H. D.: Sea Garden

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von H. D.: Sea Garden

H. D.-Sea Garden

DIE WINDSCHLÄFER

Weißer
als der Saum,
den die Flut ließ,
sind wir, wund von verwirbeltem Sand
und zerbrochenen Muscheln.

Wir schlafen nicht mehr
im Wind–
wir erwachten und flohen
durchs Stadttor.

Zieht–
zieht uns einen Altar empor,
zerrt an den Brocken des Kliffs,
stütz sie mit rohen Steinen–
wir schlafen nicht
mehr im Wind,
versöhnt uns.

Stimmt an eine Klage,
die nimmer endet,
schreitet im Kreis und entbietet
ein Lied.

Wenn das Röhren eines Brechers
sich einmischt,
spendet Zuspruch
von Seefalken und Möwen
und den Seevögeln, die Mißlaute
kreischen.

 

 

 

Nachwort

In H. D.s Gedichten ist alles auf Gegenwart gestellt. Eine Stimme spricht – und ist präsent. Spricht selten über die Dinge dieser Welt, sondern spricht sie an – und aus Dingen, Vorstellungen, Erfahrungen, Erinnerungen werden Gestalten, die konkret anwesend sind, die uns berühren, sofern wir uns dieser sprechenden Stimme aussetzen.
– Wer spricht? Ein Ich (weiblich, aber auch männlich, aber auch übergeschlechtlich) und häufiger noch ein Wir, das im Chor spricht, aber selten oder nie beim Namen genannt wird. Genausowenig wie das Du oder das Ihr, das angesprochen wird, einen Namen hat, es sei denn, daß die Stimme sich an Blüten oder Bäume wendet, an den Wind oder die Nacht.
– Wo wird gesprochen? Im See Garten. See und Garten ohne Bindestrich, und doch aneinander gebunden. See als Garten und See versus Garten. Eine eigentümliche Szenerie: eine Insel, seeumspült, klippengesäumt; salzverkrustet die Sandstrände, zerbrochen die Muscheln, windverweht der Gischt; und unmittelbar daneben waldbestandene Hügel, Marschland, umfriedete Gärten. Ein Mit- und Gegeneinander von See und Garten – Bild und Inbild der sich sehnenden Seele, die da spricht, und zugleich der menschlichen und göttlichen Geister, die sie anspricht. Beide Instanzen sind im See Garten gegenwärtig.
– Wie wird gesprochen? Eigenartig bildhaft, bildkräftig. Konkrete Bilder, die Ezra Pound bewunderte und von Imagismus sprechen ließ. Metaphern, die in konkrete Bilder zurückverwandelt sind. Bilder, die nicht eigentlich schildern, sondern auftreten wie handelnde Personen im Drama. Hart zupackende Verben. Knappe, harsche Attribute, die wie Kieselsteine in der Hand liegen. Konkret und enigmatisch zugleich.
– Wovon handelt diese Sprache? Wieviel Augenblick und wieviel Mythos kommt hier zu Wort? Ist es, wie Eileen Gregory uns nahelegt, die Gestalt der Sappho, die hier auflebt, überraschend neu und so fern dem Bild, das die Spätromantik von ihr gezeichnet hat? Erkennen wir Sappho? Und hinter ihr die Gestalt der Gottheit, die sie besingt? Fragen, die sich einstellen, sobald wir den Gedichten nachsinnen, Subtexte entdecken, Fragmente anderer Texte im Text, und anfangen, ihnen nachzuspüren.

