz. Sprache verrät. Im Spiel der Kinder denunziert sich der Militarismus der Stalinzeit. Vesper hat es in wenigen Sprachgesten festgehalten – ein Chronist der Sprache wie der eigenen inneren Verfassung:

immer am Wortschatten entlang
auf der Suche nach der
zerrissenen Kette

(„Erste Nacht“).

Der Riß als Gegenstand des Gedichts, Orte der Begegnung mit einer sprechenden Ich-Figur, die oft nur mittelbar anwesend ist. Im ersten Kapitel wird dieses Ich sogar ganz vermieden, ist indirekt anwesend in den Knaben, die am Teich angeln, im Wald bei Eulenschrei und Hasenschlinge und – wie im zweiten Kapitel – an den für ein Menschenleben so bedeutsamen Orten: Schulhof, Schloß, Rathaus und Friedhof. Da begegnen uns die Schieber der Nachkriegszeit, die vor dem verlassenen Schloß schon nach den Möbeln anstehen, der ehemalige Freikorpskämpfer, der nun die Einwohner als Fotograf aufs Korn nimmt und der ausgediente Offizier, der es nicht lassen kann, zu befehlen. Alles erinnert noch an den Krieg: das Holzkreuz am Weg, nach dem der Junge fragt und sein Geheimnis am Grunde des Teiches: der Panzer. Alles in allem ein Interieur der Nachkriegszeit in einer ostdeutschen Kleinstadt. Vesper wäre jedoch „nur“ Heimatschriftsteller oder Provinzdichter, wenn seine Texte nicht mehr enthielten: das Existentielle, das Exemplarische, die symptomatischen Punkte, an denen das Ich in Widerspruch zu Geschichten und Zeitgeist gerät; die Gedichte arbeiten systematisch dem Zeitgeist zuwider, indem sie Verdrängtes ins Bewußtsein heben: unaufdringlich, leise und genau. Verdrängtes in „Schule der Empfindungen“ ist das Erinnern an eine Frau überschrieben, aber es könnte über allen Texten stehen. Auf Bedrohung folgt Angst, auf Verlust Ratlosigkeit, auf Befehle die Verweigerung. Das wird nie ausgesprochen, scheint aber dort auf, wo Bild auf Bild trifft und ein Neues entsteht, ein Nicht-einverstanden-Sein, ein Widerstehen gegen Kälte und Härte. Erzeugt nicht auch Widerstehen Härte? Nicht in der Art, wie Vesper widersteht: mit den Sinnen, mit dem, was er sehend, hörend, ja sogar riechend („Taubengeruch“) im Gedächtnis bewahrt. Schule der Empfindungen: geprägt von der „Sprache des Todes“, gesprochen von Posten in der „Manöverzone“, vom „Wächter“, der den Schießbefehl erwartet, vom „Fänger“. Es ist das einst deutschdeutsche Grenzthema:

Land um eine Achse aus Draht.

Das Gedicht „November siebenundfünfzig“ markiert die Zäsur, die Flucht über „die andere Hälfte der Frontstadt“ in den Westen. Aufbruch, Ankunft, Erkundung und Neuverwurzelung sind in den Versen der folgenden Kapitel als Prozeß festgehalten. Mit sechzehn hatte Vesper die DDR verlassen, mit siebzehn, in einem Schülerheim in Hessen, begann er intensiv Gedichte zu schreiben. Über jene Zeit sagte er in der Dankrede zum Peter-Huchel-Preis, daß er lange „unter einem diffusen betäubenden Schock“ gestanden habe, den „Beziehungslosigkeit und ein Anhauch von Kälte“ ihm „versetzt hatten“. Auch in Steinheim – wiederum eine ländliche Gegend – ist die Bedrohung nicht vorüber. Das Schlachten, die Dunkelheit, die Jäger kommen erneut ins Bild, als konkrete Dorferlebnisse und zugleich als Metaphern für eigenes Befinden und das der Welt. Die Empfindung einer stummen, allgegenwärtigen Bedrohung hat Vesper von Deutschland nach Deutschland mitgenommen. Sie prägte fortan sein Leben und Schreiben. Das ruhig, genau und klar benannt zu haben, ist sein Verdienst. Es macht seine Verse glaubhaft und lesenswert als Chronik eines exemplarischen Grenzfalles.

