Jacques Rabemananjara: Deine unermessliche Legende

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jacques Rabemananjara: Deine unermessliche Legende

Rabemananjara/Treder-Deine unermessliche Legende

WONNEN

1
Erwarten

Hab deinen Schritt auf den Tempelpfaden belauert:
Ein leises Geräusch, in meinem Innern noch
aaaaaklingend.
O wie gebieterisch Verlangen nach dir mich
aaaaadurchschauert,
meine Leidenschaft widerstandslos sieghaft
aaaaagewinnend.

Leib und Leib jetzt umschlungen; unlösbar mein Blut mit deinem zusammen,
woraus die Seele durch göttliche Opfer geboren.
Schnee, schmelzend, Ebenholz, glühend, in Flammen.
Welch höchste Kontraste harmonisch verschworen!

Lähmend starres Orakel bezaubert gegensätzlicher Spruch.
Besiegt nun jeder der Probe und Weihe dienende Fluch!
Überschäumende Kraft des tropischen Schoßes bin ich.

Und du im kalten Nebel gezogen die prächtigen Blüten,
Wunder wir sehen, in gutem Klima sorgsam zu hüten.
Damit die Schönheit utopischer Träume erfüllt mich.

 

 

 

Nachwort

Erlesene künstlerische Handschrift und sprachgestalterische Gewalt zeichnen die Dichtungen des Madagassen Jacques Rabemananjara aus, und sie verströmen eine seltsame, teils opulent exotische, teils kühl rationale Magie, die nur einem Manne zu Gebote stehen mag, der reiche Lebensfülle, Tragik und tiefstes Streben durchmessen hat. Seit langem hat diese Dichtung nicht allein einen außerordentlichen Ruf in Frankreich und natürlich in Madagaskar, wo sie bedeutsame Verbreitung gefunden hat und zum Klassischen der jungen Nationalliteratur gezählt wird, sondern sie gewann eine weltliterarische Dimension. Nichtsdestoweniger sind außerhalb des frankophonen Sprachraumes nur einzelne Dichtungen bekannt geworden.
Rabemananjaras Persönlichkeit und Werk repräsentieren das Einzigartige der madagassischen Kultur: Diese afrikanische Insel ist durch Sprache, Kultur, Geschichte und ethnische Relation mit dem malaiisch-polynesischen Kreis verbunden, was sich insbesondere im Volk der Hova, das ursprünglich das Hochland im Inneren der Insel bewohnte, manifestierte und in der Begründung eigenen Staatswesens unter bedeutenden Herrschern, darunter auch Frauen, seinen Ausdruck fand. Dies will aber nicht sagen, daß Madagaskar, weder in der Vergangenheit noch gar heute, vom afrikanischen Kontinent und den Eigentümlichkeiten seiner Kultur isoliert gestanden hätte. Gerade diese kulturgeschichtlich faszinierende Einmaligkeit Madagaskars im Beziehungsfeld zwischen Afrika und Asien, die die gedanklich-sprachliche Feingliedrigkeit und Eleganz des südostasiatischen Erbes ebenso wie die metaphorisch reiche, explosive Kraft und Bilderfülle afrikanischer Fabulierlust in sich zusammenrafft, spiegelt sich bei Jacques Rabemananjara auf eine brilliante Weise. Jacques Rabemananjara, geboren 1913 in Maroantsetra-Tamatave, gehört zur Völkerschaft der Betsimisaraka, nicht der Hova; doch sind jene gleich ihnen vor Jahrhunderten aus Südostasien nach Madagaskar gekommen. Seine Familie und besonders der Vater seiner Mutter lassen dem Jungen eine sorgfältige traditionelle Erziehung angedeihen, und er erfährt von den Dämonen und Geistern, die alles Umgebende bewohnen, vom höchsten Gott, von der Geschichte seiner Familie, die sich im Mythologischen verliert; gewiß nimmt er, wie in späteren Arbeiten noch sichtbar und lebendig, die alte literarische Überlieferung seines Volkes in sich auf.
