Joachim Sartorius: Zu Marcel Beyers Gedicht „Nur zwei Koffer“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Marcel Beyers Gedicht „Nur zwei Koffer“ aus Marcel Beyer: Falsches Futter. 

 

 

 

 

MARCEL BEYER

Nur zwei Koffer

Was dort im Koffer liegt, sagst du, ist allein
mir bekannt: doch kein leichtes Rasierzeug,
die Borsten gelockert von Hand. Ein anderer,
brüchige Riemen, auch sein Inhalt

ungenannt, die Seife, die Klingen schienen
– aus Wien, Berlin, aus Kassel – uns
miteinander verwandt. Es bleiben nur
die zwei Koffer, Rasurfehler hier, und du: ich
stelle die Kinderfrage ebenso lautlos. Wozu.

 

Konkrete Vergeblichkeit

Müßte ein Ahnherr für die jüngere deutschsprachige Lyrik gefunden werden, so wäre es nicht Rilke, nicht Brinkmann, auch nicht Lavant oder Celan, sondern Benn. Wir finden die Spuren Benns – seine stoische Haltung, seinen ,Sound‘ – bei Peter Rühmkorf und Wolf Wondratschek, bei Gerhard Falkner und Durs Grünbein. In diesem Gedicht nun erweist sich auch Marcel Beyer als Benn-Adept. Der 1965 geborene Beyer, für seine Romane Flughunde und Spione im letzten Jahr mit dem Heinrich-Böll-Preis ausgezeichnet, paraphrasiert hier eines von Benns berühmtesten Gedichten, „Nur zwei Dinge“. Auch wenn wir die Vorlage nicht kennen, hält Beyers Gedicht stand. Das Benennen der Dinge, die rhythmische Schichtung, die Binnenreime: bekannt/Hand/ungenannt/verwandt verbinden die Sätze und versetzen ihre Wörter in einen poetischen Schwebezustand, der den Leser in seinen Bann zieht.
Doch die Kenntnis des Gedichts von Gottfried Benn erhöht noch den Reiz. Bei Benn gibt es „nur zwei Dinge: die Leere / Und das gezeichnete Ich“. Bei Beyer sind die Dinge, die allein noch zählen, zwei Koffer, Metaphern für das Reisen, auch die Lebensreise, die verschleißt und brüchig macht. Die Borsten des Rasierpinsels sind gelockert, die Riemen, die den Koffer zusammenhalten, werden bald reißen. Benns Gedicht kreist auf ziemlich abstrakte Weise um die Vergeblichkeit alles Tuns:

Durch so viele Formen geschritten
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Beyers Gedicht ist konkreter. Zu einem großen Teil besteht es aus der empirisch bildhaften Wahrnehmung der Koffer, ihres Inhalts und der Herkunft dieses Inhalts, ohne Deutung herzustellen. In den Dingen selbst ist alle Geschichte gespeichert. Es genügt, sie zu nennen.
Obschon so viel konkreter, ist Beyers Gedicht weniger aufdringlich als das ,Original‘. Große Worte wie Leid, Leere, Sinn, Sucht werden vermieden. Erstaunlich, wie Beyer es dennoch schafft, zahlreiche Elemente von Benns Gedicht, zum Beispiel die „Kinderfrage“, in das seine zu integrieren oder zumindest anklingen zu lassen. Die Formen, durch die wir geschritten sind – auch sie sind da: das Ich, das spricht, das Du, das angesprochen wird – es könnte ein Mitreisender sein, ein Dichterkollege, Benn selbst? –, das Wir, dem die „Klingen miteinander verwandt“ erscheinen. Daß die Städte – Wien, Berlin, Kassel – in einer typischen Bennschen Reihung genannt werden, mag Reminiszenz an ein anderes sehr bekanntes Benn-Gedicht sein („Meinen Sie Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen / immer als Inhalt hat?“). Kassel gibt allerdings Rätsel auf. Es mögen hier Assoziationen im Spiel sein, die in der privaten Biographie von Marcel Beyer gründen und ohne ihre Kenntnis nicht zu entschlüsseln sind. Vielleicht ist es aber auch nur ein Hinweis auf die Stadt, in der sich im Juni 1954 der achtundsechzigjährige Gottfried Benn zum ersten Mal mit Astrid Claes, seiner letzten Angebeteten, traf.
Zwischen dem Gedicht von Gottfried Benn und dem von Marcel Beyer liegt fast ein halbes Jahrhundert. Im Vergleich der beiden können wir ermessen, welchen Weg die deutsche Poesie genommen hat. In beiden Gedichten, beide von sprachlicher Prägnanz, registriert ein Ich eine brüchige, nicht mehr Sinn gebende, langsam zerbröckelnde Welt. Dennoch sind die Unterschiede groß. Das Nichts im Sein, die große Störung – bei Benn – werden zu Rasurfehlern – bei Beyer. Ein Weg der Abkühlung, der nüchternen Ablagerung des Alltags, des leisen Echos auf vormals große Signale wurde beschritten.

Joachim Sartoriusaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechsundzwanzigster Band, Insel Verlag, 2003

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