Jörg von Uthmann: Zu Christian Morgensterns Gedicht „Das große Lalula“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Christian Morgensterns Gedicht „Das große Lalula“ aus Christian Morgenstern: Alle Galgenlieder. –

 

 

 

 

CHRISTIAN MORGENSTERN

Das große Lalula

Kroklokwafzi? Seṁemeṁi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulaleṁi:
quasti basti bo…
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []!
Lalu lalu lalu lalu la!

 

Homoerotische Bedrängnisse

Man hat sich angewöhnt, dieses Gedicht als klassisches Beispiel „deutscher Unsinnspoesie“ (so der Titel einer Sammlung des Reclam-Verlags) auszugeben. Der Morgenstern-Kenner Leo Spitzer spricht gar von „Tonmassage“ und „zusammenhanglosen Lautgrimassen“. Hierzu ist ein für allemal festzustellen, daß es Unsinn im Auge des Philologen schlechterdings nicht gibt. Gewiß sind Gedichte wie Brentanos „Eingang“, Hofmannsthals „Lebenslied“ oder eben „Das große Lalula“ keine leichte Kost. Vor ihnen zu kapitulieren besteht jedoch kein Anlaß. Es gehört zu den unsterblichen Verdiensten der deutschen Germanistik, Kafkas Werke bereits zu einem Zeitpunkt erklärt zu haben, als seine Biographie noch weithin im Dunkel lag. Und vor dem entschlossenen Zugriff unerschrockener Exegeten entbergen selbst die abgelegensten Winkel des Heideggerschen Labyrinths ihr Geheimnis. Was fällt an Morgensterns Gedicht zunächst auf? In den ersten beiden Strophen werden Fragen gestellt – drängende Fragen offenbar, wie die explosive Mischung von labiodentalen Reiblauten (f) und okklusiven Zischlauten (z) verrät. (Die gleiche Lautverbindung findet sich übrigens in den Worten Firlefanz, Fatzke, F.A.Z.) Die Reaktion ist jeweils ein einschläfernd-begütigendes „lalu lalu lalu lalu la“ – ausweichende Antworten also, mit denen auch Goethes durch Nacht und Wind reitender Vater („sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind“) seinen durch homoerotische Bedrängnisse aufgewühlten Sohn abspeist. Für Sprachsoziologen ist die Sache klar: Es handelt sich um einen typischen Fall asymmetrischer Kommunikation. In der dritten Strophe hat der Frager resigniert aufgegeben; doch beweisen die Satzzeichen (;) und []!, daß seine Unruhe keineswegs beschwichtigt ist.
Worum geht es bei diesen Fragen? Man weiß, daß Morgenstern der Anthroposophie und dem Kabbalismus zuneigte. Das Wortpaar „bifzi-bafzi“ könnte also auf den geheimnisvollen Baphomet hinweisen, jenes von okkulten Gesellschaften verehrte doppelgeschlechtliche (!) Wesen, dessen etymologische Wurzel als spiegelbildliches Derivat aus „Templi Omnium Pacis Abbas“ (Vater des universellen Friedenstempels) gedeutet wird – eine angesichts der pazifistischen Strömungen in unserem Volke jedenfalls besonders zeitgemäße Interpretation.
Auffallend ist auch das wiederholte Vorkommen der magischen Zahl fünf: Wir finden sie sowohl in ihrer griechischen (pente) wie lateinischen Version (quempu-quinque); der nicht weniger als achtunddreißigmal verwendete Konsonant L steht in der römischen Mathematik bekanntlich für fünfzig. Tatsächlich wurden die Galgenlieder 1905 publiziert. „Das große Lalulā“ ist das fünfte Gedicht der Sammlung.
Unproblematisch ist die Deutung des Wortes „silzuzankunkrei“: Hier handelt es sich offenkundig um eine dichterische Variante zur ceylonesischen Stadt Kankesanturei, die für ihre Kalkbergwerke berühmt ist. Dieser Kalk diente schon damals zur Herstellung von Zahnfüllungen (Silikaten): Nachweislich befand sich Morgenstern während der Abfassung der Galgenlieder mehrfach in zahnärztlicher Behandlung.
Dem Thomas Mann-Kenner wird schließlich nicht entgehen, daß die erste Zeile zwei seiner Romanfiguren evoziert: Krokowski heißt der Oberarzt des Sanatoriums im Zauberberg, der seine Patienten mit schlüpfrigen Vorträgen über Liebe und Tod unterhält. Sesemi Weichbrodt hingegen leitet das Mädchenpensionat, wo Tony Buddenbrook erste Bekanntschaft mit dem Alkohol – einem „Bischof“ genannten Punsch – schließt.
Übrigens hat auch Morgenstern sich an der Interpretation seines Gedichtes versucht. Er deutet es als Schachpartie: Kroklokwafzi = Ka5, Seṁemeṁi = SeI und so weiter. Diese Erklärung ist natürlich völlig abwegig. Denn wenn es jemanden gibt, der von seinen Gedichten nichts versteht, ist es immer der Dichter selbst.

Jörg von Uthmannaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebter Band, Insel Verlag, 1983

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