Diese Idylle ging im Bruch der Zeit verloren. Madagaskar war französische Kolonie, und mit dem Eintritt Rabemananjaras in eine katholische Missionsschule, zuerst 1925 beim elsässischen Pater Vogel, veränderte sich nicht nur Rabemananjaras Alltag – er tauchte ein in die hybride Welt der Kolonialgesellschaft mit ihrer sehnsuchtsvollen Hinwendung zur Metropole, zu Frankreich, zu Paris, und ihrer Sprache und ihrer Kultur. Französisch und Mathematik waren wohl Rabemananjaras Lieblingsfächer. Denn das rhythmische Ebenmaß und die logische Harmonie, die den Schüler im Gesetz der Zahl und im Gesetz der gestalteten Sprache im klassischen Französisch Racines begeisterten, bestimmten wie ein Gutes stiftendes Trauma seine eigene dichterische Arbeit von innen heraus. Woran manche psychisch und auch physisch zerbrachen, wie sein Freund Rabearivelo, der 1937 sein Leben selbst endete, weil er sich im Niemandsland zwischen Madagassentum und Frankophilie verloren fühlte und sich deswegen auch verlor, gestaltete sich das Aufnehmen alles Französischen für Rabemananjara zum schöpferischen, zum künstlerisch-produktiven Dreiecksverhältnis, das nach Gestalt und Ausdruck suchte. Obschon seit 1939 Mitarbeiter der französischen Kolonialverwaltung und bald ins Ministerium nach Paris gerufen, gründete er mit Gleichgesinnten die Revue des Jeunes de Madagascar; da sich in ihr erste nationalbewußte Tendenzen zeigten, wurde sie von der französischen Kolonialadministration rasch unterdrückt. Aber der Anfang war gemacht, das Signal gesetzt. Daß Rabearivelo ihn testamentarisch zum Nachlaßverwalter  seines Werks gemacht, war nicht umsonst gewesen.
In Paris, wo Rabemananjara auch während des Weltkrieges blieb, studierte er Philosophie und Rechtswissenschaften, den Gedanken der Résistance zutiefst verbunden. 1944 konnte er nach Madagaskar zurückkehren und wurde als Deputierter in die französische Nationalversammlung gewählt, die sich nach dem Krieg konstituierte. In Rabemananjaras Denken markierte, wie bei vielen afrikanischen Intellektuellen, der Ausgang des Weltkrieges, in dem sich in der Anti-Hitler-Koalition die Hoffnung der Welt zu zeigen schien, eine Zeitenwende, und sein politisches Handeln und sein Schreiben werden militanter. 1947 beteiligt sich Jacques Rabemananjara aktiv am Aufstand des madagassischen Volke, gegen die französische Kolonialherrschaft – nicht mit der Waffe, aber mit seinen Ideen im Mouvement Démocratique de la Rénovation Malgache. Dieser Aufstand wurde von der Kolonialmacht Frankreich aufs schrecklichste niedergeworfen. Rabemananjara wurde zu lebenslänglicher Haft mit Zwangsarbeit verurteilt und nach Frankreich deportiert. Nach fast zehnjährigem Kerker und Deportation wird er endlich am 27.3.1956 freigelassen. Seine Bewegungsfreiheit bleibt aber beschränkt, eine Rückkehr nach Madagaskar ist noch nicht möglich. In Paris findet er seine Frau und seine Tochter wieder, und er nimmt die politischen und literarischen Beziehungen zu alten Freunden wieder auf, vor allem zu antikolonial gesinnten Landsleuten und zu Alioune Diop und seinen Mitarbeitern, die Zeitschrift und Verlag Présence Africaine zu einem Zentrum afrikanischer Literatur gemacht haben.
Im Jahr 1960 darf Jacques Rabemananjara nach Madagaskar zurückkehren, und als die Insel im darauffolgenden Jahr ihre Unabhängigkeit von Frankreich und die Republik proklamiert, wird er Minister in der ersten Regierung seines Landes. Nach deren Ablösung nimmt er die Berufung zum Vizepräsidenten der Société Africaine de Culture an und lebt seit einer Reihe von Jahren wieder in Frankreich. Ist Rabemananjara auch vorwiegend als Lyriker hervorgetreten, so hat er doch seither auch auf vielfältige Weise als Essayist und Dramatiker gearbeitet.
