Jannis Ritsos: Milos geschleift

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jannis Ritsos: Milos geschleift

Ritsos/Manzú-Milos geschleift

DIE ANDERE STADT

Es gibt viele sich kreuzende Einsamkeiten – sagt er −,
aaaaaoben und unten
und andere dazwischen, verschiedene oder ähnliche,
aaaaaerzwungene, auferlegte
oder wie freiwillig eingegangene, selbst gewählte –
aaaaaimmer sich kreuzende.
Aber tief, im Zentrum, gibt es nur die eine
aaaaaEinsamkeit, sagt er,
eine hohle Stadt, fast kugelförmig, ohne
vielfarbige Leuchtreklamen, Geschäfte, Motorräder,
mit einem weißen, leeren, nebligen Licht, unterbrochen
von Funken unbekannter Lichtzeichen. In dieser Stadt
wohnen seit Jahren die Dichter. Sie bewegen sich geräuschlos,
die Hände gefaltet, erinnern sie sich unbestimmter, vergessener
aaaaaEreignisse,
Wörter, Landschaften,
diese Tröster der Welt, die immer untröstlichen, verfolgten
von den Hunden, den Menschen, den Schaben, den Mäusen,
aaaaaden Sternen,
verfolgt auch von ihren eigenen gesagten und ungesagten
aaaaaWörtern.

 

 

Vorwort

Vielleicht habe ich das Alter erreicht, da die Augen, ein für allemal, trocken geworden sind wie zwischen den Seiten eines Buches gepreßte Blüten. Vielleicht habe ich vergessen… doch ich glaube, nicht ein einziges Mal, wenn ich Verse las, geweint zu haben, so schön, so bewegend sie auch gewesen sein mochten. Ohne Zweifel empfänglicher für die Schönheit der Wörter, ihr klangvolles Spiel als für die verspürte Erregung, die Tragödie der Worte. Doch, einmal ja, aber das hat hier nichts zu besagen: bei einem Gedicht von André Breton, nicht als ich es das erstemal las, aber später, beim Wiederlesen, als wir schon voneinander getrennt waren, wie die Blätter vom selben Baum, dem Baum durch die Gewalt des Windes von draußen entrissen. Es hieß „L’Union libre“, doch ich sage wieder, das hat hier nichts zu bedeuten.
Jedoch, es sind mehr als zwanzig Jahre her, da hatte man mir aus dem Griechischen übersetzte Verse gebracht, von einem Dichter, der mir ganz unbekannt war, damit ich ihre französische Fassung korrigierte. Mit einem Schlag schnürte es mir die Kehle zu, und das Seltsame war, daß ich mich daraufhin immer, wenn man mir Verse von diesem Unbekannten brachte, mehr oder weniger gut übertragen, wie beim erstenmal unfähig fühlte, meine Augen, meine Tränen zu bezähmen. Als ich das erstemal Jannis Ritsos las, von dem ich nichts wußte, war er entweder auf die Inseln deportiert oder irgendwo anders gefangen, aber, Sie werden mir glauben oder nicht, das hatte ich vergessen… nicht das war es, ich schwöre Ihnen, das nicht! Wie oft danach ist es wieder so gewesen? Alles geht vor sich, als ob dieser Dichter das Geheimnis meiner Seele besitze, als ob er allein mich so zu erschüttern wisse, verstehen Sie mich, nur er. Ich wußte zunächst nicht von ihm, daß er der größte lebende Dichter dieser unserer Zeit ist; ich schwöre, daß ich es nicht wußte. Ich habe es nach und nach erfahren, von einem Gedicht zum anderen, ich würde sagen, von einem Geheimnis zum anderen, denn ein jedes Mal war es der Schock einer Enthüllung, den ich verspürte. Die Enthüllung eines Menschen und eines Landes, die Tiefen eines Menschen und die Tiefe eines Landes.
Griechenland hat uns seit einhundertfünfzig Jahren, ich will sagen, seit der Proklamation seiner Unabhängigkeit, das Herz höher schlagen lassen, und unsere Dichter haben, seit die Orientales entstanden, von ihm geträumt wie heute, da uns trotz allem von ihm die Stimmen der Freiheit kommen. Und ohne Zweifel stehen wir nicht allein: War Hugo allein, wo es doch Byron gab, wo es Hölderlin gegeben hat? Aber ohne Zweifel wäre unsere Liebe seltsam, vernähme sie nur den Lärm der Kugeln, nährte sie sich weiter nur von der alten Lektion der hellenischen Träume, vom Gesang aus Namen von Göttern und Helden, ja, unser Ohr hat sich seit langem an den geheiligten Namen versunkener Epochen berauscht, wie hätten wir den griechischen Gesang auch anders zu hören vermocht als einen, der unsere Kindheit speiste:

Die Tochter von Minos und Pasiphaë…

Und nichts davon braucht preisgegeben zu werden, auch nicht seine Racinesche Version und die Trunkenheit der Namen in den Versen André Chéniers… Aber heute hat sich die Welt, haben sich die Träume gewandelt. Ich erfuhr mehr von Euch, Brüder, die ihr jetzt nah seid, durch Eure eigenen Sänger als durch diesen mächtigen Schrei der unseren die Jahrhunderte hindurch. Aber von keinem lernte ich wie von Ritsos, denn er ist das ganze Leben seines Volkes und sein Gesang, seine Schmerzen.
Ritsos’ Kunst läßt sich nicht eingrenzen. Von den großen Poemen angefangen, die ihm während der fünfziger Jahre, als er gerade aus einem Konzentrationslager entlassen worden war, den griechischen Staatspreis erster Klasse für Poesie einbrachten, bis hin zu jenen kurzen Klagen der letzten Zeit, die sich auf Knien schreiben lassen, auf den Inseln, die Makronisos, Jaros, Leros heißen… Ein jeder findet darin sein eigenes Herz und seine Wunde. Ich erinnere mich an das außerordentliche Gedicht auf den Kampf in Zypern gegen die Okkupation durch die Engländer, ein Patriot in einer Höhle, sterbend in Rauch, in Feuer, diese letzten Worte, die der Held nicht mehr sprechen konnte, aber die in ihrer Größe so wenig der Heldendichtung gleichen wie stets bei Ritsos, wo das Pathetische in der Einfachheit der Dinge liegt dennoch will ich dieses Gedicht nicht zum Beispiel der „Mondscheinsonate“ vorziehen, die einfach das Flüstern eines gewöhnlichen Lebens ist, und all diesen Gedichten eines Hauses, eines menschlichen Wesens, von dem es nichts zu erzählen gibt als das Leben. Welchen Stolz empfinde ich, sie ein wenig früher als Europa von einem zum anderen Ende kennengelernt zu haben, als ob auf seinem mächtigen Rücken der Gott-Stier sie mir gebracht hätte! Ich nun, vor den wenigen Büchern, die wir hier daraus gemacht haben und durch die andere Länder erfuhren, daß es in Griechenland noch einen Gesang gibt, der für Jahrhunderte geboren wurde…

