Hilda Doolittle (H. D.): Denken und Schauen : Fragmente der Sappho

Doolittle (H.D.): Denken und Schauen : Fragmente der Sappho

SAPPHO FRAGMENTE
FRAGMENT 36

Ich weiß nicht, was tun:
mein Ich ist geteilt.
– SAPPHO.

Was tun? Ich weiß es nicht,
bin meines Ichs beraubt:
ist Singen süßeste Gabe?
ist Liebe lieblichste Labe?
Was tun? Ich weiß es nicht,
nun Schlaf so viel Gewicht
auf deine Augenlider legt.

Soll ich deine Ruhe unterbrechen,
verzehrend, scharf?
ist Liebe süßeste Gabe?
nein, Singen lieblichste Labe:
doch wärst du mir verloren,
welche Hingerissensein
könnt ich dem Lied entnehmen?
welch Lied wär dann noch da?

Was tun? Ich weiß es nicht:
mich umdrehn und löschen
das Rasen, das so brennt?
Mit meinem heißen Hauch
den kühlen brennen machen?
mich umdrehn und Schnee
in den Arm nehmen?
(ist Liebe süßeste Gabe?)
doch trostlos wäre
Flocke um Flocke Schnees,
lägest Du ratlos da,
erwacht – doch unerweckt.

Soll ich mich umdrehn
und trostlosen Schnee umarmen?
Lippen drücken auf Lippen,
die nicht erwidern,
Lippen drücken auf Fleisch,
das nicht schaudert noch schmilzt?

Ist Liebe süßeste Gabe?
soll ich mich umdrehn
und wildes Verlangen ersticken?
O ich bin scharf auf dich!
wie die Pleiaden ihr Weiß
in weißeres Wasser schütten,
so soll ich dich nehmen?

Mein Ich ist ganz gespalten:
zwei Ichs, die zaudern,
so völlig ebenbürtig,
was tun? Ich weiß es nicht:
eins widerstrebt dem andern
wie zwei weiße Ringer,
die dastehn, sich im Kampf
zu winden, zu umklammern,
doch keinen Muskel regen noch Nerv noch Sehne;
so wartet mein Ich,
mit meinem Ich zu ringen,
und ich liege still,
scheinbar in Ruhe.

Was tun? Ich weiß es nicht:
Akkord auf Akkord,
Ton sich türmend auf Ton
macht mein Hirn blind;
wie eine Wellenlinie warten mag zu fallen,
der Wind jedoch (indes sie wartet)
von ihrem Kamm
wegnehmen mag
Flocke um Flocke weißen Schaums,
der auffliegt,
zu fliegen scheint, zu pulsieren
und das Licht zu zerreißen,
so zaudert mein Ich,
über der Leidenschaft
bebend, doch noch zu vergehn,
so zaudert mein Ich
über meinem Ich,
lauschend der Lust zu singen.

Was tun? Ich weiß es nicht:
wird der Ton abbrechen,
die Nacht zerreißend
mit Riß auf Riß von Rose
und gestreutem Licht?
wird der Ton abbrechen, endlich,
wie die Welle zaudernd,
oder wird die ganze Nacht vergehn,
und ich liege lauschend wach?

 

 

Kommentare

1.
„Notes on Thought and Vision“: 1919, als H.D. diese Notizen schreibt, ist sie 33 Jahre alt. Erste große Erfolge und noch größere Enttäuschungen hat sie hinter sich. Ihre Ehe mit Richard Aldington ist gescheitert. Ihre eben geborene Tochter Perdita wird sie mit Bryher, ihrer geliebten Freundin, großziehen. Aber der Krieg ist vorbei. Sie sind im Begriff, ihre erste Griechenlandreise anzutreten. Anlaß genug, sich innerlich umzuschauen und methodisch ihrer seIbst zu versichern.
Es ist ein Essay, wenn auch nicht als Aufsatz angelegt und nicht zum Traktat zugespitzt; eher ein phänomenologischer Spaziergang mit allerlei Ausflügen ins Philosophische. Es sind Aufzeichnungen, in denen H.D. sich klarzumachen sucht, was sie unter künstlerischer Arbeit versteht, wie sie die eigene Arbeit betrachtet und wie ihr dabei zumute ist.
Zumute. Dafür hat das Englische den Terminus mind, der viele Formen von Bewußtheit in sich begreift, die vom Meinen bis zum Geist reichen und die körperliche Befindlichkeit nicht ausschließen. Zu viele Formen, als daß H.D. nicht versucht sein sollte, ihn weiter auszudifferenzieren und dem alltäglichen Geisteszustand ein Unter-Bewußtsein zu unterlegen und einen Über-Geist an die Seite zu stellen. Unterscheidungen, die mit denen moderner Psychologien teils zusammenfallen und teils kollidieren.
Aber das Terminologische einmal dahingestellt: in der Sache geht es H.D. darum, herauszufinden und darzulegen, was eigentlich in ihrem Kopf – und in ihrem Körper – vor sich geht. Denken und Schauen: ist es Inspiration oder harte Gehirnarbeit? Ist es eine Weise, eine Kunst des Wahrnehmens? Ist es Liebe? Ist es für Frauen leichter als für Männer? Wo und wie kommt der Körper ins Spiel?