Thea Samain, Neue Zeit, 24.4.1991

Guntram Vesper

– Laudatio auf den Empfänger der Dr. Manfred Jahrmarkt-Ehrengabe 2006. –

Manches Persönliche, meine Damen und Herren, scheint da im Spiel, zumindest biographisch: Göttingen im Jahr 1963, die – wie man heute sagen darf – ehrwürdige Universitätsstadt, in der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die jungen Dichter Hölty, Boie und Bürger sich trafen und den Hainbund gründeten und bei ihren Zusammenkünften stets einen leeren Sessel bereitstellten für den hochverehrten Klopstock, auch wenn der nie erschien. Es war die Zeit der „Empfindsamen“, welche die Poesie beflügelte und in Goethe Die Leiden des jungen Werthers reifen ließ, während nur eine Generation zuvor, seltsam erscheinender Gegensatz, in den Mauern der Bürger- und Beamtenstadt der Grundstein für eine Aufklärungsuniversität, nach Halle die zweite in Deutschland, gelegt worden war, bei der ein Hannöverscher Staatsbeamter mit Namen Münchhausen (nicht der „Lügenbaron“ natürlich, aber ein Mitglied der Familie) eine bedeutende und wegweisende Rolle spielte. Georg Christoph Lichtenberg kam in der Folge als Professor für Experimentalphysik nach Göttingen, ein Vierteljahrhundert später als Studiosus der Rechte auch Heinrich Heine – den man nach einem Jahr von der Universität relegierte. Bisweilen herrschten rauhe Sitten an der Alma mater der südniedersächsischen Kleinstadt. Ihrer Ämter enthoben wurden bald auch die berühmten „Göttinger Sieben“, unter ihnen die Philologie- und Volkskunde-Professoren Jakob und Wilhelm Grimm, wegen ihres Protests gegen allzu viel staatliche Bevormundung.
Der Sommer 1963 schien beschaulicher in Göttingen. In Frankfurt hatte der Auschwitz-Prozeß zwei Jahre zuvor begonnen, was die Studenten jener Jahre noch wenig zu berühren schien. Man saß, wie der hier vor Ihnen Stehende, in germanistischen Lehrveranstaltungen, zusammen mit Heinz Ludwig Arnold, Wolf Wondratschek oder Lothar Baier, womöglich in Proseminaren des aus Zürich nach Norden gekommenen Assistenten Adolf Muschg, dessen älterer Halbbruder Walter einem bekannt war als Verfasser einer „Tragischen Literaturgeschichte“, bekannter jedenfalls als Adolf, von dessen dichterischen Ambitionen damals noch niemand etwas wußte, so wenig wie von den Plänen der genannten Arnold, Baier und Wondratschek. Die wollten eine Zeitschrift gründen, hörte man ungläubig auf den Seminar-Fluren, bis es dann tatsächlich, Mitte der sechziger Jahre, erschien, das erste Heft von text & kritik. Und dann hörte man auch, es gebe da einen jungen Dichter, der Medizin studiere. Einige, die sich nicht nur für den Barock oder den späten Goethe interessierten, waren ihm wohl schon begegnet, im Kenter, wie man den unter Eingeweihten gepriesenen Künstler- und Literatenkeller am Stadtrand – in Abweichung von der französischen Schreibweise „Centre“ – nannte. Inzwischen sollte auch ein Gedichtband (Am Horizont der Eiszeit, 1963) erschienen und ein zweiter in der schon damals legendenumrankten Eremiten-Presse in Vorbereitung sein. (Später übrigens sollte man über all das oder vieles von dem, was ich hier skizzenhaft memoriere, in Vesperschen Büchern an dieser oder jener Stelle Genaueres nachlesen können.)
So lernten wir uns kennen, oder richtiger: so lernte ich Guntram Vesper kennen, in seinen frühen Büchern zunächst. Unsere erste persönliche Begegnung fand später statt, irgendwann in den siebziger Jahren, ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Sie schien auch gar nicht so wichtig, so sehr wir einander persönlich auch zu schätzen begannen. Ich las seine Texte und glaubte, so auch den Dichter Vesper als Person zu kennen. Er schrieb oft von sich selbst, wenn auch nicht so, wie es bald in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur grassierenden Mode geworden war in der Flut autobiographischer Bekenntnisse, in denen oft belanglose Ereignisse und Erlebnisse aneinandergereiht waren. Man nannte das bald, eher abschätzig, „Verständigungsprosa“.
Anders bei Vesper: Er schreibt von oder über sich und erzählt Geschichten oder berührt sie in seinen Gedichten, oft oder meist Vergangenes, das er gleichsam in die Gegenwart zurückholt, indem er das Erzählte, plötzlich oder auch von Anfang an vorbereitet, mit seiner Person verbindet, auf rätselhafte Weise nicht selten und oft unter der Hand, unauffällig kunstvoll gewissermaßen.
Natürlich war Göttingen, wo Vesper bis heute lebt und das auch mir damals als Heimat erschien, ein Thema, das mich fasziniert hat. Alles ist nah und doch auch zugleich fern, wenn Vesper darüber schreibt. So erzählt der Autor nicht nur von sich, wie er zuerst ein Zimmer unter dem Dach bezog im Verschlag eines Göttinger Vororts, sondern läßt zugleich nicht unerwähnt, anekdotisch scheinbar und doch auf ganz anderes, das bald bedeutsam werden sollte, verweisend, daß Wand an Wand mit ihm Hans-Jürgen Krahl – wer kennt diesen Namen heute noch? – hauste, an den, bramarbasierend in den Korridoren des Philosophischen Seminars, auch der, der zu Ihnen spricht, sich noch lebhaft erinnert. Und die großen Göttinger Namen von einst, sie durchsetzen gleichsam die pastosen Gegenwartsbilder und weiten den Blick ins Historische: „Mein Bewußtsein ist nicht denkbar ohne das Bewußtsein, was andere vor meiner Zeit gehabt haben. So ist auch das, was ich schreibe, nicht denkbar ohne das, was andere vor mir geschrieben“ – und fast möchte man hinzufügen: „und gedacht“ – „haben“, so heißt es schon 1970 in Vespers erster Prosa-Veröffentlichung Kriegerdenkmal ganz hinten, in deren Miniaturen es freilich um die großen Dinge nicht geht, oft aber um deprimierende aus dem ländlichen Leben, Realitätsfragmente aus dem Welt-Zusammenhang, die ihre Beglaubigung erfahren und historische Schärfe gewinnen durch Zitate aus Zeitungen und Chroniken, so als würde da etwas nachgeholt oder gewissermaßen dem Leben zurückgegeben, was sonst aus ihm herauszufallen drohte.