Louis Aragon, Vorwort

Nachwort

1
Lange her: die Jahreszahl schon undeutlich, halb verwischt. War es 1957, war es 1958? Der Platz und die Umstände sind hingegen klarer erinnerlich: Ein karger Büroraum in der Redaktion der Wochenschrift SONNTAG, damals noch in der Französischen Straße 32 untergebracht, oberstes Stockwerk, mit dem Blick über einen schachtähnlichen Hof aufs Dach des Quergebäudes.
Manuskriptstapel, Zeitungen, vergilbende Druckfahnen, verschlissene Sessel. Wir saßen uns gegenüber und sprachen miteinander durch den Mund einer dritten Person, aus Mangel an Sprachkenntnissen. Sein Aussehen, typologisch nahe dem männlichen Hollywood-Ideal der dreißiger Jahre, solchen Schnurrbart kreierte Adolphe Menjou, hatte nicht den allergeringsten Bezug zu meinen Vorstellungen von dem griechischen Dichter, dessen Physiognomie, da ich vordem keine Fotos kannte, mein Unterbewußtsein unter Benutzung allen Materials, das unter dem Stichwort „Griechenland“ in mir gespeichert war, so gründlich falsch erschuf. Trotzdem war ich nicht enttäuscht, nur verwundert, daß er so wenig seinen Gedichten glich, denen zu folge ich vermutlich einen hellenisch-heroischen Typ erwartet hatte.
Was wir im einzelnen sprachen, ich weiß es nicht mehr. Das Hauptthema unseres unbeholfenen, zwangspausenreichen Dialoges jedenfalls, zu dem wir immer wieder zurück- oder von dem wir nicht loskamen, lieferte die moderne Industriegesellschaft und ihre verheerenden Folgen, die sich damals symmetrisch abzuzeichnen begann. Ich habe auch völlig vergessen, ob wir eigentlich gleicher oder gegensätzlicher Meinung gewesen sind und ob wir uns, der Sprachschwierigkeiten wegen, überhaupt richtig verstanden haben. Wenn ich mir den Vorgang heute ins Gedächtnis zurückrufe, zwei einander fremde Schriftsteller mit ganz verschiedenen historischen wie individuellen Hintergründen, die mittels eines Dolmetschers eifrig aufeinander einredeten, so ist eine gewisse Komik nicht abweisbar, und über dieser fatal gleichnishaften Szene könnte Roda Rodas Aphorismus stehen: Die Menschheit besteht aus zwei Teilen: der eine drückt sich verkehrt aus, und der andere versteht es falsch.
Seit dieser Begegnung habe ich Ritsos nicht wieder getroffen.

2
Unser Wissen über eine „Very important person“, durch keine engere Bekanntschaft vermittelt, ist meist recht gering. Ein paar Daten, ein paar Informationen über persönliche und gesellschaftliche Umstände, Stationen des Lebenslaufes, nichts aber ausreichend, um die Motivationen des Schaffens und das Schaffen selber gründlich zu erklären. So muß unseren Schlußfolgerungen stets etwas vorschnell Generalisierendes und somit auch wieder Fragwürdiges, nicht ganz Stimmiges anhaften. Denn es gibt bekanntlich immer noch eine und noch eine zusätzliche Deutung, so daß – um im mythologischen Bereich zu bleiben, dem unser Dichter durch Geburt verbunden ist – wir uns im Versuch, einiges von den Beziehungen zwischen Autor und Werk sichtbar zu machen, wie bei der Füllung des Fasses der Danaiden vorkommen müssen. Es ist gewiß von Bedeutung, daß Ritsos, am 1. Mai 1909 als Kind wohlhabender Eltern geboren, deren finanziellen Ruin erlebte – entstand solchermaßen nicht schon früh ein Hang nach Verhältnissen, die derartige Katastrophen ausschließen, indem es einfach keine Reichen und Armen mehr gibt? Und daß er bereits im achten Lebensjahr Gedichte schreibt, weist das nicht auf das Phänomen des „geborenen“ Dichters hin, auf starke seelische Antriebe in der Kindheit, welche folglich das fernere Dasein bestimmen und lenken? Menschenscheu und Introvertiertheit in der Schulzeit wird von ihm berichtet, unüberbrückbare Distanz zu den Mitschülern, eine Kommunikationsschwäche, die das spätere, literarisch ausgedrückte und politisch bekundete Verlangen nach Solidarität und mitmenschlicher Verbundenheit miterklärt.
In dieser seiner Kindheit verliert er Mutter und Bruder durch Tuberkulose, dann den Vater durch Geisteskrankheit, die später, als Ritsos sich schon als Lyriker etabliert hat, auch seine Schwester zerstört: Verluste, die notwendigerweise dazu führen, daß andere emotionale Bindungen stärker und beherrschender werden. Übrigens erkrankt er selber an Tuberkulose, nachdem er 1925 in Athen das Universitätsstudium aufgenommen (das er durch körperliche Arbeit finanziert) und, wie es heißt: „verbrachte längere Zeit in der Lungenheilstätte Sotiria“. In diesem Zauberberg schreibt er seine ersten ernstzunehmenden Gedichte, die 1929 erscheinen. Von diesem Zeitpunkt an entfaltet sich ein lyrisches Werk, trotz äußerer Hemmnisse und Unterbrechungen: Zweimal in seinem Leben wird Ritsos verhaftet und in Konzentrationslager deportiert.
Das erste Mal nach dem griechischen Bürgerkrieg, einer fast vergessenen Tragödie für andere Europäer, in welchem es nach der deutschen Niederlage um die politische Zukunft Griechenlands ging. Nach dem Scheitern der kommunistischen Bewegung emigrierten die Verlierer oder wurden inhaftiert. Ritsos ist von 1948 bis 1952 eingesperrt und aufs neue wieder nach dem Putsch der Obristen: Ab April 1967 auf Jaros und Leros, danach auf Samos unter Hausarrest gestellt, eine Milderung erzwungen vom internationalen Protest, dem wir hin und wieder die Rettung von Dichtern verdanken. In unserem Jahrhundert, wo das einst Außerordentliche als Negativum, und nur als solches, alltäglich geworden ist, scheint mir an Ritsos’ Schicksal das Besondere die Kontinuität des Schaffens in der Diskontinuität der Existenz zu sein: Trotz wiederholter Verfolgung, trotz massiver Schicksalsschläge eine Steigerung, eine zunehmende Vollkommenheit der Dichtung, fern jedoch aller Perfektion und Routine. Was aber nicht bestätigt, daß „gelobt sei, was hart macht“, oder daß Entwürdigung und Unterdrückung sich mit dem Argument rechtfertigen ließen, sie hätten letztlich immerhin die Größe der Kunst gefördert. Weil es diese irrige Ansicht gibt, ist hier anläßlich dieses Dichters die passende Stelle, dagegen zu polemisieren: Daß Knüppelschläge Talente stärken, wofür die überlebenden Künstler unfreiwillig zu Zeugen gemacht werden, verschweigt die Vernichtung ebenso vieler Talente durch psychischen und physischen Druck und ahnt nicht, wie viel lieber Dichter nur die apollinische Leier trügen, statt alle die Toten und Ermordeten mit sich zu schleppen, unsichtbare, aber niederdrückende Last, unter der man zusammenzubrechen droht, und die sich nur tragen, nur ertragen läßt, wenn sie zum Thema verwandelt wird, eine Überlebensstrategie, der, wie andere Dichter, auch Ritsos folgen mußte, um auszuhalten.

