Hans-Otto Dill: Zu Nicolás Guilléns Gedicht „Lang ist es her…“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Nicolás Guilléns Gedicht „Lang ist es her…“ aus dem Band Nicolás Guillén: Sie gingen Gitarren jagen. –

 

 

 

 

NICOLÁS GUILLÉN

Lang ist es her…

Als ich ein Junge war
(vor… der Leser setze fünfzig Jahre),
gab es erwachsene naive Leute,
die sich ängstigten bei einem Würfelspiel auf dem Pflaster
oder einem Trinkgelage
in der Bar. Sie waren es, die laut schrien:
– Mein Gott, was werden da die Amerikaner sagen!
Für manchen
zu jener Zeit bedeutete Yankee sein
beinahe heilig sein:
das Einmischungsrecht Platt, die bewaffnete
Intervention, die Panzerkreuzer.
Damals war es undenkbar,
was heutzutage tägliches Brot ist:
die Entführung eines Gringo-
obersten im venezolanischen Stil;
oder die von vier Agentenprovokateuren,
wie sie unsere Brüder in Bolivien durchgeführt haben;
oder, unleugbar, die Bärtigen der Sierra Maestra, die entscheidenden.

Vor fünfzig Jahren,
da erschienen zumindest auf der ersten Zeitungsseite
die letzten Baseballnachrichten
aus New York.
Phantastisch! Die Cincinnatielf gewann gegen Pittsburg
und San Luis gegen Detroit!
(Kauft den Fußball Marke „Reich“, er ist der beste.)

Johnson, der Boxer,
war uns Vorbild eines Champions.
Für uns Kinder machte der Kampfer von Fletcher
das Allheilmittel aus, verordnet
in den (hartnäckigen) Fällen
von Darmentzündung bis Verstopfung.
Die Zeitung
fügte in ihre neuesten Nachrichten
täglich eine Seite, auf englisch, für die Yankees ein:
„A Cuban-American paper
with the news of the world.“
Nicht zu übertreffen die Schuhe Walk-Over
und die Pillen von Dr. Ross.

Der Saft der einheimischen Ananas
war nicht mehr
der unsrer Piña:
die Fruit Juice Company
erklärte, daß es „huelsencamp“ war.

Wir reisten mit der Munson Line bis Mobila,
mit der Southern Pacific bis New Orleans,
mit der Ward Line bis New York.

Es gab Nick Carter und Buffalo Bill.
Es gab die direkte schmierige sphärische Erinnerung an Magoon,
den feisten Gangster und Gouverneur,
unter Dieben und Aberdieben der Erzdieb.
Es gab den American Club.
Es gab die Pflanzensaftmischung von Lidia E. Pinkham.
Es gab den Miramar Garden
(wo es doch so einfach jardín auf spanisch lautet).
Es gab die Cuban-Company, um per Bahn zu reisen.
Es gab die Cuban Telephone.
Es gab einen fürchterlichen Botschafter.
Und vor allem: Paß auf,
es werden gleich die Amerikaner kommen!
(Andre Leute, die nicht so naiv waren,
sagten gewohnheitsmäßig:
Geh! Wieso sollen sie denn kommen,
sind sie nicht schon hier?)

Unter allen Umständen,
sie waren groß gewachsen, gewiß,
stark,
ehrenhaft; wie mans besser nicht verlangen kann.
Die Creme, die Blüte.
Sie waren unser Spiegel;
damit die Wahlen schnell und ohne Diskussion abliefen;
damit die Häuser stets viele Stockwerke hatten;
damit die Präsidenten ihren Verpflichtungen nachkamen;
damit wir helle Zigarren: rauchten;
damit wir Kaugummi kauten;
damit die Weißen sich nicht mit den Negern mischten;
damit wir Tabakspfeifen in Gestalt von Fragezeichen gebrauchten;
damit die Beamten energisch und unfehlbar waren;
damit die Revolution nicht losbreche;
damit wir die Kette des watercloset zogen
mit einem einzigen energischen Griff.