Die Einflüsse, denen Rabemananjara begegnete, waren vielgestaltig und wohl auch konträr. Und doch scheint es, als ob sich in seinem Werk eine große und starke Willensanstrengung, ein Element klarer Bewußtheit des Wollens, mit einem sich ungehemmt vollziehenden Einschmiegen in Menschen und Zeiten paaren.
Das Wollen ist, vielleicht von der frühen Gedichtsammlung Sur les marches du soir (1940) hier und da abgesehen, zunächst kraftvoll auf das Vaterländische gerichtet nach dem der Revue des Jeunes de Madagascar unterlegten Satz, daß es gelte, französisch wie die Franzosen zu schreiben, aber stets madagassisch zu bleiben. Trotz aller Hinwendung zu Frankreich bildet sich ihm, der Négritude Senghors verwandt und doch bestimmter, klarer und diesseitiger, ein Bild wirklicher madagassischer Größe und kultureller Eigenständigkeit. Anders als die sonstigen Autoren der Négritude realisiert Rabemananjara diese Intention, die zugleich eine Erkenntnis ist, nicht mehr über Symbolismen.
Hebt Léopold Sédar Senghor das Reale, den wirklichen Gegenstand seiner Adoration, das Afrikanische und seine Zeichen, auf eine unnachahmlich prachtvolle Weise über sich selbst hinaus ins Gleichnishafte und Parabolische, so präsentiert Rabemananjara, sich des realen Gehaltes seiner Dichtung stets bewußt bleibend, eine konkrete, faßbare, nachprüfbare Welt, auch wenn er sich eines vergleichbaren Pathos zu bedienen scheint und ihm auch das Instrumentarium der Négritude-Stilistik geläufig ist, wie die Haltung der Invokation, die Dichter und Dichtung so oft annehmen, beweist. „Lyre à sept cordes“ (1948, dt, „Lyra mit sieben Saiten“, 1985) bezeichnet, von den erwähnten Arbeiten des Symbolismus-Zöglings abgesehen, die Befestigung dieses künstlerischen Standpunktes, welcher Rabemananjaras Lyrik in der Folge so eminent politisch werden läßt. Eine Krönung erfährt diese Tendenz in Arbeiten, die ebenfalls hier enthalten sind, in „Antsa“ (1948, dt. 1962) und „Lamba“ (1956, dt. 1962). „Antsa“, zu deutsch „Lobgesang des Königs“, ist ein Hymnus auf Madagaskar, das als ein Kosmos Natur, Geschichte, Gegenwart zusammenfügt und das wirkliche Madagaskar zu einem Gefühl totalen Zugehören bildet. „Lamba“ ist das traditionelle Kleidungsstück der Madagassen, verwandelt, doch noch immer südostasiatische Reminiszenz. In dieser Dichtung verschmilzt die mythologische Urkraft der traditionellen Poesie und Religion mit ganz gegenwärtiger antithetischer Dialektik, und die rasende Leidenschaftlichkeit der Zweierbeziehung erlangt einen großen und weitergefaßten, einen menschheitlichen Klang. Auch in „Rites millénaires“ (1955, „Tausendjährige Riten“), übervoll an traditionellen Anklängen und Assoziationen, tritt uns Rabemananjaras pantheistische Welt entgegen; selbst das Menschlich-Konkrete gewinnt über das Individuelle stets Allgemeingültiges und auf die Freiheit Madagaskars und aller Gerichtetes.
Im übrigen werden gerade hier auch Grenzen sichtbar, denn Rabemananjara will das Unvereinbare vereinen: So der Négritude gleich, die die Unterdrücker nicht zu hassen vermochte, beruht der unvergleichliche Impuls, der von diesen Dichtungen ausgeht, doch wiederum nicht aus allgemeiner, aus dem Kolonialismus-Erlebnis an sich gezogener Klage, wie bei anderen, sondern aus persönlich erfahrenem Leiden. Es ist nicht verwunderlich, daß Erica de Bary, die Rabemananjara in den vierziger Jahren, ihm Rilke vermittelnd, aufs intimste zu verstehen lernte, die von dieser konkreten Erfahrung ausgehende und sich entfaltende Reife des Dichters kannte. In diesen hier gezeigten Gedichten ist dies ein für allemal festgehalten. Denn unbestritten wird mit der Generation, der Rabemananjara angehört, ebendiese Erfahrung der Liebe und des Hasses zwischen zwei Welten, der verzweifelten Suche nach Identität, wird dieser ganze retrospektive Traum verwehen.