3
Sooft man seine Gedichte auch liest, immer wieder stellt sich ihre Intensität und atmosphärische Dichte erneut her, ungeschwächt, um nicht zu sagen: ungemildert. Man taucht in sie ein, in eine besondere Welt, eine besondere Szenerie, die ihre Wirkungen weniger durch sprachliches Experiment, politische Aktualität oder Überraschungseffekte hervorbringt als durch Mittel, welche aus der Ferne geschichtlicher Vergangenheit, aus dem Innern des Individuums, nämlich aus seinen erlittenen Erfahrungen, und aus den Methoden des französischen Surrealismus stammen. Mit einem Paradoxon gesagt: Ritsos, Kommunist, Anhänger wie Förderer jeglichen Fortschrittes, ist, wie jeder wahre Dichter, konservativ – nicht im politischen, wohl aber im tatsächlichen Wortsinne: Bewahrend und erhaltend, was von der Entwicklung, auch der selber geförderten, bedroht ist: Das ländliche und kleinstädtische Hellas, die Residuen scheinbaren Nachlebens von Antike.
Zugleich schafft Ritsos aus Traditionen heraus, die jenseits seiner nationalen Landesgrenzen bestenfalls Bildungsgut sind. Konkret: Einschmelzung von Mythologie und Historie in die Darstellung der Gegenwart. Und der archaische Topos fast aller Gedichte ist der Tod. Hingerichtete und Erschlagene, gefallene Söhne, erschossene Demonstranten, beweint von schwarzgekleideten alten Frauen, jede eine greisenhafte Demeter, durchwandern die Verse; Verstorbene und Sterbende spielen eine höchst aktive Rolle; häufig herrscht in den Texten Dämmerung, Nacht, von einer einsamen Lampe mehr betont als erhellt, von den Schritten Bewaffneter kontrapunktiert. Die Allgegenwart des Todes – weder mittelalterliches Schreckbild noch barockes Memento mori, weder mystisch noch tröstlich gleichmacherisch – erhält solche Selbstverständlichkeit, wie sie wohl nur nach einigen tausend Jahren Philosophie, nach langer wechselhafter Geschichte, nach Jahrhunderten Fremdherrschaft und meist mißlingenden Freiheitskämpfen entstehen konnte. Zwar schreibt Ritsos unter dem Datum des 4. März 1970 und unter dem einen Grundsatz signalisierenden Titel „Elementares“ am Schluß seines Gedichtes:

Ist es der Tod, ist er immer an zweiter Stelle.
An erster ist immer die Freiheit.

− so stellt das eher eine Selbsttäuschung, einen rationalen Stellenwert dar, verständlich aus der Situation der Gefangenschaft, eine Replik auf die Ungunst der Verhältnisse, aber die Formulierung enthält die unbewußte Verkennung der längst im Werk zutage getretenen Prioritäten. Und daran ist nichts, was verwunderlich oder unergründlich wäre: Der Tod in Ritsos’ Gedichten fungiert als Katalysator, der das lebendige Leben als einzige menschliche Möglichkeit vor unseren lesenden Augen verlebendigt. Ein weiterer Beweis, wie gleichgültig und nebensächlich der Gegenstand, das Thema, der Stoff eines literarischen Gebildes sind, sobald sie den inständigen Anlaß bieten, an ihnen Wesentliches zu exemplifizieren.
Formalere Motive treten hinzu, aus dem schier unerschöpflichen Fundus des Landes, von dem wir unseren Anfang, ja sogar unseren Namen herleiten: Europa. Die Antike lebt, weil ihr die evozierte Gegenwart in Gestalt einer Anti-Idylle nahe ist. Urtümliche Dinge: Felsen und Licht, Bett und Truhe, Lorbeer, Oliven und Brot, eine fern läutende Glocke, ein Brunnen, Inseln, Meer, die Weite des Blickes; selbst von den Unorten der Verbannung Jaros und Leros sieht man die „klassische“ Vedute, die, mit ihrem klaren Umriß, ihrer reinlichen Scheidung von Licht und Schatten, ihrer großzügigen Unterteilung zur Einfachheit des Denkens und Fühlens beiträgt. Hinzu gesellt sich im Bewußtsein, wer zwischen diesen Inseln kreuzte: Zogen hier nicht die Argonauten vorüber, Odysseus auf seiner Irrfahrt, persische Kriegsgaleeren, Römer, Byzantiner, Sarazenen, Venezianer, Türken, Kreuzfahrer, alle von der unveränderten Landschaft zu einer ungewissen und luftigen Unsterblichkeit gezwungen?
Daß in den Gedichten nichts simpel gerät, banal oder klischeehaft, verbürgt die Technik, die Schreibweise, die, wie schon erwähnt, ihre Herkunft vom Surrealismus nicht leugnet. Diese Symbiose von kühner Kombinatorik und Realistik macht die Wahrheit der Wirklichkeit erst spürbar und glaubbar, erzeugt etwas wie „Verfremdung“, indem es die Realität aus der Gewohnheit des blinden Blickes befreit und ihr die Frische des vordem nie so Geschauten schenkt:

Der Laternenanzünder mit seiner Leiter ist gegen Abend vorbeigegangen,
er zündet die Laternen der Insel an, als öffne er Löcher im Dunkel,
als öffne er große gelbe Brunnen…

In diesem beiläufigen Beispiel ist das Prinzip der Schreibweise in nuce präsent: Archaik von Insel und Brunnen, kleinstädtisches „heiles“ Ambiente: Laternenanzünder und Laternen; die surrealen Metaphern der gelben Brunnen, der Löcher im Dunkel. Und natürlich ist auch der Tod in diesem neunzeiligen Gedicht vorhanden, auch er surrealistisch maskiert:

Das Schild der Gastwirtschaft tropfte Blut; der Mann mit nackter Brust
hielt ein großes rotes Messer…

Solche Mittel und Methoden scheinen sehr geeignet, außer den Alpträumen unseres Jahrhunderts die Ahnung von der verpaßten und verlorenen, immer vergeblich erneuerten Utopie herzustellen, und falls die Dichter das Bleibende stiften, dann nichts weniger als die Evidenz eines historischen und zugleich überzeitlichen Augenblicks: eine Sekunde, durch Worte fixiert, wird Widerschein schlechter Ewigkeit.

4
Die Goethische Sentenz, daß sich erst in der Beschränkung der Meister zeige, ist häufig genug mißverstanden sowie repressiv angewendet worden, nämlich in einem das Denken einschränkenden, also das Tabu konstituierenden Sinne. Auf die Ritsosschen Gedichte angewandt, besagt es in Kürzestfassung, woher diese ihre eigentliche Stärke beziehen: aus ihrer radikalen Beschränkung auf das Vaterland des Dichters
Dem Leser fällt auf, daß, im Gegensatz zu anderen bekannten zeitgenössischen Dichtern, in deren Arbeiten persönliche Erfahrungen mit der Welt, mit den Welten thematisiert sind, bei Ritsos kaum auftaucht, womit er außerhalb seiner Nation und deren Geschichte bzw. Kulturgeschichte konkret in Berührung kam. Als gäbe es nur Griechenland und draußen nichts, was der Aufnahme in den Vers wert wäre. Und auch dieses Moment, man nenne es Introversion, man nenne es Narzißmus, mit welchen psychologischen Begriffen immer, es verleiht doch diesem Manne etwas Eigenartiges, Fremdartiges, eben Archaisches, das, um ein Bild sprechen zu lassen, ihn zum letzten Exemplar einer aussterbenden Rasse von Giganten macht, das in einem Reservat lebt und nur dort lebensfähig ist. Unleugbar: eine Fixation, aber mit Konsequenz und Vitalität fruchtbar gemacht, und darin ebenfalls anderen Fixationen vergleichbar.
Auf keinen anderen zeitgenössischen Dichter paßte daher besser der Name jener Gestalt aus seinem heimatlichen Sagenkreis, die durch Berührung mit der Muttererde ihre Kräfte regenerierte und verdoppelte und den wir – eher dem entgegengesetzten Prozeß ausgeliefert – nur mit Neid nennen und vernehmen: Antäus.

Günter Kunert, Nachwort, 18.5.1978

 

Zeugenschaft für das Schicksal seines Volkes

Als „Dichter des letzten Jahrhunderts vor dem Menschen“ versteht sich der Grieche Jannis Ritsos, der mit seinen Gedichten versucht, zu den Wurzeln der Welt vorzudringen.
1909 als Kind wohlhabender Eltern geboren, erlebte er deren finanziellen Ruin, verlor er schon in seiner Kindheit die Familie. Mit siebzehn Jahren verließ er die ihm vertraute Vaterstadt Monemvassia, einen von den Spuren der Antike, der Vennetier, Franken, Türken gezeichneten geschichtsträchtigen Winkel auf dem südlichsten Vorsprung der Peloponnes, um in Athen das Universitätsstudium aufzunehmen. Nach dem Druck erster ernst zu nehmender Gedichte (1929 wird er anläßlich des „Lied meiner Schwester“ 1937 von Kostis Palamas, dem Erneuerer der griechischen Literatur in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, begrüßt: „Wir treten beiseite, Dichter, damit du vorbeigehst.“ Dem gingen nach Errichtung der Metaxas-Diktatur die Konfiskation und öffentliche Verbrennung seines „Epitaph“ voraus, in dem die Klage der Mutter über den Verlust ihres bei der Maidemonstration Salonikier Tabakarbeiter erschossenen Sohnes zur Anklage wird.
Wie mit diesem, so erweist sich Jannis Ritsos auch mit den großen, dem heroischen Widerstandskampf gegen das faschistische Joch gewidmeten Poemen „Griechentum“ (1945 – 47) und „Milos geschleift“ (1969), das den unvermittelten Einbruch der Barbarei nach dem 21. April 1967 geißelt, in besonderem Maße als Chronist der von revolutionären Aufschwüngen und opferreichen Niederlagen gekennzeichneten jüngsten Geschichte Griechenlands. Als Kommunist und Dichter übernimmt er die Zeugenschaft für das Schicksal seines Volkes, in dem er das Schicksal der Welt erfaßt.
Milos geschleift hat der Reclam-Verlag als schönes Buch mit Federzeichnungen des italienischen Künstlers Giacomo Manzu herausgebracht und es zu einer bibliophilen Kostbarkeit werden lassen. Der Intensität und atmosphärischen Dichte Ritsosscher Lyrik angemessen, anschaulich und von natürlich-heiterem Temperament sind diese Illustrationen.

