Hilde Domin: Poesiealbum 309

Domin/Twombly-Poesiealbum 309

LICHTINSEL

Mein Schatten
der schmalste einsamste
unter den Toten

Auf der Lichtinsel
streunend
herrenlos

Vielleicht
diese Scharen
vielleicht
einzelne geschart
vielleicht
unter ihnen
wir
neu ausgesät

Als Bäume
werden wir sanfter sein

Vielleicht
als Bäume

 

 

 

Hilde Domin

Aufgewachsen in einem großbürgerlich-jüdischen Elternhaus beschrieb sie später ihr Leben als „Sprachodyssee“, blieb jedoch ihrer Muttersprache durch die Jahre des weltweiten Exils hindurch als „unverlierbares Zuhause“ treu – eine wirksame „Alternative zum Selbstmord“. Schwierig gestaltete sich ihre Rückkehr ins Nachkriegswestdeutschland: Exilanten fanden nicht die ihnen gebührende Anerkennung, Hilde Palm benannte sich nach dem Ort ihres letzten Exils in Domin um und schuf eine politisch engagierte, dialogische Dichtung, die in ihrer Einfachheit eine uns heute noch überwältigende Magie entfaltet.

Aus Christoph Klimke: Poesiealbum 308, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2013

Stimmen zur Autorin

Hilde Domins Poesie ist kühl und ruhig und auf eindrucksvolle Weise souverän. Ihre früheste Poesie ist Widerspruch und Widerstand, Prüfung und Protest, Revision und Rebellion. In ihren Gedichten verband sie die Vorliebe für die knappe und prägnante, die schmucklose und weitgehend auf Metaphern verzichtende Sprache mit gedanklicher Klarheit. Domins Gedichtbücher sind Bücher, die leben.
Marcel Reich-Ranicki

Wenige Dichter sind von ihrem Publikum wegen der so zarten wie kräftigen Gedichte so geliebt worden; die Autorin begriff ihre Gedichte als magische Gebrauchsgegenstände, die, wie die Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen. Die Rosen der Dominschen Poesie boten nicht nur Halt für die Dichterin, sondern auch für Tausende von Lesern.
Harald Hartung

Wohlstandskinder können viele dieser Gedichte ebensowenig nachempfinden wie manche Reaktionen ihrer Eltern und Großeltern; um so wichtiger ist es, sie zu lesen.
Matthias Reimann

Hilde Domin ist eine engagierte Dichterin, gleichermaßen ein poeta doctus wie ein homo politicus.
Gerd Langguth

Ihre Gedichte wissen und geben Bescheid, nehmen Stellung, engagieren sich, suchen sich Gehör zu verschaffen, kurz, sie tun alles, was Gedichte gemeinhin nicht tun dürfen und bleiben doch Gedichte.
Ulla Hahn

MärkischerVerlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2013

 

Dennoch!