Es geschah aber,
daß wir eines Tages uns wie Kinder fühlten, die erwachsen werden,
und von jenem ehrenwerten Onkel, auf dessen Knien sie saßen, erfuhren,
daß er als Betrüger im Gefängnis saß.
Eines Tages erfuhren wir
das Schlimmste.

aaaaaWie und warum
sie Lincoln getötet in seiner Todesloge.
aaaaaWie und warum
dort die Banditen später Senatoren sind.
aaaaaWie und warum
es viele Polizisten gibt die nicht im Gefängnis sind
aaaaaWie und warum
auf dem Stein jedes Wolkenkratzers immer es Tränen gibt.
aaaaaWie und warum
Texas mit einem einzigen Beilhieb zerfetzt und abgespalten wurde.
aaaaaWie und warum
Rebe und Apfelbaum von Kalifornien nicht mehr zu Mexiko gehören.
aaaaaWie und warum
die Marinesoldaten die Soldaten von Veracruz töteten.
aaaaaWie und warum
Dessalines sah, wie sie seine Flagge an allen Masten Haitis strichen.
aaaaaWie und warum
unser großer General Sandino verraten und umgebracht wurde.
aaaaaWie und warum
sie unseren Zucker mit Mist mengten.
aaaaaWie und warum
sie ihr eigenes Volk blendeten und ihm die Zunge ausrissen.
aaaaaWie und warum
es nicht leicht ist daß dieses uns sieht und unsre schlichte Wahrheit verbreitet.
aaaaaWie und warum

Wir kamen von dort aus der Ferne, aus weiter Ferne.
Und eines Tages wußten wir alles.
Seine Erinnerungen festigt unser Gedächtnis.
Wir sind einfach erwachsen geworden
Wir sind erwachsen geworden, doch wir vergessen nicht.

Nachdichtung: Erich Arendt

 

Selbstbegegnung des Volkes

Dieses Gedicht ist sicher keines der vollkommensten, die der Kubaner Nicolás Guillén im Laufe seines nunmehr achtzigjährigen Leben geschrieben hat. Seine Hauptwerke – die einzigartigen Elegien, die Versepen, die afrokubanischen Dichtungen  sind Anthologiestücke moderner sozialistischer Lyrik, deren Exegese das glänzende literarische Gestaltungsvermögen des kubanischen Mulatten nachdrücklicher ins Bewußtsein heben könnte. „Lang ist es her…“ ist jedoch geeignet, eine für Guilléns Schaffen besonders charakteristische Seite ins Licht zu rücken: sein Vermögen, mit dem Gedicht sowohl unmittelbar-operativ in die Tagespolitik einzugreifen, als auch über die unmittelbaren praktisch-politischen Zwecke hinaus große weltanschauliche und ästhetisch-künstlerische Tiefe zu erreichen.
Auf den ersten Blick sieht man dem Gedicht seine Herkunft aus der Tagespolitik und seine ganz unmittelbaren politisch-praktischen Zwecke nicht an, selbst wenn wir wissen, daß es um 1960 entstand, also zu einem Zeitpunkt, da nach dem Sieg der Revolution auf Kuba tiefgreifende politische Wandlungen vor allem auch im Verhältnis zu den USA vor sich gingen, Wandlungen, die sich in unserem Gedicht reflektieren. Es könnte scheinen, als ob der Poet angesichts dieser Wandlungen geschichtsphilosophische Betrachtungen über den „Erdrutsch“ angestellt, der da in den Beziehungen zwischen dem einst halbkolonialen Kuba und dem mächtigen imperialistischen Nachbarn vor sich gegangen ist.
Wir wissen, daß Guillén nie ohne konkreten Anlaß schrieb; es ist seine Art nicht, aus dem Vorsatz heraus, etwas zu schreiben. sich nach Stoffen und Themen umzusehen. Er geht auch kaum, in seiner dichterischen Praxis, von allgemeinen Reflexionen aus, die er dann etwa lyrisch ins Bild setzt. Guillén war über fünfzig Jahre lang auch Journalist, Leitartikler. Diese Tätigkeit lieferte ihm meist auch den Stoff für seine Dichtung, half wesentlich mit, ihn zum politischen Dichter zu formen. Bei Durchsicht seiner gesammelten Publizistik finden wir unter dem Titel „Jede Vergangenheit war… schlechter“ einen eindeutigen Hinweis auf den konkreten Anlaß unseres Gedichts. Der Artikel – er stammt aus dem Jahr 1960 – bringt dasselbe Gefühl zum Ausdruck wie das Gedicht: einer fundamentalen politischen Wende in den Beziehungen Kuba-USA beizuwohnen. Und er enthält ebenfalls den grundlegenden Vergleich zwischen „früher“ und „heute“:

Als ich ein junger Bursche war (ach, ich rede von 1914, 1916, 1918…), hatte eine amerikanische ,Note‘ das niederschmetternde Prestige eines Axthiebs oder eines Knockout. Die jeweilige Regierung, ob liberal oder konservativ, suchte stets eine solche ,Schande‘ zu vermeiden. ,Was wird der Onkel Sam sagen, wenn wir uns nicht regieren können?‘

Danach schildert Guillén kurz die Regierungen von 1902 bis 1959, die sich schamlos am Volk bereicherten und im übrigen alles taten, was die USA-Regierung und die USA-Konzerne verlangten. Dann heißt es:

Diese Überlegungen kamen mir in die Maschine, nachdem ich die Antwort der revolutionären Regierung aus dem Munde Raúl Raas auf die Note des USA-Botschafters Bonsai las. Ja, lang ist’s her, weit länger noch, als es einem oberflächlichen Beobachter erscheinen möchte, seit jenen Tagen, die wir zu Beginn unserer Chronik heraufbeschworen. Es gibt einen tiefen, unüberbrückbaren Einschnitt zwischen zwei Epochen. Wir leben in einer anderen Zeit, so als ob zwei Jahrhunderte und nicht bloß fünfzig Jahre vergangen wären. Wir wohnen der Selbstbegegnung des Volkes bei, der Wirklichkeit seiner Macht, seiner Unabhängigkeit, seiner Freiheit – und der Niederlage seiner Feinde von gestern und seine; Verräter von heute. (…) Es möge uns der feine Schatten des Dichters des höfischen Beschwörers von Infanten und Königen, von Kunststücken und Galanen verzeihen, Don Jorge Manrique möge uns es verzeihen, aber jede Vergangenheit war… schlechter. (Hoy, 9. Juli 1960)