Brigitte Berg, Berliner Zeitung, 22.8.1981

Verse in der Tradition griechischer Volkspoesie

„… denn er ist das ganze Leben seines Volkes und sein Gesang, seine Schmerzen.“ Der Satz aus dem Vorwort Aragons kann dieser Anthologie des größten lebende Dichters Griechenlands als Motto vorangestellt werden. Obwohl nur ein kleiner Ausschnitt des vielbändigen Werkes, gibt die Sammlung doch einen tiefe Einblick in Entwicklung und Reicht von Ritsos’ Kunst. Die hier vorgestellten Dichtungen gehören mit zu den repräsentativsten, sie sind, wie viele Verse des Dichters, in bald fünfzig Sprachen um die Welt gegangen. Dem Buch sind übrigens wunderbare, der Dichtung ganz adäquate Federzeichnungen von Manzù beigegeben, die eine liebevolle Würdigung durch Fritz Cremer finden.
Schon die frühen Dichtungen des heute Siebzigjährigen zeugten von sprachlicher Schönheit wie politischer Reife. Sie spiegeln tragische persönliche Erfahrungen wider, geben Auskunft über die griechische Realität, reflektieren den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion. Aus ihnen spricht auch die Bestürzung über die Greuel des deutschen Faschismus, und sie finden einen Höhepunkt im „Epitaph“ der Totenklage einer Mutter über ihren erschossenen Sohn: Symbol für alle leidgeprüften Mütter Griechenlands, Symbol auch für die entschlossene Überwindung individueller Verzweiflung durch die Tat, rhythmisch wie in den Bildern anknüpfend an die Totenklage der heute noch lebendigen griechischen Volkspoesie. Wie hier in der „Mondscheinsonate“ die Ausweglosigkeit des bürgerlichen Individualismus, so gestaltet Ritsos auch in anderen Poemen Fragen des Heute, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft die Verantwortung des Menschen für seinen Platz in der Gesellschaft. „Milos geschleift“ wie „Griechentum“ versinnbildlichen den unbezwingbaren Widerstand des griechischen Volkes gegen einheimische und ausländische Unterdrückung. In seiner Dichtung ist Ritsos’ persönliches Schicksal Konzentrationslager, Verbannung, Verfolgung, Schreibverbot und Verbot seiner Bücher — aufs engste verwoben mit dem Schicksal eines ganzen Volkes, mit dessen Kämpfen und Träumen und darüber hinaus mit den revolutionären Bewegungen in der ganzen Welt. Auch in der behutsamen, einfühlsamen deutschen Nachdichtung wird die höchst sensible und zugleich kraftvolle immer unverwechselbare Sprache offenbar. Ritsos, der das Zwiegespräch mit zeitgenössischen Dichtern wie Majakowski, Ehrenburg, Eluard und Hikmet pflegt, ihnen Übersetzungen und Studien widmete, steht selbst in den großen nationalen Traditionen seines Volkes, den Bogen spannend vom antiken Mythos über die Volkspoesie bis zu dem Besten der modernen griechischen Dichtung. Die unlösliche Verbindung von höchster Kunst und konsequentem politischem Engagement — seit 1931 ist Ritsos mit der kommunistischen Bewegung verbunden —, sein nie plakativer Optimismus, sein tiefer Glaube an die unversiegbare Kraft des griechischen Volkes haben den mit vielen Ehrungen Bedachten, 1977 mit dem Lenin-Friedenspreis Ausgezeichneten, zum populärsten Dichter Griechenlands werden lassen.
Das Buch ist mit einem Nachwort versehen, das Ritsos allerdings nicht voll gerecht wird.
Es ist ein besonderes Verdienst des Reclam-Verlages, uns diesen Großen der Dichtkunst in einer sehr ansprechenden Ausgabe — der zweiten Ritsos-Auswahl in der DDR — nahezubringen.

Anneliese Malina, Neues Deutschland, 22.12.1979

 

Steine

− Über Jannis Ritsos. −

Ich verließ die U-Bahn an der Station Ai-Nikolas, und mein erster Gedanke war: Du hast dich verfahren. Aber genau vor mir lag die Korakastraße, es gab keinen Zweifel. Doch schien sie mir ohne eigenes Gesicht, zu eng, verbaut, übervölkert. Eine Straße wie Hunderte andere Athener Straßen. Links und rechts Zementbauten, vier- oder fünfstöckig, die sich gegenseitig bedrängen und Luft und Himmel sich streitig machen.
Keine Straße für Dichter, dachte ich. Ich gebe zu, ich hatte mir ein anderes Bild vom Wohnviertel meines Dichters gemacht, ich dachte, er wohne an einem Berghang in einer Villa, umgeben von blühenden Zitronen- und Apfelsinenbäumen, eingehüllt in Rosenduft; fern von Abgasen und Lärm, mit weitem Blick bis zum Meer hin und auf die Akropolis… Dann fielen mir diese Zeilen aus seinem Gedicht „Verödung“ ein:

Die Zahnarztpraxen haben zugenommen
aaain unserem ärmlichen Vorort,
ebenso die Apotheken
aaaund die Begräbnisanstalten.
Abends hängen grüne Glühlampen
aaavor den verblichenen Türen,
lange, angestrahlte Bretter.
aaaEin vergessener Wasserhahn
läuft die ganze Nacht in einer
aaaNebenstraße der Koraka…

