Helmut Heißenbüttel: das Sagbare sagen

Heißenbüttel-das Sagbare sagen

SCHLAGER ANTIK

der goldnen Sternen Reihungen erbleichen
Orion fällt bestürzt und die Plejaden weichen
die totgesagt war Liebe bricht herein
und Tag und Nächte sind mit sich allein
verrückt schau ich die Zeit die läuft zurück
ich schau was ist wie ein Theaterstück
gewisser Ungewißheit Traurigkeit
füllt die in sich zurück gekehrte Zeit
Oktober hat noch einmal dies durchtagt
und Zukunft sich erfüllt wie es vorausgesagt
der Ruhe Geist ist in den Stunden
der prächtigen Natur mit Tiefigkeit verbunden
in traurigem Gesang erkennt
sich meines Schmerzes süßes Instrument
geblieben ist was mir nicht war gewohnt
hier unter diesem wechselweisen Mond
und was ich noch zu sagen wüßte
ist nicht was ich zu sagen sagen müßte
wenn aber Liebende die weinend wollten scheiden
nach unerhörter Sehnsucht langen Leiden
ans Herz sich dennoch dürften wieder pressen
zu küssen würden sie sich hier vergessen

 

 

 

„Bussard absegelt Planquadrat“

oder

Die Überraschung dieses Mittags

Gestatten Sie, daß ich mit einer persönlichen Bemerkung beginne: Ich habe vor Helmut Heißenbüttel lange Zeit Angst gehabt. Gefürchtet und bewundert habe ich an ihm, aufgrund seiner theoretischen wie praktisch-poetischen Äußerungen, ein schreckeneinflößendes Maß jener Sorte von Intelligenz, die mich, zumindest in jüngeren Jahren, am meisten beeindruckte, nämlich die Fähigkeit, die künstlerische Moderne, samt ihren Ideen, Programmen, Entwicklungen zu überblicken und resümierend und prognostizierend daraus Schlüsse zu ziehen, unorthodox für die Literatur insgesamt, streng konzeptuell für das eigene Schreiben.
Ganz im Zeichen dieses leichten Grausens stand auch mein erstes Zusammentreffen mit dem Autor Mitte der 70er Jahre in einer Kölner Dachwohnung. Man konnte die kleine Behausung nur über eine Art Hühnerleiter erreichen. Ich erinnere mich noch recht gut, wie, sagen wir pünktlich um fünf Uhr, jemand Stufe für Stufe, zu uns, einer gemeinsamen Freundin und mir, hörbar und unaufhaltsam hochstieg, jener Schriftsteller eben, vor dem man sich, als Person vom selben Fach, nur blamieren konnte, sobald man den Mund auftat.
Wir haben alle drei etwa eineinhalb Stunden über Teesorten und eine halbe über den Literaturbetrieb geredet. Hinter diesem großen, leicht geröteten Gesicht mit dem freundlichen Lächeln ist also so viel aggressiv-avantgardistische Intelligenz verborgen, dachte ich, während wir über Darjeeling und Jasmintee plauderten. Herr Heißenbüttel verschwand dann zu einer Lesung. Ich habe bei späteren Unterhaltungen nie erlebt, daß er über Literaturtheorie, überhaupt im strengen Sinn über Literatur redete, statt dessen aber, wenn er Lust dazu hatte, stundenlang ohne Mühe Anekdoten erzählte. Das gefiel mir überaus gut. Aber ich dachte doch hin und wieder besorgt: Ob es mit anderen Gesprächspartnern wohl avantgardistischer zugeht? Mir wurde versichert: Privat kaum.
Um mein Problem zu verdeutlichen: Einerseits war ich ja selbst davon überzeugt, man müsse kompromißlos modern sein, andererseits hatten in meiner Jugend Eichendorffgedichte – auch damals nicht gerade im Trend liegend – eine große Rolle gespielt. Und wenn die erst mal in einem so richtig Platz gefunden haben, vergißt man sie nicht mehr, ob man darüber spottet oder nicht. Das absolut zeitgenössische Heißenbüttels war etwas Erregendes. Die Gedichte der Romantik allerdings, ob als unverantwortliche Reminiszenz oder als etwas insgeheim zentrales, standen auf einem anderen Blatt, am ganz anderen Ufer.
Das Merkwürdige jedoch war, daß gegen Image und Legende sich bei Heißenbüttel eben nicht nur Eichendorffnahe Zitate fanden, die immerhin, Eichendorffs Untergang hin oder her, ähnliche Anfälligkeiten vermuten ließen, sondern auch regelmäßig, offenbar ohne Verstellen der Stimme geschriebene Passagen wie die folgenden:

Träge und träge schreiend segeln Möwen diagonal über mich hin. Ich höre ihnen zu und nichts sonst.

Oder:

Feuchte Uferwiesen, hat er gedacht, als er aus dem D-Zug-Fenster auf den Main hinausgesehen hat: das ist auch etwas, das sich in mir ansammelt… Er hat die Wiesen an einem anderen Fluß gesehen, der Ems heißt und seine Jugend beeindruckt hat. Er hat die Emswiesen gesehen und zu verschiedenen Jahreszeiten, voller Butterblumen im Juni, zugefroren im Januar, dampfend im September.

Oder:

Plötzlich, unerklärlich, unerträglich, vernichtend, ausschmelzend in dieser sonnigen Sommerlandschaft, atemberaubend, atementziehend, sinnlos der Schock der Todesangst.

Oder:

Sie fühlt sich, wie sie später von ihrer Heldin Sybille schreiben wird, in die Höhe gehoben, eine Flagge, die in einem unbeschreibbaren, von schmerzhaftem Puls durchdrungenen Wind steht, sie sieht alles, was sie, mit weit aufgerissenen Augen, sieht, in tief kobaltblauem Licht.