2.
„The Island. Fragments of Sappho“ (1920): Diese Notizen entstanden 1920 im Zusammenhang mit H.D.s erster Griechenlandreise; als sie 1982 posthum erschienen, bekamen sie den Titel „The Wise Sappho“, unter dem sie heute meist zitiert werden.
Wenig, aber alles Rosen, sagte Meleager. Wenig? fragt H.D. Alles Rosen? Vielleicht war ihr gar nicht so bewußt, wie lange das 19. Jahrhundert gebraucht hatte, um im Fragment, im Bruchstück den „Torso“ zu entdecken, das „in sich vollkommene“, wiewohl nicht vollkommen erhaltene Werk. Aber spätestens hier wird es ihr klar. Die Gestalt der Sappho, in die sie seIbst sich einzuleben begonnen hat, der sie ihr ganzes Werk zuschreiben wird, ist ein eben solcher Torso, dessen „Brüche“, dessen „Offenheit“ zu seiner Wahrheit gehören, die uralt ist und zugleich präsent oder, wie man so gern sagt, modern.

3.
„Sappho Fragments“ (1921, 1924): „The four Sappho fragments“. heißt es in H.D.s Vorbemerkung zu Heliodora and Other Poems (1924), „are re-worked freely“. Diese Gedichte sind mithin keine Übersetzungen, sondern selbständige Gedichte H.D.s, die unter ein Sapphozitat gestellt sind und sich deutlich, aber – bis auf eine Ausnahme – antithetisch auf Sapphos’ Oden beziehen. Der ebenso bildkräftige (imagistische) wie schlichte Ton, der die Arbeiten H.D.s von Anfang an auszeichnet, gibt sich hier als Sapphoton zu erkennen.
H.D. konnte Sappho griechisch lesen, zitierte und numerierte ihre Fragmente aber nach der altehrwürdigen Sappho-Übersetzung von Henry Thornton Wharton (3rd Edition 1895); seine Textgrundlage war: Bergk, Theodor: Poetae Lyrici Graeci (Leipzig: Teubner, 1878-82).

Der Band

zeugt von der intensiven Beschäftigung der Autorin H.D. mit der Gestalt der Sappho, in die sie selbst sich einzuleben begonnen hat und der sie ihr ganzes eigenes Werk zuschreiben wird. Er besteht aus der Notizensammlung „Notes on Thought and Vision“ von 1919, dem Essay „The Island. Fragments of Sappho“ von 1920 und einer Reihe von Gedichten aus der Gedichtsammlung Heliodora and Other Poems von 1924, die unter ein Sapphozitat gestellt sind und sich deutlich und meist antithetisch auf Sapphos Oden beziehen. In ihren Aufzeichnungen versucht H.D. sich klarzumachen, was sie unter künstlerischer Arbeit versteht. Was geht dabei eigentlich in ihrem Kopf – und in ihrem Körper – vor sich? Denken und Schauen: ist es Inspiration oder harte Gehirnarbeit? Ist es eine Weise, eine Kunst des Wahrnehmens? Ist es Liebe? Ist es für Frauen leichter als für Männer? Wo und wie kommt der Körper ins Spiel?

roughbooks, Ankündigung

 