Seit langem hat dieses Viertel aufgehört, Athener Vorort zu sein. Es gibt keine Gärten, keine Weinberge, kaum Bäume mehr hier. Das Land wurde zu Grundstücken zerstückelt und meistbietend verkauft. Eine wilde Bautätigkeit begann, als hätten die Leute Angst, das Jahr darauf könnten die Baustoffe rar werden. Hastig und fast ohne Plan bauten sie, und der Bauherr mit dem günstigsten Angebot bekam den Auftrag. Manches ist unfertig geblieben, wohl weil das Geld ausging. Zementsäulen, Häuserskelette, Stahlstäbe, verrostend und wie Zeigefinger in den Himmel ragend, zeugen davon.
Es ist noch früh am Tage, und die Straße ist kaum belebt. Aus dem Kiosk an der Ecke beobachtet mich ein lockiger Großkopf, eingerahmt von Zeitungen, Zeitschriften, Kämmen, Kaugummis, Trillerpfeifen, Sonnenbrillen, Zigaretten, Ansichtskarten… Ich bin ein wenig gereizt über diesen trägen Blick und beschleunige meinen Schritt. Aus der Tiefe der Korakastraße dringt vielstimmiger Lärm zu mir, und je mehr ich mich der Nummer 39 nähere, um so stärker wird er. Und dann steh ich plötzlich in diesem Lärm vor dieser Nummer. Er wohnt also doch hier, ich lese seinen Namen auf dem kleinen, blauen Schild, vierter Stock.
Ich hätte den Fahrstuhl nehmen können. Aber ich wollte lieber laufen, noch trennten mich ein halbes Hundert Stufen von ihm, ein halbes Hundert Sekunden und mehr vielleicht. Zeit genug zum Verschnaufen, sich auf das erste Wort zu konzentrieren. Denn dieses erste Wort machte mir zu schaffen. In den Briefen duzten wir uns. Er war für mich der Jannis, und ich für ihn der Thomas. Aber Briefe – das ist eine andere Sache, da liegen fast dreitausend Kilometer dazwischen, Berge und Städte und Länder, da ist manches leichter. Bevor ich die Klingel drücke, verharre ich einen Augenblick. In der Wohnung ist es still, als ob sie leer wäre. Aber sobald ich auf den Knopf gedrückt habe und ein ferner, weicher Klingelton ertönt, höre ich schon Schritte. Die Tür geht auf, und ein lächelnder, bärtiger, mittelgroßer Mann steht mir gegenüber. Solch einen Bart trugen die Heiligen in der Kirche meines Dorfes, und als Kind bildete ich mir ein, die Bärte der Heiligen müßten nach Weihrauch, nach Kerzenwachs und nach Wein riechen. Jawohl, auch nach Wein, denn nach dem Gottesdienst schließt der Priester von innen die Kirche ab und zecht mit den Heiligen auf dem Altartisch, bis sie, müde geworden, in ihre Ikonennischen zurückkehren und er torkelnd nach Hause geht. Ritsos mag wohl mein Zögern bemerkt haben, er breitet die Arme aus und drückt mich an seine Brust. „Willkommen in der Heimat!“, sagt er. Der Bann ist gebrochen.
Ich betrete seine Wohnung, und ich merke, der Dichter hat sich in diesen drei Räumen seine eigene Welt, seine Atmosphäre geschaffen. Auf Tischen, in Regalen, auf Fenstersimsen bemalte Steine, Wurzeln, Knochen. Sie nehmen mich gefangen. Liebespaare, Liebesszenen, Porträts von jungen Männern mit dem Profil antiker Statuen. Ritsos sagt:

Die Menschen fanden die Steine, belauschten sie, hielten Zwiesprache mit ihnen, benutzten sie (für Häuser und für Statuen), arbeiteten gleichberechtigt zusammen in einem bestaunenswürdigen, gegenseitigen Verständnis. Vor allem die Verbannten, die Isolierten, die gezwungenermaßen Stummen, fanden in den Steinen gute Gefährten, tauschten Geheimnisse aus, schlossen wirkliche Freundschaft mit den Steinen.

Es gab kein anderes Material, der verbannte Ritsos nahm, was die Natur gab, Steine vom Strand, Knochen und Wurzeln, die das Meer anspülte. Und einen Nagel, den er zwischen den Zelten des Lagers fand. Damit ritzte er die Steine. Später zog er die Linien mit chinesischer Tusche nach. Und siehe da, die verschlossenen, stummen Dinge bekamen eine Stimme, oder die Menschen ein feineres Gehör, wie der Dichter sagt. Plötzlich blühten auf dem Gestein Blumen, umarmten sich Liebespaare, schritt der Jüngling aus, sprang der Delphin aus dem Wasser. Eine andere Welt entstand mitten im Lager des waffenstarrenden Todes. Eine Ersatzwelt? Keinesfalls. Reale Träume, Gestalten voller Dynamik, Muskel und Spannung. Eine Hoffnung, ein Versprechen. Die zur Jesusfigur gewordene Wurzel, ans Kreuz geschlagen. Die Nägel sieht man nicht, doch man ahnt sie, wenn man die leiderfüllten Gesichtszüge betrachtet. Die Leistung des Dichters liegt hier in der Auswahl. Das ist Prinzip bei ihm. Das in der Natur gefundene Matetrial nicht vergewaltigen, sondern seine Eigenarten, seine Struktur erkennen und ausnützen. Die Gesteinslinien, die Holzmaserung wie die Schicksalslinien einer Handfläche lesen lernen. Sie werden, wie der Dichter sagt, zu Schicksalslinien der Welt. Im Detail das Prinzip erkennen, im Regentropfen das All. Ritsos erscheint nichts zu klein, nichts zu gering, dessen sich sein Gedicht annimmt. Ihn zeichnet die Einfachheit des klugen Revolutionärs aus und der Stolz des Mannes, der die Feuerprobe bestanden hat. Ich stelle Beziehungen zwischen diesen Steinen und seiner Lyrik fest.

STEINE

Die Tage kommen und gehen ohne Eile,
aaanichts Unvorhergesehenes geschieht.
Die Steine verblassen im Licht und in der Erinnerung.
aaaDer eine nimmt einen Stein als Kissen.
Der andere tut, bevor er ins Wasser geht, seine Sachen
aaaunter einen Stein,
daß der Wind sie nicht fortträgt. Ein anderer
aaabenutzt den Stein als Schemel
oder als Zeichen im Acker, im Friedhof, im Pferch, im Wald.

Später, nach dem Sonnenuntergang, wenn
aaadu in dein Haus zurückkehrst,
magst du jeden Stein vom Strand
aaaauf deinen Tisch stellen,
er ist eine Statuette – eine kleine Nixe
aaaoder der Hund der Artemis;
und jener, auf den ein Jüngling zu Mittag
aaaseine nassen Füße stellte,
ist ein Patroklos mit umschatteten Augen unter geschlossenen
aaaWimpern.

