Heinz Czechowski: Zu Heinz Czechowskis Gedicht „Die Bitterkeit auf meiner Zunge“

Im Kern

Im Kern

– Zu Heinz Czechowskis Gedicht „Die Bitterkeit auf meiner Zunge“. –

 

 

 

 

HEINZ CZECHOWSKI

DIE BITTERKEIT AUF MEINER ZUNGE
Rührt nicht von der Orange, die ich soeben verzehrte.
Es ist eine Bitterkeit, die nicht vergeht. Für sie
Habe ich keinen Begriff, ich glaube,
Ich hab sie als Kind während des Krieges
Mit einer Handvoll Schnee,
Die meinen Durst stillen sollte,
Zu mir genommen. Es gab
Keine Märchen, aber es war damals immer
Ein großes Geflüster um mich: die Erwachsenen
Erzählten sich hinter vorgehaltenen Händen
Vom Kriege, vom damals gewesenen Kriege,
Von Grünen Minnas und von Soldaten,
Die beinlos aus Stalingrad wiederkehrten.
Ich sah auch den Hitlergruß
Des Blockwarts und hörte,
Während ich mir das Haar schneiden ließ,
Von dem an die Wand spritzenden Blut
Galizischer Juden. Der schier endlose Zug
Der Russinnen abends den Wilder-Mann-Berg empor,
Wenn sie vom Goehle-Werk
Sich in ihr Lager zurückschleppten,
Und schließlich die Panjewagen,
Beladen mit den Toten des Bombenangriffs,
Das alles muß in dieser Handvoll
Schnee gewesen sein, die ich mir
In den Mund steckte, um meinen Durst
Zu stillen, diesen kindlichen Durst,
Der mich nie verließ, und von dem
Diese Bitterkeit auf der Zunge zurückblieb.

12.1.1995

 