Hier haben wir also den Anlaß des Gedichts vor uns: die Note der USA, die gegen die Nationalisierung der Erdölraffinerien und des USA-Großgrundbesitzes protestierte, und die stolze, selbstbewußte Zurückweisung dieser Note durch den kubanischen Außenminister Raúl Roa. Es ist ein politisches Geschehen; seine publizistische Kommentierung und Bewertung im Zentralorgan der kubanischen Kommunisten Hoy verfolgte das unmittelbar politisch-praktische Ziel, die historische Bedeutung des Vorgangs den Lesern ins Bewußtsein zu heben durch den Vergleich mit der Servilität und Käuflichkeit früherer kubanischer Regierungen, fatalistische, die Überlegenheit der USA als ein für allemal gegeben hinnehmende Volksvorurteile (Man kann gegen die USA doch nichts machen!) zu zerstreuen und die Leser schließlich zur massiven Unterstützung der in dem Notenwechsel manifestierten antiimperialistischen Haltung der Castro-Regierung zu mobilisieren. Entsprechend rücken in dem Artikel das Faktum und die unmittelbar politisch-praktischen Zwecke eindeutig in den Vordergrund, bestimmen dessen Struktur. Der Artikel greift bereits im Titel die Schlußverse aus der ersten Strophe des „Couplets auf den Tod des Vaters“ des spanischen Vorrenaissancedichters Jorge Manrique (1440–1479) auf, kehrt ihre Aussage um und rechtfertigt diese widerlegende Umkehrung durch die gerade genannten Fakten, die eben nicht dafür sprechen, daß die Behauptung Manriques stimmt, wonach jedwede Vergangenheit besser war. Dennoch dient der Artikel nicht dazu, Manrique zu widerlegen. Vielmehr erbringt die Umkehrung des Zitats eine Umwertung des Geschichtsprozesses, der auf Kuba vor sich gegangen ist, fügt zur bloßen Feststellung des Umbruchs auch noch eine geschichtsphilosophische Wertung hinzu: Die kubanische Vergangenheit war nicht nur anders, sie war schlechter, und die Gegenwart ist demzufolge nicht nur anders beschaffen, sondern von Grund auf besser.
Bei der Lektüre dieses Artikels, dessen Gegenstand zum Anlaß unseres Gedichts wurde, stößt mich jedoch mein Unterbewußtsein immer wieder in eine andere Richtung: Jede Vergangenheit war schlechter – das hast du doch schon einmal gelesen! Und richtig: In dem gleichen Band Tengo (Ich habe, 1964), der die in den ersten Jahren der Revolution verfaßten Gedichte Guilléns vereinigt, finde ich tatsächlich außer unserem Gedicht noch eines mit dem Titel „Jede Vergangenheit war schlechter“, in dem jeglicher explizite Hinweis auf die Tatsache daß hier ein Manrique-Zitat paraphrasiert wird, fehlt: Es wird ein Leser unterstellt, dem die darunterliegende literarische Prägung geläufig ist, der jedoch in seiner Erwartungshaltung durch das abwertende „schlechter“ anstelle des erwarteten „besser“ getäuscht und so zum geschichtsphilosophisch bewertenden Nachdenken veranlaßt wird. Das Gedicht evoziert fast impressionistisch Fetzen einer „schlechten Vergangenheit“: Armut, Prostitution, Korruption, Servilität gegenüber den USA, Diktatur. Eine USA-Note wird ebenfalls erwähnt aber nicht eine an die revolutionäre Regierung gerichtete, sondern eine solche, deren Anlaß von der früheren Marionettenregierung durch ein Bankett für den USA-Botschafter beigelegt wurde. Die Gegenwart jedoch ist hier eher im Bewußtsein des Lesers präsent, sie wird lediglich durch die fast gleichlautenden Anfangs- und Schlußstrophen indirekt evoziert, wenn auf den politischen „Erdrutsch“, den Epochenwandel verwiesen wird:

Welch ferne Dinge
noch so nah,
aber doch schon endgültiger-
weise tot!

Ohne Zweifel ist hier der Geschichtsbewußtsein vermittelnde und zugleich parteilich wertende Aspekt ins Zentrum gerückt, der unmittelbar praktische Anlaß bereits eliminiert. Andererseits hat dieses Gedicht noch denselben Titel wie der Artikel – es ist das Mittelglied, das zu unserem Gedicht hinführt.
Dieses nun beginnt seinerseits mit fast den gleichen Worten wie der Artikel:

Als ich ein Junge war
(vor… der Leser setze fünfzig Jahre)

Zum Vergleich noch einmal den Anfang des Artikels:

Als ich ein junger Bursche war (ach, ich rede von 1914, 1916, 1918…), hatte eine amerikanische ,Note‘ das niederschmetternde Prestige eines Axthiebs oder eines Knockout.