Wir setzen uns im zweiten Zimmer an einen niedrigen Tisch, der voll gepackt ist mit Büchern, Briefen, Zeitungen. Hier herrscht die Unordnung eines schöpferischen Menschen, der keine Zeit für Nebensächliches hat. An den Wänden Zeichnungen, Fotos, Gemälde, vorwiegend eigene Arbeiten aus den Jahren der Verbannung. Porträts von Genossen – die meisten sind heute nicht mehr am Leben. Und Schallplatten. Bach. Bach, den er liebt, dessen Musik er beim Arbeiten leise einstellt. Und seine eigenen Gedichte, vertont von den größten griechischen Komponisten. Vor allem von Mikis Theodorakis.
Er will viel über die DDR wissen und bedauert, daß die DDR-Literatur in Griechenland so wenig bekannt ist. Er fragt mich nach wichtigen Schriftstellern. Ich nenne Christa Wolf, Erich Arendt, Franz Fühmann, Georg Maurer, Erwin Strittmatter, Stephan Hermlin…
Anfang der sechziger Jahre sei er mit Hermlin in Berlin zusammengetroffen, sagt Ritsos. Hermlin habe als erster eins seiner Gedichte ins Deutsche übertragen. Ich kenne das Gedicht auswendig. Es heißt „Brief an Joliot-Curie“. Ich beginne es deutsch vorzutragen:

Joliot, ich weiß, meine Verse
sind ungeschickt, stammelnd…
Mein Lied zieht dahin, grob beschuht,
benagelt gegen die Steine
des Wegs, den es zieht, unaufhörlich, entgegen
dem Tod für die Freiheit, den Frieden…

Er lauscht den eigenen Worten in der fremden Sprache. Dabei raucht er ununterbrochen. Der Rauch zieht durch den Bart sein Gesicht hinauf und verschleiert seine Züge. Er ist ein sehr starker Raucher. Er ist still, als ich aufgehört habe zu sprechen. Ein Befehlston dringt von draußen in diese Stille. Das ist nebenan auf dem Schulhof, sagt Ritsos und erhebt sich. Wir gehen auf den Balkon. Über der Straße ein großes Schulgebäude. Den Schülern ist Strammstehen befohlen worden. Vor den angetretenen Klassen steht lässig ein Mann, die Hände in den Hosentaschen, und spricht laut das Vaterunser. Die Kinder wiederholen mit ihren dünnen Stimmen seine Worte: „Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe…“ So beginnt nun jeder Schultag! Das Gesicht des Dichters verdüstert sich. In diesem Moment denken wir vielleicht beide das gleiche: Wieviel Mühe wird es kosten, die Herzen und Hirne dieser Kinder wieder zu läutern; ihnen beizubringen, daß es keinen größeren Gott gibt als den Menschen, daß allein er in der Lage ist, das Himmelreich auf Erden zu errichten. Und noch etwas geht mir durch den Kopf: Ob diese Kinder wohl wissen, daß über der Straße, in diesem bescheidenen Mehrfamilienhaus, einer der ganz großen Dichter lebt?
Der Lehrer hat das Vaterunser beendet., Über den weiten Schulhof rollt wieder das ungebändigte Stimmengewirr der Kinder. Und das ist wie eine Woge aus Frische. Ritsos lächelt. Er legt seinen Arm um meine Schulter, und wir gehen zurück ins Zimmer. Mich packt der Wunsch, die Dinge um mich zu berühren. Ritsos ist ein Menschenkenner, er durchschaut mich. Ich solle mir Zeit nehmen, sagt er, und alles in Ruhe betrachten. Ich könnte die Bücher aus den Regalen nehmen, die Steine und die Wurzeln anfassen. Diese Steine!
Ich halte sie nun in den Händen, ich drehe sie im Sonnenlicht, das reichlich durch die Fenster und die verglaste Balkontür fällt. Die Gestalten gewinnen eine ungewöhnliche Plastizität, beginnen lebendig zu werden. Das sind Geschichten in Stein, festgehaltenes Leid, doch nie stumpfe Ausweglosigkeit, selbst im schmerzverzerrten Gesicht der zur Christusfigur gewordenen Wurzel ein unbesiegbarer Trotz.

aaaaaaaaaaNie hätten wir geglaubt,
daß Menschen so stark sein können.
Nie hätten wir geglaubt,
daß unser Herz solchen Widerstand leistet…
Groß war unser Durst.
Tag für Tag schleppten wir Steine.
Von unserem Durst
leben die Wurzeln der Welt.

schreibt dieser Dichter.
Als ich Ritsos verlasse, kommt mir die Korakasstraße gar nicht mehr so ungeeignet für den Wohnsitz meines Dichters vor. Hier, unter den Gemüse- und Obstverkäufern, den Straßenkehrern, den Kaffeehausbesitzern, den Vulkanisateuren, den Taxifahrern, den Hausfrauen und den Hunderten von Schulkindern, Schuhputzern, Zigeunern, Arbeitern, fliegenden Händlern fühlt er sich wohl, denke ich. Vielleicht kauft Ritsos jeden Nachmittag seine Zigaretten im Kiosk an der Ecke, legt dem lockigen Großkopf die Hand auf die Schulter und fragt: Na, Nikos, was gibt es Neues? Die Welt dreht sich, Kollege Dichter, antwortet der Großkopf, dreht sich schneller und schneller, und mir wird schwindlig in der Enge meiner Bude, und ich möchte mit den Ellenbogen und den Knien die Wände sprengen und Luft atmen, Licht und Freiheit…

Thomas Nicolaou, 29.4.1979 aus Helmut Baldauf (Hrsg.): Schriftsteller über Weltliteratur. Ansichten und Erfahrungen, Aufbau Verlag, 1979

 

Warum Ritsos lesen?

Der Ritsos der prägnant-lakonischen Gedichte, ich gestehe es, ist mir der liebere. Er selbst hatte seine „epigrammatischen“ Gedichte ja als Versuch hervorgehoben, „den Ausdruck zu verdichten, als Reaktion auf die Gefahren des Sich-Ausbreitens und des rhetorischen Pathos, die oft hinter den langen Gedichten lauern.“ Und natürlich hob er sie entschieden ab von den „Kameradschaftlichen Liedern“, den instrumentellen Gesängen und Gelegenheitstexten im politischen Kampf. Eines meiner Lieblingsgedichte, geschrieben am 18. Februar 1980, geht so:

Berge von Zitronen

auf dem Tisch

auf den Stühlen

auf dem Bett

gelber Glanz

überläuft deinen Körper

es gefällt mir daß es regnet

Nacht mit tausend Zitronen

und plötzlich nagelt die Taschenlampe

des Waldhüters die nassen Hasen 

auf ihren Hinterläufen fest

 