Poesie ist ein Verschönerungsverein. Denn noch der Schmerz darf Ausdruck werden, und Ausdruck bedeutet: Der Schmerz ist noch nicht groß genug, um ein blankes Verstummen sein zu müssen. Ein Schrei tut weniger weh als das Elend, nicht mal mehr schreien zu können. Die Gedichte der jüdischen Dichterin Hilde Domin erzählen vom Mandelbaum, von leichtem Gepäck, von Lichtinseln und der Bittersüße. Hart am Schrei, verwandelt aber in ein Flüstern, bei dem das Wort „Rose“ wie eine Weltengründung anmutet.
Hilde Domin, 1909 in Köln geboren, flieht schon 1932 vor Hitler. 2006 stirbt sie in Heidelberg. Das Hinausgehenmüssen hat sie zur Dichterin der Vorsicht erhoben: Bleibe ist ein verräterisches Wort. Und doch hat sie zur Rückkehr gefunden, so ganz anders als andere Dichter, Paul Celan etwa. Hilde Domin hat just in Deutschland ihren Frieden mit der Tatsache geschlossen, dass Wohnort nicht Heimat, aber doch immerhin ein Ort ist.
Interpretation ist Arbeit. Aber dies Gefühl stellt sich bei Lektüre der Domin-Gedichte nicht ein. Porenöffnung. Es fließt etwas durch dich hindurch. Frag nicht nach Spuren, spür nur das Fließen. Nichts fließt da überhitzt. Nichts brodelnd. Ein „Dennoch“ fließt da. Es war ihr Lieblingswort. Lust kommt, über Hoffnung zu sprechen. Es kommt einem plötzlich vor, dass die Aussage, es existiere kaum Hoffnung, als Text weniger wert ist als die Aussage, dass es Hoffnung gibt. Eine Verneinung, sagen die Gedichte der Domin, ist immer ein geringerer Text. Jemand, der nicht gut hört, kann schon sagen, es gebe keine Musik. Wer aber ein entwickeltes Gehör hat, dem spricht man Musikalität zu. Das gilt als Talent. Hoffnungsvoll zu bleiben, ist auch eines. Ob einer für Offenbarung in Frage kommt, hängt von seinem Gehör ab.
Hoffnung, trotz dieses 20. Jahrhunderts? Ist das nicht zu viel verlangt? Von „gefährdeter Hoffnung“ spricht Ruth Klüger in Bezug auf die Poesie der Hilde Domin. Ja, man stelle sich Hoffnung verfolgt, gejagt, vertrieben, verletzt vor, dann stimmt alles wieder. So, wie man leichter zu Gott findet, wenn man sich auch ihn verfolgt, verjagt, vertrieben, verletzt vorstellt. Einmal schreibt Hilde Domin von einer Taube, die der große, große Schrecken in die Lüfte, zur Flucht also treibt, höher und höher aus Angst, und so auch würden ihre Gedichte gejagt, schließlich „so hoch, dass sie irgendwo doch noch ein – schon ganz durchsichtiges – Blau oder Grün erwischen.“ So leben wir doch. Fliehend. Aber „es blüht hinter uns her“.

Hans-Dieter Schütt, neues deutschland, 14.1.2014

 

Nur eine Rose als Stütze

Oder: Die Kraft des Dennoch

– Laudatio für Hilde Domin zur Verleihung des Hölderlin-Preises, 1995. Leben und Werk Hilde Domins. –

Es ist nun fünf Jahre her, daß ich Ihnen zu Ehren, liebe verehrte Hilde Domin, schon einmal reden durfte. Es war in Köln zu Ihrem 75. Geburtstag. Vorher hatte ich Sie immer alleine gesehen. Doch in Köln kamen Sie mit Erwin Palm, Ihrem Mann. Damals sagte ich Ihnen – daran erkennt man uns Kinder des Rheinlands – spontan und unverblümt, wie sehr ich Sie um einen solchen Mann beneide. Obwohl ich nach dieser kurzen Begegnung nur ein flüchtiges Bild von ihm haben konnte, das ich aber sogleich mit meinen Wünschen füllte, ein Wunschbild also. Doch das Bild, das zu diesem Wunschbild führte, war wirklich da, und ich werde es niemals vergessen.
Ich sah Sie beide, und ich dachte: ein Paar. Ihr hieltet euch an den Händen, und ihr stiegt in einem unerschütterlichen Gleichmaß der Schritte die Treppe zum Festsaal hinauf, und ich dachte: So müssen sie durch Länder und Jahre gegangen sein, so einander haltend, so aneinander haltend. Und ich dachte: Da gehen zwei Kinder, oder besser, zwei wie die Kinder in einem Paradies für Erwachsene, einem zweiten Paradies, aber ein Paradies doch. Trotz allem. Und später dachte ich: Wie lange muß man probieren, wie oft stolpern, fallen und sich wieder aufraffen, wieviel Ausdauer, Geduld und Zuversicht braucht es, um so im Gleichklang gehen zu können, als hätte es anderes nie gegeben. Als sei vierfüßiges Gehen die natürlichste Sache der Welt.
Dabei weiß jeder, der Hilde Domin kennt, daß Anpassung nicht ihre Sache ist. Weiß, daß wir es mit einer souveränen Frau zu tun haben. (Was übrigens um Nuancen anderes meint, als das vielstrapazierte „emanzipiert“. Emanzipiert meint ja „befreit“ und erinnert immer noch an Kampf und Unterdrückung, während die souveräne Frau frei ist, frei auch für ein „Gleichmaß der Schritte“.)
Woher erwuchs Hilde Domin diese Souveränität?
Hören wir, was sie in ihren autobiographischen Aufzeichnungen selbst dazu sagt:

Irgendwann war ich zuhause und auch gut zuhause. Das war in Köln, in der Riehler Straße. Dort haben mich meine Eltern mit dem Vertrauen versorgt, dem Urvertrauen, das unzerstörbar scheint und aus dem ich die Kraft des Dennoch nehme.