Zum Beispiel Dresden

Was wäre ich ohne diese Stadt? – Diese Frage erforderte eine vielfältige Antwort. Mehr, als es mir lieb ist, hat mich diese Stadt geprägt. Erste Liebe, erste Begegnungen mit großer Kunst, Musik, Malerei, die Entdeckung einer die Stadt umgebenden Landschaft zwischen Pirna und Meißen, Bautzen und Freiberg, die für mich auch heute noch immer zu den schönsten Europas gehört, als Gesamtkunstwerk. Jedoch diese angenehme Assoziationen hervorrufenden Stichwörter sind es nicht, die mein Verhältnis zu dieser Stadt bestimmen. Kurz vor dem Faschingsdienstag des Jahres 1945 hatte ich gerade meinen zehnten Geburtstag absolviert. Mein Bruder, der Flakhelfer, lag mit Diphterie in einem Lazarett in Radebeul. Er war dadurch der Hölle von Espenhain und Böhlen entkommen, denn dorthin war seine ursprünglich in Wölfnitz bei Dresden beheimatete Flakstellung inzwischen verlegt worden. Es war eine nicht nur metaphorisch dunkle Zeit. Die Russen standen an der Neiße, die Amerikaner am Rhein. Auch wenn sich die Erwachsenen nur unter vorgehaltener Hand davon erzählten: auch ich, das Kind, ahnte daß Bedrohliches, ja Tödliches, vor der Tür stand. Das Stadtviertel Wilder Mann, in dem ich aufwuchs, war voll des Unheimlichen. Man hörte von einem Major, der ohne Beine aus Stalingrad zurückgekehrt war, von einem Klempnermeister, der während eines Flammenwerferangriffs erblindete und sich trotzdem beim Friseur Rubner damit brüstete, wie sich galizische Juden, die er erschoß, „in die Hose geschissen“ hatten. Es gab einen Blockwart, der meiner Mutter gedroht hatte, sie ins KZ zu bringen, wenn sie weiterhin den Russen, die in der Nähe unseres Hauses Schanzarbeiten leisteten, Kartoffeln und Zwiebeln zustecken würde. Die Straßenzüge lagen abends im Dunkeln, die Straßenbahnen rasselten, die Scheiben mit dunkelblauer Tarnfarbe gestrichen, mit letzter Kraft in die Stadt. Lediglich das irrsinnige Gerüchte, die Stadt sei geschützt, weil Churchills Großmutter noch immer im Englischen Viertel wohne und die Engländer ohnehin die Stadt, die sie liebten, verschonen würden, gab uns eine ungewisse Sicherheit. So durfte ich auch immer noch allein in die Stadt fahren, um meine Patentante auf der Prager Straße zu besuchen, die dort ein Schneideratelier und eine Künstlerpension unterhielt. Nicht zuletzt dadurch habe ich auch heute noch ein deutliches Bild von der unzerstörten Stadt zwischen Albertplatz, Schloßstraße, Ring und Hauptbahnhof. Aber es war eine graue Stadt. Der alte Glanz schien schon abgeblättert. Der Krieg hatte überall seine Markierungszeichen gesetzt. Auch zwei Bombenangriffe, von denen wir freilich „hier draußen“ nichts gespürt hatten, hatte es schon gegeben. Wie oft ich von meiner Mutter aus dem Schlaf gerissen worden bin, wenn die Sirenen heulten, weiß ich nicht mehr. Die Alarme gehörten zum Alltag, auch in der Schule, wenn wir unter den singenden Heizungsrohren im Keller saßen und uns die auf den Straßen gefundenen Splitter der Flakgranaten zeigten. Auch einen Tieffliegerangriff hatte ich schon hinter mir: eine Frau hatte mich beim Überqueren eines Kleingartenweges in die Hecken gerissen. Die Munition des Jabos spritzte über den Kies in die Lauben. Vom Flugplatz des nahen Fliegerhorstes Klotzsche hatten wir einen der ersten deutschen Düsenjäger aufsteigen sehen, eine der Wunderwaffen, die der Führer angekündigt hatte… Wer aber glaubte schon noch an ein Wunder? Heute kommt es mir vor, als sei die Nacht vom Faschingsdienstag zum Aschermittwoch die Nacht gewesen, die mich traumatisch geprägt hat, obwohl ich die Katastrophe nicht unmittelbar, sondern nur vom Dach unseres Hauses miterlebt hatte. Ich sah eine in Höllengluten vergehende Stadt, sich im Sturmwind biegende Pappeln. Ein paar Tage später zogen wir mit einem Leiterwägelchen durch die Stadt. Am Trachenberger Platz die ersten Toten. Tote unter der Eisenbahnunterführung am Neustädter Bahnhof, Tote am Albertplatz, am Hochhaus ein abgestürztes amerikanisches Flugzeug, die Leiche eines Piloten herausgeschleudert. Am Königsufer, Dohna entgegen, wo unsere Großmutter in relativer Sicherheit lebte, ein Toter, an einer Mauer sitzend, den Kopf gesenkt, die Arme schlaff. Meine erste individuelle Begegnung mit dem Tod, in Schrittdistanz, bis heute unvergessen. In Dohna die Kirchentüre von einer Luftdruckwelle eingedrückt. Mein Vater hatte die Feuerglocke von Böhmisch-Leipa aus gesehen. Ich weiß heute nicht mehr, wie man sich verständigt hatte, daß die Familie noch am Leben war. Später die Erzählungen meiner Patentante, die sich mit ihrer uralten Mutter aus dem Keller des Hauses in der Prager Straße gerettet hatte. Ihr Bericht von der menschenleeren brennenden Stadt nach dem ersten Angriff. Die Kalvakade der Zirkuspferde in der Nähe des Zirkus Sarassani, die ihr entgegenraste. Ihre Irrwege, ehe sie aus der Stadt herausfand. Die von ihr von der Reichstraße aus gesehene endgültige Vernichtung der Stadt. Berichte aus zweiter Hand, die mir heute vorkommen, als hätte ich alles persönlich erlebt… Dabei waren es doch nur die dröhnenden Kampfmaschinen gewesen, die über unser Haus zogen, das Pfeifen der Luftminen, die dröhnenden Einschläge irgendwo in der Nähe, dann später die ersten Überlebenden, die aus der Stadt kamen und in unserem Luftschutzkeller ihre Brandwunden versorgten. Als wir Anfang Mai in die Stadt zurückkehrten, aus Angst, unsere Wohnung könnte geplündert werden, überflutete wie zum Hohn ein Blütenmeer die Höhenzüge rings um die verbrannte, nach Verwesung stinkende Stadt. –
Wie viele Jahre lang habe ich als Kind die ausgeglühte Stadt durchquert, zu Fuß oder in mit Pappfenstern versehenen Straßenbahnen, an heißen, staubigen Sommertagen oder im eiskalten Winter, um meiner Großmutter etwas zu essen zu bringen? Der Bombenangriff war vorbei. Er hatte Tatsachen geschaffen, mit denen man zu leben hatte, an denen aber auch viele endgültig zugrunde gingen. Heute gelingt es mir kaum noch, in die Stadt, die ich trotz oder gerade ihrer elenden Versehrtheit wegen liebe, zurückzukehren. Meine Eltern sind schon lange tot; ein alter Buchhändler, der seinen Lebensabend in einer kleinen Villa auf der Marsdorfer Straße verbrachte und den ich dort zwei- oder dreimal besuchte, um ihn über seine Erinnerungen zu befragen, starb vor zwei Jahren. Umbruchzeiten sind auch Zeiten endgültiger Trennungen. Dresden habe ich mehrfach verloren. Nicht nur, als es vor meinen Augen zerstört wurde, sondern auch, als ich seinen „Wiederaufbau“, der es zum Teil sinnlos entstellte, mitansehen mußte. Eine dritte und wie mir scheint, endgültige Trennung erlebte ich vor kurzem, als ich die Stadt, in der ich niemanden mehr wußte, den ich hätte aufsuchen können, umfuhr. Silberne Fäden wehten über die Moritzburger Teichlandschaft. Auf dem Friedhof des kleinen Dorfkirchleins in Wilschdorf wird heute niemand mehr begraben. Ich las ein paar Namen, die mir von Kindheit an vertraut gewesen waren, auf den wenigen noch erhaltenen Grabsteinen. Auf den Sandsteinplatten vor dem Kirchenportal lagen Kastanien. Im Pfarrgarten die ersten Walnüsse, wie kleine Mumien, im Gras. Im Ankündigungskasten ein Abschiedsbrief des letzten Pfarrers, der sich bei seiner Gemeinde für das ihm geschenkte Vertrauen bedankte. Ein Aquarell des Pfarrhauses von seiner Hand war dem Brief beigefügt. Mein Gesicht im Spiegel des Glases. Dresden. Zum Beispiel. Wo keine Ankunft mehr gelingen kann, ist auch die Heimat grau wie der Tag des Alkoholikers nach dem Erwachen. Faschingsdienstag. Und Aschermittwoch.

Limburg a. d. Lahn, 12.1.1995

Ostragehege, Heft 2, 1995

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