Naturanblicke, vorbehaltlose Versenkungen, Stillstände völlig untheoretischer Anschauung, beim letzten der Beispiele anläßlich eines Geschlechtsakts. Solche Sätze ließen sich für mich mit dem städtisch-bäuerlichen Heißenbüttel-Lächeln verbinden. Waren das womöglich die verräterischen Herzstücke seines Werks, die verhinderten, daß, um mit Jean Paul in seiner Vorrede zu E.T.A. Hoffmanns Fantasiestücken zu reden, ein „durchsichtiger, reiner, blinkender Eispalast“ entstand und die dafür sorgten, daß „Liebe und Kunst… gegenseitig ineinander wie Gehirn und Herz, beide einander zur Wechselstärkung eingeimpft“ leben?
Zitiere ich hier, wie ich’s gerade brauche, aus dem Zusammenhang gerissen, illegitim? Selbst wenn es so wäre, änderte das nichts am tatsächlichen Vorhandensein solcher Passagen, von denen es viele und viel längere gibt, und die zu Herzen gehen, weil man das Konzept, das sie ermöglichte, vergißt, Formulierungen, die jenen poetischen Augenblick herstellen, wo man den Text für identisch mit der Wirklichkeit und dem eigenen Selbst hält. Was nun aber andererseits keineswegs bedeutet, die hier genannten Zitate skizzierten ohne weiteres den eigentlichen und schieren Heißenbüttel.
Obwohl es so scheint, als wären auch die Helden seiner Geschichten bestrebt, über komplizierte Wege und ästhetische Erwägungen ihres Schöpfers – Dornenhecken der Abstraktion gewissermaßen – sich durchzuschlagen zu solchen Tableaus, Bildern, gelegentlich Epiphanien ihres Inneren, als fänden sie da ein von aller Intellektualität suspendiertes, grobinhaltliches Glück, ihren Lebens- oder meinetwegen auch Todespunkt, jedenfalls, wie ein gewisser Johannes eine „Hochebene mit Grasland und Blumen“ oder eine Maria Magdalena die Metamorphosen eines „blau gekalkten kahlen Raums in einem Ödfeld“.
Neben den direkten Naturanblicken sind es vor allem Erinnerungen – man kann sich kaum leidenschaftlicher, ungeschützter seiner Kindheit erinnern, als es Heißenbüttel so schamhaft tut –, sind es Träume, immer wieder das Agieren mit Traumsequenzen und oft halluzinierter Sexualität, die das Bild liefern, das Material, die Substanz für die windstill theorielosen Zonen, Kernpunkte des sich in Personen kurzfassenden und Figuren werfenden Autors.
Man sollte, meine ich, seine Bemerkung, er habe sich „dem, wie man sagt, sogenannten Experiment verschrieben, nur weil ich Schwierigkeiten hatte, eine Redeweise für mich zu finden“, wörtlich nehmen. Ein passioniertes Verhältnis der Sprache ebenso wie der Wirklichkeit gegenüber zeichnet jeden ernsthaften Schriftsteller aus, ob das diskret oder ostentativ manifest wird, und der einzig entscheidende, zugleich verpflichtende Avantgardismus ist der, eben diejenige Sprache zu finden und zu erfinden, die mit geringster Differenz zum eigenen Selbst sprechbar ist.
Alles das, was uns an Heißenbüttel vertraut ist, das technische Instrumentarium, der Wortapparat, Zitatcollagen und -überlagerungen, Bruchstücke anderer Texte in neuen, ein neues Klima erzeugenden Kontexten, Listen, Register, Inventare und Abstraktablöcke, Kombinationen disparater Wortkategorien und wissenschaftlicher Auszüge, Koppeln und Montieren unterschiedlicher Sprachfundstücke, all das ist periodisch abgelöst von Bildern, angehaltenen optischen Figurationen. Einfach und treffender gesagt: von Inseln höchster Anschaulichkeit, von Flußufern, Erlenwäldern, Himmeln, Hohlwegen, Kindheitssommern, viel stärker noch als von weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen.
Gemeint sind nicht so sehr jene Texte, die z.B. mit durchnumerierten Konkretheiten über die Banalität oder Unmöglichkeit oder das Verführerische des Geschichtenerzählens meditieren. Worauf ich hinauswill: Mir scheint, daß der Autor wie seine Helden zu den von Reflexion und philosophischen Zitaten kontrastreich umringten, selbst aber unberührten Oasen hinverlangt, es sich jedoch nur punktuell erlaubt und immer nur durch die Korridore, über die Barrieren des gedachten oder exemplifizierten literarischen Skeptizismus und Sprachexperiments. Genau das, dies zusammen, macht seine Handschrift aus, das spezifische Aroma seines Werks, könnte man sagen: die Bewegung vom Gedanken zu den Wahrnehmungsbildern. Nur dieser Prozeß, nicht träumerisch, sondern hochbewußt vollzogen, schildert den Autor vollständig ab. Nicht die sich genügenden Bilder allein, aber ebensowenig das Wortspiel, die konzeptuelle Exekution. Heißenbüttel in der schon erwähnten Johannesgeschichte: Ich „bin voll Sorge, Angst, Verlangen, Gefühl, Abwehr, Wut, Verzweiflung und Hoffnung. Aber das alles findet sich nicht in den Sätzen, die formulierbar sind, findet nicht, noch nicht vielleicht, jene Sprache, die sprechbar wäre, und warum denn will ich nicht reden, warum nicht ausformulieren, was durch mein Gemüt hindurchgeht, hindurchweht, möchte ich fast sagen? Weil es nur, so meine ich, ungesagt Bestand haben kann, weil es den warmen Schutz des Ungesagten nicht verlassen will.“ Daß Ungesagtes dann in schriftlich niedergelegten Bildern beschworen und eingeflüstert wird, gehört zu den Paradoxa des Schriftstellermetiers.
Das pure Sammeln, Ansammeln im Kopf von Wiesengründen, Nackenfalten, Anschaulichkeiten ist aber noch nicht der hier ins Auge gefaßte, in vielen Geschichten zumindest ahnungsweise und flüchtig erreichte Glückszustand: Der Held des Textes „Desintegration eines Sammlers“ muß am Ende restlos in seine Bestandteile zerfallen, weil er nur eine Addition von Einzelheiten ist. Worum es geht, ist die in dem längeren Text „Die goldene Kuppel des Comes Arbogast“ oder „Lichtenberg in Hamburg“ nicht nur angedeutete, vielmehr ausführlich niedergelegte Vision, Utopie eines Moments der Einheit von Ich und Welt, ein nüchternes, nicht-dionysisches Außer-sich-Sein, eine Version durchaus von Ekstase im mystischen Sinn, die doch auch eine des 20. Jahrhundert ist, eine weltumfassende Entrückung vom Mittelpunkt des Ichs aus. Dieses Subjekt, dieses sich mit der Welt identisch fühlende Selbst, sein Wissen, seine Bestandteile als Ganzes selbstverständlich und nicht reflektierend umschließend, eine Summe also, läßt das zeitliche, bruchstückhafte, biografische, psychoanalytisch zerlegbare Ich zurück. In solchen Augenblicken kann man sterben, oder man wird aus ihnen, so verlangt es der Rhythmus der Realität, wieder hinausgeschickt in die Zerstreuung, Fragmentarisierung, Klassifizierung.
Und noch einmal gesagt, die einander störenden und stimulierenden Komplexe bestimmen gleichermaßen das Heißenbüttelsche Werk: „Wenn ich will“, so heißt es, „kann ich mir den flachen Rundkurs über die Horizonte hinaus, über die ganze Wölbung der Erdkugel hinweg bis zu mir zurück erweitert vorstellen und bin so tatsächlich auf dieser westlichen Randdüne von Juist in diesem Augenblick des High-noon der definitive Mittelpunkt der Welt. Indem ich Mittelpunkt bin, das ist die Überraschung dieses Mittags, das ist die überraschende Entdeckung dieses Mittags, das ist vielleicht nur die Täuschung des Sonnenstands im Zenith, bin ich abgesetzt, ausgesetzt von dem Ich, das fragwürdig, befragbar ist und Probleme hat. Abgesetzt, beiseite gesetzt, ausgesetzt für die Dauer des Aufgehens in den Rundblick.“ Pünktlich danach dann wieder, nicht ohne Traurigkeit vermerkt, die Zerstückelung. Kein Wunder, daß das Kapitel mit einem Bibelzitat endet!
Mit einer biblischen „Gestalt“ beschäftigt sich die Geschichte Maria Magdalenas Welt, mit jener sogenannten Sünderin, die Jesus liebte, ihm nachfolgte und mit den Engeln und dem Auferstandenen am Grab sprach. Es ist die Geschichte einer Legendengestalt, die ihre letzten Jahre als Eremitin in einer Höhle zugebracht haben soll, und zugleich die Geschichte einer Greisin im Altersheim. Was aber, diese beiden zu assoziierenden Schicksale übergreifend, verhandelt wird, ist „ein Vorgang, dem niemand entkommt“. Magdalenas Welt ist „jedermanns Welt, wenn Welt aufhört“, so der Autor, „Welt zu sein“.
Erörtert wird zunächst durchaus im wissenschaftlichen Jargon, was mit Leib, sinnlicher Wahrnehmung und schließlich der Seele geschehen mag, wenn die Welt einschrumpft, wenn selbst der kleinste Innenraum nicht mehr sicher begriffen wird, wenn die Signale der Umgebung ihre Reihenfolge verändern oder gar auseinanderfallen. In diesen Vorgang werden wir, nach einigen theoretisch distanzierten Absätzen hineingezogen, hilflos gemacht angesichts der nun unvermittelt unseren Kopf flutenden, bedeutungsvollen, andeutenden oder vielleicht völlig unsinnigen, völlig verkehrten Bilder, die ein sich zersetzendes Gehirn, einen mehr und mehr abstumpfenden Sinnesapparat heimsuchen. Die illusionären Haltegriffe der Abstraktion sind verschwunden. Was geschieht, geschieht uns, gerade weil wir uns nach dem diskursiven Tonfall des Anfangs auf rationale Kontinuität eingerichtet hatten.
Was über die Kontrollversuche der Abstraktion triumphiert, sind die taumelnden Bilder, die interpretatorisch nicht zur Strecke zu bringenden Anschaulichkeiten, die sich Magdalenas und des Lesers bemächtigen. Rührend bemüht sich gegen Schluß noch einmal ein knapper theoretischer Angang, Ordnung zu stiften, während doch die Geschichte sich anschickt, endgültig umzusteigen auf einen anderen Zustand, den der Poesie, in die der Autor die sterbende Magdalena und uns entläßt, als das Beste, was er ihr und uns anzubieten hat: Der Text wird geschlossen von einigen, wie nur noch lückenhaft memorierten Zeilen aus Eichendorffs „Maria Magdalena“, einem Gedicht, in dem der noch schwelgerischen Sinnlichkeit der Sünderin sich erstmals die ihrer Seele bevorstehenden ganz anderen Wonnen ankündigen, als ginge es um einen Verfassungswechsel der Natur selbst, Öffnung ins wenigstens imaginierte Unendliche. Wie Eichendorff umkreist der Autor das Unsagbare. Und dieser hütet sich wie jener, dem zu nahe zu treten. Von den Geschichten Heißenbüttels ist es mir die liebste.
Intellektualität und Bild, Gedanke und Anblick nicht gegeneinander gesetzt, sondern zur Synthese gebracht, miteinander verschmolzen zu einer einzigen, sehr norddeutschen Rauhreifregion, einer einzigen kühlen, genauen, schwermütigen und spöttischen Meteorologie: Ich komme langsam zum Schluß und bin bei meinem Heißenbüttelschen Lieblingsbuch, dem Textbuch 8 angelangt.

