Johannes Bobrowski: Gedichte aus dem Nachlass – Zweiter Band

Bobrowski-Gedichte aus dem Nachlass

ZWIESPRACHE MIT SHAKESPEARES BILD

Nicht mehr, als deine krausen Unterschriften,
die wenigen Eintragungen, die Kunde
gleichgült’ger Herkunft, schnell verworfner Bindung,
vertaner Jahre, wird dein kahles Antlitz
verraten, nichts von Lear, von Julius Caesar,
Macbeth, vom nächt’gen Lichterspiele der
Sonette. Und der Zeitgenossen schnelle,
geübte Rühmung gilt wie Kranz und Feier:
Daran die einzige Müh ist, sie zu zahlen.

Was red ich noch davon? Wir haben längst
dir Throne zubereitet unsres Maßes,
als holdem Wahnsinn deiner dunklen Rede
bis in die Nächte lauschend, schlaflos. Könnte
das gelten, wenn du mir vertrautest: Hör,
ich meint es so und hab es so geschrieben –?

Wir lesen’s, nehmen’s, unsre Tage füllen
sich an davon. Und wir begreifen immer,
daß wir gemeint sind, wo es uns gefallen;
und wo’s beliebt uns, wählen wir, berühmen
den Fund. Das Weitre bleibt den Archivaren
zu treuen Händen lieber – Ja, nicht wahr,
wir ehren dich nicht schlecht (und uns daneben)?

Auch die aus Kryptogrammen dich enträtseln,
bewegt nichts Andres: wer den Worten sich
vertraut, muß auch den Widerhall gestatten!
Sag nicht, dir wäre Schweigen lieber schon.
Dein Grab soll uns belehren? – Uns? Wir kränzen’s!

 

 

 

Zu Leben und Werk Johannes Bobrowskis

Als Johannes Bobrowski 1965 mit achtundvierzig Jahren starb, hatte er mehr als den „kleinen Ruhm“ gefunden, von dem er drei Jahre zuvor im Gedicht „An Klopstock“ vorsichtig, bescheiden und doch aus geheimer Sicherheit heraus gesprochen hatte. Der Roman Levins Mühle löste Ende 1964 jenes nachhaltige Echo aus, das den Ruf, den er als Lyriker seit 1961 unter Eingeweihten zunehmend besaß, ins Breite und Dauerhafte wandte. Nach Brecht ist kaum um einen zweiten Dichter im deutschen Sprachgebiet so getrauert worden wie beim Tod von Johannes Bobrowski. Die suggestive Kraft seiner Sprache in Vers wie Prosa, die faszinierende sarmatische Bilderwelt und das elementare moralische Engagement seiner Dichtung erreichten bald eine Wirkung, die der älteren Brechts nicht nachstand. Leser und jüngere Schreibende erkannten in Bobrowskis Werk auf exemplarische und ermutigende Weise ein neues, komplexeres und komplizierteres Verhältnis zu Natur, Gesellschaft und Geschichte, eine verantwortbare neue Artikulation von Subjektivität und individueller Lebensproblematik, auch transrationaler Lebensbereiche. Landschaft, Kindheit und Künstlerexistenz schoben sich in seiner Nachfolge in den thematischen Vordergrund zahlreicher Autoren; sein Sprachgestus fand in Lyrik und Prosa vielfältiges Echo. Ist die unmittelbare literarische Nachwirkung, die ein eigenes Kapitel Literaturgeschichte darstellt – keinem anderen zeitgenössischen Dichter sind so viele Gedichte gewidmet worden –, auch seit der Mitte der siebziger Jahre verebbt, so hält die eher untergründige Fortwirkung in Richtung auf Erweiterung poetischer Themen, Räume und Gestaltungsmittel immer noch an. Kaum mehr übersehbar ist inzwischen die weltweite Verbreitung von Bobrowskis Werk, das in fast alle europäische Sprachen übersetzt ist. Ähnlich international sind längst die publizistischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Werk. Innerhalb seiner Generation ist Johannes Bobrowski zusammen mit Ingeborg Bachmann und Paul Celan, als der älteste der drei, in eine Sphäre der Bewertung aufgestiegen, in der unpathetisch und unprätentiös von Klassizität gesprochen werden darf.
Zwanzig Jahre nach seinem Tod läßt sich das Erstaunliche wie das Langwierig-Schwierige seiner dichterischen Entwicklung in einer Deutlichkeit erkennen, die zu seinen Lebzeiten auch dem aufmerksamen Leser verwehrt war. Daß er keineswegs, wie es anfangs schien, sogleich als Fertiger hervortrat, konnte allenfalls ahnen, wer die wenigen Interviews aus den beiden letzten Lebensjahren verfolgt hatte. Aber auch das dort angedeutete Bild seines Werdegangs war nicht vollständig; manches verschwieg der Befragte, anderes verleugnete er. Heute sehen wir das Langwierige seiner Entwicklung im engsten Zusammenhang mit der Höhe und Qualität des am Ende dichterisch Erreichten. Dieser lange Weg gehört zum Schicksal seiner Generation, die nach den Jahren des Krieges und der Kriegsgefangenschaft einen neuen Weg suchen mußte; auch wer sich in der Jugend zum Nationalsozialismus abweisend verhielt, hatte damit den Weg in die Zukunft noch nicht entschieden. Und besonders gehört er zu dem einen Menschen Bobrowski, der ein Mensch der langsamen Entwicklung, des Ernstes und der Gründlichkeit, bis in die Gefangenschaftsjahre hinein auch von eher kontemplativer als aktiver Mentalität war.
Im Februar 1961 erschien Bobrowskis erster Gedichtband, zwei Monate später vollendete er das, vierundvierzigste Lebensjahr; da blieben ihm noch viereinhalb Jahre. Die eigene Sprache im Gedicht hatte er 1952, die in der Prosa erst Ende 1960 gefunden, aber Gedichte hatte er schon 1935 als Schüler geschrieben. Diese Daten deuten die Länge und Schwere seines Entwicklungsweges an. Ihn nachzuzeichnen, soll hier versucht werden.

I.
Als nach dem Erscheinen des ersten Gedichtbandes der „kleine Ruhm“ sich einzustellen begann, erklärte Bobrowski im Juli 1961 in dem vielzitierten poetologischen Text für Hans Benders Anthologie Widerspiel:

Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft…

Das war die erste öffentliche Äußerung zu seinen Gedichten. Was vorausgegangen war, hat Bobrowski auch später nie erwähnt, sondern stets betont, der Anfang seiner „Schreiberei“ leite sich allein von dem Thema der russischen Landschaft ab. Gerade weil das sachlich nicht zutrifft, bezeichnet es mit Nachdruck die Zäsur, als die Bobrowski rückblickend das Erlebnis der Landschaft am Ilmensee begriff. Vom Typus her war sie ihm nicht eigentlich fremd, von der ostpreußisch-litauischen Heimat in den allgemeinsten Zügen vielmehr vertraut, aber jetzt im Krieg und nach der Teilnahme am Frankreichfeldzug als Erfahrung „doch neu und bestürzend“. Ihre erste poetische Bewältigung wäre Bobrowski nicht gelungen ohne das volle Rüstzeug einer humanistischen Schulbildung, einer genauen Kenntnis der deutschen Lyrik der letzten drei Jahrhunderte, gewiß auch nicht ohne die schon jahrelangen eigenen lyrischen Versuche. Kaum ein zweiter Dichter seiner Generation ist zeitlebens derart geprägt geblieben von den Bildungs- und Landschaftserlebnissen seiner Kindheit und Jugend wie Bobrowski. So gilt dieser Zeit unsere besondere Aufmerksamkeit.
In seinem Versuch eines Berichts über die ersten Jahre in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft spricht Bobrowski von der „gesicherten Bürgerlichkeit“, in der er sein bisheriges Leben verbrachte. Sohn eines Reichsbahnbeamten, Enkel eines Thorner Dampfmaschinen- und eines Rastenburger Glockengießereibesitzers, wurde er am 9. April 1917 zwar im ostpreußischen Tilsit geboren, stammte aber väterlicherseits von Bauern aus dem westpreußischen Hohenkirch bei Strasburg. Der Urgroßvater war dort Baptist geworden. Die ältere Familiengeschichte führt tief ins Polnische zurück. Im westpreußischen Graudenz hatte der Vater die Ausbildung im Eisenbahndienst begonnen. Dort lebte die Familie 1919/20 nochmals ein Jahr. Das war die Gegend, in der später Levins Mühle spielen sollte und die Bobrowski selbst nie gesehen hat. Die Frömmigkeit der Familie leitete sich von den Großmüttern her. Die Mutter des Vaters stammte von hugenottischen Einwanderern ab, die Mutter der Mutter aus einer gleichfalls baptistischen Familie. Von der ersten kam auch ein Teil der musischen Begabung des jungen Bobrowski, ihr Vater war Lehrer, Kantor und ein vielbegehrter Orgelkünstler in Dopken östlich der masurischen Seen gewesen. Von der zweiten, die Hebamme und Heilpraktikerin war, stammte die enge und von soliden Kenntnissen gestützte Verbundenheit mit der Natur, ihr Vater hatte als Forstverwalter in Gronowo (Kreis Thorn) gelebt. Der Geist schlichter Brüderlichkeit war als baptistische Mitgift in der Familie immer lebendig geblieben. Dem Jungen schenkte die Mutter aus ihrem inneren Reichtum das Gefühl tiefer Geborgenheit; ihre große geistige Aufgeschlossenheit verhalf vor allem seinen musischen Begabungen und Interessen wesentlich zu ihrer Entfaltung. Sie war in ungewöhnlichem Grad der Mittelpunkt des Elternhauses. Noch mit sechzig Jahren legte sie in Berlin das Große Katechetenexamen ab. Vom Vater kam der ausgeprägte Sinn für Gründlichkeit und Ordnung. Der Marie, dem Hausmädchen der Mutter, verdankte Bobrowski die erstaunlichen Zitatkenntnisse aus Bibel und Gesangbuch.
Erst als der Vertrag von Versailles die bisherige Provinz Westpreußen wieder Polen zusprach, ließ sich die Familie in Tilsit nieder. Obwohl sie nur bis 1925 dort lebte, hat Bobrowski die Stadt noch 1946 in der Gefangenschaft ausdrücklich als seine „Vaterstadt“ besungen. Was sie dem Kind, später bei Besuchen und Durchreisen dem jungen Menschen eindrücklich für das ganze Leben mitgab, war das Erlebnis der Memel. „Gewaltig geht der Strom durch seine Triften“ – so setzt das Preislied auf Tilsit ein. „Der Strom“ war die Bezeichnung der Memel im Munde der deutschen Anwohner, „Memel“ sagte niemand. Bei Tilsit gegen 220 Meter breit, wurde sie mit der oft geschlossenen Eisdecke im Winter, den mächtigen Eisschollen während des Tauwetters, den Hochwassern im Frühling und mit den riesigen Holzflößen aus den russischen Wäldern für das Kind zum Inbegriff des Stromes, real und emotional von fast derselben Größenordnung wie später die großen russischen Ströme. Damit verband sich das kaum weniger nachhaltige Erlebnis der Ländergrenze. Stromaufwärts bis Schmalleningken war die Memel nach dem ersten Weltkrieg zur Grenze zwischen Deutschland und Litauen geworden; die Luisenbrücke, ein neuralgischer Punkt für deutsche wie litauische Nationalisten, führte ins Ausland. In Tilsit lebte, als Lehrer der klassischen Sprachen, der litauische Historiker und Dichter Wilhelm Storost- Vydunas, der von Bobrowski „verehrte Mittler und Wahrer litauischer Volkskultur“. Von diesen frühen Erlebnissen sollten noch die Erzählung „Rainfarn“ und der Roman Litauische Claviere ein gut Teil jener „Authentizität“ erhalten, auf die es Bobrowski bei allem Schreiben ankam.
Als die Familie, nach wenigen Jahren in Rastenburg, 1928 in die ostpreußische Provinzialhauptstadt Königsberg übersiedelte – der Vater wurde in die dortige Reichsbahndirektion versetzt –, da war es weniger die Stadt exponierter preußisch-hohenzollernscher Geschichte als vielmehr die der Künste, der Musik und Dichtung, auch der Philosophie und gelehrten Tradition überhaupt, die auf den vornehmlich musisch begabten Jungen zu wirken begann. Das humanistische Gymnasium von Altstadt-Kneiphof auf der Pregel- oder Dominsel, im Kneiphöfischen Schulteil auf die älteste, 1304 gegründete Schule des Ordensstaates Preußen zurückgehend, war eine Stätte der Bildung im universalen Wortsinn Wilhelm von Humboldts. Unter der Leitung des Historikers und Stenographen Arthur Mentz, der bis zuletzt nicht in die Hitlerpartei eintrat, vermochte die Schule Geist und Praxis der humanistisch-altsprachlichen Ausbildung auch in den Jahren der braunen Diktatur weitgehend zu bewahren. Selbst die Morgenandachten zu Wochenbeginn wurden noch 1936 in überlieferter Weise gehalten und nur zuweilen durch ,nationale Feiern‘ ersetzt.
Diese Schule hat den jungen Bobrowski nachhaltig geprägt, auch wenn er, wie er 1962 Gertrud Mentz, der Witwe des Direktors, schrieb, „kein guter, jedenfalls kein fleißiger Schüler“ war. Das bezog sich nicht stets oder allein auf Mathematik und Naturwissenschaften, aber die ungenügenden Leistungen in diesen Fächern waren es, die zweimal seine Versetzung verhinderten, so daß er das Abitur erst als Zwanzigjähriger ablegte. Wichtiger bleibt, daß er, den die Mitschüler vertrauensvoll ,Bober‘ nannten, hier die antiken Sprachen und die Hauptwerke der antiken Literatur und Philosophie kennenlernte, damit auch jene poetische Tradition, aus der Klopstocks und Hölderlins Oden- und Hymnendichtung erwuchs. Zur 600-Jahr-Feier 1933 führte die Schule Die Perser des Aischylos in griechischer Sprache auf. In Griechisch, Latein, Deutsch und Geschichte genoß Bobrowski den Unterricht hervorragender Lehrer. Wenn er später das Neue Testament im griechischen Urtext lesen konnte, hatte er dies dem Gymnasium zu danken. Ulrich Friedländer, bedeutend als Goethekenner und -forscher, öffnete zugleich die Augen für moderne Dichtung und förderte so zumindest indirekt die literarischen Interessen des Schülers (Mitschüler erinnern sich an Klabund-, andere an Brod- und Kafka-Lektüre). Mentz beobachtete aufmerksam seine „ersten künstlerischen Neigungen“ – im Musik-, Zeichen- und Kunstunterricht (zusammen mit Deutsch, Erdkunde und Religion waren es die Fächer seiner konstant guten Leistungen) – und riet ihm einmal, Kunsterzieher zu werden. Zugleich war er es offenbar, der in die älteste Geschichte Preußens einführte. Zu den Gedichten der Sarmatischen Zeit schrieb Bobrowski der Witwe:

Sie werden an der Wahl der Themen und Motive erkennen, wieviel ich meiner Schule und damit dem Wirken meines Direktors, vor allem als Lehrer der Geschichte, verdanke.