1912 wurde Hilde Domin hier in eine bürgerliche Familie geboren, der Vater ist Rechtsanwalt, mit einem unbeugsamen Willen zur Gerechtigkeit. Die Mutter, als Sängerin ausgebildet, „hatte“, so die Autorin, „ein Temperament, das war des Bombenwerfens fähig“. Daß sich das väterliche Erbteil bei der Autorin wiederfindet, ist bekannt, die Veranlagung mütterlicherseits ihr zuzutrauen. Beides weiß, wer sie einmal erlebt hat, bei einem ihrer spontanen Auftritte, sei es in der Akademie oder im PEN, wenn es um die Rechte von Verfolgten geht, ganz gleich, woher diese Unglücklichen kommen und weshalb sie fliehen mußten.
Nach dem Abitur 1929 studiert Hilde Domin zunächst Jura, dann Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Ihre wichtigsten Lehrer waren Karl Jaspers und Karl Mannheim. Studienorte sind Köln – Bonn, Berlin und Heidelberg, wo sie ihren Mann, Erwin Walter Palm, Student der klassischen Archäologie, kennenlernt. Mit ihm geht sie 1932 in sein Arbeitsgebiet Rom. Ein Jahr später, nach der NS-Machtergreifung, wird für die junge Frau aus einer jüdischen Familie, die bis dahin kaum einmal eine Synagoge besucht hatte, Italien zum Exil. 1935 promoviert sie in Florenz in Politikwissenschaften über einen Vorläufer Macchiavellis, verzichtet jedoch auf eine wissenschaftliche Laufbahn, um als Mitarbeiterin ihres Mannes dessen Studien zu unterstützen. Die immer schwierigeren Umstände des Exils machen diese Tätigkeit bis zur Berufung Palms an die Universität Heidelberg im Jahre 1960 notwendig. Daneben gibt Hilde Domin Sprachunterricht und verdient Geld als Übersetzerin.
1939 wird der Aufenthalt im faschistischen Italien unmöglich, ein Jahr schlägt man sich, auch mit Hilfe der Eltern, die ebenfalls geflohen sind, in England durch; ab 1940 wird die Dominikanische Republik zum dritten Asylland, vierzehn lange Jahre.
Hier, 39 Jahre nach ihrer Geburt, kommt Hilde Domin 1951 als Dichterin zur Welt.

Es war nicht, oder doch nicht nur und wohl nicht einmal vor allem das Exil, das diese Metamorphose, diesen Beginn einer neuen Existenz, dieses „zweite Leben“, wie Hilde Domin es nennt, initiierte. Mehr noch war es wohl der Verlust des ersten Paradieses, waren es schmerzliche persönliche Erlebnisse. Als dann noch die Nachricht vom Tod der Mutter eintrifft, erwächst der Verlassenen, der doppelt Heimatlosen, die Kraft „zu sagen, was ich leide“. „Schreiben war Rettung“, lesen wir.

Plötzlich hatte ich die Sprache, der ich so lange gedient hatte. Ich hatte Sprachen gewendet wie andere Kleider. Ich wußte, was ein Wort ist. Ich befreite mich durch Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr.

Seither ist für Hilde Domin die Sprache das „Unverlierbare, nachdem alles andere sich als verlierbar erwiesen hatte… Die Sprache ist die äußerste Zuflucht.“ Hilde Domin hatte eine zweite Heimat gefunden: den Halt im Wort. Nur eine Rose als Stütze lautet der Titel ihres ersten Gedichtbandes, der nach ihrer Rückkehr 1959 in Deutschland erschien. Wußten Sie, liebe verehrte Hilde Domin, als Sie diesen Titel wählten, daß die Wörter „Rose“, „Wort“ und „Knospe“ (als das Werdende) derselben indischen Wurzel „v-r-t“ entstammen? Wie auch immer, poetisch präziser hätten Sie Ihren ersten Titel nicht formulieren können.
Heute sind Ihre Gedichte in über fünfzehn Sprachen übersetzt worden. Es ist immer etwas Aufregendes, sein eigenes, vertrautes Gebilde in derart neuem Gewand zu sehen. „Besonders jedoch“, schreiben Sie in „Leben als Sprachodyssee“, „regte es und regt es mich auf, den rheinischen Tonfall zu hören, als täten die Leute es mir zu liebe.“ Nun, liebe verehrte Hilde Domin, ich möchte Ihnen gerne ein sehr privates Geschenk machen. Und so habe ich mir erlaubt, den zahlreichen Übersetzungen eine hinzuzufügen und das erste Gedicht ihres ersten Gedichtbandes ins Kölsche zu übertragen, was übrigens meine wirkliche Muttersprache ist. Für die Ausländer unter uns lese ich es zunächst auf deutsch:

ZIEHENDE LANDSCHAFT

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es das Grab
unserer Mutter.

 

TRECKENDE LANDSCHAAF

Mo muß wekjonn künne
un doch sin wie ene Boom:
als blewwe de Woozele em Bodde,
als tröök de Landschaaf un mer stünge faas.
Mo muß dä Odem aanhaale,
bes d’r Wenk nolöß
un de fremde Loff öm us eröm ze kringele anfänk,
bes et Spell vun Leet und Schatte,
von Jrön un Blau,
de aale Muster zeesch
un mer daheeim send,
ejal wo,
un us säzze künne un aanlääne,
als wör et dat Iraaf
userer Mamm.

Bereits in der ersten Gedichtsammlung von Hilde Domin begegnen wir einem starken, seiner selbst bewußtem Ich. Einem Ich, das sich seiner selbst annehmen kann. Nie werde ich vergessen, wie Sie, liebe Hilde Domin, mir einmal sagten:

Wenn Sie so allein leben, müssen Sie besonders gut zu sich sein. Schauen Sie, wenn ich einmal allein sein muß, stelle ich mir jeden Morgen eine Rose auf den Frühstückstisch.

Dieses liebevolle, selbstgewisse Ich kann nun auch wieder Du und sogar Wir sagen, ohne sich selbst aufzugeben. Ein Ich, das den Mut hat zu einem zweiten Paradies. Den Mut zu einem sehr kostbar gewordenen Wir. „Zu zweit ist man beschützter“, lesen wir in ihren Aufzeichnungen über das Exil. Doch gilt dies für das Leben schlechthin. Als Hilde Domin mit Erwin Palm nach Deutschland zurückkommt und der Bruder sie am Bahnhof abholt, notiert sie:

Was ich nie vergessen werde: wie ich im Auto plötzlich zwischen zwei Männern saß, die beide zu mir gehörten, die offene Flanke gegen die Welt geschützt.

Der Rückgewinn des Paradieses verleitet Hilde Domin aber keineswegs zum Rückzug in die Idylle zu zweit. Vielmehr macht es sie stark für das Leid anderer, für den Blick auf weniger Beschützte. Aus dem Du, das in den ersten Gedichten den geliebten Mann meinte, wird ein Du, das sich an den Menschen richtet, aus dem Wir, das alle anderen ausschloß, wird eines, das alle umfaßt.
„Meine einfachen Worte riechen nach Mensch“, schreibt Hilde Domin in einem Brief an Pablo Neruda. „Ich kam als Rufer zurück“, und „Ich bin ein politischer Mensch vom Scheitel bis zur Sohle“, lesen wir in ihren autobiographischen Aufzeichnungen.
Seither ist ihre leise, aber unüberhörbare Stimme nicht müde geworden. Ist ihr der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und nichts umzulügen, weil’s gerade opportun wäre, nie ausgegangen. Ebensowenig wie die Kraft, Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen, auszuhalten. Hilde Domins Gedichte wissen und geben Bescheid, ja, mitunter stoßen sie ihn auch, ihre Gedichte nehmen Stellung, engagieren sich, suchen, sich Gehör zu verschaffen, kurz, sie tun alles, was Gedichte gemeinhin nicht tun dürfen und bleiben doch – Gedichte.
In fünf Zeilen, meinem liebsten Gedicht von Ihnen, liebe Hilde Domin, hört sich das so an:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Nicht müde werden… Woher nimmt Hilde Domin die Kraft dazu? Ich denke, diese Kraft, der Frau und der Dichterin, wurzelt in der Liebe. „Ich trau mich zu lieben“ ist eines der Motti zu dem Roman Das Zweite Paradies, ein Satz einer Schneiderin aus Madrid. Ein Satz, einfach und klar wie die Gedichte der Autorin, ein Satz, der es, wie die Gedichte, in sich hat.
Zunächst: Was heißt das: lieben. Ich folge der Autorin und versage mir eine Aufzählung von Negativdefinitionen, die einem wahrlich leicht in den Sinn kommen. Nein, die Liebe der Hilde Domin ist keine Schwärmerei und Sentimentalität, sondern das Praktischste von der Welt, etwa dem „anderen die Füße kühlen“, wie es im „Zweiten Paradies“ so unvergeßlich beschrieben wird. Liebe bei Hilde Domin ist der Ort, wo beides gewährt wird: Freiheit und Geborgenheit. Beides hat Hilde Domin in der Kindheit empfangen. Und sie gibt es weiter ein Leben lang.
Was nicht selbstverständlich ist. Denn der Satz beginnt ja mit: „Ich trau mich“. Also wäre das Lieben keine selbstverständliche Tätigkeit, also gehört Mut dazu. Wer liebt, ist verletzbar. Trotz aller Angst vor Verletzungen – und wie sehr können gerade Worte verletzen – den Menschen zugetan bleiben: Das ist die Haltung Hilde Domins, eben ihr Mut zum Dennoch. Dennoch lieben.