Rabenwolke überquert den rosaroten Mond in Staaken
und vernäht des gleichen Himmels gleiches Laken.

Katze einzeln quert Wintersaat
Bussard absegelt Planquadrat.

Wenn ich hier anfange zu zitieren, möchte ich gar nicht mehr aufhören. Was ist das Geheimnis dieser Zweizeilenkristallisationen, die nichts auslassen, nicht die Simulation und nicht die Ewigkeit, nicht Philosophie, Sexualität, Zeitgeschichte, Erinnerung? Über den jeweilig geradezu flapsig zuschlagenden, leichthin Sentiment und Spekulation kappenden Reim gelingt die Einfügung in das, was ohnehin dominiert: In Zweizeilenbahnen gemusterte Natur, Naturanblicke, die in den Monatsgedichten wie ein ins Bewußtsein gekommener Vers durch das Intellektuellenhirn ziehen, abtauchen und beharrlich in anderer Form wieder erscheinen, Weberschiffchen, die diesen an Abstraktionen gewöhnten Kopf durchpflügen, bis alles, eben Gedanke, Möwe, Deich, Mittagslicht in einem Stoffwechselprozeß zu Baustein, Geschmack, Geruch eines Monats, einer Landschaft geworden ist.
Bei dieser Zusammenführung von Intellekt und Natur wird das Innere hell, öffentlich und Natur privatisiert. Wo ein Ganzes als Dauerndes nicht mehr überzeugt, wird es schlau durch Zweizeileneinheiten ersetzt. Wir werden konfrontiert mit den Wahrnehmungen eines Städters, der sich für Naturphänomene interessiert, gut, aber eben auch mit einem gefühlsstark sich Erinnernden. Die Unersetzlichkeit von Natur für unsere körperlich eigene wie auch literarische Erinnerung und als gegenwärtiger Anblick könnte gar nicht zwingender dargestellt werden, eine Natur in geschlossenen Rudimenten, geeignet zum Auswendiglernen, Zweizeilennatur ohne formulierte Klage über die ökologische Situation. Unkommentiert erleben wir, was wir mit ihr Unschätzbares verlieren werden, allein an Bildern, an Vergangenheit, an nachvollziehbarer Dichtung, an Projektionsmöglichkeiten, ja, an Kultur und Humanität! Diejenigen, die das Präsentieren verbliebener Naturanblicke der eigenen Provinz in der europäischen Geisteswelt entweder für zu wenig experimentell oder für zu wenig engagiert halten, tragen zur Desavouierung des Genannten offenen oder vielleicht doch blinden Auges bei.
Keine Literatur also, die sich mit Untergangseffekten brüstet, keine, die Natur allegorisch, symbolisch, metaphysisch für erhöhungsbedürftig hält. Ihre Absolutheit bezieht das Vergnügen an pornografischen Details, an Nonsens und Kalauern selbstverständlich mit ein. Nie aber läßt sie sich einspannen als Dekoration und Gleitmittel für beispielsweise politische Inhalte, nie als ein bißchen poetisierte Information, durchaus auch dann nicht, wenn Hitler oder Axel Cäsar Springer die Szene betreten. Es gibt ja nicht ein bißchen Poesie. Poesie ist, um auf eine schon zitierte Aussage Heißenbüttels zurückzukommen, eine Grundsatzentscheidung. Wesentlich ist, auch mit dem Risiko großer Einsamkeit oder großen Erfolgs durch Mißverständnis, eine Redeweise zu finden, die den Schriftsteller und seine Inhalte – und da kommt im Prinzip alles in Frage – für ihn adäquat ausdrückt. Sein Beharren auf einer signalhaften, eventuell luxuriös erscheinenden, stellvertretenden Empfindlichkeit bei der Suche nach der richtigen, also für ihn sprechbaren Redeweise, das ist der springende Punkt. Die Redeweisen Heißenbüttels – die eine kann sehr wohl mehrere umfassen – haben ihm ermöglicht, seine poetischen Herzstücke als Wahrnehmungs- und Bewußtseinshöhepunkte moderner Personen darzustellen. Ein permanenter Weg von den Abstraktionen zurück und vorwärts zu den Bildern, zu Träumen, Erinnerungen, Halluzinationen, Anblicken.
Heißenbüttels Programmatik ist in ihrer speziellen Ausformung in den theoretischen und theorienahen Texten historisch geworden. Unveraltet, ja brisant – gerade weil heute nichts ärger gefürchtet wird als sogenannte schwierige Literatur – ist die von ihm vorgeführte, verbürgte Notwendigkeit, einen fundamentalen Ansatz zu riskieren, durch die Gebote, Verbote, Läuterungen, durch die z.T. und mittlerweile unverständlich erscheinende, selbstdiktierte Askese und überdrehte Selbstbeschränkung der Moderne hindurch die eigene Position zu erkunden und zu stabilisieren. Vermutlich der einzige Weg, nicht bloß modisch zu sein.
Heißt das nun, daß man als Leser die Heißenbüttelschen Konzeptionen unbedingt im Kopf haben muß? Interessanter als sein Weg in eine immer rigoroser verstandene, vorwiegend zitierende Avantgarde ist gegenwärtig vielleicht das Umgekehrte, seine jüngere, vorsichtige Bewegung auf direkter begriffene Inhalte und epische Strukturen zu, entsprechend den Veränderungen seines schriftstellerischen Ichs und dessen nicht schulmäßig zu zähmender dynamischer Systematik treu.
Anders gesagt: Die Beschäftigung einer durch mancherlei Exerzitien gereinigten Sprache mit den schmutzigen Empfindungen wie Schmerz, Sehnsucht, Todesangst, sinnliche Emphase ist hier zu erleben als gegenseitiges Kräftemessen. Man lese also getrost etwa die alle Theorie überdauernden und überstrahlenden Monatsgedichte mit der unbesorgten Freiheit, die sich Heißenbüttel selbst bei der Betrachtung der Möven nahm:

Ich höre ihnen zu und nichts sonst.