Die regionale Geschichte wurde den Schülern nicht zuletzt als Landschaftserlebnis durch die alljährlichen Aufenthalte im Landheim der Schule an der malerischen Nordküste des Samlandes bei Rauschen vermittelt; nicht weit entfernt davon lag im Wald die pruzzische Wallburg des Kleinen Hausen. Davon spricht die Skizze „Unser Nachtmarsch“, die in den Mitteilungsblättern des Elternbeirats 1933 als erster Text Bobrowskis gedruckt wurde.
Inwieweit Mentz und andere Lehrer sich auf Herder als Geschichts- und Menschheitsdenker bezogen, muß offenbleiben, zumal das Gymnasium, das auch Dom- oder Kant-Gymnasium hieß (neben der Schule, am Chor des gotischen Doms stand das Kant-Mausoleum), eher auf den großen Vernunftdenker ausgerichtet war. Wenn aber schon der vierzehn- bis fünfzehnjährige Gymnasiast Schriften Herders aus der Universitätsbibliothek entlieh, so ist das kaum ohne Anregung der Schule geschehen. Und wenn er von Herder sehr rasch auf dessen Königsberger Lehrer Hamann zurückgriff, so geschah auch das kaum ohne Einfluß der Schule, da Hamanns Sohn Michael der erste Direktor des Gymnasiums der Altstadt war, der große Name also mittelbar zur Schule gehörte. Wurde für den späteren Bobrowski auch Hamann und nicht Herder das philosophische Zentralgestirn, so ist seine geschichtliche Denkrichtung doch grundsätzlich von Herder bestimmt worden.
Als Geschichte stellte sich im Samland zuallererst der mühsam errungene Sieg des Deutschen Ritterordens über die alten Preußen, die Pruzzen, dar. 1958 verglich Bobrowski in einem Brief an den Familienforscher Georg Bobrowski die Eroberungen und teilweise planmäßigen Massenmorde des Ritterordens, die Anlegung der sogenannten „Wildnis“ gegenüber den Litauern unmittelbar mit Hitlers Raubkrieg, mit der „verbrannten Erde“ in der Sowjetunion und sprach von seinem „alten Zorn über die Treitschkesche Einschätzung des Ordensstaates“ und seiner Kulturleistungen. Das ging auf „eine alte, seit meiner Knabenzeit genährte Erbitterung“ zurück, die freilich in dem Königsberger Gymnasiasten noch eher romantische Züge trug. Was der Vätergeneration in der Jugend die Indianer oder die Buren gewesen, das war dem jungen Bobrowski und seinen Freunden das untergegangene Volk der Pruzzen. Dies erklärte er später ebenso, wie er anläßlich der „Pruzzischen Elegie“ die emotionale Seite seiner Aversion gegen den Orden und den Erlebnishintergrund des Gedichts (lebendige Eindrücke meiner Jugendzeit, Erinnerungen an Wallburgen, Grabhügel, Steinbilder“) betonte. In der Elegie selbst heißt es, daß der Untergang der Pruzzen schon den Kindern „ins Blut schlug“. Als literarische Anreger hat Bobrowski zwei heute vergessene Königsberger genannt, Walther Harich und vor allem den Spätexpressionisten Alfred Brust, in dessen dramatisches und erzählerisches Werk viel baltische ,Vorzeit‘, einging und der noch selbst einen Mann gekannt haben wollte, der die Iängst „Gestorbene Sprache“ (so das Gedicht von 1960) der Pruzzen beherrschte. Der Gymnasiast lernte den hochverehrten Brust noch persönlich kennen, ehe dieser 1934 starb. Sein Grab besuchte er in schwarzer Kleidung, mit einer roten Rose in der Hand. Ob er auch die kritische Ordensdarstellung in Vydunas’ Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen (Tilsit 1932) kennenlernte ist ungewiß. Auf den jugendlich-romantischen Charakter der Ablehnung des Ritterordens weist es, wenn Bobrowski 1958 bekannte, „als schwärmerischer Pennäler“ sich „sozusagen“ zu den Mitgliedern des polenfreundlichen ritterlichen Eidechsenbundes gezählt zu haben, der 1411 eine Verschwörung gegen den Ordenshochmeister Heinrich von Plauen zu inszenieren versuchte. Es beruhigte ihn geradezu, als der Familiengenealoge mitteilte, daß einstige Mitglieder des weiteren Familienverbandes vielleicht dem Bund angehörten. Nicht zuletzt war es freilich die nazistische Glorifizierung des Ordens, die den jungen Bobrowski in seiner emotionalkritischen Aversion bestärkte.
Die Ideologie der braunen Machthaber lehnte er, wie nicht wenige andere Schüler auch, von Anfang an unverblümt und oft sehr sarkastisch ab. Wenn die Schule dem Achtzehnjährigen „sittlichen und religiösen Ernst“ und daß er „stark kritisch veranlagt“ sei bestätigte, so weist das in dieselbe Richtung. Die entscheidende Motivation kam von der früh ausgeprägten christlichen Grundhaltung. Nächst dem zugleich weltoffenen und betont protestantischen Elternhaus verdankte sie Bobrowski vor allem der Mitarbeit in der christlichen Jugendbewegung, im Schülerbibelkreis. 1930 trat er in die „Gefolgschaft Luther“ an der Lutherkirche ein. Das war, neben Elternhaus und Schule, die dritte prägende Kraft in den Königsberger Jahren. 1883 mit dem Ziel „christlicher Persönlichkeitsbildung durch Bibelstudium und edle Geselligkeit“ gegründet, war der Bund Deutscher Bibelkreise für Schüler an Höheren Lehranstalten über ganz Deutschland verbreitet und nahm, obwohl streng kirchlich ausgerichtet, unter dem Einfluß der Wandervogel- und Pfadfinderbewegung seit Mitte der zwanziger Jahre betont ,bündischen‘ Charakter an. Es wurde ,Kluft‘ getragen (kurze Hose, grünes Fahrtenhemd, Koppel, Schulterriemen, Fahrtenmesser und Halsknotentuch), Kameradschaft hochgehalten, regelmäßiges Bibelstudium getrieben und immer wieder mit Wimpel auf ,Fahrt‘ gegangen, dabei die enge und weitere Heimat sehr bewußt erlebt, die ,Fahrt‘ als ,Erlebnis‘ freilich auch kultiviert. Da man den eigenen Auftrag in den Nachkriegsjahren entschieden missionarisch verstand, kam es gleichzeitig zu Auseinandersetzungen mit atheistischen Jungarbeitern wie mit der Kirche selbst; christlichen Ketzerbewegungen und Soziallehren galt besondere Aufmerksamkeit. Wie in allen bündischen Gruppierungen wurde auch in den Bibelkreisen das Volkslied gepflegt. Bobrowski liebte vor allem die schwermütigen ostpreußisch-litauischen Weisen „Wo des Haffes Wellen“, „Zogen einst fünf wilde Schwäne“), daneben die eigentlichen Fahrtenlieder. Am bündischen Treiben nahm er regen Anteil (zuletzt noch am Reichszeltlager zu Pfingsten 1933 in der Senne bei Bielefeld), ohne jedoch die Ideologie des „Bündischen“, die sehr diffus auf „eine neue Schau des Lebens“ zielte, anzunehmen. Die gemeinsame Erinnerung an solche Erlebnisse, an die an Lagerfeuern gesungenen Lieder ließ noch in der Gefangenschaft die Gleichgesinnten sich erkennen, auch die „Neigung, vor Landschaften oder Kunstwerken zu schweigen und zu schwärmen“ (wie es im Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft heißt). Was der junge Bobrowski auf solche Weise erlebte, gehört – völlig verwandelt – zu den gewissesten wie verschwiegensten Fundamenten seiner späteren sarmatischen Poesie. Auf einer noch erkennbaren frühen Stufe beweist es die Ode „Die Ebene“ von 1944.
