Herbert Fritsche: Baum der Käuze

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Herbert Fritsche: Baum der Käuze

Fritsche/Gustas-Baum der Käuze

DIE TEUFLICHE KOMÖDIE
Vier kurze Gesänge

I. Odin
Runenrauner, Runenritzer
Ohne einen, ders verstünde –
Unrastvoller Nichtbesitzer,
Notgetauft im Sud der Sünde,

Wandersmann durchs Vorstadtdunkel,
Pfaffenschreck, ich bin dein Priester:
Mit des Einaugs Zorngefunkel
Bohr zuschanden all die Biester,

Die dich um die Erde hetzen,
Denn du bist und bleibst der Vater:
Wolle mit Entsetzen letzen
Ihr erbärmliches Theater,

Wolle sie – erhör mein Bitten! –
Endlich unter deine Sohlen
Malmen mit den Bettler-Tritten,
Gott der Götter, Gott befohlen!

 

II. Ahasver
Als sie ihre Trügnis trieben
Mit dem Kreuz und mit den Krallen,
Bist nur du ein Mann geblieben
Und bist nicht dem Rausch verfallen.

Heim zum Herrgott holt die Andern,
Die Betäubten, ihr Erlöser –
Aber du mußt weiterwandern
Immer bittrer, immer böser.

Ahasver, geliebter Ahne,
Wandre, wandre ungesegnet:
Gar zu vielem Wunder-Wahne
Bist du gar zu oft begegnet,

Laß dich um den Erdball jagen,
Ohne je nach Rast zu wimmern!
Einmal wird und muß es tagen,
Wird und muß es östlich schimmern…

 

III. François Villon
Du bist der Gockelbruder Franze.
Du schlägst den Frömmler in die Fresse.
Dir geht’s ums Nichts. Du gehst aufs Ganze.
Und schwörst auf Satans schwarze Messe.

Du bist wie Ahasver, der Jude,
Ein armer Arsch. Das ist dein Adel.
Du rühmst dich, ein erlauchter Lude,
Der Sünde sonder Furcht und Tadel.

O heil’ger Franze, wir erflehen
Durch dich der Freiheit heißen Segen,
Denn wo wir auch zugrundegehen,
Nur ihr, nur ihr gehn wir entgegen!

Die Freiheit, die verdammte Kalle,
Befriedigt dich und einen jeden.
So infizier sie uns denn alle – –
Und laß uns nicht mehr davon reden!

 

IV. Ulrich von Hutten
Du hast’s gewagt. Das dankt dir keiner.
Du kamst zu früh. Du gingst verkommen
Des Wegs daher wie unsereiner –:
Ein freier Mann im Schwarm der Frommen.

So sei uns nah in schwerer Stunde!
Die Welt ist schwarz. O schenk Erhörung
Dem Heulen heimatloser Hunde:
Empörung schenk uns und Verschwörung!

Das Schicksal hat uns unabwendlich
Die Heidenherzen hartgehämmert –:
Wir wollen endlich, endlich, endlich,
Daß brennend rot der Morgen dämmert!

Herr Ulrich hilf! Und sporn die Meute
Zur Hetzjagd an! Du darfst es wagen!
Denn nie lag uns das Hier und Heute
So zentnerschwer wie jetzt im Magen…

 

Abgesang
Odin, Ahasver, Villon und Hutten,
Heil dem eurem Sinn geweihten Orden:
Göttern, Ketzern, Anarchisten, Nutten
Ist ein Sakrament gegeben worden.

Unsre Lippen lechzen nach den Kelchen,
Und wir wälzen uns im Sumpf der Weihung.
Kennt ihr irgendwo in irgendwelchen
Kirchen göttlichere Benedeiung?

Tod und Teufel sind zum Zelebrieren,
Und sie konsekrieren schwarz im Amte.
Nur gewinnen, nimmermehr verlieren
Können wir das Leben, das verdammte.

Laßt uns denn die dunkle Messe feiern,
Laßt uns jauchzend Brot und Kelch empfangen.
Hinter siebenfach zerfetzten Schleiern
Werden wir zurück zu uns gelangen!

 

 

Nachwort

Am 8. Juni 1930 berichtet Gottfried Benn in der Literaturbeilage der VOSSISCHEN ZEITUNG zum Thema Künstlers Widerhall über seine Resonanz als Lyriker. Neben einer Studienrätin aus Mainz und einem Strauß von fünfundzwanzig Rosen beschreibt Benn ein Aufsatzheft, das er aus einem Neuköllner Gymnasium bekommen hat.

Das Thema eines Aufsatzes hieß: „Meine Bekanntschaft mit einem modernen Dichter und seinem Werk“, und ein Primaner hatte mich erwähnt. In einem vierzehn Seiten langen Essay von erstaunlicher Begabtheit erörtert er meine Arbeiten… Einmal hatte der Primaner geschrieben: „Dies Gedicht las ich das erstemal in der Mathematikstunde und war berauscht.“ Der Lehrer schrieb mit roter Tinte an den Rand: „Sehr begreiflich, aber hören Sie doch lieber zu!“

Des Rätsels Lösung? Beim NEUKÖLLNER GYMNASIUM handelt es sich um das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in der Sonnenallee, der verständnisvolle Lehrer war der Studienrat Dr. Walter Feilchenfeldt („das Veilchen“) und der erstaunlich begabte Primaner Herbert Fritsche. Durch das Schulheft kommt der erste persönliche Kontakt zustande, der bis zu Benns Tod 1956 fortdauerte. Fritsches langjähriger Freund und Verleger einiger seiner Bücher, Ernst Klett, beschreibt die ersten Jahre der Freundschaft:

pendelnd von seinem Mansardenstübchen zu Gottfried Benn, jahrelang jede Woche einen Nachmittag, zum Romanischen Café, zu kessen Literaten, hintergründigen Morphinisten, zu Dunkelmännern und Heilmännern, zu den Interpreten eines heißen Nihilismus, bis dann der kalte Nihilismus das alles zerstörte.