Selbstverständlich aber bleibt auch hier die Natur der Weisheit letzter Schluß:

Schrift écriture geschrieben gelesen ist was ich besessen habe geworden
tief innen von unbeschreiblicher Farbe scharf stäubt Wind den Schnee von Norden
grün kommt der Abend und löst sich in stahlfarbenes Dunkel
senkrecht noch einmal und wieder Orions Gefunkel.

Sollten und müssen wir ihn nicht da, wo er es uns gestattet, lieben?

Brigitte Kronauer, Nachwort

 

Zu Auswahl und Anordnung

Das Auftreten Heißenbüttels in den sechziger Jahren war von einer konzeptuellen Neuerung begleitet. Mit dem Begriff des Textes hob er die Grenzen zwischen Poesie und Prosa auf und schärfte den Blick für die Textur, für das bewußt Verfertigte des literarischen Gebildes. Sein Prinzip war die Erprobung von Möglichkeiten. Von Möglichkeiten des Veränderns. Endgültig festgelegt hat er sich dabei nie, er fragte beharrlich weiter. Und schließlich hielt er an einem Punkt, wo die Frage, die allem Veränderungswillen zugrund liegt, selbst in Frage gestellt wird. Am deutlichsten läßt sich das an seinem Umgang mit den ersten 6 Textbüchern ablesen.
Sie sind ursprünglich in 6 einzelnen Heften zwischen 1960 und 1967 erschienen. 1970 faßte er sie in ein Taschenbuch zusammen, über dessen Anlage er im Rückblick zu Protokoll gab:

Der Anspruch des Absoluten, der im Begriff des Textes lag und für das Konzept leitend gewesen war, sollte relativiert werden. Das schien am einfachsten, wenn die ursprüngliche Anordnung aufgelöst wurde zugunsten einer Einteilung in zwei Großgruppen, in denen vage das wieder eingesetzt wurde, was mit dem Textbegriff negiert war, die Grundgattungen von Prosa und Poesie. Das Taschenbuch mit dem Titel ,Das Textbuch‘ enthielt im ersten Teil Prosa, im zweiten Gedichte, fast im traditionellen Sinn.
Lag darin nicht ein unauflöslicher Widerspruch? Diesen Widerspruch und seine Unauflösbarkeit erkennbar zu machen, darauf… kam es an.

Aber zehn Jahre später, 1980, wurde eine andere Entscheidung getroffen. Da hieß es in dem Klappentext, den Heißenbüttel der dritten Veröffentlichung der Textbücher 1–6 mitgab, daß hiermit die Auflösung der ursprünglichen Anordnung widerrufen werde, ohne daß er allerdings den Textbegriff restituieren wolle:

Nicht das, was einst mit Hilfe des Textbegriffs als Konzept wirksam gewesen war, wird nun erneut in sein Recht gesetzt, sondern dieses Konzept wird als etwas bereits historisch Vergangenes dokumentiert. Das ist keine Selbststilisierung, sondern erscheint als der einzige Weg, die Grundsätze der Offenheit und der nicht lösbaren Problematik konkret und unübersehbar erkennbar zu halten. Darum allein geht es.

Und darum ging es auch mir bei dieser Auswahl, die zur Trennung von Gedicht und Prosa zurückkehrt. Als Auswählender kann ich mich auf nichts anderes berufen als auf meine Vorliebe. Die allerdings hat eine mehr als vierzigjährige Prüfungszeit hinter sich. Es kam mir nicht darauf an, Heißenbüttel als Vertreter der Konkreten Poesie zu zeigen, sondern als einen Dichter eigener Voraussetzungen und eigenen Ranges.
Sein Werk ist über die Zäsur von 1980 hinausgewachsen. Die Textbücher 8–11, zwischen 1981 und 1986 entstanden, haben, bei aller Bewahrung des bis dahin Erreichten, neue Züge ausgebildet. Als wichtigster neuer Zug erscheint mir, daß Altes – Gedichte des Barock, Lieder der Romantik – sich einstellte und mit seinem Klang, seinen Farben und Stimmungen in die Textur aufgenommen wurde. Von einer ,,Rückseitenperspektive“ spricht das „Gedicht über Phantasie mit Joseph Freiherrn von Eichendorff“:

rückwärts gehn
Rückwärtsgang
der Wald indes rauscht von uralter Sage
und von des Schlosses Zinnen überm Fluß
die wie aus andrer Zeit herüberragen
spricht abendlich der Burggeist seinen Gruß
da scheint der Wald schon von der Nacht zu träumen
kein Lüftchen in der Einsamkeit sich regt
nur feuchte Schleier hängen von den Bäumen
von unsichtbaren Händen leis bewegt
er der doch durch entschiedene Kritik dieser Richtung
aaaein Profil verliehen hatte

Man möchte dagegen halten: Er, der gerade durch den Einbezug dieser Richtung ein neues Profil gewinnen konnte… Ich habe meine Auswahl in vier Teile gegliedert. Der erste Teil führt Heißenbüttels Versuche zur Veränderung des Gedichts (bis an die Schwelle der achtziger Jahre) vor; der zweite seine Versuche zur Veränderung des Erzählens; der dritte Teil enthält Texte, die „Gespräche“ oder „Abhandlungen“ oder „Traktate“ genannt wurden und in denen Dichterisches, Erzählendes und Reflektierendes sich vermischt; den Schluß bilden die späten Texte, die sich bemühen, die neu entstandene Form des Gedichts wieder an die Tradition anzuschließen.

Hubert Arbogast, Nachwort

 

Bizarr, traumhaft, obszön…

Das Werk Helmut Heißenbüttels hat auf die deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg starke Wirkungen ausgeübt: Es erzog die Sprache des Gedichts zu einer neuen Bewußtheit. Und es stellte Muster auf gegen jenes „dröhnend-vor-sich-hin-Erzählen“, das so lange im Schwang war.
Heißenbüttel hat die Sprache dazu überredet, die Welt, die wir als außer uns erleben, nicht mehr abbilden zu wollen, vielmehr sollte die Sprache selber, durch ein dauerndes Reflektieren ihrer Gesetze, eine neue Welt hervorbringen.
Die angebotene Auswahl führt im ersten Abschnitt Heißenbüttels frühe Versuche zur Veränderung des Gedichts vor; dann seine Versuche zur Veränderung des Erzählens; der dritte Abschnitt enthält Texte, die „Abhandlungen“ oder auch „Traktate“ genannt wurden und in denen Dichterisches, Erzählendes und Reflektierendes sich vermischt; den Schluß bilden die späten Texte, die sich bemühen, die neu entstandene Form des Gedichts wieder an die Tradition anzuschließen.
Das Ganze präsentiert sich als ein Lesebuch, das in das umfangreiche, bei Klett-Cotta in 16 Einzelbänden vorliegende Werk Heißenbüttels einführen will.