Als der Bund Deutscher Bibelkreise sich im Februar 1934 offiziell auflöste, um der anbefohlenen Überführung in die HJ zu entgehen, geschah dies aus Treue zum Evangelium, wurde aber zugleich als Aktion aus jugendlich-romantischer Kameradschaftsgesinnung erlebt. Die Jungen zogen nachts in den Wald und verbrannten feierlich Wimpel und Fahrtenhemden. Wie fast alle Mitglieder des Kreises ging auch der siebzehnjährige Bobrowski zur Bekennenden Kirche, die sich zur selben Zeit zu konstituieren begann, besuchte bald ihre großen Bekenntnisgottesdienste und ihre internen geschlossenen Veranstaltungen und las ihre Schriften, deren außerkirchliche Weitergabe verboten war. Später arbeitete der Schülerbibelkreis im Auftrag der Bekennenden Kirche illegal fort. Auch hier war es vor allem das Elternhaus, das durch seine Zuwendung zur Bekennenden Kirche (1936 erhielt die Familie die rote Mitgliedskarte) dem Sohn die klare Orientierung finden und befestigen, die Korruptheit und Verwerflichkeit des NS-Systems schon in der Phase seiner anfänglichen ideologischen und sozialen Erfolge durchschauen half. Theologisch wurde die Bekennende Kirche Ostpreußens vor allem von dem Königsberger systematischen Theologen Hans-Joachim Iwand geprägt. Sein Einfluß auf den jungen Bobrowski ist offenbar beträchtlich gewesen. Durch ihn lernte er auch die Dialektische Theologie Karl Barths kennen. Iwand und der Königsberger Neutestamentler Julius Schniewind waren zugleich leidenschaftliche Verehrer Hamanns. So dürfte Bobrowskis frühe Lektüre der schwierigen, oft dunklen Schriften des „Magus in Norden“ auch von dieser Seite her Anregung oder wenigstens Bestärkung empfangen haben. Hamann sich im theologischen Umfeld der Bekennenden Kirche zu denken ist mit Blick auf seine im Prinzip lutherische und auf seine antifriderizianische Gesinnung nicht ohne Brisanz. Als der große Irrationalist innerhalb der deutschen Aufklärung wurde er später für Bobrowski zum geistigen „Altervater“ (wie schon Goethe ihn mit einer noch Bobrowski geläufigen Vokabel nannte). In ihm sah er seine eigenen aufklärerischen und gleichzeitig magisch-poetischen Intentionen in praktisch-menschlicher und geistiger Einheit vorgebildet.
Zu Elternhaus, Schule, Bibelkreis und Bekennender Kirche kam als weitere, ganz andere prägende Erfahrungswelt die Memellandschaft, vor allem die Landschaft am Unterlauf der Jura, einem tief aus Litauen kommenden Nebenfluß des „Stromes“. Nach Motzischken hatte die Großmutter mütterlicherseits in zweiter Ehe geheiratet; hier lag am linken Ufer der ca. 50 Meter breiten Jura das Motzischkener Gehöft der Großeltern. Gleich hinter dem Dorf, das etwa hundert Einwohner besaß, begann auf magerem Sandboden der Kiefernwald und trat am Flußbogen bis ans Ufer heran. Auf einem kleinen Hügel lag der Friedhof. Die andere Flußseite bestand aus Wiesen- und Weidegelände; am Fluß wuchs neben den Weidenbüschen in großen Mengen der Faulbaum. Hier kamen Blaurake und Wiedehopf vorbei, schlug der Sprosser, die ostpreußische Nachtigall. Hierher fuhr der junge Bobrowski vermutlich seit 1929 bis 1937 fast alljährlich im Sommer in die Ferien. Das war jedesmal eine Reise ins Ausland, mit der Eisenbahn von Königsberg nach Tilsit, von dort mit der Kleinbahn über die Memel, durch das weite Wiesenland der rechten Stromseite, dann durch die fruchtbaren Hügel des Willkischkener Höhenzuges nach Willkischken (wo eine Tante, Schwester der Mutter, lebte), schließlich die Jura überquerend bis zum Haltepunkt Motzischken. Zu gutem Teil dieselbe Strecke fahren in dem Roman Litauische Claviere die Tilsiter Voigt und Gawehn, um den litauischen Lehrer und Liedersammler Potschka aufzusuchen.
Mit Motzischken und der Jura-Landschaft identifizierte sich Bobrowski, obwohl er in der Regel jährlich nur vier Wochen dort war, so vollkommen, daß er später auf eine Art davon sprach, als sei dies seine eigentliche und ausschließliche Kindheitswelt gewesen. Noch in „Fortgeführte Überlegungen“ wird die „aus der dörflichen Kindheit gewohnte Abgeschlossenheit der bäuerlichen Gesellschaft mit ihrer patriarchalischen Idyllik“ erwähnt. Hier lernte er früh bäuerliche Sitte und Sprache, den bäuerlichen Alltag mit der Vielzahl seiner Arbeiten kennen. Die Bibel wurde gelesen, und es wurden Sagen erzählt. Hierher vor allem gehören die ,sarmatischen‘ Kindheits- und Jugenderlebnisse, die als Ferienerlebnisse im lyrischen Rückblick später momentweise in einen arkadischen Schimmer getaucht sind und manchmal auf geradezu archaisch-archetypisch erfahrene Lebensverhältnisse zu weisen scheinen. Hier beobachtete der Gymnasiast das Mit- und Durcheinander von Litauern, Polen, Russen, Deutschen, „unter ihnen allen die Judenheit“, wovon er später so nachdrücklich reden sollte. Gleich das nächste Gehöft gehörte einer litauischen Familie mit dem altlitauischen Namen Buddrus; eine ihrer Töchter, Johanna, wurde im April 1943 mitten im Krieg seine Frau. Hier und in den benachbarten Jura- und Memeldörfern begegnete er den Zigeunern und kleinen jüdischen Wanderhändlern, denen er zwanzig Jahre danach Gedichte widmete. Ostjüdisch-chassidische Frömmigkeit und Demut, aber auch Armut erlebte er hier noch ungezwungen, als in Königsberg, ,im Reich‘, schon längst die Difformierung und Tabuierung alles Jüdischen eingesetzt hatte und er nur mit Mutter und Schwester in Augenblicken des Alleinseins davon reden konnte. Das verband sich eng mit der Verfemung des Alten Testaments als jüdischen Machwerks durch die Deutschen Christen. Daran hatte der Kampf der Bekennenden Kirche sich zunehmend entzündet; seinen vollen Glauben ,bekannte‘ nur, wer sich das Alte Testament nicht nehmen ließ. Was in den Dörfern jenseits des Grenzstroms vielleicht anfangs noch ein eher romantisch-exotisches Erlebnis war, das erhielt von der Bekennenden Kirche her bald seine harte Glaubens- und Geschichtskontur.
Wenige Kilometer unterhalb der Mündung der Jura in die Memel lag, gleichfalls am rechten Ufer, der sagenumwobene Rombinus, der einstige litauische Götterberg. Auch er gehörte zu den zentralen memelländischen Landschaftserlebnissen des Schülers. Noch bis in dessen Gegenwart verbanden sich mit ihm heidnische Bräuche und selbst heimliche Opfer. Wo immer in Versen und Prosa später vom schwarzen Berg am Strom die Rede ist, ist dieser eine, der heilige Berg der Litauer gemeint oder assoziiert. Er war vermutlich der früheste, jedenfalls der Hauptort der emotionalen Initiation des jungen Bobrowski in die Mythologie der baltischen Völker, zu denen auch die Pruzzen gehört hatten. Daß der pruzzische und der litauische Himmels- und Donnergott Perkun gleichen Namens waren, wird mitgeholfen haben, daß schon der Gymnasiast die einzelnen baltischen Mythologien zusammensah. Am Fuß des Götterberges lag das Sieben-Gehöfte-Dorf Bittehnen, das ohne Namen in der Erzählung „Lipmanns Leib“ beschrieben ist. Das ,heidnische‘ Fundament des Christentums ist Bobrowski von diesen Erlebnissen her stets eine machtvolle Realität geblieben.
Stromaufwärts auf der linken, damals deutschen Seite befand sich zwischen Ragnit und dem Dorf Eißeln eine weitere Lieblingslandschaft Bobrowskis, die wegen ihres malerischen, hügelig-waldigen Charakters die Litauische Schweiz, auf litauisch einfach ,Daubas‘ „Schlucht, Senke“ hieß. Von ihr wie der Memellandschaft überhaupt schrieb er 1957 gelegentlich des „Daubas“-Gedichts:

DIE DAUBAS ist ein Stück Memelufer bei Ragnit, mit ein paar Dörfern und Wald. Es liegt zwischen meiner Geburtsstadt Tilsit und den Dörfern meiner Kindheit… Das Ganze meint natürlich meine Situation überhaupt. Jeder meiner Träume hat diese Landschaft zum Schauplatz (an Georg Bobrowski).

Zu diesen Kindheitsdörfern im weiteren Sinn zählte auf der entfernteren linken Memelseite noch Schillen, wo vor dem Krieg der Großvater Witzke, der erste Mann der Motzischkener Großmutter, lebte. Östlich davon, in dem kleinen Dorf Gerskullen, das 1938 in Gerslinden umbenannt wurde, war „der alte Höltke“ (Gedicht „Nacht der letzten Gehöfte“) zu Hause. Näher memelwärts, an der „vielbefahrenen Chaussee“ nach Eißeln, lag Lobelien, ein Stück abseits das Gartenlokal Lobellerwäldchen: noch ein Stück weiter floß schon die Szeszupe, die 1938 gleichfalls ,germanisiert‘ wurde und dann Ostfluß hieß. Die traumvisionäre Gegenwart dieser gesamten Landschaft, von der das Briefbekenntnis von 1957 spricht, mag belegen, mit welcher Erlebnisintensität der Schüler und junge Mann sie erfahren, wie genau er sie in Sinne und Geist sich eingeprägt haben muß. Nur wer das sich klarmacht, kann die moralische Leistung ermessen, die es bedeutete, als Bobrowski zwanzig Jahre später von dieser Landschaft als einer verlorenen ohne jedes politische noch private Rückverlangen in Versen lautersten Gedenkens zu sprechen begann.

Vorerst blieben gerade die für später entscheidenden Erlebnisse der Kindheit und Jugend poetisch so gut wie unerkannt und also stumm. Die wenigen frühen Verse, die Ostpreußisch-Litauisches berühren, reden konventionell, nicht charakteristisch davon. Die eigentlichen Erlebnisse sanken unberührt, damit auch unabgenutzt in eine Tiefendimension, aus der sie erst wieder emportauchen sollten, als ihre Objektwelt für Bobrowski nicht mehr selbstverständliche Gegenwart und tägliche Umwelt war.
Seine sehr langsame Entwicklung als Lyriker hing freilich anfangs auch eng mit seiner starken musikalischen Begabung zusammen. Daß er, nach Versuchen in der Malerei, zunächst Musiker werden wollte, wie er später berichtet hat, war offenbar in den ersten dreißiger Jahren. Seit dem achten Jahr im Klavierspiel unterrichtet, lernte er bald auch Geige, schließlich im Königsberger Dom nebenher Orgel spielen und wirkte an verschiedenen musikalischen Veranstaltungen als Chorsänger, Pianist oder Geiger mit. Kompositionsversuche, von denen nichts erhalten ist, kamen spätestens hinzu, als er seit 1934, zusammen mit Gerhard Fett, dem einen der beiden engen Jugendfreunde (der andere war Egon Adam, der malte), beim Domorganisten Eschenbach Unterricht in Harmonielehre und architektonischem Aufbau der Musik nahm. Fett, der den Mitschülern im Vergleich zunächst als der Begabtere und Schwierigere erschien, hatte zuerst gedichtet, während Bobrowski komponierte, dann sich aber der Komposition, vor allem geistlicher Stücke, bald mit solchem Erfolg zugewandt, daß Bobrowski zumindest auch dadurch bewogen wurde, die eigenen Versuche und damit den Wunsch, Musiker zu werden, aufzugeben, und sich jetzt erst „auf die Poeterei zurückzog“, wie es rückblickend in einer Tagebuchaufzeichnung vom April 1939 heißt. Als er im Frühjahr 1936 einige Gedichte an den Hamburger Verleger Heinrich Ellermann schickte, sie freilich mit dem Hinweis auf ihre Unselbständigkeit zurückerhielt, war diese Entscheidung vermutlich längst getroffen, nur daß mit ihr sich kein Berufswunsch mehr verband. Der Abiturient gab ein Jahr später als Berufsziel „Verwaltungsbeamter“ an, wollte aber Kunstgeschichte studieren und Museumsleiter werden. Die Absicht, sich der Theologie zuzuwenden, hatte er mit Blick auf die Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche aufgegeben; er wollte kein Märtyrer werden, sondern ein volles, normales Menschenleben führen.
Die genaue Vertrautheit mit der Musik läßt sich an Bobrowskis gesamten poetischem Werk deutlich thematisch, mittelbar beinahe überall an Struktur und Komposition ablesen. Exemplarisch hat er selbst für die Prosa auf die „Ordnungsprinzipien“ der französischen und italienischen Ouvertüre hingewiesen. Das ist ein Spezialbereich aus dem weiten Gebiet der Musik der Renaissance und des Barocks, dem schon die Vorliebe des Gymnasiasten galt. Unter den Themen für den Abituraufsatz wählte der knapp Zwanzigjährige „Die Verbindung von Dichtung und Musik in der Renaissance“. In der polyphonen, aber auch in der frühen monodischen Musik fand Bobrowski später jene vergleichsweise objektiven „Ordnungsprinzipien“, auf die es ihm auch in der Poesie ankam und die in geheimer Korrespondenz oder Parallele mit den Baugesetzen und -elementen der antiken Odendichtung, auf die er bald zurückgriff, gesehen werden müssen.
Königsberg war am Ende des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Zentrum der Musik-, besonders der Liedpflege. Eccard, Stobacus und vor allem Heinrich Albert führten das gesellige Gelegenheitslied für das gebildete Bürgertum zu hoher Blüte. Alberts „Arien“ zu Liedtexten Simon Dachs und seiner „Kürbshütten“-Freunde wurden im Schülerbibelkreis gesungen. In die Neubelebung der alten Königsberger Musik wollten sich Bobrowski und Fett (der alles Bündische ablehnte und nirgendwo ,organisiert‘ war) 1934 mit der Gründung eines selbständigen Singkreises einschalten und mit ihm die Lieder der „musicalischen Kürbshütte“ auch hinaus auf die Dörfer tragen. Der Plan zerschlug sich zwar, aber von der heimischen Barockmusik führte der Weg rasch zu dem großen Niederländer Pieterszon Sweelinck und seinen Schülern, den norddeutschen Orgelmeistern, auch schon betont zu Dietrich Buxtehude und schließlich zu Bach, zu seinen Instrumentalwerken besonders. Als der Stabsgefreite Bobrowski im Sommer 1944 – die Heeresgruppe Nord war bereits abgeschnitten – im lettischen Bad Ogre wochenlang ein Klavier zur Verfügung hatte, erneuerte er, den Krieg im Kriege wie beiseite schiebend, seine „alte Liebe zu vorbachischer Musik“ mit Sweelincks Liedvariationen, die er in Abschrift seit Jahren bei sich trug. Buxtehude, nicht Bach, sollte eine Zentralgestalt für sein Musik- wie Lebensverständnis werden (ähnlich wie Hamann und nicht Herder im philosophischen, Klopstock und nicht Goethe im poetischen Raum). Diese Musik hat er in den Berliner Jahren, für Familie und Freunde unvergeßlich, auf dem geliebten Clavichord gespielt. Nach Bach ließ schon der Gymnasiast eigentlich nur noch Mozart gelten, später allenfalls Orff und Bartók.
Doch auch die alte Musik gewann in den frühen poetischen Versuchen kein thematisches Gewicht. Die Gedichte des Achtzehn- bis Zwanzigjährigen verharrten in schwermütigen Naturstimmungen und Reiseimpressionen, in zarten Liebes- und Freundschaftsbekenntnissen, in Todesgedanken und Totengedenken; Schönheit, Kunst und die Gestalten der antiken (nicht der heimischen) Mythologie traten bald hinzu. Das war thematisch und im Sprachklang die geschickte Aneignung dessen, was damals moderne deutsche Lyrik heißen durfte. Die anfängliche Bevorzugung der kleinen und kleinsten Form scheint noch auf die kurzen Gedichte Klabunds und Dauthendeys, manchmal auf die ersten Gedichte Georg von der Vrings zu weisen. Kräftiger klingen bald die Sprachtöne Rilkes und Trakls, auch Brittings, danach Friedrich Georg Jüngers durch. Britting und von der Vring blieben für Bobrowski, wie die Anthologie seiner liebsten Gedichte beweist, bis zuletzt Lyriker von Rang. Daß Rilke – im Gegensatz zu Trakl – in der Anthologie völlig fehlt, muß als Reaktion auf den übermächtigen Einfluß vor allem um 1940, deutlich nachwirkend noch bis in die ersten fünfziger Jahre, verstanden werden. Neben ihm war es Stefan George, den schon der Schüler gründlich kannte, auch später noch schätzte, ohne dessen Sprache je auf die eigenen Versuche einwirken zu lassen. Gedichte Oskar Loerkes aus dem frühen Band Pansmusik waren ihm so vertraut, daß er noch in den Gefangenschaftsjahren Verse daraus aufsagen konnte, die er „selber nicht verstand und… mehr ihres geheimnisvollen Klanges [wegen] im Ohr behalten hatte“. Die subtile Bildkraft von Loerkes schwieriger Naturlyrik entzog sich dem scheinbar so versierten Adaptionsvermögen des Gymnasiasten und Soldaten freilich vollkommen. Ob er im Krieg noch Wilhelm Lehmanns ersten Gedichtband kennenlernte, ist ungewiß; später distanzierte er sich vom „reinen Naturgedicht“ sehr entschieden, damit auch von Lehmann, den er von seiner Anthologie ebenso ausschloß wie Rilke, nur daß es in Lehmanns Fall nie eine Annäherung gab. Die frühen lyrischen Versuche blieben insgesamt Einübungen ins damals übliche, soweit es sich noch vom Zugriff brauner Ideologie freizuhalten vermochte. Bestenfalls waren es „Versprechungen oder Ansätze zur Gültigkeit“, wie es rückblickend in dem Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft heißen wird. Hier und da verdienen sie ein gewisses thematisches, mehr jedoch ein auf die allgemeine dichterische Mentalität gehendes Interesse. Was sich an ihnen als Traumverhangenheit, Schwermut, auch Todesnähe ablesen läßt, erscheint in der gültigen sarmatischen Lyrik als im durchaus doppelten Wortsinn aufgehoben.