H.D. zwischen Lyrik und Philosophie

Genau 50 Jahre nach ihrem Tod werden Notizen der H.D., erstmals mit deutscher Übersetzung, bei Roughbooks veröffentlicht. Es sind zwei essayistische Schriften, ergänzt durch vier lyrische Werke aus einem Gedichtband, die in einem kleinen Büchlein unter dem Titel Denken und Schauen: Fragmente der Sappho zusammengefasst wurden.
Die US-amerikanische Schriftstellerin Hilda Doolittle ist unter der Abkürzung H.D. bekannt, wobei bekannt ein relativer Begriff ist. Da ihre Schaffenszeit bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt und bis heute wenige ihrer Werke ins Deutsche übersetzt wurden, dürfte sie wohl nicht Vielen ein Begriff sein. Zwischen 1918 und 1951 schrieb sie zahlreiche Gedichte und Romane, von denen die Reihe Madrigal zu ihren bemerkenswertesten gehört. Sie besteht aus vier autobiographisch geprägten Romanen und thematisiert Kunst und Liebe im Schatten des Krieges. Seit 2008 gibt es sogar eine deutsche Fassung des Romans Bid me to live unter dem Titel Madrigal. Sie  ist weiterhin für ihre Übersetzung und freie Bearbeitung griechischer Literatur bekannt.
Unter anderem beschäftigte sie sich mit der Lyrik von Sappho, von der heute nur noch geringe Teile ihrer Dichtung erhalten sind, die jedoch, wie H.D. selbst betonte, ein Vorbild und stilprägend für sie war. Dieser Beschäftigung mit der antiken Schriftstellerin ist auch die kleine Sammlung Denken und Schauen: Fragmente der Sappho auf der Spur.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Dabei befinden sich auf einer Doppelseite jeweils die originalen Texte und deren deutsche Übertragung. Anmerkungen des Herausgebers machen hierbei auf eventuelle  Unzulänglichkeiten des deutschen Textes aufmerksam und regen so zu einem Blick auf das Englische an. Der erste Teil trägt den Titel „Notes on Thought and Vision“, übersetzt mit „Notizen über Denken und Schauen“. Im Ganzen ist dies eine Art Selbstreflexion der Autorin, die versucht, sich über die Entstehung von Kunst mit der Frage, ob der Schöpfer durch Inspiration oder durch Denkleistung zu seinem Werk kommt,  klar zu werden. Des Weiteren beschreibt sie ihre persönliche Erfahrung beim Schreibprozess und versucht den Impuls in ihrem Körper zu verorten. Sie erklärt, dass der menschliche Verstand sich nach ihrer Meinung aus Körper, Geist und Übergeist zusammensetzt und Kunst nur dann entsteht oder richtig rezipiert wird, wenn der Übergeist dominant ist. Die genaue Bedeutung des Wortes „Übergeist“ lässt sich jedoch nur erahnen.
Der zweite Teil, „The Islands. Fragments of Sappho“, behandelt Leben und Werk der Dichterin Sappho aus der Sicht H.D.’s. Sie schwankt dabei zwischen Beschreibungen der Werkinhalte und des Lebens der Sappho und Einschätzungen derselben, driftet zuweilen auch ins Philosophische ab. Sie sieht Sapphos Empfindsamkeit und vor allem ihre Art, dies in Gedichten zu transportieren als größtes Talent, aber auch als Grund für die spätere Ächtung ihrer Poesie. Dabei nutzt sie immer wieder das Wort „gefühlsklug“ um ihre besondere Art von Genie zu unterstreichen. Schließlich fügen sich noch vier Gedichte von H.D. an, die aus dem Sammelband Heliodora and Other Poems entnommen sind und aus Zitaten Sapphos entstanden.
Die ersten beiden Teile dieser Sammlung waren ursprünglich gar nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen. Es sind vielmehr private Notizen der Autorin über ihren Werkgegenstand, die sich nicht an eine Leserschaft richten. Das hat natürlich zur Folge, dass es keine Erklärungen und keine Hintergrundinformationen gibt, die einem Leser, der nicht so tief in der Materie steckt, das Verständnis erleichtern würden. Der erste Teil, der separat von der Literatur entstand und daher noch am wenigsten Vorwissen verlangt, ist sehr abstrakt. Hier fehlt zu Beginn eine deutliche Begriffsklärung um der Argumentation folgen zu können. Dennoch gibt es einige spannende Thesen, die durchaus plausibel erscheinen. Der zweite Teil gestaltet sich noch zäher. Ständig fallen unbekannte Namen, Wissen über Ereignisse wird vorausgesetzt und persönliche Ansichten werden als selbstverständlich behandelt. Auch die Gedichte schweben etwas losgelöst im Raum und scheinen verschlossen, verweigern den Zugriff.
Als Einstieg in die Lektüre H.D.s oder Sapphos ist dieses Buch also denkbar ungeeignet. Dennoch gibt es Einblicke, die H.D. als bemerkenswerte Autorin erscheinen lassen und die Neugier auf ihre Prosatexte wecken. Auch, wenn man das Buch als Ergänzung zu ihren anderen Werken sieht, ist es sicherlich eine Bereicherung.

Geraldine Gau, literaturundfeuilleton.wordpress.com, 12.12.2011

Kommentar Gedicht von Hans Thill: Wash of Cold River

Günter Plessow: See Garten – H.D. und ihre Sappho
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Jan Kuhlbrodt im Gespräch mit Günter Plessow 1 + 2 + 3

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zur Autorin

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