Klett-Cotta, Ankündigung

 

Das Sagbare sagen

Das Werk des 1996 verstorbenen Helmut Heißenbüttel zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg; eine zweischneidige Tatsache, denn der gewichtige Ausdruck „Klassiker“ evoziert auch das Bild eines auf hohem Sockel stehenden, also unerreichbaren Poeten. Wenn es sich bei so einem dann noch um einen der Vertreter der experimentellen Avantgarde handelt, die mit ihrer Konzentration auf den Materialcharakter der Sprache und mit ihrem Bezugnehmen auf Strukturalismus und Linguistik besonders der gegenwärtigen Forderung nach Geschichten, nach handlungsorientiertem Erzählen diametral entgegenstehen, dann kann man für das 16-bändige Werk Heißenbüttels nur fürchten: Steht ehrbar. Setzt Staub an. Es ist daher eine mutige und schöne Idee, ein Lesebuch zu konzipieren, um das Interesse an einem gelinde gesagt nicht sehr einfachen Werk wachzuhalten oder zu wecken. Hubert Arbogast ist ein langjähriger Kenner von Heißenbüttels Arbeit. Der von ihm zusammengestellte Band ist in vier Abteilungen gegliedert. Er zeigt exemplarisch, wie Heißenbüttel das Gedicht und das Erzählen zu verändern versuchte; er umfaßt Texte, die der Autor „Gespräch“ oder „Traktat“ nannte, und schließlich späte Gedichte, die insofern einen Einschnitt markieren, als sie sich Tradiertes aus Barock oder Romantik zu eigen machen und in aller Behutsamkeit wieder so etwas wie Subjektivität artikulieren.
Heißenbüttels Textbücher, die ab 1960 erschienen, erinnern heute noch in ihrem Titel daran, wie radikal mit dichterischen Normen und Traditionen gebrochen wurde. Der Textbegriff, der ja seinerseits einen absoluten Anspruch enthält, war zunächst als Protest gegen einengende Gattungsbezeichnungen wie Lyrik, Epik und Dramatik gedacht, auch als Protest gegen das pathetische lyrische Ich, gegen den auktorialen Erzähler. Wenn Heißenbüttel später selbst den Textbegriff relativierte, dann geschah das, um nicht in einer eigenen Programmatik zu erstarren, um sich Offenheit und Widersprüchlichkeit zu erhalten. Autor sein hieß für Heißenbüttel in aller Trockenheit und Skepsis: Im Kreuzpunkt von Strömungen sein. Vorgefundenes Sprachmaterial registrieren, isolieren, reduzieren und kombinieren. Formbestimmtheit, Rationalität und Präzision. Texte als Konzentrate, als Ensembles ohne bedeutungsstiftende Strukturierung, ohne ein konstituierendes, seiner selbst gewisses Subjekt. Der Mensch als Bündel von Redegewohnheiten; als der, der von Sprache „gesprochen wird“. Die Nähe zu einem Wittgenstein oder einem Lacan ist unübersehbar, wenn es in einem frühen Text, der „grammatischen Reduktion“, etwa heißt:

Ich rede wenn ich rede in einer Sprache die meiner Rede fremd ist. Meiner Rede ist die Sprache in der ich rede uneigentlich. Redend in der Sprache die der Rede fremd geworden ist wird diese Sprache anders.

Das ist der abstrakte Heißenbüttel, der sich und dem Leser so viel Mühe abverlangt; der einen bis heute einschüchtern oder ärgerlich reizen kann.
Schon früh wurde ihm die Unpersönlichkeit des wissenschaftlichen Stils, Formgefangenheit und eitle Schreibskepsis vorgehalten. Dazu kommt längst die Erkenntnis, daß viele Techniken der konkreten Poesie, die Heißenbüttel ja selbst anwandte, partiell kopierbar sind und eine Tendenz zur Selbstgenügsamkeit haben – die Anzahl wirklich gelungener Beispiele ist begrenzt. Arbogast zeigt Heißenbüttel in seiner Auswahl nicht als einen typischen „Konkreten“ – er akzentuiert vielmehr in seinem gleichwohl repräsentativen Lesebuch eher den Heißenbüttel, der fortgesetzt Ungegenständliches und Gegenständliches aufeinander zuspannt. Die komplizierten Konzepte, die intellektuellen Reflektionen scheinen für den Autor geradezu eine zwingende innere Voraussetzung gewesen zu sein, sich selbst Bilder, Anschauungen und Beobachtungen zu erlauben, die – und das ist immer wieder das Überraschende – unmittelbar einleuchten und aufleuchten.
Brigitte Kronauer beschreibt in ihrem klugen und feinfühligem Nachwort, wie eben die Bewegung von Gedanken zu den Wahrnehmungsbildern Heißenbüttels unverwechselbare Handschrift ausmache. Der Duktus des Autors ist zugegebenermaßen äußerst spröde. Immer wieder kann man auch in Arbogasts Auswahl nachlesen, wie sich da einer vorsätzlich selbst ein Bein stellt, sich unterbricht, beinahe pedantisch vorgeht – bis dann, um es in einem Bild zu sagen, der frische Wind der Anarchie den bleiernen Himmel aufreißt, und die Wolken stieben. Während der Lektüre assoziiert man häufig das Attribut „norddeutsch“: Sprödigkeit, Kühle, Strenge – aber „norddeutsch“ läßt eben auch an die zarte Geometrie und Genauigkeit dieser Landschaft denken. In Heißenbüttels Naturbeobachtungen artikuliert sich ein unangestrengtes Staunen, ein Unmittelbares, in dem sich Momente eines, wiederum sehr zarten Glücksgefühls mitteilen. In den „Trostsprüchen“ wird mit holpriger Anmut gereimt:

Sprühregen bindet blaßblaugrüne Ferne
Kuhrückenhorizont hat wehenden Himmel gerne.

Oder:

Katze einzeln quert Wintersaat
Bussard absegelt Planquadrat.

Oder, in einem Text über den Stoff, den sich die Einbildung ausgedacht hat:

Wenn er auf den Deich geht, morgens, die Sonne scheint lang und es ist diesig, schlägt gleichsam das Panorama aus Land und Wasser langsam, sehr langsam, sein Auge auf und wieder zu.

Oder:

Winter ist eine Ansammlung von Saatkrähen und Wollschafen auf einer zugeschneiten Weide.

Widerspricht nicht diese mühelose Schönheit aus Sorgfalt plus Schwebe dem ganzen poetologischen Apparat Heißenbüttels? Vielleicht steht dieses mathematische Zeichen, dieses „plus“, für die Zumutung und Provokation, die Heißenbüttels Texte von Anfang an darstellen: Respektlos gesagt, ohne seinen Theoriekram ist gerade dieser Autor durchaus nicht zu haben; der ist ein Teil seines Rhythmus’, seines Arbeitsprozesses, und Prozesse dürfen weit gespannt und widersprüchlich sein. In allem Respekt liest man schließlich auch immer wieder die Sinnlichkeit des Reflektierens, wenn Heißenbüttel sagt, was ihm sagbar ist:

Eingewickelt in Maschen aus Meinung und Sprichwörtern und all solch Nachschleifendem. All dies Nachschleifende hinter mir herschleifend. Wenn ich mich rühre, wird immer alles mitberührt… Verheddert sich. Zieht sich stramm. Spannt reißt schleift hängt. Ich halte mich still und es bewegt sich alles durch mich hindurch.

Sabine Peters, Deutschlandfunk, 30.7.1998

 