Herbert Fritsche wurde am 14. Juni 1911 im damals noch selbständigen Rixdorf bei Berlin geboren. Als 16jähriger schrieb er seine ersten Verse, darunter ein Gedicht auf Jakob Haringer und eines nach CHAMBER MUSIC von James Joyce, dessen ULYSSES gerade in deutscher Übersetzung erschienen war.
Im September 1929 besteht er das Abitur und beginnt an der Berliner Universität mit dem Studium (Biologie, Zoologie, Psychologie und Philosophie). Noch im letzten Schuljahr gründet er den Verlag DIE MITTERNACHT, in dem seine ersten Gedichtbände DIE GLÜHWÜRMCHEN-BARKAROLE und VERSCHNEITES ATELIER erscheinen. Die Gedichte erfahren von Anton Schnack, Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn und Jakob Haringer Zustimmung. Sie alle waren dann auch Autoren von Fritsches Zeitschrift DER TAUGENICHTS. BLÄTTER EINES KLEINEN KREISES, die es 1930/31 auf drei Ausgaben brachte. Die Auswahl der weiteren Autoren zeigt, daß Fritsches Welt damals die aus- und untergehende literarische Boheme war: Arno Nadel, John Hoexter, Paul Zech, Hugo Sonnenschein-Sonka, David Luschnat, Abraham Nathan Stenzel, daneben unbekannte und unbekannt Gebliebene, die sich in der vielfältigen literarischen Subkultur dieser Jahre und deren Zeitschriften und Anthologien trafen und deren Tonfall der späte expressionistische Aufschrei, das wissende Verschwörertum der Landstraße, der Morgenrot-Radikalismus und viel dunkle Nacht prägten. Bevor Fritsche seine Zeitschrift nach Eichendorff benannte, sollte sie NOTTURNO heißen.
Zugleich war Fritsche in dieser Zeit mit dem Pazifisten Paul Heinzelmann (Heinz El-Mann) befreundet, der in der Revolutionszeit den ersten Proletarischen Buchladen in Berlin eröffnet hatte (den Noske zusammenschlagen ließ). Vagabunden und Kunden organisierte und in seinem Werk-Tat Verlag radikale Literatur herausbrachte, darunter Gedichtpostkarten von Fritsche. Über ihn kam der Kontakt zur Zeitschrift der anarchistischen Buchgemeinschaft Gilde freiheitlicher Bücherfreunde, BESINNUNG UND AUFBRUCH zustande, wo Fritsche an einigen Heften mitarbeitete. Ab 1932 gehört Fritsche zum Kreis um V.O. Stomps, in dessen RABENPRESSE bis 1935 fünf Gedichtbände von ihm erscheinen; er nimmt an Veranstaltungen des Verlags teil und veröffentlicht in der Hauszeitschrift DER WEISSE RABE. Auch in der nach dem Krieg von V.O. Stomps gegründeten EREMITENPRESSE ist Fritsche 1950 mit einem kleinen Gedichtband vertreten.
Neben seinem Studium macht Fritsche eine Lehranalyse bei Arthur Kronfeld und bildet sich zum Psychotherapeuten aus. Sein Plan, eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität einzuschlagen, stellt er zurück, um sich ausführlich mit der Homöopathie zu befassen. Ab 1937 lebt er in Berlin von seinen Einkünften als Schriftsteller. Neben Gedichten und Erzählungen schreibt er Bücher und Aufsätze über zoologische Themen (PAN VOR DEN TOREN 1938 und TIERSEELE 1940), verfaßt eine Biographie über den Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1944), schreibt über religiöse und anthropologische Fragen, über Magie, Geheimwissenschaften und Mystik.
Einige Zeit war er Sekretär von Gustav Meyrink, von 1937 bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo arbeitete er als Schriftführer der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR WISSENSCHAFTLICHEN OKKULTISMUS; Haftgrund war die Betätigung für diese Gesellschaft.
Nach seiner Freilassung verläßt Fritsche Berlin und wird in Bad Pyrmont bei Otto Buchinger Assistent in dessen Fastenklinik. 1944 wird seine Wohnung in Berlin bei einem Bombenangriff zerstört; 4.000 Bücher, seine Sammlung von Bildern und Briefen der Freunde gehen in Flammen auf.
Seit 1949 war Fritsche Patriarch der Gnostisch-katholischen Kirche (Ordo Illuminatorum) und errang den höchsten Grad des Rosenkreuzerordens.
Von 1953 bis 1958 arbeitet er in Stuttgart beim Ernst Klett Verlag als Lektor, wo seine wichtigen Bücher (DER ERSTGEBORENE, SAMUEL HAHNEMANN, TIERSEELE, ERLÖSUNG DURCH DIE SCHLANGE) wieder aufgelegt werden. Von 1958 bis zu seinem Tod am 20. Juni 1960 war er in München Dozent für Homöopathie an der Heilpraktiker-Fachschule.
Von Herbert Fritsche sind 27 Bücher erschienen, er gab 3 Zeitschriften heraus, verfaßte über 1.600 Aufsätze und Abhandlungen für Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften. Von seinen 450 Gedichten sind etwa die Hälfte im Druck erschienen. Ein Rezensent nannte ihn einmal „einen Hecht im modernen Karpfenteich einer allzu selbstgefälligen Schulwissenschaft“. Er selbst hat seine Autobiographie, die er in seinem Todesjahr begonnen hat und die Fragment geblieben ist, überschrieben: Abenteurer wider Willen.

Hansjörg Viesel, Nachwort

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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