Wie oft skizziert Ritsos in wenigen Strichen ein farbkräftiges Bild, von dem man nicht erfahren wird, ob es Rekonstruktion oder Imagination ist. Wie oft wird die Geliebte in dieses Bild hineingezogen, wie oft mit einer weiteren Szenerie eine Kontrafaktur geschaffen, die zurückstrahlt und über Toposverbindungen (gelber Glanz überläuft deinen Körper – es regnet – die nassen Hasen) Assoziationsdichte generiert. Und doch verbleibt diese poetische Miszelle in schönster Rätselhaftigkeit. Gewiss, mit Blick auf andere Gedichte der 1980 entstandenen Gedichtgruppe „Erotica“ fällt ins Auge, dass das erotische Motiv der Nässe sie geradezu durchwirkt: „eine von fremdem Wasser / nasse Straße“; „im marmornen Bad / mit den großen roten Handtüchern / den nassen“ usw. Fingerzeig geben vielleicht diese Zeilen vom 23.2.80: „und wir selber schön / frisch gebadet / in unseren eigenen Wassern / aufgetaucht ans Licht und eingetaucht in den Leib / dieser Erde“. Die konzentrierte Hereinholung der Ur-Elemente in das Gedicht beglaubigt das Elementare des Lebens. Nun gut, aber was ist mit der „Taschenlampe des Waldhüters“? Wir können nur Vermutungen anstellen, erfahren werden wir es nicht, um Glanz und Lichtkegel breitet sich Dunkles. Im Essay verbindet Ritsos dieses „Dunkle“ des Gedichtes gezielt mit Begriffen wie Transparenz, Präzision, Metamorphose. Dieses Bekenntnis mündet in schönen Sätzen zur Verantwortlichkeit einer Poesie, die „aus ihren großen Erfahrungen heraus List und Konstruktion (als wesentliches Element ihrer Technik) akzeptiert, die schließlich nichts weiter sind als ein ,entferntes Lächeln‘, eine Freundlichkeit, eine Verständigung und das dauernde menschliche Bedürfnis nach Anteilnahme, gegenseitigem Kennenlernen und Brüderlichkeit.“ Diese in den sechziger Jahren geschriebenen Sätze erinnern mich sofort an poetologische Überlegungen von Rainer Kirsch aus den Siebzigern: Poesie, so Kirsch,

kann auf die Dauer im Leser Sensibilisierung hervorrufen, deren jede auf Humanismus ausgehende Gesellschaft dringend bedarf. (…) Etwas durch Poesie evident erleben muß aber nicht heißen, daß man es praktisch verwerten kann; feinere Stufen des Urteilens, Liebens und Lebens sind schon viel, die Entwürfe oder Ahnungen schöneren gesellschaftlichen Zusammenlebens, die Poesie ausdrücklich oder im Verschweigen enthält, wären keine, wenn sie sich gleich einlösen ließen.

Dies alles lese ich heute als hochgemute Nachrichten aus einer fernen Zeit, die die Hoffnung kannte. Der Zweck des heutigen Globalkapitalismus ist ja kaum schöneres gesellschaftliches Zusammenleben, sondern die für die Profitmaximierung weniger global players ins Finale gehende Ausbeutung des Menschen und der Natur. In der hierfür ins Irrsinnige gesteigerten, alle Lebensbereiche erfassenden Beschleunigung der Kapital-, Waren- und Bilderzirkulation erscheint die Gedichtzeit vollends anachronistisch. Der Zusammenhang von Rhythmus und Herzschlag, von Vers und Atmung, aber auch von Metapher und Scham, von Hyperbel und Verbergen, wie ihn das kleine Gedicht von Jannis Ritsos vorbildhaft ausstellt, begründet die Intimität des Gedichtes und seine Fähigkeit, Persönlichstes so zur Sprache zu bringen, als wäre es die Welt, und die Welt, als wäre sie das Persönlichste. Dieses unzeitgemäße Tempo des Sprechens bedingt immerfort die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Deshalb wird, wie etwa Gerhard Falkner 1992 schlussfolgert, „Von den Verhältnissen dem Gedicht sein Verschwinden nahegelegt. Der Raum für Wiederholung, Erinnerung, Besinnung ist ökonomisch nicht mehr vertretbar.“ Was für Verhältnisse? Die, auf die der todkranke Heiner Müller zielte? „Die Schwierigkeit / Den Vers zu behaupten gegen das Stakkato / Der Werbung das die Voyeure zu Tisch lädt // Verfallen einem Traum der einsam macht / Im Kreisverkehr der Ware mit der Ware // im aktuellen Gemisch aus Gewalt und Vergessen“ Müllers Bilanz: „Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht / Vom Grauen des Jahrhunderts / An den Schaltern der Weltbank / Riecht das getrocknete Blut wie kalte Schminke.“ Oder aber: Nehmen wir uns den Raum für Wiederholung, Erinnerung, Besinnung. Setzen wir die humanen Lügen der Dichter gegen die blutigen der Globalzocker. Lesen wir also Ritsos, meinetwegen auch ein wenig um, mit einer neuen Kontrafaktur:

es gefällt mir daß es regnet 

Nacht mit tausend Zitronen

und plötzlich nagelt die Taschenlampe 

des Waldhüters die nassen Banker
auf ihren Hinterläufen fest

 

Peter Geist, Mai 2009

 

Asteris Kutulas: Begegnungen mit Ritsos

Asteris Kutulas: Interviews mit Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos & Mikis Theodorakis

Asteris Kutulas: Jannis Ritsos – Die Maske und der Kommunismus

Asteris Kutulas: Interview mit Elli Alexiou über Jannis Ritsos

Ein Dialog zwischen Asteris Kutulas und Peter Wawerzinek über die fabelhafte Welt des Jannis Ritsos

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Jürgen Werner: Gedichte als Waffen und Lobpreisung der Liebe
Neues Deutschland, 2.5.1984

Erasmus Schöfer: In allen Adern der Erde
die horen, Heft 134, 2. Quartal 1984

Asteris Kutulas / Uwe Goessler: Weg eines Dichters
Neue Deutsche Literatur, Heft 4, April 1984

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerd Prokot: Jannis Ritsos – Künstler, Kommunist und Freund der DDR
Neues Deutschland, 27.5.1989

Gisela Steineckert: Gruß an Genossen Ritsos
Neues Deutschland, 27.5.1989

Armin Kerker: „Hast du dein Brot gegessen, konntest du sprechen?…“
die horen, Heft 153, 1. Quartal 1989

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDb
Nachruf auf den Jannis Ritsos: Neue Zeit

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 1/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios. Ein Dokumentarfilm über die Entstehung, Teil 2/2.

 

Jannis Ritsos: Epitaphios in der Version von Grigoris Bithikotsis  und Keti Thimi.

 

Jannis Ritsos liest, Mikis Theodorakis dirigiert und Maria Farantourie singt aus dem Epitaphios.

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