„DAS ENDE DER WELT“

– Für Helmut Heißenbüttel. –

Es war am 27. Oktober 1980 als ich mich auf einer poetischen Exkursion befand, daß ich Helmut Heißenbüttel in Berlin wiederbegegnete.
Das Ende der Welt abermals Ende der Welt, grüße ich ihn, dahin wirst du dich ja alsbald zurückziehen können! – worauf er, mich freundlich korrigierend, versetzt: „DAS ENDE DER WELT“ sei eine Gartenarchitektur im Schloßpark von Schwetzingen, achtzehntes Jahrhundert, ein Ort den es eigentlich nicht gibt, wenngleich kartographisch fixiert.
Also Scheinlandschaft, rufe ich, das Thema meinerseits aufnehmend : man sieht durch eine offene Eisentür in eine gemalte Natur, und darüber die gläsernen Vögel, jähe Sturmvögel, blendend, glänzend im lila Himmel. Ostfriesland oder was, frage ich, mitten in der Kuhweide Teehaus? Er begann leise vor sich hinzusprechen : meist erinnere man bestimmte Orte die man früher kennengelernt habe, seltener Personen (Kopf-Stationen). Der Ort könne aber auch nur in der Phantasie vorhanden sein: er ist dann idealisiert, eine kurze Gegend. Der Affekt der eine solche Erinnerung begleite, sei indes zwiespältig : Freude mit Trauer vermischt.
Ich war aufmerksam geworden, aber es machte mir Scheuklappen.
Etwa balsamischer Ort, Zephir-Ort, sylphidischer Kindheitsort, frage ich. Als wäre ich nie dort gewesen, rufe ich, zuweilen vermute ich ja, ich hätte mich dort nur in meiner Vorstellung aufgehalten – Lokalfarben, Firmamente, Hirschblut und Schlehen! diese heftige Einöde!
Heftige gußeiserne Wellen mit winzigen Zacken auch hier, glänzende Schuppen: der Tegeler See! fast zugefroren!, rufe ich. Tatsächlich erinnert es mich an den hinreißenden Anblick der dämmrig-rauhen Gestade des Bottnischen Meerbusens, vom Wintergarten der Botschaft in Helsinki aus. Ist es eigentlich so etwas wie eine Seenplatte wo du jetzt hinziehst?, frage ich ihn, während wir den Kurfürstendamm überqueren.
Er hält in der Mitte der Fahrbahn inne, zeichnet etwas in die Luft was ich als soeben entworfene Bühnenarchitektur (seiner künftigen Umgebung) auffassen könnte. Oder ist es eine Fiktion, einer Wiederbegegnung ? einerlei Zeit, einerlei Raum, finstere Notizen, Wald als Lehrpfad, jedes Wort in die Luft gestochen?
Wir sitzen im Bistro Cour Carrée einander gegenüber, er hat begonnen, über sein nächstes poetisches Vorhaben zu sprechen. Während ich zuhöre, habe ich mich verwirrender Anfechtungen mehrerlei Art zu erwehren, welche meine Aufmerksamkeit einschränken, zeitweise unterbinden.
Die freie Geselligkeit, lebhaft-vergnügte losgelassene Stimmung in dieser Kneipenstube, an diesem Sonntagmittag, ist auf mich übergesprungen, und es scheint mir ich könne hier alles gleichzeitig auffassen : alle Regungen, alle Empfindungen, alle Bewegungen und Gedanken aller hier Anwesenden würden brennspiegelgleich in mir versammelt.
Am Nebentisch stillt eine junge Frau ihr Kind, die fröhlich-ungeniert blickende Familiengesellschaft erhebt das Glas auf sie und den Säugling.
Über Helmut Heißenbüttels Kopf hinweg, in einiger Entfernung, bemerke ich eine Spiegelwand, an der ein Messingschild zu einem Waschraum weist. Die Kellnerin kommt zu unserem Tisch und statt auf unsere Bestellung einzugehen, beugt sie sich tief zu mir als wollte sie in meiner Speisenkarte mitlesen. Sie erkundigt sich flüsternd welches Parfum ich trage, worauf ich prompt wenngleich verlegen Auskunft gebe.
Mein ruheloser Blick setzt für Sekunden auf Helmut Heißenbüttels Augenpaar auf, hebt wieder ab, gleitet zu seinee Stirn empor und darüber weg zur Spiegeltür in welcher ein Teil des Saales reflektiert erscheint, lenkt zur linksseitigen Fensterreihe, schwebt im Raum, kehrt auf die eigenen Hände die auf dem Tischtuch liegen zurück.
Ich mühe mich, Helmut Heißenbüttels Ausführungen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu folgen, aber er redet so leise daß ich einzelne Worte und Wortgruppen nicht verstehen kann. Ich rücke näher heran, seine mäßige Sprechgeschwindigkeit kommt mir zu Hilfe : mittels einer Art Rückkoppelungsverfahren gelingt es mir, die nur halb aufgefaßten Worte und Satzteile zu speichern und sie, wenngleich mit Verspätung, entschlüsselt in den Gesamtzusammenhang einzugliedern.
Ich rufe dann scherzend daß er ja auf seine Weise ein Fels sei / Virgation : das Auseinandertreten der Berge Gebirgsfalten / oder tief in die Schluchten eingesprengt ein Chronist (als harmloser Rosenzüchter Imker verkleidet, den Bug den Buckelkorb im Rücken), aber auch Perspektiv-Künstler, mutwilliger Spaziergänger bei Regen und Wind – mit einem rötlichen Falter an seiner Stirn.
Auch kam es mir wie eine Eingebung vor : nämlich als hätte sich Helmut Heißenbüttels liebenswerte Begabung, bei Tisch Anekdoten zum besten zu geben, wunderbarer Weise für dieses kurze Zusammentreffen plötzlich auf mich übertragen : daß es mich entgegen meiner sonstigen Hilflosigkeit, irgendeine Begebenheit, ein Erlebnis im Gespräch möglichst genau, den Tatsachen entsprechend zu schildern, augenblicklich mit Ungestüm dazu drängte, ihm jetzt zu erzählen was mir hier, in Berlin, vor wenigen Stunden widerfahren sei.
Meine Fassungslosigkeit sei groß gewesen, als ich, vom eigenen Spiegelbild im Fenster des U-Bahnwaggons überwältigt, erkennen mußte, daß mein Äußeres in erschreckendem Widerspruch zu jenem Gefühl von mir selber stand, das mich in eben diesen Augenblicken erfüllte : ich war mir eines so außerordentlich schönen Wohlbefindens bewußt gewesen, einer so vorzüglichen Empfindung pulsierender Frische und Jugend! : wie als Kind, wie als Mädchen mit vierzehn und fünfzehn! Auch fühlte ich mich zur unschuldigen Wange eines Mädchens das mir schräg gegenübersaß hingezogen. Ihre Kinnladen standen ein wenig hervor, aber sonst war alles an ihr sanft und weich. Das völlig unabgenutzte faltenlos tauende kluge und zarte Lächeln dieses Gesichts berührte mich sehr, füllte mein Herz mit Wehmut und Liebe und Zuversicht. Ihr Auge verheißungsvoll, jung, virginisch, ein Lichtgarten, kleiner Zweig, in Wirbeln stehende Blickblüten : ich fühlte mich sekundenlang als dieses Mädchen, fühlte mich in mein Mädchenalter zurückversetzt, sah mich selbst in diesem anmutigen Kinde, erkannte meine eigenen von der Zeit noch unversehrten Züge wieder. –
Er schwieg als ich geendet hatte.
Die Kellnerin kam heran, nach unseren weiteren Wünschen zu fragen, Virginalspieler, Virginalkomponist!, flüstere ich, eine Zimmerpalme!, ein Haus und ein Garten!, darin ein Pfirsichbaum und zwei Zwergbirnbäume!, Stiefmütterchenbeete, Klematis! Mitten in der Kuhweide Teehaus!, heller Buchenwald, nasse Weide, Kühe aufgeweicht, Arno Schmidt!
So etwas Hüpfendes wie von Ziegen, ruft Helmut Heißenbüttel, Ziegen und schwarze Lämmer! Er würde sich am liebsten dann eine Ziege anschaffen als Hausgenoß kluges empfindsames Tier!
Und die Vorstellung, setzt er hinzu, daß er dann alle Jazzplatten die er besitze, endlich ohne Unterbrechung würde abspielen können, erscheine ihm im Augenblick ebenso quälend wie erstrebenswert.
Beim Verlassen der Kneipe schaue ich nochmals zurück, um hinter der Laube ein weiteres Mal das Schild abzulesen: Cour Carrée, französisches Bistro Berlin. Wir streifen dann durch die Platanenanlagen im Hansaviertel, rittlings die Stadtgärtner hier und dort in den Wipfeln, das auswachsende Baumgerank zu beschneiden. über unsere Köpfe leiern die Pendelzüge in Abständen von wenigen Minuten hinweg, die Trasse scheint nachzugeben. Es beginnt zu regnen, kälter zu werden, wir beschleunigen unsere Schritte, hören zu reden auf.