Wir dürfen unser
Leben
nicht beschreiben, wie wir es
gelebt haben
sondern müssen es
so leben
wie wir es erzählen werden:
Mitleid
Trauer und Empörung.

Das klingt, mit dem Titel „Landmeer“, veröffentlicht zuerst 1982 im Bändchen Die Inseln im Landmeer, wie Kommentar und Beherzigung zugleich. Und es charakterisiert Vespers Schreiben und seine Texte bis in neueste Zeit. Mitleid, Trauer und Empörung – man spürt sie auch in Vespers umfangreichem Prosa-Band, der Ende der siebziger Jahre unter dem Titel Nördlich der Liebe und südlich des Hasses erschien und wohl ein Roman hätte werden sollen. Und man könnte es vielfach und vielfältig daraus belegen. Später bemerkte Guntram Vesper dazu:

Das gesellschaftliche Panorama nicht ausgebreitet, mit Figuren belebt und zu Szenen angeordnet wie etwa im realistischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts, sondern in Stücke und Bruchstücke zerfallen, in ein Kaleidoskop zersprungen. Bezugspunkt mein Geburts- und Kindheitsort Frohburg in Sachsen, und dazu das Dorf Steinheim in Oberhessen, aus dem meine Frau kommt und wo wir eine zweite Wohnung haben, und last not least Göttingen als Hauptort meiner Erfahrung. Im Kapitel, das die Szene der Stadt ausbreitet und aufbaut, werden Bürger und Lichtenberg genannt, wie könnte es anders sein.

Oder aus dem, wovon hier die Rede ist, selbst:

Daher der Versuch (…), einen Katalog von Stichworten aufzustellen (…), und meine dauernde Hoffnung, es könnten die Gedanken und Erinnerungen, Erlebnisse, Befürchtungen, die ich unter diesen Stichworten aufschreibe, schärfere Wiedergaben der Wirklichkeit werden.