Wichtiger und folgenreicher als die Fertigkeit in den lyrischen Fingerübungen war zunächst die damit eng verbundene Aneignung deutscher Lyrik aus über drei Jahrhunderten. Wenn Johannes Bobrowski in der Gefangenschaft im kleinen Kreis zahllose Gedichte von Andreas Gryphius über Günther, Klopstock, Goethe und Hölderlin bis hin zu Rilke, Trakl, Loerke und Däubler herzusagen vermochte, so setzte das nicht nur ein ganz erstaunliches Gedächtnis voraus, das auch späterhin alle bezeugten, die ihn näher kannten, sondern ebenso eine ausgebreitete und intensive Lektüre in den Gymnasialjahren, die den Kanon der Schullektüre nach allen Seiten hin durchbrach. Gemeinsame Leseabende mit der Mutter und der um drei Jahre jüngeren Schwester Ursula veranstaltete schon der Vierzehnjährige. Mit Gerhard Fett traf er sich später am Brunnen des Königsberger Schloßhofes, einem Lieblingsplatz der beiden, um Hölderlin und Novalis zu lesen. Hölderlins Gedichte müssen sich ihm damals tief eingeprägt haben. Als er in einer Tagebuchnotiz vom April 1939 von der verzaubernden Wirkung einfacher Natur auf sich spricht, denkt er dabei an Hölderlins Ode „Die Launischen“ (das sind die Dichter, die die liebende Natur „friedlich und fromm“ macht). Der in den eigenen Strophen nie gänzlich schwindende Nachhall von Hölderlins Oden geht auf die – gewiß noch jugendlich-schwärmerischen – Lesestunden an jenem Brunnen zurück.
Gemeinschaftliche Lektüre mit Freunden oder Kameraden ist auch später nachweisbar, als Bobrowski schon die Uniform der Wehrmacht trägt. Anderes wurde allein gelesen. Das waren nicht nur allbekannte Namen und Werke. Arno Holz’ Prosalyrik aus dem Phantasus hatte schon der Elfjährige in Rastenburg, der Geburtsstadt des Dichters, zu lesen begonnen. Der etwa Fünfzehnjährige griff zu Klopstocks so gut wie vergessenem Messias, daneben zu den Oden, und kam so damals schon auf eine Spur, auf die er sich viel später, ebenso wie bei Buxtehude, durch den enthusiastisch verehrten Hans Henny Jahnn (dem er den Nobelpreis wünschte) erneut verwiesen sah. Offenbar früh bereits stieß er auf Herders Gedichte. „Der Genius der Zukunft“ – das erste große, kaum gekannte Gedicht des Sturm und Drang – wurde sein „Lieblingsgedicht“, um dessen Abschrift der Soldat Ende 1944 den Vater mitten aus dem kurländischen Winter bat und das er lange danach, vielleicht 1956, an den Schluß seines kleinen Ringblocks mit Notizen zu und Texten von Hamann stellte. Wie früh und sicher er das einzelne gute Gedicht aufspürte, auch wenn der Verfasser noch keinen Namen hatte, kann Helmut Bartuscheks anschauungsgesättigtes „Leben der Fuhrleute“ belegen, das 1932 in einer Anthologie und daraufhin in mehreren Zeitungen erschien und das damals auswendig gelernt zu haben, Bobrowski dem Autor noch 1960 bekannte, kurz ehe er sich als Lektor des Union Verlages für einen Gedichtband Bartuscheks einsetzte. Heinrich Ellermanns vornehme Reihe Das Gedicht. Blätter für die Dichtung (1934–1944) hat er zweifellos von Anfang an gekannt, da Ellermann mit ihr seinen kleinen Verlag in Hamburg eröffnete und Bobrowski ihm schon 1936 Gedichte zuschickte. Dort sah er ein gut Teil moderner deutscher Lyrik versammelt, soweit sie sich auf lebendige und eigenständige Weise als traditionsverbunden verstand und der NS-Ideologie nicht unterwarf. Selbst die bald geschmähten expressionistischen Lyriker begegneten ihm dort noch in vorsichtiger Auswahl. Genauso kannte er die schon deutlich janusköpfige Zeitschrift Das Innere Reich, die Paul Alverdes in den gleichen Jahren in München herausgab und in der ganz zuletzt die ersten Gedichte Bobrowskis an die Öffentlichkeit traten. Von Alverdes’ erzählenden Arbeiten war er damals so stark beeindruckt, daß er an den Verfasser schrieb, wie er später Ina Seidel berichtete.
Diese wenigen – mehr zufällig faßbaren – Beispiele deuten allesamt schon in Richtung jenes in den dreißiger Jahren vielpraktizierten bildungsbürgerlichen Humanismus, der sich zum nazistischen Zeitgeist zwar in bewußter Distanz oder gar Ablehnung verhielt, aber gleichzeitig auch eine antik-deutsch-protestantische Innerlichkeit pflegte, die es weder im Leben noch in den Versen zu politischer Auseinandersetzung kommen ließ. Was sie gewährleistete, war bestenfalls die Unantastbarkeit des Herzens und des Geistes. Es verwundert nicht, daß sich weder in Bobrowskis Haltung noch in seinen poetischen Versuchen etwas wesentlich änderte, als er 1937, nach dem Abitur, für ein halbes Jahr die Uniform des ,Reichsarbeitsdienstes‘, dann für zwei Jahre die der ,Wehrmacht‘ anziehen mußte, letztere sogar auf eigene Meldung hin, um das, was unumgänglich war, absolviert zu haben, ehe das geplante Studium der Kunstgeschichte in Berlin beginnen sollte (weshalb die Eltern 1937/38 von Königsberg nach Berlin-Friedrichshagen übersiedelten). Der Zwanzigjährige konnte nicht ahnen, daß er die Uniform erst nach über zwölf Jahren wieder ausziehen würde. Ein vom April bis zum August 1939 sporadisch geführtes „Tage- und Nachtbuch“ enthält neben der schon erwähnten Hölderlin-Notiz noch andere Hinweise auf jene bildungsgesättigte Innerlichkeit. Der Soldat Bobrowski liest Trygve Gulbranssen, Ernst Wiechert, Walther Harich, Georges Bernanos, die Essays des früh aus dem Leben gegangenen Eugen Gottlob Winkler, daneben Gedichte von Peter Gan, Martha Saalfeld und Georg Britting. Er kauft die Dialoge des Platon, zitiert den Gorgias, erwirbt die Noten zu zwei Toccaten von Bach und zu Ravels Pavane. Am Morgen seines Geburtstages liest er mit Selbstverständlichkeit die Auferstehungsgeschichte, am Pfingstsonntag die Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die wenigen Minuten zwischen Appell und Exerzieren verbringt er, wie der Gefangenschaftsbericht erinnert, „mit Hölderlin-Oden… oder im Anblick eines Südseebildes von Gauguin“. Im Tagebuch bemerkt er verwundert, wie er in Tagen wildester Gerüchte um die nächste Zukunft „in wahrhafter Ruhe“ seine Seele „mit schönen Bildern“ nährt (24. Juli 1939), und gedenkt dabei einer bekannten Cezanne-Anekdote. Der Maler, nach einem Erlebnis aus dem Feldzug 1870/71 befragt, antwortete, „da und da (er nannte Namen) habe er vor einer Arbeit gesessen“. Und der Tagebuchschreiber fährt fort:

Gewiß, ich weiß die Möglichkeiten und die Gefahren, und ich rechne damit. So etwa:

Verbotene Frucht wie der Lorbeer ist aber
am meisten das Vaterland. Die aber kost
ein jeder zuletzt
HÖLDERLIN

Darunter aber stehe Goethes Wort, das er Schiller schreibt: „Wie wenig sie auch nur ahnen, in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es nur immer Ernst um sich und um die Sachen ist.“

In dieser „unzugänglichen Burg“ seines Ernstes und seiner Innerlichkeit hat Bobrowski die langen Jahre des Krieges und der Gefangenschaft überstanden. Aus dieser Burg ist er auch später, als er die alte Neigung zu Introversion, Absonderung und Passivität überwunden hatte, nie gänzlich ausgezogen.
Dies bedenkend, wird es verständlich, warum von all dem Schrecklichen, was der Zweiundzwanzigjährige während des deutschen Überfalls auf Polen im September 1939 gesehen haben muß, damals nichts in Verse oder Prosa einging. Seinen Niederschlag findet es erst über zwei Jahrzehnte später in den Erzählungen „Mäusefest“ und „Der Tänzer Malige“. Dasselbe gilt von der Teilnahme am Frankreichfeldzug, der als Krieg einzig in „Dunkel und wenig Licht“ 1964 ein erzählerisches Thema wird. Freilich muß gesagt werden, daß Bobrowski als Angehöriger einer Nachrichtenabteilung während des gesamten Krieges nie zur kämpfenden Truppe gehörte, also in der Regel stets hinter der Front blieb, in Fernschreibstellen und Fernsprechzentralen, oder bei der Reparatur defekter Telefonleitungen im Hinterland sehr weit umherkam – eine Tätigkeit, die eher zur Ausbildung einer „Angestellten“-Mentalität beitrug, wie es in dem Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft heißt. Die mörderischen Erlebnisse und Erfahrungen der Front blieben Bobrowski erspart; allein von Partisanen kam manchmal Bedrohung. Immer wieder gab es Wochen relativer Ruhe, zeitweilig in fast normaler Behausung, die inmitten des Krieges und einer verwüsteten Landschaft die Beschäftigung mit Kunst (1942 etwa mit nordrussischer Holzarchitektur), einschließlich eigener Arbeiten, zuließen und so dem abgekehrten Leben und Weben in der Burg der Innerlichkeit und des Ernstes entgegenkamen. Mit einer Vokabel wie ,Blindheit‘ ist dazu kaum etwas gesagt; es war eine Weise des Durch- und Überstehens, die redlich war. Hätte Bobrowski nicht gleichzeitig doch ,gesehen‘, hätte er später nicht poetisch gültig davon schreiben können.
Was er damals festzuhalten versuchte, war nicht das Schreckliche, sondern das Schöne – in Polen die einsame Herbststunde im Gutspark des Fürsten Chartoryski in Krasne mit dem ersehnten „Übergang aus aller Zerrissenheit in die Treue und in die Eintracht des Gemütes“ (die berühmte, damals offenbar nicht gesehene schwarze Rose des Parks wird als Metapher für die italienische Schönheit Antonjas noch in Levins Mühle blühen), in Frankreich das alte Steinbild der Küssenden an einem Haus in Saint Antonin. Die Parkskizze gedieh zur Reinschrift vermutlich erst in Bertrich an der Mosel, wohin das Nachrichtenregiment im Spätherbst 1939 verlegt wurde. Dort entstanden im Winter und Frühjahr Verse und eine Reihe kleiner Prosatexte, die ganz persönliche Lebensmomente, daneben das Gedenken an Freunde und Freundinnen der letzten Zeit festhalten. Die Stücke, die davon für diese Ausgabe ausgewählt wurden, sind nicht als poetische Versuche (die sie trotzdem bleiben), sondern als Selbstzeugnisse, als typische Dokumentationen der Innerlichkeit jener Jahre aufgenommen.
Den polnischen Park und die Landschaft an der Mosel hat Bobrowski als persönliches Erlebnis beschrieben, nicht ohne Anklang an Carossas Rumänisches Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg, das in einem der Erinnerungsblätter zitiert wird. Zu dem Halt und Reichtum, die hier in der Landschaft und unter den reichlich vagen „Sternen des Lebens“, in wenigen ruhigen Monaten zwischen den Eroberungsfeldzügen, gefunden werden, paßt nur allzu genau das „Licht der Zeiten“, das derselbe junge Mensch und Soldat in der träumerischen Hingabe an einzelne Gedichte findet und als Befreiung aus seinen Ratlosigkeiten erfährt. Wenn er dabei von Versen spricht, die den „Zauber der Formel“ haben, so verrät dies, aus welchen Herkünften die viel spätere Überzeugung (in einem Brief von 1959) zumindest auch stammt: der Vers, nicht das Gedicht, müsse „wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel“ werden. 1940 steht freilich noch ganz die für alle Innerlichkeitspoesie wesenhafte Lebenshilfe- und Trostfunktion, damit die eigene „Verzauberung“ durch das Gedicht im Vordergrund; das weist, bis hin zu den gleichfalls vier „Gefährten meiner Stille“, auf Ernst Wiecherts Rede „Von den treuen Begleitern“, die 1937 in Ellermanns Blättern für die Dichtung, als deren erfolgreichstes Heft, erschien. Unmittelbar neben Verse Loerkes und Eichendorffs, zuletzt Schefflers, stellt er als einen der großen Begriffe, die zuzeiten ihm „wie Hände“ waren, „nach denen zu greifen gut war“, den Tod. Als der Vierundvierzigjährige 1961 entdeckt, „daß die sogenannte Lebenshöhe überschritten ist“, bekennt er kaum anders, daß „seit je Blickrichtung auf den Tod da war“ (an Max Hölzer). In seiner Dichtung sollte der Tod als latentes, eher verhülltes Thema verwandelt immer wiederkehren. Schon Pfingsten 1939 wollte Bobrowski die Geschichte eines Malers erzählen, der vor seinem Sterben „Bilder des Todes in einer stillen und gelassenen Art“ malt. Wenn er 1940 auf den „Tod“ noch „Trauer“ und „Klage“ folgen ließ, so nicht zuletzt unter dem übermächtigen Einfluß Rilkes. Nur so gelangte existentiell Eigenes damals zu vorläufiger Sprache. Das leicht verwischte Rilke-Zitat am Schluß – „daß im Bereich der Klage nicht nur Klage wäre, sondern auch Welt“ – ist als persönliches Bekenntnis zu lesen.
Was Bobrowskis Innerlichkeitsblick in Frankreich aufnahm, aber erst nach 1950 für die Gestaltung im Gedicht freigab, waren vor allem einige – teilweise vermutlich nur flüchtig gesehene – Kathedralen, daneben die rauhe, wie erblindete Nebellandschaft der Kanalküste am Kap Gris Nez. Dort wartete sein Nachrichtenregiment schon im Juli 1940 auf die „Ouvertüre zum englischen Krieg“, wie es lakonisch in einem Brief an die Eltern heißt. Als dieser aber infolge der Niederlage in der dreimonatigen „Luftschlacht um England“ nicht stattfindet, kommt das Regiment im Winter 1940/41 nach Paris. Ist davon, außer dem Besuch in Gauguins letztem Atelier, auch nicht Näheres bekannt, so ist doch anzunehmen, daß Bobrowskis Briefbekenntnis von 1944, daß ihn in Frankreich „eine gewisse Inflation des Menschlichen schon recht fest hatte“ (an I. Seidel), sich hauptsächlich auf die Pariser Zeit bezieht.