Während aber der Artikel auf den Notenwechsel hin durchstrukturiert ist und die Erwähnung des Autor-Ichs als eines jungen Burschen mehr der Zeitbestimmung gilt (1914, 1916, 1918), wird in unserem Gedicht das Autor-Ich, genauer: dessen Altersbestimmung (Junge, junger Bursche) zum strukturbestimmenden Element, während der Notenwechsel gar nicht mehr vorkommt. „Junge“ und damit Alters- und Verwandtschaftsbezeichnungen weiten sich zum zentralen Bild des Gedichts und erhalten als solche relative Selbständigkeit. An das Bedeutungsfeld von „Junge“ grenzen Bezeichnungen wie „Kind“, „Erwachsener“, „Onkel“.
An betonter Stelle, im Mittelteil, der das Gedicht in zwei etwa gleich lange, aber mit unterschiedlichem Inhalt befrachtete Hälften teilt, heißt es:

Es geschah aber,
daß wir eines Tages uns wie Kinder fühlten, die erwachsen werden,
und von jenem ehrenwerten Onkel, auf dessen Knien sie saßen, erfuhren,
daß er als Betrüger im Gefängnis saß.

Das „Kind“ wird erwachsen. Die Revolution ist das Erwachsenwerden des kubanischen Volkes, sein Selbständig-, sein Mündigwerden, lesen wir aus dem Gedicht heraus. Es wirft die „Vormundschaft“ des betrügerischen Onkels ab. Dieser Onkel nun war im Artikel der „Onkel Sam“. („,Was wird Onkel Sam sagen, wenn wir uns nicht regieren können?‘ Beim geringsten Versuch zur nationalen Selbstbehauptung… packte die hohen Politiker, die gerade dran waren, die Panik: Die Amerikaner werden kommen“, heißt es im Artikel.) Am Schluß des Gedichts wird mit verstecktem Hinweis auf die Revolution das Erwachsensein als Tatsache betont:

Wir sind einfach erwachsen geworden,
Wir sind erwachsen geworden, doch wir vergessen nicht.