So erwächst aus den Gedanken und Erinnerungen, und manchmal auch nur den Stichworten für sie, in Geschichten und Gedichten eine Welt, von der man annehmen könnte, mit ihr und in ihr werde Heimat beschworen, vielleicht sogar geschaffen oder doch festgehalten: Frohburg in Sachsen, nahe Leipzig, wo Vesper vor fast auf den Tag genau 65 Jahren geboren wurde und die ersten siebzehn Jahre seines Lebens verbrachte, das oberhessische Bergland um den Vogelsberg und Göttingen. Aber solche Erwartung wäre trügerisch. Oder: so eben sieht die einstmals als behütete Ordnung erfahrene oder doch vorgestellte Heimat unterdessen aus, wie Vesper sie beschreibt und in der wir leben müssen, in der das Mitleid schwindet, die Trauer präsent bleibt und die Empörung kleinlaut wird und im Hintergrund die Angst lauert. Guntram Vesper: ein untergründiger Realist, das eben doch, mit leisen Tönen. Man möchte immerfort zitieren, weil die Gedanken des Dichters bestätigen, was man lesend erfährt:

Eine bekannte Wahrheit: was ich schreibe, wie ich schreibe, ja dass ich schreibe, ist ohne die Geschicke der eigenen Familie, des eigenen Landes nicht zu erklären. (…) Meine Sprache, meine Stoffe auch stammen aus diesem Land, als dem dunklen bis gestern doppelten Deutschland, das ich als Einwohner dort und als Einwohner hier und als zwei Seiten einer Medaille erlebt habe, deren eine Seite ohne die jeweils andere merkwürdig matt, beinahe tot wirkte.

– so über die „Entstehung einer Erzählung“ im Band Lichtversuche.Dunkelkammer.

Und so ist es geblieben, bis in die letzten Veröffentlichungen hinein. Vielleicht ist Guntram Vesper der genaueste, gewiß aber der unbestechlichste Chronist des geteilten Deutschland in seinen Büchern, in denen nichts unterschlagen und nach der Wende auch nichts beschönigt, immer aber der Anschauung mit den vielfältigsten Reminiszenzen Raum gegeben wird, ob es um das DDR-legendäre Leipziger Hotel Astoria (in dem die Wanzen noch steckten, als in den neunziger Jahren die Buchmessen-Beschicker in der einstigen Nobel-Herberge logierten), um den Zustand Ost-Berlins kurz vor dem Fall der Mauer, um den nach dem Krieg nahe Frohburg untergekommenen und als Expressionist bedeutenden Maler Conrad Felixmüller geht, von dem man erfährt, wie er an der russischen Front kurz vor Kriegsende Konrad Wolf, dem Bruder des DDR-Geheimdienstlers Markus, gegenübersteht, um Johannes R. Bechers letzten Besuch kurz nach der Rückkehr aus dem sowjetischen Exil bei dem schon todkranken Gerhart Hauptmann im schlesischen Agnetendorf und dessen Überführung nach Berlin oder um die Teilnahme an der ebenfalls legendären Tagung der einstigen Gruppe 47 in der Pulvermühle. „Eingeladen, meiner Hinrichtung beizuwohnen“ ist dieses bis heute lesenswerte Prosastück überschrieben.
So könnte man fortfahren und müßte noch vieles erwähnen, Vespers eingehende Studien und Nachforschungen über das ärmliche Schicksal des Sturm-und-Drang-Dichters Gottfried August Bürger etwa, den Verfasser der einstmals berühmten und seinerzeit fast skandalösen Leonore. Ich muß es mir ersparen und gestatte mir am Ende das Bekenntnis, daß mir Guntram Vesper einer Auszeichnung gerade der Deutschen Schillerstiftung an ihrem historischen Ort als in besonderem Maße würdig erscheint. Und ich schließe mit einer für den Autor Vesper so charakteristischen lyrischen Notiz aus den achtziger Jahren des zu Ende gegangenen Säkulums:

Tagebuch Anfang Februar

Große Kälte seit Sonntag. So zersprang
heute nacht im Schlafzimmer
während ich las
die Zentralheizung unter dem geöffneten Fenster.

Ihr Aufschrei.

Was wird aus einem Land, wenn
sein Gedächtnis krank ist
und was bedeutet ein Mensch, der
keine Erinnerung hat.

Ja, das wäre schlimm, lieber Guntram Vesper! Ihre Bücher bewahren uns davor. Und das bleibt tröstlich. Haben Sie Dank!

Gerhard Dette, Deutsche Schillerstiftung von 1859: Ehrungen – Berichte – Dokumentationen, 2006

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Dunkle Göttin Erinnerung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.5.2001

Fakten und Vermutungen zum Autor + DAS&D + Archiv + KLG
Porträtgalerie

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Guntram Vesper

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