Nicht nur das Leben, auch das Schreiben Hilde Domins hat hier seine Wurzel: „Es ist das gleiche Wasser, das den Menschen und der Kunst am Halse steht“, schreibt sie in Wozu Lyrik heute, ein Buch, dem, stammte es aus der Feder eines männlichen Theoretikers, sicher heute längst die Beachtung gezollt würde, die der Theoretikerin leider erst mit der zeitlichen Verzögerung zukommen wird, mit der die Öffentlichkeit in Deutschland noch immer auf Frauen reagiert, die beides vereinen: Gefühl und analytischen Verstand. Seit Benns Marburger Vortrag über „Probleme der Lyrik“ (1951) ist dies wohl die bedeutendste Analyse eines Lyrikers über Lyrik, wobei Hilde Domin insofern über Benn hinausgeht, als sie weit in den gesellschaftlichen Raum hineindenkt, ihre Poetik auf ein gesellschaftliches Fundament stellt. Es ist auch daran zu erinnern, daß Hilde Domin dieses mächtige Plädoyer für das Gedicht 1967 hielt, ein Jahr, bevor Enzensberger dessen Tod verkündete. Dialektisch geschult wertet sie den Flucht-und Refugiumscharakter, der jeglicher Beschäftigung mit Literatur damals vorgeworfen wurde, einfach um. „Rückzug“ wird ihr zur Voraussetzung für bewußtes Handeln, Dichtung Ort und Modus der „bewußten Pause“, ein Regenerationszentrum, wo der Einzelne wieder auftauchen kann aus der „einsamen Masse“, um sich selbst erneut als freies Individuum zu erleben. Im Gedicht „Salva nos“ klingt das so:

… Dies ist unsere Freiheit
die richtigen Namen nennen
furchtlos

mit der kleinen Stimme

einander rufend
mit der kleinen Stimme
das Verschlingende beim Namen nennen

Der feste, federnde Stil ihrer Gedichte kennzeichnet auch ihre Prosa, ob wir nun den Roman Das Zweite Paradies, die autobiographischen Aufzeichnungen oder ihre theoretischen Überlegungen lesen. Besonders für letztere jedoch ist ihre Fähigkeit, zwischen Abstraktion und Anschaulichkeit die Balance zu halten, von größtem Wert. Das Gedicht als „Ort der Freiheit“, als „magischer Gebrauchsgegenstand“, das Poetische als „unspezifische Genauigkeit“, dies sind nur einige der geglückten Begriffsbildungen, die der Kanonisierung wert wären.