Die bittersten Töne von Klage und Anklage enthalten die in verschiedenen Gefängnissen in den Jahren 1947/48 geschriebenen Gedichte der Sammlung „Antidote“ (1961, „Gegengift“), in denen die lebendige und bewegte äußere Welt der tödlichen Stille der Gefangenschaft gegenübergestellt ist. Ohne den sprachlichen Prunk der großen Poeme, von denen „Antsa“ etwa gleichzeitig entstand, vermitteln die Gedichte aus „Gegengift“ Rabemananjaras reinstes politisches und persönliches Empfinden. Dessen ungeachtet schließt Rabemananjara mit seinen späteren Gedichten, veröffentlicht in Les Ordalies (1972, Gottesurteile), einen Bogen zurück zu seinen Anfängen, wenngleich geläutert und auf einem ungleich reiferen künstlerischen Niveau. Dieser Bogenschlag ist doppelter Natur: Zum einen verliert sich die politisch-kämpferische Tendenz, die in „Antsa“ wohl den eindrucksvollsten künstlerischen Höhepunkt fand, in eine sowohl allgemeinere und allgemeingültigere Aussage als auch zugleich oft in eine persönlichere Sphäre. Verschmelzen „Antsa“ und andere Gedichte die Liebe des Mannes zur Frau rauschhaft und gewaltig mit der Liebe zu Madagaskar und seiner Freiheit, werden nach 1960, da nach der Intention Rabemananjaras Freiheit für Madagaskar gewonnen ist, vielschichtige persönlich-intime Töne sichtbar, die, und das ist das andere Analogon zu den Anfängen, vom freien Vers zur strengen metrischen Form, zum Sonett, zurückfinden. Dazu gehören mit „Initiation“ und „Délices“ („Wonnen“) einige Gedichte von reinster Eleganz und Schönheit, die die Übertragungen nur unvollkommen wiederzugeben vermögen. Rabemananjara hat darin die Eloquenz und Weitläufigkeit früher Arbeiten, auffällig vor allem in „Lyra mit sieben Saiten“, weit zurückgelassen zugunsten einer sorgfältig und fast sparsam eingesetzten metaphorischen Wahl. Die Sonette sind vor allem klingende Gedichte, die auditive Rezeption herausfordern.
Nostalgie und Sehnsucht sind Rabemananjara nichts Verächtliches, und sie verführen ihn nicht zu Passivität, und doch enthalten seine Gedichte keine Projektion der Zukunft, auch keine irreale, wie bei Senghor. Dies hat zur Folge, daß sein lyrisches Werk, obwohl so gänzlich auf Madagaskar fixiert, in seiner gefühlsmäßigen Fundierung, wenn es nicht gelegentlich zu exzessiv pathetisch wird, allgemein erfahrbar und verständlich ist und eine spontane Zuwendung und eine Sympathie bewirkt, die frappieren: ein Unikat in der afrikanischen Literatur der Gegenwart.
Daß Gedichte Bildung vermitteln, zumal vordergründig, mag einer anderen Zeit zugerechnet werden. Doch kann man sich selten eines solchen Informationserlebnisses in Lyrik erinnern, wie es hier in Rabemananjaras Gedichten erscheint. Daß wir von der Welt dieser Verse wenig wissen, ist nicht die Schuld der Madagassen. Denn als sicher kann gelten, daß Rabemananjara mittun wollte, das aus eurozentristischer Sicht angehäufte Defizit an Wissen und Verständnis für sein Volk abzutragen. Gerade die hier getroffene Auswahl legt sehr bestimmten Wert darauf, diese Seite seines missionarischen Selbstverständnisses zu verdeutlichen. Der überwältigende Reichtum spezifischer Bilder und Historismen verlöre jeden allgemeingültigen Sinn und würde in eine Art Heimatdichtung absinken, bliebe jener Aspekt nicht beachtet. Es ist, komplementär zu Rabemananjaras Rolle als Dichter der nationalen Befreiungsbewegung, die universelle Sinnhaftigkeit seiner künstlerischen Aufgabe. Kaum jemand hat so viel dazu getan, Madagaskars Eigenart und Kultur zu demonstrieren wie