Da er ja, brach ich endlich das Schweigen, in seiner Weise ein Fels sei : in der Brandung all der täuschenden Spiele, generalisierten Systeme : könne einem das Gefühl des zeitweisen Verlustes der eigenen Sinne, Begriffe, Zusammenhänge und Wörter nicht nur angstvolle Erregung sondern auch geschontes Behagen beibringen.

Friederike Mayröcker, aus: Friederike Mayröcker: Magische Blätter, Suhrkamp Verlag, 1983

„Bin ich denn nicht ich?“

– Helmut Heißenbüttel. –

Helmut Heißenbüttels Literatur ist durchsetzt, ja fast durchschossen von autobiographischen Elementen. Seine Selbstaussagen sind häufig bruchstückhaft formuliert; obwohl sie gekoppelt sind an das Leben und die Besonderheiten eines Individuums, weisen sie über das unmittelbar Subjektive hinaus auf ein kollektives Bewußtsein.
„Ich mache Vorbehalte“, konstatiert er lakonisch in seinem „Rückblick auf das Jahr 1974“. – Spricht er hier von sich? Wenn ja: Welche Vorbehalte hat er / meldet er an? In welche Richtung weisen seine „Vorbehalte“? Drückt dieses Statement nicht bereits den nachhaltigen Wunsch aus, sich in eine Schicht der Psyche zu bohren, deren Zugang ihm bislang verwehrt blieb?
Hatten die historische Situation und seine individuelle Disposition es Heißenbüttel nicht erlaubt, auf geschlossene literarische Formen, auf eine Ästhetik, die von einer Zentralperspektive aus die Architektur des Textes gestaltete, zurückzugreifen, so war für ihn eine der bestimmenden Fragen, wie er die Erfahrungen, die er Tag für Tag machte, literarisch umsetzen konnte.
Heißenbüttel hatte auf einer „second hand“-Literatur bestanden; seine ersten beiden Gedichtbände heißen Kombinationen und Topographien, und mit diesen Begriffen wird zum einen eine Methode und zum anderen ein Ziel formuliert: Seine Arbeiten setzen sich zusammen aus vorgefundenem Sprachmaterial, sind kombiniert aus den verschiedensten sprachlichen Versatzstücken – hierin liegt die Methode, und das Ziel, das sich im Titel Topographien verbirgt, heißt Orientierung, Übersicht, Erkenntnis.
Literatur war für Heißenbüttel eine Möglichkeit, schreibend die Realität zu erkennen, dichtend zu begreifen, wie komplex die Wirklichkeit ist. Von einer metaphysischen oder gar theologischen Position aus wollte er poetisch nicht agieren. Was blieb ihm also anderes übrig, als das vorgefundene Sprachmaterial beiläufig zu sammeln und zu recyceln, es auszustellen und es dem Leser zu überlassen, welche Erkenntnisse er daraus zieht?
In seiner Poetologie liefert er immer wieder gewichtige Gründe, warum die Arbeit mit den „authentischen Materialien“ für die zeitgenössische Literatur von höchster Bedeutung sei. Dabei war er nur konsequent, wenn er zu der Einsicht gelangte, daß durch die Abkehr von der tradierten imaginativen Herangehensweise die Erfahrungen des eigenen Lebens – oder besser gesagt: die literarische Umsetzung dieser Erlebnisse – ein besonderes Gewicht bekommen. Ihm ging es um den Verzicht auf die Filter der Fiktion. Er sprach von den „Selbstentblößem“, meinte Henry Miller, Henri Michaux, Michel Leiris, und schätzte die Radikalität, mit der diese Autoren über sich und ihr Leben sprachen. Er, der sich um die Erweiterung von Grenzen in der Literatur bemühte, wußte natürlich, daß er vor der Auseinandersetzung mit dem „Ich“ nicht haltmachen durfte, wenn er seinen Erkenntnisanspruch aufrechterhalten wollte. Genau hierin lag die Schwierigkeit: Die anhaltenden Widerstände beim autobiographischen Schreiben mußten durchbrochen werden.
„Ich mache Vorbehalte“ – in der Tat, Heißenbüttel machte Vorbehalte, wenn er über sich sprechen wollte. Die Fähigkeit, unbefangen über Persönliches zu reden, seine Gefühle auszudrücken, war ihm im privaten Umgang nicht gegeben – wie es ihm nahestehende Menschen berichten. In dem Aufsatz „Wolfgang-Koeppen-Kommentar“ aus dem Sammelband Zur Tradition der Moderne erklärte Heißenbüttel die Tatsache, daß er Koeppen Textbuch 6 widmete, mit dem Hinweis auf eine vergleichbare Schwierigkeit bei der Umsetzung autobiographischer Erfahrungen. Koeppens Schreibhemmungen hatten für Heißenbüttel ihren Grund in einer unaufhebbaren Differenz von Erfahrung und Ausdruck. Gerade weil Heißenbüttel starke Widerstände beim „Selbstentblößen“ verspürte, sind die autobiographischen Momente in seinem Werk von besonderer Bedeutung. Es gibt Passagen schonungsloser Offenheit bei ihm, vielleicht ist dies gerade ein Merkmal der späten Textbücher, in vielen Texten bricht plötzlich und unvermittelt Intimität hervor – fast unmotiviert, hat es den Anschein, und in der Form des Fragments, denn die Auseinandersetzung bleibt nur punktuell und begrenzt auf die Beobachtung einiger Details.

Das vorliegende Dossier (in Schreibheft Nr. 67) versammelt Texte von Helmut Heißenbüttel, die – jeder auf andere Art – einen autobiographischen Charakter besitzen, die die Voraussetzungen, die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines Schreibens durchbuchstabieren, das vom „Ich“ ausgeht, es umkreist und das versucht, zum Kern einer wie auch immer gearteten Persönlichkeit vorzudringen.
Hinter den Ausdruck „Persönlichkeit“ hätte Heißenbüttel an dieser Stelle vermutlich ein Fragezeichen gesetzt; für ihn war in den sechziger Jahren die Vorstellung eines selbständigen Subjekts obsolet geworden. Autobiographie bei Heißenbüttel bedeutet in erster Linie auch Lektüre, und es fällt auf, daß die Wörter „Lesen“ und „Leben“ nicht nur einen ähnlichen Klang besitzen, sondern für Heißenbüttel auch semantisch benachbart sind.
Das in diesem Dossier zusammengestellte Textmaterial enthält zum größten Teil ungedruckte oder entlegen veröffentlichte Arbeiten. In einigen Fällen handelt es sich um Rundfunkmanuskripte, die zwar gesendet, aber nie in Printmedien publiziert wurden.
Die vorliegende Form des Konvoluts hat sich über einen längeren Zeitraum im Dialog mit Norbert Wehr entwickelt. Diese Zeit war notwendig, um das zur Auswahl stehende umfangreiche Material gründlich zu sichten – wer sich eine Vorstellung machen möchte, wie viele Arbeiten Helmut Heißenbüttel in seinem Leben über Kunst, Literatur und Musik verfaßt, in welchen Zeitschriften, Zeitungen, Sammelbänden, Rundfunkanstalten er veröffentlicht hat, der nehme die Bibliographie von Armin Stein zur Hand.
Zentral war in unseren Gesprächen die Frage, wie die Figur Helmut Heißenbüttels, der sowohl als Schriftsteller, Essayist, Kritiker und Rundfunkredakteur tätig war, angemessen vorgestellt werden kann. Hartnäckig hat er versucht, die literarischen und gesellschaftlichen Konventionen zu hinterfragen, dem Vorhandenen die Alternativen an die Seite zu stellen; dieses Dossier geht von der Person Heißenbüttel aus, der sich selbst vorstellt, mit seinen „eigenen“ Worten.
Leider ist es in den letzten Jahren still um Heißenbüttel geworden. Seine Verdienste als Schriftsteller und als Vermittler von Literatur sind nahezu in Vergessenheit geraten. In einer Zeit, in der man sich gerade für die Literaturkritik klarere Maßstäbe bei der Beurteilung von Büchern – wie sie Heißenbüttel noch hatte – wünschen würde, fehlt er uns.
Auch dem Radio, für das Heißenbüttel lange Jahre gearbeitet hat, und den Sendungen, die sich mit Literatur befassen, wird nicht mehr die Aufmerksamkeit zuteil, die Heißenbüttel noch als Redakteur der Sendereihe „Radio-Essay“ beim SDR erwarten durfte.
1957 löste er Hans Magnus Enzensberger als Redaktionsassistenten von Alfred Andersch ab; 1959 übernahm er die Redaktion von Andersch und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1981 mit zahlreichen Autoren zusammen. Darunter: Theodor W. Adorno, Arno Schmidt und Hans Magnus Enzensberger. Das Schreibheft bringt u.a. eine Auswahl aus den Korrespondenzen mit diesen Autoren, um die Tätigkeit des Radiomachers Heißenbüttel zu beleuchten und um zu zeigen, wie hochkarätig das Programm war, das er verantwortete. Die Briefe wurden nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt. So geht es bei der Korrespondenz mit Arno Schmidt in erster Linie um eine Sendung über James Joyce und um die Überzeugungsarbeit, die Heißenbüttel hier leisten mußte. Bei dem Briefwechsel mit Enzensberger steht ein Manuskript über eine kritische Analyse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Vordergrund.
Bei dem Briefwechsel mit Theodor W. Adorno bedarf es einer kurzen Erläuterung. Am 14. März 1967 wies Adorno in einem Brief an Heißenbüttel die Vorwürfe zurück, die dieser gegen ihn in seinem Aufsatz „Vom Zeugnis des Fortlebens in Briefen“ erhoben hatte, der im selben Monat in der Zeitschrift Merkur erschienen war. Dort kritisierte Heißenbüttel die Edition der zweibändigen bei Suhrkamp erschienenen Ausgabe der Briefe von Walter Benjamin (Herausgeber: Theodor W. Adorno und Gershom Sholem). Vor allem Adorno unterstellte er Befangenheit bei der Auswahl. Für Heißenbüttel war klar, daß Adorno aus Unverständnis gegenüber den materialistisch-marxistischen Auffassungen Benjamins diese Vorstellungen bei der Herausgabe der Werke unterdrücken wollte:

Tatsächlich bleibt in allem, was Adorno für das Werk Benjamins getan hat, diese Seite gelöscht.

Heißenbüttel sah die marxistischen Einstellungen Benjamins vor allem in der Freundschaft mit Bertolt Brecht begründet, ein Verhältnis, das Adorno, laut Heißenbüttel, nicht sonderlich schätzte, und er warf Adorno vor, die Beziehung zwischen Brecht und Benjamin ausgeblendet zu haben.
Heißenbüttel hat sich häufig mit Walter Benjamin beschäftigt, und in nicht wenigen dieser Arbeiten taucht der Name Adornos auf, zum einen, um wiederholt Kritik an der Edition der Werke von Benjamin zu üben, und zum anderen, um eine philosophische Gegenposition zu Benjamin zu formulieren. Benjamin war für Heißenbüttel ein Denker, der seine Vorstellungen – was vor allem im Spätwerk offensichtlich ist – nur am konkreten Gegenstand verdeutlichen konnte; ähnlich wie für Heißenbüttel war die Masse an konkreten Materialien nicht mehr rückführbar in abstrahierende Begrifflichkeiten, in eine übergeordnete Systematik. Diese Systematik brachte Heißenbüttel dann eher mit der Arbeit von Adorno in Verbindung, der für ihn noch auf dem klassischen Boden der Philosophie stand.
Heißenbüttel war mit seiner Kritik an der Benjamin-Edition übrigens nicht allein. Nach dem Erscheinen der besagten Briefe kam es 1967/68 zu heftigen Diskussionen, die vor allem von der Zeitschrift alternative angestoßen wurden, die Einwände gegen die Methoden bei der Edition der Werke von Benjamin sammelte und eine Revision des Benjamin-Bildes forderte.

Welche Arbeiten lesen wir von Heißenbüttel zehn Jahre nach seinem Tod? Was reizt uns immer noch an seiner Literatur? Sind es die Textbücher, mit denen er versuchte, sich literarisch unabhängig zu machen von den Gattungen? Ist es D’Alemberts Ende, seine umfangreichste Arbeit, die er selbst als „Satire auf den Überbau“ bezeichnete? Sind es die Prosabände des Projekt 3?
Es ist wohl vor allem seine Haltung, die uns heute fehlt, die Haltung des Fragenden, der den Konjunktiv mehr schätzt als den Indikativ, dem Dogmatismus fremd ist. Seine Überlegungen besaßen häufig einen vorläufigen, unabgeschlossenen Charakter. Einsichten und Erkenntnisse formulierte er vorsichtig, fast behutsam, und doch mit Emphase in einem protestantisch-trockenen, nie polemischen Ton, der wohl zu seinem norddeutschen Naturell paßte. Anstöße wollte er geben und anregen zum Nachdenken – darin lag eine seiner Stärken. Ihm ging es immer um Grundsätzliches. Die Frage nach einer der Zeit angemessenen Ästhetik war für ihn wichtig. Was er an Begründungen lieferte für eine die Sprache reflektierende Literatur, gehört zu den bedeutendsten Selbstaussagen der Literatur nach 1945.
Von Heißenbüttel lernen heißt, nach dem Jetzt zu fragen, die gegenwärtige Situation zu erkennen und als Autor in der Gewißheit zu schreiben, daß viele Schriftsteller bereits vorher einen adäquaten Ausdruck für ihre Lage gefunden haben.

Thomas Combrink, Schreibheft, Nr. 67, September 2006

 

VON BLUTBUCHENBLÄTTERN
Für Helmut Heißenbüttel

Es kann
natürlich kann es anfangen
mit einem Verdacht

da befolgt einer
den letzten Seufzer ausstöhnend
doch glatt die Gesetze der Gymnastik.

So
natürlich könnte es so oder anders
anfangen natürlich.
Dieser Baum? Eine
natürlich gelungene
Kulisse aber

Blutbuche klar
und schon faltet
die zugehörige Landschaft
sich auf in unsern Gedanken:
Oben
war da nicht immer Sonne und Himmel?

So gehn wir
sehr frech und auch ein bißchen lächerlich
ans Werk. Wir wollen
Zitat
die Alpen bis zur Vollkommenheit verschönern
Blutbuchenblätter lassen wir
auf die geheimnisvollste Weise
erröten wie die ganz jungen Mädchen.
Nach denen eigentlich
sehnen wir uns
ja natürlich.

Also das feine, erhitzte Gesicht.
Wir lieben das Wunderbare ja alle.
Die Wein- und Lachkrämpfe
die Erstickungsanfälle und die Konvulsionen
das Anschwellen des Halses
das düstere Schweigen und die lauten Schreie.

Ein Mann überreicht einer Frau einen Säugling.
So übertiteln wir eine Geschichte
und wollen
immer noch und wieder und wieder
alles gesagt haben, und nicht nur alles
(wir sind nicht bescheiden)
natürlich auch das Gegenteil von allem
und alles dazwischen.

Man gähnt entweder
oder man ist berauscht.
Also her mit dem Rausch.
Unter der Blutbuche keuchen wir
die abgestandenen heißen Schwüre
wie neu
in dieses feine erhitzte Gesicht.

Friederike Roth

 

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Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv 1 + 2 + KLG

 

Deutsche Dichterflora-Heissenbüttelose

 

 

Fernsehdokumentation von Urs Widmer aus dem Jahre 1967 über den experimentellen Schriftsteller Helmut Heißenbüttel (1921–1996). Der Titel: Zweifel an der Sprache. Helmut Heißenbüttel, ein Portrait.

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