Die Bildfolge Junge/Kind – Erwachsenwerden – Onkel – Erwachsensein stellt im Gedicht eine aufsteigende Reihe dar, die einen Prozeß abbildet. Die im Bildaufbau sichtbar werdende Gedankenentwicklung besitzt eine innere Logik: Das naive Kind hält den jovialen Onkel für gutmütig; in dem Maße, in dem es erwachsen wird, durchschaut es ihn als Kriminellen. Aus dieser Erkenntnis erwächst sein Kampf um Abschüttelung der Herrschaft des sich onkelhaft gebenden USA-Imperialismus und daraus wieder die revolutionäre Tat, die Erwachsensein bedeutet. Der Schluß „Wir sind erwachsen geworden“ ist so auch ein logischer Schluß, der alle Möglichkeiten des Bildes ausschöpft und es folgerichtig „abschließt“ (wobei „Lang ist es her…“ und nicht „Jede Vergangenheit war schlechter“ in der Linie des wunderbaren Manrique-Gedichts bleibt das poetologisch ebenfalls auf der Sequenz Tod – Alter – Jugend – Kindheit aufbaut und gegenüber dem durch Krankheit und Einsamkeit geplagten Greisenalter die „Vergangenheit“, das heißt die Kindheits-, Jugend- und Reifejahre, als besser bezeichnet, dies allerdings pauschalisierend zu einem geschichtspessimistischen Symbol erhebt).
Ein solcher Reifeprozeß hätte durch die Manrique-Paraphrase nicht ausgedrückt werden können, weil dadurch die Bildlogik zerstört worden wäre und im Rahmen der durchgängigen Metaphorik von „Lang ist es her…“ zu der unsinnigen Behauptung geführt hätte, daß alle Kindheit und Jugend schlechter sei. Andererseits hat Guillén in „Jede Vergangenheit war schlechter“ die in dem travestierten Manrique-Zitat gegebene gedankliche Struktur und Gedankenlogik genauso ausgeschöpft und zur Geschlossenheit vollendet wie die Bildstruktur und Bildlogik in „Lang ist es her…“. Denn „Jede Vergangenheit war schlechter“ ist wesentlich von Gedankenführungen, „Lang ist es her…“ wesentlich von Bildführungen her strukturiert.
Fragt man nach der Funktion und möglichen Wirkung von „Lang ist es her…“ (und auch des Gedichts „Jede Vergangenheit war schlechter“), so hat man sich vor Augen zu führen, daß es, ebenso wie der Artikel, als Kommentar zum Notenwechsel und zu den damals – wie heute wieder – dramatischen Zuspitzungen im Verhältnis zwischen den imperialistischen USA und dem revolutionären Kuba aufgenommen werden mußte. Diese Ereignisse waren in aller Munde, und die Poeme wurden, zumal sie zunächst in Tageszeitungen publiziert waren, durchaus auf diesen aktuellen politischen Kontext bezogen. Das wird auch durch einen eindeutigen Leserbezug unterstützt, etwa zu Beginn die direkte Anrede „… der Leser setze fünfzig Jahre“, weiterhin der das Publikum einschließende Plural, zu dem vom Ich übergegangen wird („Wir sind einfach erwachsen geworden“), und schließlich am Ende ein Aussagesatz, der aber seiner Funktion nach ein Imperativ ist, eine Mahnung an den Leser („wir vergessen nicht“). Insofern hat das Gedicht operativen, unmittelbar praktisch-politische Zwecke verfolgenden Charakter. Dieser kann, zum Beispiel in der heutigen zugespitzten Lage in Mittelamerika und der Karibik, mühelos aktualisiert, auf das Verhältnis zwischen den USA und Kuba beziehungsweise Nikaragua bezogen werden. – Aber außerhalb dieser aktuellen oder das Gedicht aktualisierenden Kontexte verlöre das Gedicht seine operative, direkt in politische Vorgänge eingreifende Funktion. Wäre es nur im Hinblick auf die unmittelbaren praktisch-politischen Zwecke geschrieben worden, verlöre es mit diesen jeden Zweck. Wer liest noch Gedichte, die zum Sturz eines Tyrannen aufrufen, wenn dieser bereits gestürzt ist. Wenn sie nicht darüber hinaus poetisch-ästhetische Substanz enthalten, die die unmittelbaren politischen Zwecke übersteigt: könnten sie vielleicht, wie Guillén im Hinblick auf seine Publizistik schrieb, eines Tages höchstens nützlich sein „den Soziologen, Historikern, Ökonomen, allen jenen seriösen Schriftstellern, die aus dem Leben, das da verrinnt, die festgewordenen Lehren für das Leben, das bleibt, herausklauben“.
Diesen ästhetischen Überschuß über die unmittelbare Zweckbestimmtheit erzielt Guillén dadurch daß er die Bezüge zu den praktisch-politischen Zwecken und dem authentischen Geschehen tilgt und dadurch die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Fähigkeiten lenkt, die das kubanische Volk beim Verfolgen seiner unmittelbaren Zwecke entwickelt. Es lernt, selbständig zu denken, es lernt sogar, sich als selbständig zu denken, als Subjekt der Geschichte. Dieses Denk- und Erkenntnisvermögen war vorher nur bei wenigen vorhanden. Erinnern wir uns an den Anfang des Gedichts:

Als ich ein Junge war
(…)
gab es erwachsene naive Leute,
(…)
die laut schrien:
– Mein Gott, was werden da die Amerikaner sagen!
Für manchen
zu jener Zeit bedeutete Yankee sein
beinahe heilig sein…

Und an anderer Stelle heißt es:

Und vor allem: Paß auf,
es werden gleich die Amerikaner kommen!
(Andre Leute, die nicht so naiv waren,
sagten gewohnheitsmäßig:
Geh! Wieso sollen sie denn kommen,
sind sie nicht schon hier?)