Zunächst aber bannt uns der gegebene Text. Wir lauschen einfach (einfach?) der Stimme. Wir verfolgen, wie knapp bemessen sie spricht; wie dramatisch sie agiert und dann wieder innehält; wie unvermittelt sie von einem Gedicht zum anderen übergeht. Wir bemerken, wie kunstvoll dieser Gedankengang angelegt ist, um uns in die Ekstase des See Gartens einzuschließen und am Ende wieder in die Nüchternheit unserer Welt zu entlassen.
Da gibt es temporeiche, ja, fast atemlose Gedichte, in denen die Stimme uns in ein Geschehen verwickelt, abwechselnd mit statischen Gedichten, in denen die Stimme sich fünfmal bedeutungsvoll an eine See Blüte wendet, die ihr zum Spiegel der Seele wird.
Da gibt es verschiedene Rollen, die die Stimme abwechselnd übernimmt, unterschiedliche Figuren, die sie alle in sich verkörpert: die jungfräulich unberührt den Elementen Hingegebene und die bittersüß-erfahren Liebende; die auf Form und Fassung bedacht Dichterin und die ekstatisch entgrenzte Seherin.
Da gibt es dreimal ein Gedicht, das Stimmungen des Tagesablaufs protokolliert, und dreimal ein Gedicht über die Aversionen, die der friedlich-fruchtbar-gesegnete Garten auslöst in einem Ich, das nicht das Paradies, sondern die windgefolterte Ausgesetztheit der See ersehnt.
Und da gibt es schließlich, vorbereitet durch den Hermes der Wege, der uns am Ausgang erwartet und geleitet, die Städte, in deren dunkle Zellen wir gepfercht sind, aber nicht ohne die Erfahrung der lichten, wilden, gefährlichen Schönheit des See Gartens in uns wachzuhalten.
Anspielungen, Echos, Verweise – daraus speist sich seit eh und je, was wir den unendlichen lyrischen Dialog nennen können: die gemeinsame Sprache, in der Dichter über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg mit einander korrespondieren. Ein Kanon gemeinsamer Metaphern, ein Bedeutungsspiel, das fasziniert, solange es heranwächst, und befremdet, sobald es altert und verblaßt. Jeder junge Dichter muß sich auf seine Weise damit auseinandersetzen.
H. D. tut es, wie oben angedeutet, indem sie Metaphern zurückverwandelt in konkrete Bilder, indem sie uralten Mythen auf den Leib rückt, ihre latente Realität in die Gegenwart hineinreißt, sie konkret anspricht als lyrisches Du. Also nicht in überkommener entrückter (und entrückender) Anbetungshaltung, sondern als konkrete lust- und leidvolle seelische Erfahrung. Einst und jetzt, hier und immerdar.
– Was ist ein Mythos? Eine Chimäre? Ein seltsam buntes Phantasieprodukt aus der Kindheit unseres Geistes? Robert Graves, der sich intensiv und überaus innovativ mit griechischen Mythen befaßt hat, sieht es anders. Für ihn ist Mythos eine erzählerische Kurzschrift kultischer Spiele, wie sie vor Jahrtausenden bei öffentlichen Festen aufgeführt wurden. Er betont den realistischen Kern, die kulturelle Frühgeschichte, die da zu Bildern geronnen ist. Zugleich spricht er von den Mythographen, also den Erzählern, Deutern und Umdeutern von Mythen, betont also die kultur- und machtideologischen Zwecke, denen Mythen dienten. Er verweist auf die viel älteren Mythen, die aus Babylonien und Ägypten, Palästina und Phrygien über Cypern und Kreta ins vorhellenische Griechenland gelangten und während des zweiten vorchristlichen Jahrtausends von den eingewanderten Hellenen aufgenommen und den eigenen Herrschaftsinteressen, d.h. der Verdrängung der matriarchalisch verfaßten Gesellschaft, angepaßt wurden.
Als Sappho im sechsten vorchristlichen Jahrhundert auf der Insel Lesbos lebte und junge Mädchen, indem sie sie im Geiste Aphrodites im Chorgesang und Tanz unterwies, auf die Heirat vorbereitete, war dieser Jahrhunderte währende Kampf längst zugunsten des Patriarchats entschieden. Aphrodite war nicht mehr eine der zahlreichen Verkörperungen der all-einen weißen Göttin, sondern in die Familie der olympischen Götter integriert und Zeus unterstellt. Gleichwohl lebte in der Gestalt dieser Göttin ein anderes Bewußtsein weiter, ein Sinn, eine leibseelische Empfänglichkeit für das Elementare, Besondere, Kostbare dieses Übergangszustands junger Mädchen vor der Hochzeit. So sah es Sappho und machte es im Kreis (thiasos) ihrer Schutzbefohlenen zum Gegenstand ihrer Lyrik, die wir uns weniger als eine Ich-, sondern eher als eine Chorlyrik vorzustellen haben.
Eileen Gregory1 hat in ihren Arbeiten auf diesen liminalen (eine Schwelle überschreitenden) Aspekt im Werk der Sappho hingewiesen und hat ihn im Werk von H. D.2 wiedergefunden, und zwar nicht erst in ihren Sappho Fragments3, die dezidiert unter ein Sappho-Zitat gestellt sind, sondern in viel umfassenderer Weise bereits in ihrem Frühwerk Sea Garden. Sie entdeckt darin nicht nur eine frappierende Kongruenz poetischer Motive, etwa des Inbilds der Blüte und der Gestalten jungfräulicher Mädchen, sondern vor allem das choral I, in das sich H. D. bei der Übersetzung der Chorgesänge euripideischer Dramen versenkt hatte. Sie betont aber auch das Gefühl der Distanz der modernen Frau und Dichterin gegenüber dem Lesbos Sapphos, derer H. D. sich tief bewußt war. Eine Distanz, der sie durch radikale Strenge ihrer Bildsprache Ausdruck gab, die alle überkommene Metaphernpoesie vergessen macht.
Daß sich von Sapphos Werk nur Bruchstücke erhalten haben (Zitate und Verweise bei hellenistischen Dichtern und ein Sammelsurium von Papyrusfetzen, die erst in jüngerer Zeit entdeckt wurden), mag nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, daß auch H. D. bei aller Gemessenheit sprunghaft und fragmentarisch schreibt, ihre Gedichte oft in eine numerierte Folge von Einzelpassagen auflöst, in denen die sprechenden Stimmen sich abwechseln, einander ergänzen oder widersprechen und zusammengenommen enigmatisch bleiben, rätselhaft offen wie die dem Leben erwartungsvoll geöffnete Seele, deren Regungen hier laut werden. Gedichte, die für sich genommen und als Gedichtfolge Offenheit und Geschlossenheit zugleich präsentieren, die nicht assoziativ, sondern pointiert gesprochen und bewußt komponiert sind, zugleich aber offen für jene Mythen, die um vieles älter sind als die, die Sappho lebendig hielt, offen für das ganze von der menschlichen Stimme belebte All: Wind, der befruchtet und zerstört, Salz, das Bitternis beisteuert zur Süße, und See, die Gefahrenreiche, aus der alles Leben stammt.

Günter Plessow, Nachwort, August 2010

 

Rechtzeitig zum 100. Geburtstag

dieses Grundbuchs der literarischen Moderne erscheint Sea Garden von H. D. in der Übersetzung von Günter Plessow. So eigentümlich, wie im Titel Meer und Garten nebeneinanderstehen, verbindet sich in den Gedichten der jungen H. D. Archaik mit Klassik und Moderne, Mythos mit Naturbeobachtung: das Salz der Seerose blüht.

roughbooks, Ankündigung

 

Günter Plessow: See Garten – H. D. und ihre Sappho
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Jan Kuhlbrodt im Gespräch mit Günter Plessow 1 + 2 + 3

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
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