Ich weiß, verehrte Hilde Domin, daß Sie, wenn es um den Text geht, nichts von der Unterscheidung zwischen männlich und weiblich halten, und gewiß haben Sie, sofern es nur den Text betrifft, recht. Und doch denke ich, daß wir auch hier noch „nicht müde werden“ dürfen, darauf hinzuweisen, daß es zwar eine stattliche Reihe von Lyrikerinnen gibt, die nicht nur im Bewußtsein von Fachleuten existiert, ich denke an Sappho, Louise Labe, Gaspara Stampa, Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann. Doch gerade weil Sie sich so vorbildlich auf die Kunst der Reflektion des eigenen Handwerks – oder wie Sie es bescheidener ausdrücken, „sich selbst über die Schulter zu schauen“ – verstehen, möchte ich Sie auch an die Seite stellen von Ricarda Huch, Virginia Woolf und Hannah Arendt.
Aber lassen Sie mich, verehrte Hilde Domin, meine Damen und Herren, noch einmal zurückkommen auf das, was ich die Wurzel Ihres Schreibens nannte: dennoch lieben. Denn ein Schreiben aus dieser Wurzel hat Konsequenzen: Hilde Domin gehörte zu keiner Zeit zu den Autoren, die bei einem guten Gläschen Wein den Untergang der Menschheit zu Papier bringen, ihre schwarze Galle vermarkten, ihren Ekel an der Welt mit einem Zweisternemenü besänftigen. Und sie  s c h r e i b t  auch nicht nur vom Leben, das tun ja offener oder verdeckter alle Autoren, sie geht den dornigeren Weg: Sie  l e b t, was sie schreibt. Wenn sie, ob im Gedicht, im Essay, und, wenn es nötig ist, sogar in Leserbriefen Partei ergreift für das, was sich nicht wehren kann, dann ist dies immer auch ein Entwurf für menschlicheres Handeln, friedfertiges Miteinanderumgehen. Und sie ist immer die Erste im Bemühen, ihren Worten die Tat an die Seite zu stellen. Daher haben ihre scheinbar so leichten Worte immer Gewicht. Das Gewicht gelebten Lebens. Daher ist auch gerade das Gedicht als Essenz gelebten Lebens ihre Domäne. Das Gedicht, das persönliche Erfahrungen exemplarisch und damit nachvollziehbar macht, damit ein jeder es in sein eigenes Leben integrieren kann. Schreiben ist daher für Hilde Domin auch immer „Fremd-Worte / heimisch zu machen im Tun“. Fremdworte wie „Zivilcourage“ oder „Solidarität“. Ihre Gedichte, hat Karl Krolow einmal gesagt, wollen „dabei“ sein.
Zwei Gebote sind es, die ihr Schreiben und Handeln miteinander verbinden, zwei Hauptgebote, wie Hilde Domin sie nennt, weil sie alle anderen einschließen:

Das eine (ist) das Gebot des Konfuzius, die Dinge der Welt beim richtigen Namen zu nennen… Beim kleinsten Umlügen der Wirklichkeit fängt menschliches Zusammenleben schon an aufzuhören…

Das zweite ist dies Gebot:

daß ihr euch untereinander liebet und ableget die Werke der Finsternis

Und:

Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.

Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen als ein Gedicht, das die Dichterin selbst als die Summe ihres gesamten Schaffens bezeichnet. Es ist ein Gedicht, für das Sie, liebe Hilde Domin, allein schon den Hölderlin-Preis verdient hätten, zu dem ich Ihnen sehr herzlich gratuliere. Es ist ein Gedicht, das wie kaum ein anderes „dabeisein“ möchte, ein Gedicht, das bei uns allen sein sollte, das Gedicht:

ABEL STEH AUF

Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder
Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf Antwort warte

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen

Die Feuer die brennen
das Feuer das brennt auf der Erde
soll das Feuer von Abel sein

Und am Schwanz der Raketen
sollen die Feuer von Abel sein

Ulla Hahn, aus Ulla Hahn: Dichter in der Welt, Deutsche Verlags-Anstalt, 2006

 

HILDE DOMIN
STICKEREIEN

Macht den Wald mit Wölfen voll
Stellt ihnen Rotkäppchen
Stellt ihnen Großmütter
zur Verfügung
Sorgt für Jäger
an jeder Biegung

Sorgt für Blumen
in Hülle und Fülle
Und vergesst mich nicht
Das ist mein letzter Wille

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zu Hilde Domin
Porträtgalerie

 

Hilde Domin – Wortwechsel (1991). Christa Schulze-Rohr interviewt Hilde Domin.

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