Entsprechend gestaltet der erste Teil unseres Gedichts nicht nur die Macht der USA und ihr geistiges „Prestige“, ihre geistige Herrschaft über die Kubaner, von der bürgerlich-imperialistischen Ideologie mit Eifer gefördert, sondern auch das Ohnmachtsgefühl vieler Kubaner, ihr weitgehendes Unvermögen, die Wirklichkeit ihrer Beziehungen zu den USA zu erkennen. Der zweite Teil demonstriert den Zusammenbruch der Macht und des Image der USA im Zusammenhang mit dem Verb wissen („Und eines Tages wußten wir alles“ – „Wie und warum.“). Man hat Erfahrung gespeichert, Wissen:

Wir sind erwachsen geworden, doch wir vergessen nicht.

Dahinter steckt aber auch das gewachsene Vermögen zum Erkennen, zum Denken, zum Durchdenken gesellschaftlicher Zusammenhänge. Was hier am kubanischen Volk dargestellt wird, ist die Entwicklung seines Erkenntnisvermögens, seines Bewußtseins. Beides aber ist auch verknüpft mit der Entwicklung von Handlungsunfähigkeit zum Vermögen, praktisch-revolutionär zu handeln. Es geht also in diesem Gedicht weniger um die Vermittlung von Erkenntnis und Handeln als vielmehr um die Bewußtmachung dieser Fähigkeiten, die die Kubaner im politischen Alltag kaum bemerken, die aber gerade durch die relative Enthebung von diesem Alltag mit seinen unmittelbaren Zwecken – durch die literarische Fiktion – transparent werden. Dadurch kann das Volk, beim Lesen, seine eigenen Kräfte erkennen und frei genießen. Diesen Hintergrund bringt übrigens, als prosaisch-nüchterne Feststellung, der Artikel „Jede Vergangenheit war schlechter“ zum Ausdruck, wenn es in bezug auf die souveräne Haltung der kubanischen Regierung heißt:

Wir wohnen der Selbstbegegnung des kubanischen Volkes bei, der Wirklichkeit seiner Macht, seiner Unabhängigkeit, seiner Freiheit.

Es kann in der Tat in dem Gedicht gewissermaßen frei das Spiel seiner politischen Kraft und Macht, seiner geistigen Vermögen, seiner Subjektivität genießen. Poetologisch ist das nur möglich, so scheint mir, durch die Strukturierung des Gedichts ausgehend von einem Subjekt, einem menschlichen Wesen, das wie ein Individuum die verschiedenen Stadien Kindheit, Jugend und Reifejahre durchmißt. Der erste Teil, handelnd vom Unvermögen, ist gekoppelt mit der Metapher „Kind“, der zweite mit der Metapher „Erwachsener“. Diese Lebensalter entsprechen beim einzelnen Individuum verschiedenen Entwicklungsstufen der physischen und geistigen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Eigenschaften. Genauso verhält es sich mit dem Subjekt „Volk“, das hier als geistig-theoretisches wie praktisch-politisches Subjekt der Geschichte oder, besser: im Prozeß seiner Subjektwerdung vorgeführt und zu diesem Zweck als lyrische Figur aufgebaut wird. So vermittelt dieses Gedicht Selbsterkenntnis, Selbstwertung und Selbstgenuß. Hierin liegt sicherlich sein ästhetischer Wert beschlossen, der sich in dem praktisch-politischen, operativen Wert, den es ebenfalls in hohen Graden enthält, nicht erschöpft.
Es sind dies zwei Lektüreweisen ein und desselben Gedichts. Diese doppelte Leseweise der Verse wird dadurch ermöglicht, daß ihr Autor politisches Handeln für die Revolution und ästhetisch-künstlerische Souveränität in sich vereint. Es ist dies die Meisterschaft des sozialistischen Dichters, den die entschiedene Parteinahme in den Kämpfen unseres Jahrhunderts geformt und zur Reife geführt hat.

Hans-Otto Dill, neue deutsche literatur, Heft 7, Juli 1982

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