er, und bei seinen Landsleuten steht der Dichter in ebenso großer Achtung wie vielleicht anderswo, auch wenn die politischen Realitäten eine konsequentere, eine revolutionärere Natur gewonnen haben, als es sich der bürgerliche Demokrat einst dachte. Gleichnishaft zu diesem Einst und Jetzt im Selbstverständnis des Dichters verhält sich seine Beziehung zu dem erwähnten Aufstand vom März 1947, der sein Schicksal so jäh gewendet hatte: Tief innerlich von hinreißender Leidenschaft für die Freiheit Madagaskars getrieben und in Wort und Tat dafür gestritten, mahnte die Führung des M.D.R.M. – das Dokument trägt auch Rabemananjaras Unterschrift – zu Gewaltlosigkeit und „kaltem Blut“. Ihm schien es ein Gebot der Vernunft zu sein, von Gewalt abzuraten; und das Wort, nicht die Tat, verwandelt sich für ihn zu geschichtlicher Kraft.
Der Glaube an die Macht der dichterischen Sprache ist der Nerv in Rabemananjaras Lyrik und ihr sinngebendes Element, denn bei aller tief gewollten apollinischen Schönheit der sprachlichen Form will sein Werk eine Botschaft geben und wirken: Die hymnische Doppelnatur dieser Verse richtet sich so oder so auf das wirkliche, wenn auch verklärte Madagaskar und zugleich auf eine schönere, eine gedachte Welt, für die Madagaskar bloß den symbolischen Begriff gibt und die der Welt der kolonialen – und jeder – Unterdrückung und Entfremdung gegenübersteht. Dies aber hebt Rabemananjara, indem es ihn unverwechselbar macht, in weltliterarische Universalität. Bei der Betrachtung dieser Verse sind stets französische Vorbilder und Einflußformen, vor allem aus der romantischen Dichtung des 19. Jahrhunderts, aber auch aus Symbolismus und Surrealismus der zwanziger und dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts gefunden und angenommen worden, und es ist unbestreitbar, wie sehr gerade jene Grundlinien französischer Lyrik, einerseits auf bewußtseinserweiternde Schönheitsgier, andererseits auf novatorische Farben, Klänge und Bilder gerichtet, in die dafür bereite und in sie stimmende poetische Landschaft Madagaskars der Vorkriegszeit gewirkt haben. Vor allen anderen hat Baudelaire außerordentlichen Eindruck gemacht und als ein großer Anreger gewirkt.
Dessenungeachtet ist das Fundament, das diese Dichtung trägt, vor allem anderen madagassisch, auch in literarischem Sinne; ihr Leben und ihren kreativen Reichtum schöpft sie aus der Literaturtradition Madagaskars selbst, in der die Unmittelbarkeit, die orales Schaffen und auditive Rezeption ihrer Natur nach bewirken, nicht allein fortwirkt, sondern an der Konstituierung der neuen Literatur mitwirkte. Das 19. Jahrhundert, wohlgemerkt vor der Eroberung durch den französischen Imperialismus, sah in Madagaskar ein geordnetes und aufgeklärtes Staatswesen, dessen Königen und besonders der letzten, von den Franzosen entthronten und nach Algier deportierten Königin Ranavalona III., auch Rabemananjara ein achtungsvolles Andenken bewahrt; es sah auch die Einführung des Buchdrucks, die Verbreitung einer nationalen Sprache, des Malagasi, die rasche Verbreitung von Schulen, das Aufblühen madagassischer Literatur. So fanden klassische Formen und Ausdrucksweisen einen ungebrochenen Eingang in die Literatur der Gegenwart, viele Dichter arbeiten zweisprachig, in Französisch und Malagasi. Schreibt Rabemananjara auch ausschließlich französisch, ist der klassische Klang madagassischen Erbes sinnfällig und in überquellender Metaphorik manifestiert.
Voller Witz und Selbstironie bezeichnete Jacques Rabemananjara 1959 eine Konferenz afrikanischer und afroamerikanischer Schriftsteller als Versammlung von Sprachdieben:

