Hans Christian Kosler: Zu Ernst Jandls Gedicht „Auf alle Eventualitäten vorbereitet“

Im Kern

Im Kern

– Zu Ernst Jandls Gedicht „Auf alle Eventualitäten vorbereitet“ aus Ernst Jandl: idyllen. –

 

 

 

 

ERNST JANDL

Aus der Dichtung

aus der dichtung großem glück
langsam zieh ich mich zurück
oder tue einen schritt
der mein dichtersein zertritt
nur den lesern bleibe ich
noch ein weilchen dichterlich

 

Auf alle Eventualitäten vorbereitet

Es gibt Dichter, die sich so sehr zum Sehen geboren und zum Schauen bestellt fühlen, daß sie ihr eigenes Verstummen mit einem nationalen Unglück gleichsetzen würden. Weil sie uns stets eine wichtige Botschaft zu überbringen haben, liegt es außerhalb ihres Vorstellungsvermögens, daß die Quelle ihrer immensen Produktivität eines Tages versiegen könnte. Andere sind bescheidener und selbstbezogener zugleich. Zu sehr fühlen sie sich von den alltäglichen Niederlagen hinabgezogen, als daß sie sich von geistigen Höhenflügen tragen lassen könnten. Sie stehen neben dem Dichter-Roß, das ihre Kollegen feierlich aufzäumen. Weil sie an allem zweifeln, zweifeln sie auch vehement am Nutzen der Poesie für die Menschheit. Nur an einem zweifeln sie nicht: Daß das tägliche Ringen um das geschriebene Wort, so wirkungs- und bedeutungslos es ihnen auch vorkommt, für sie selbst um so wichtiger ist, ja, daß es den eigentlichen Sinn ihres Lebens ausmacht.
Der 1925 geborene Ernst Jandl gehört zu der letztgenannten Spezies. Er ist ein Wiener, wie er im Buche – wenn auch nicht in den Fremdenverkehrsprospekten – steht: sekkant, boshaft und schwierig bis zum Selbstzerstörerischen. Ein später Nachkomme Grillparzers, der seine verletzlichen Gefühle hinter einer Maske aus Griesgrämigkeit und Mißtrauen verbirgt. Mit Vorliebe teilt er in seinen Gedichten den Lesern Wahrheiten mit, die unbequem sind, die man nicht gern hören will. Dabei trugen Jandls Lautgedichte, die ihn in den sechziger Jahren geradezu populär machten, zunächst eher zu der Vermutung bei, dieser Dichter könne ein Spaßvogel sein. Nichts ist falscher. Die grellen lautmalerischen Effekte, die damals allgemeine Heiterkeit auslösten, übertönten Jandls radikales Programm, das diesen Versen zugrunde liegt: einen Sachverhalt auf die möglichst kürzeste Formel zu bringen. Wenn Dichten etwas mit Verdichten im Sinne von Verknappen zu tun hat, dann ist Jandl einer der größten Dichter unserer Zeit.
Auch dieses Gedicht, das von der Möglichkeit des Verstummens spricht, könnte lapidarer kaum sein. Beim Leser löst es eine Mischung aus Verblüffung und Desillusioniertheit aus. Jandls Lyrik ist ein Ernüchterungsprogramm, das er in erster Linie sich selbst verordnet. Hier sieht er der für einen Schriftsteller quälendsten Vorstellung, dem Ende der eigenen Kreativität, mit einer an Selbstverachtung grenzenden Schnödigkeit ins Auge. Er ist – so scheint es – auf alle Eventualitäten vorbereitet, für „der Dichtung großes Glück“ hat er nur noch Spott und Hohn übrig, und mit dem Gedanken, von der literarischen Bühne abzutreten, frohlockt er geradezu. Doch es scheint eben nur so.
Man hüte sich davor, diesem Gedicht zu glauben. Jandl liegt an seiner literarischen Produktion mehr, als er zugibt, ja, es liegt ihm so viel daran, daß er die Bedeutung, die das Schreiben für ihn hat, hier absichtlich herunterspielt. Bietet es doch – wie eingangs erwähnt – den Ersatz für das, was er einmal das „mistige Leben“ genannt hat. Jandls Gedicht erinnert an den kleinen Jungen, der in der Dunkelheit das Lied vom schwarzen Mann vor sich her singt. Er versucht das dräuende Unglück, den unerbittlichen Altersprozeß, zu bannen, indem er es benennt. „Sämtliche Angst berichten“ – heißt es bei Jandl an anderer Stelle – würden die Zeilen, die er in die Maschine hacke. Auch dieses Gedicht, das so gewitzt und gelassen einherkommt, handelt in Wahrheit von Angst. Daß sie mit keinem Wort erwähnt wird, macht seine Besonderheit aus.

Hans Christian Kosler, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 18, Insel Verlag, 1995

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