Hilda Doolittle (H. D.): Hermetic Definition / Heimliche Deutung

Hilda Doolittle (H.D.)-Hermetic Definition / Heimliche Deutung

(5)

Venedig – Venus?
das muss meine Stellung sein,
mein Stand: obwohl du meine Verse

zur Seite wischtest,
komm ich davon nicht los,
ich hab’s versucht;

stimmt, sie seien „faszinierend…,
wenn man ihre Preziosität zu ertragen versteht“,
schriebst du über das, was ich schrieb;

warum muss ich schreiben?
dir war das stets gleichgültig,
SIE aber zieht den Schleier zur Seite,

mir die Binde von den Augen,
befiehlt,
schreib, schreib oder stirb.

 

 

Mit 74 Jahren, ein Jahr vor ihrem Tod,

wird der Dichterin Hilda Doolittle eine grosse Ehre zuteil: als erste Frau wird sie von der American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet. H. D., wie sie von Ezra Pound, dem Gefährten ihrer Jugend und Verehrer ihrer frühen Dichtung, genannt wurde, eine Kennerin der antiken Literatur und der Psychoanalyse durch Sitzungen mit Sigmund Freud, eine Pionierin in der Erkundung von männlichen und weiblichen Genderrollen und Teil der Londoner Bohème, fährt zur Preisverleihung – und begegnet dort der letzten Liebe ihres Lebens, einem dreissig Jahre jüngeren Mann. Die Gedichte von „Hermetic Definition“ legen von dieser Begegnung Zeugnis ab, sie setzen die Liebe als Zwiegespräch der Poesie in Gang. Die posthum veröffentlichte Gedichtsammlung steht wie keine zweite für H. D.s lebenslange Suche nach der Komplementarität von Literatur und Leben, Mythologie und Poesie, Lust und Liebe.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 2006

 

Ägyptischer Bernstein

– Schwach, wach, ach: Hilda Doolittles letztes poetisches Werk. –

Als 1913 in Harriet Monroes kleiner, doch einflussreicher Zeitschrift Poetry drei Gedichte einer bis dahin vollkommen unbekannten Autorin erschienen, die mit „H. D., Imagiste“ zeichnete, war die Welt um eine weitere literarische Bewegung reicher – und zwar um den Imagismus, der wie das rätselhafte Namenskürzel eine Erfindung Ezra Pounds war. Er war es auch, der die drei Gedichte eingereicht hatte – anstelle seiner Freundin Hilda Doolittle, aus deren Feder sie stammten, für deren Namen die Initialen standen und, nicht immer zu ihrer Freude, bis an ihr Lebensende stehen sollten.

Tatsächlich gelang es Doolittle nie, sich ganz von ihren „imagistischen“ Anfängen zu lösen, jedenfalls nicht in den Augen der Öffentlichkeit. Auch wer sie nicht bloß als ungewöhnliche und eigenwillige Begleitdame der literarischen Moderne betrachtete (sie war mit W.C. Williams, Lawrence, Eliot, Marianne Moore und Gertrude Stein befreundet, um nur einige zu nennen), wusste doch zumeist nur von den frühen imagistischen Gedichten, nicht aber von den Romanen oder gar den epischen Großgedichten Trilogy oder Helen in Egypt.

Liebe zu einem jungen Mann
Ähnlich unbekannt sind bis heute Doolittles späte lyrische Werke, deren letztes nun erstmals in einer einfühlsamen deutschen Nachdichtung zu lesen ist, die nur an wenigen Stellen (aus „faint, / faint, / faint“ wird bei Ulrike Draesner das fraglos unwiderstehliche „schwach, / wach, / ach“) über das Original hinausgeht. „Warum kamst du, störst/ meinen Lebensabend auf?“, lauten die Auftaktzeilen, mit denen das Thema auch schon angerissen ist: Hermetic Definition ist die poetische Auseinandersetzung Doolittles mit der letzten Liebe ihres Lebens – der zu einem dreißig Jahre jüngeren Mann, den sie kennenlernte, als die American Academy of Arts and Letters sie 1960, ein Jahr vor ihrem Tod, als erste Frau überhaupt mit ihrer Goldmedaille auszeichnete. Gleich das erste Gedicht, das wie die Gedichte aller drei Teile und wie viele der späteren Texte Doolittles in dreizeiliegen Strophen gehalten ist, führt das Bild der sich entfaltenden Rose ein, insistiert gleichsam auf ihm, während die Widerstände in Klammern verbannt werden: „die roteste Rose entfaltet sich / (dem müssen sie Rechnung tragen)“.
Es ist eines von vielen Motiven, die kunstvoll miteinander verwoben werden, wobei der Titel des zweiten Teils des Buches, „Hain der Gelehrten“, ein deutlicher Hinweis ist: Nicht nur auf die Vielsprachigkeit des Poems – neben dem Englischen Deutsch, Altgriechisch und vor allem Französisch -, sondern auch auf die Tiefe und Bandbreite der Motive, auf die Vorlieben Doolittles, die sich gleichermaßen für die Kabbala, Tarot und Psychoanalyse (in den dreißiger Jahren war sie eine von Freuds Patientinnen) wie für Astrologie und Numerologie interessierte. Dass sie, wie Pound, eine Kennerin der griechischen, auch der ägyptischen Mythologie und Literatur war, wird ebenfalls schnell deutlich.
Der gewichtige kulturgeschichtliche Bezug wird jedoch immer wieder austariert durch Zeilen von treffsicherer Einfachheit – „ich bin alt, / (ich war alt, bis du kamst)“ – und durch die sehr persönliche, anrührende Art, in der sich H. D. ihren Zweifeln und Wünschen, der Liebe, der Kunst und dem Alter zu stellen versucht: „Ich sage, ich weiß nicht, was er denkt, / ich sage, es ist mir egal, / aber auch das ist nicht wahr, // aber war es recht und billig vom Schicksal, / mir Bernstein zu schicken, / ägyptischer Augen Bernstein // im Gesicht eines gewöhnlichen Mannes?“

Jan Wagner, Frankfurter Rundschau, 28.2.2007

 

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