Wahrlich, wir sind ein Kongreß von Sprachdieben! Diesen Schatz haben wir unseren Herren gestohlen, Identität, Instrument ihres Denkens, goldner Schlüssel zu ihrer Seele, der magische Sesam, der das Tor ihrer Geheimnisse öffnet, verborgene Grotte, in der sie das unseren Vätern Entwendete horten und wofür wir Rechenschaft fordern!

Rabemananjaras Dichtung reflektiert den durch koloniale Unfreiheit bewirkten und nur durch die nationale Befreiungsbewegung auflösbaren Widerspruch zwischen der, in manchen Fällen leidenschaftlichen, Hinwendung der madagassischen Intelligenz am Beginn unseres Jahrhunderts zu französischer Kunst, Wissenschaft, ja auch Lebensart, und der beispiellosen Härte, mit der gerade das zivilisierte Frankreich gegen jede Regung des Antikolonialismus vorging. Der Gebrauch des Malagasi als Schrift- und Schulsprache wurde strengstens verboten, bis die Volksfrontregierung nach 1936 endlich Lockerungen brachte. Der Aufstand von 1947 forderte 90.000 Tote, 25.000 Internierte und Deportierte, 17 Todesurteile, darunter für zwei gewählte Abgeordnete der französischen Nationalversammlung – erst die Unabhängigkeit 1960 erzwang die Generalamnestie. Auch danach behielt das kapitalistische Frankreich die Hand im madagassischen Spiel, was schließlich zum Scheitern der Regierung des sozialdemokratischen Präsidenten Tsiranana, der, wie erwähnt, auch Rabemananjara angehörte, führte. Erst seit 1975 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht übernahm, führte ein Weg aus Abhängigkeit und Servilität, und die Inselrepublik strebt nach der Verwirklichung fortschrittlicher Ideale.
Die Lebenszuwendung, die Rabemananjaras Dichtung auszeichnet, die Befestigung madagassischer Identität und sein unbändiger, jedoch niemals chauvinistischer Patriotismus verbinden sich mit einer auf zukünftige Harmonie gerichteten gesellschaftlichen Erwartung, die sehr wohl in die Ahnenreihe des neuen Madagaskar gehört und es zugleich repräsentiert, obgleich auf eine ganz allgemeine Weise. War die Abfolge seiner lyrischen Dichtungen individuell determiniert und ein Abbild seiner psychischen Evolution, so ist in ihnen eine Fülle des Allgemeinsten zusammengezogen. „Lyra mit sieben Saiten“, vielleicht am meisten die Philosophie der Négritude widerspiegelnd, auch zuerst in Senghors berühmter Anthologie de la poésie nègre et malgache d’expression française (1948) veröffentlicht, kontrastiert die europäisch-kapitalistische Welt mit der seinen, und die elegische Überhöhung, die diese erfährt und die auch „Tausendjährige Riten“ (1955) charakterisiert, ist die Kompensation der kolonialen Erfahrung und der ihr innewohnenden Demütigung, wie auch immer. „Antsa“ hingegen weist andere Töne, aggressivere, trotz aller Nobilität der Wort- und Bildwahl, auf; in diesem Werk wie auch in „Lamba“ wird Rabemananjaras leidenschaftliche Vision konstruktiver: sie sind in Haft und Exil entstanden. Diese Poesie verkörpert und begleitet den Weg seines Volkes bis zur Erringung der Unabhängigkeit. Sie kennenzulernen und zu verstehen verheißt, diesen Weg zu begreifen.

Rainer Arnold, Nachwort, Mai 1984

 

Jacques Rabemananjara

Entfesselte Leidenschaft und grenzenlose Sehnsucht prägen die hymnischen Gesänge des madagassischen Dichters Jacques Rabemananjara, die er in den Jahren strengster Haft nach dem blutig erstickten Aufstand seines Volkes 1947 schrieb. In sinnlich überquellender Bilderfülle beschwört er Gott, Mensch und Natur seiner Insel Madagaskar, die ganze Kosmogonie, zum rasenden Tanz für ein Ziel; und das Wort scheint Wirklichkeit allein durch die magische Kraft der Poesie:

In der riesigen Freude
bist du selbst, Insel,
von Kopf bis zu Fuß
nur noch bebende Freiheit!

Jacques Rabemananjara, geb. am 23.6.1913 in Maroantsetra/Tamatave, gilt als einer der großen Dichter seines Landes in französischer Sprache, dessen Werk über Afrika hinaus weltliterarische Bedeutung erlangt hat. Er erfuhr als Kind eine traditionelle Erziehung und wurde früh mit der alten Kultur Madagaskars vertraut. Später folgten französische Missionsschulen und Seminare und ein intensives Studium der französischen Dichtung, die ihn ab 1930 zum eigenen Schreiben anregte. Rabemananjara arbeitete in der Kolonialadministration und im Ministerium in Paris, entwickelte aber rasch antikolonialen und patriotischen Geist. Nach dem zweiten Weltkrieg wird er als bürgerlicher Demokrat zum führenden Politiker im Mouvement Démocratique de la Rénovation Malgache. Dichterisch löst er sich von französischen Vorbildern und wird zum Mitbegründer einer eigenständigen madagassischen Lyrik in französischer Sprache. Sein lyrisches Hauptwerk entsteht im französischen Kolonialgefängnis und in der Deportation, geprägt von dem Entsetzen über die 90.000 Todesopfer des niedergeschlagenen Aufstandes. Heute lebt Jacques Rabemananjara als Vizepräsident der Société Africaine de Culture in Paris; in seiner Heimat wird der Dichter als nationaler Klassiker verehrt.
Der vorliegende zweisprachige Band ist eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtschaffen des Dichters. Rabemananjara schrieb daneben Dramen und Essays.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1985

 

Fabelinsel Madagaskar

Dichtung, die von weither kommt, in diesem Falle von der afrikanischen Insel Madagaskar, braucht Verständnishilfe und Informationen über geschichtliche und ethnische Hintergründe. Die vorliegende Auswahl des Madagassen J. Rabemanjara ist von einem Nachwort begleitet, das man tunlichst zuerst lesen sollte. In ihm hat der Nachdichter Rainer Arnold kenntnisreich das historische Umfeld skizziert und sich zu Leben und Werk des Dichters geäußert.
Madagaskar, im 19. Jahrhundert noch ein aufgeklärtes Königreich, danach französische Kolonie und seit 1961 unabhängige Republik, diese Insel hat das Leben und das dichterische Werk des 1913 geborenen Rabemananjara geprägt. 1947 beteiligt er sich am Aufstand seines Volkes gegen die französische Fremdherrschaft. Als dieser Aufstand von der Kolonialmacht niedergeschlagen wird, erhält der Dichter eine lebenslängliche Haftstrafe, wird nach Frankreich deportiert und verbringt dort fast zehn Jahre im Kerker. Erst 1960 kehrt er auf seine Insel, die er in seinen Gedichten vielfach eine „Göttin“ nennt, zurück, wird dort Minister der ersten Regierung und kehrt später nach Frankreich zurück. Ein bewegtes Leben, eine durch viele Einflüsse gekennzeichnete Kultur seines Volkes, all dies findet Eingang in seine Verse, die das ganze Spannungsfeld zwischen kolonialer Unfreiheit und Unabhängigkeit reflektieren. Daneben stehen aber auch anmutige Liebesgedichte, persönliche Bekenntnisse zu den „Wonnen“ (so der Titel eines Gedichtes) intimer Beziehungen.
Dichtung von großer und elementarer Sprachgewalt, Dichtung von einer uns fernen Insel, exotisch und elegisch, expressiv und leidenschaftlich, die auch Verständnis schafft für Eigenart und Kultur der „Fabelinsel Madagaskar“.

 F. R.

 

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