Von solcher „Inflation des Menschlichen“ verletzt oder reduziert, mußte die Innerlichkeit angesichts der Endlosigkeit der russischen Landschaft neuen Auftrieb, aber auch ein strengeres Gesicht erhalten. Schon im April 1941 war das Nachrichtenregiment 501 nach Ostpreußen, nach Bartenstein, verlegt worden. Welches Verbrechen der faschistische deutsche Überfall auf die Sowjetunion war, hat Bobrowski wahrscheinlich nur allmählich begriffen, im ersten Ansatz wohl in Nowgorod, dessen ausgebrannte Herrlichkeit er schon gegen Ende August 1941 bei einem Sondereinsatz sah. Was er als künstlerische Aufgabe im weitesten Sinn verstand, war auch hier nicht eigentlich der Krieg, sondern die Landschaft in ihrer bestürzenden Weite und Größe, in die er „die Reste Nowgorods“ vom „hohen Ufer des Ilmensees“ aus gleichsam hineinsah, wie ein Brief an die Eltern belegt. Von dieser nordrussischen Landschaft schrieb er Ende März 1943 rückblickend:

Das Erste, was wir hier lernten, ist das Sehen. Die Landschaft, immer wieder abgesucht, kam uns mit nichts entgegen. Die Endlosigkeit der Ebene, die auch ein Fluß und der (zudem meist niedrige) Wald nicht unterbrechen konnten, wollte uns immer mit einem Gefühl von Verlorenheit betrügen, und so befand sich der Blick immer wieder bei der Fahrt der Wolken, den Farben des Abends und bei den Sternen. Aber da hielten die Worte nicht mit (an I. Seidel).

Das war der Unsagbarkeitstopos der Innerlichkeit. „Wie soll ich dich benennen, maßloses Land!“ heißt es in der gleichzeitigen Ode „Abends“.
Diese Landschaft wollte Bobrowski, wie er es im März 1965 formulierte, „festlegen“, in Erinnerung an Winterschilderungen bei Tolstoi und Paustowski „wirklich in den Griff… bekommen, außerhalb der einfachen Beschreibung“. Über Versuche mit Zeichnen, dann mit Prosa, wovon nichts erhalten ist, kam er zur griechischen Ode „in der von Klopstock bis Hölderlin versuchten Eindeutschung“. Noch war damit keine eigene Sprache, keine eigene lyrische Gestalt gefunden – Oden schrieben in den dreißiger und vierziger Jahren beinahe alle namhaften deutschen Lyriker, die von der humanistisch ausgerichteten Innerlichkeit bestimmt waren (die genaueste Kenntnis besaß der junge Bobrowski offenbar von der Odendichtung Friedrich Georg Jüngers) –, wohl aber eine für ihn neue Form, die zur Basis seiner gesamten weiteren lyrischen Entwicklung werden sollte. Vor ihrer Unterschätzung mag schon die Tatsache warnen, daß Bobrowski die streng gebaute Ode, die alkäische und sapphische, auch in den späteren Jahren nie völlig aufgab; noch seine letzte Ode, „Silchers Grab“ von 1964, gehört zu seinen vollkommensten Gedichten.
Ende Dezember 1942 schickte er den Nowgorod-Odenzyklus von 1941 an Ina Seidel. Im September hatte er ihr zuerst geschrieben. Die damals vielgelesene Autorin deutsch-protestantischer Innerlichkeit, die trotz Vorbehalten den Verführungen des braunen Zeitgeistes mehrfach erlag, hatte 1940 ihre aus einseitigem Novalis-Verständnis destillierte romantisch-mystische Erzählung „Unser Freund Peregrin“ veröffentlicht. Als Bobrowski ihr schrieb, trug er das Buch seit eineinhalb Jahren bei sich und gestand, vieles davon sei ihm „hier“, in Rußland, „schöner geworden… und manches verständlicher“ – so sehr, daß er an Verse daraus Sonette anknüpfte und mitschickte. Ähnliche Briefe erhielt Ina Seidel auch von anderen Soldaten. Wenn etwas Bobrowskis damalige tiefe Verwurzelung in Geist und Vorstellungswelt deutscher Innerlichkeit belegt, so die hingebungsvolle Lektüre gerade dieser Erzählung. Aus gleicher Haltung las er bald des Boethius „Trost der Philosophie“, Goethes Tagebuch der italienischen Reise und abermals Hölderlin. Der Briefwechsel mit Ina Seidel brach 1945 ab. Weihnachten 1946 schloß ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft mit dem Satz: „Ich komme wieder!“ Der Versuch, die Briefverbindung 1950 wieder aufzunehmen, wollte nicht gelingen; doch 1962 besuchte Bobrowski die Siebenundsiebzigjährige am Starnberger See.
Als der Soldat 1942 den beiden „Peregrinus“-Sonetten den ersten Odenzyklus folgen ließ, schrieb er dazu:

Der Odenkreis, den ich zu Ihnen schicke, entstand im Herbst vorigen Jahres nach dem Erlebnis Nowgorods. Einen Nebengedanken habe ich auch noch: Ich wollte die Oden bildkräftiger, direkter haben, weil sie mir immer fast wie durch eine Wand gesprochen erschienen.

Das ging deutlich gegen die klassizistische Blässe und Mittelbarkeit, oft auch Abstraktheit der odischen Gattung, bei den neueren Dichtern besonders. Es war ein Ringen der Form mit dem Stoff, doch ebenso des Stoffes mit der Form, das freilich anfangs die angestrebte größere Bildkraft und Direktheit selten erreichte.
Die Schule des Sehens verdrängte nur langsam und nur graduell das Idiom der Innerlichkeit, die Erinnerung an das bündisch-jugendliche Schwärmen und Schweigen vor Landschaften und Kunstwerken. Rilkes Sprache, aber auch sein Rußlandbild wirkten noch lange nach. Elegisch-monologisch blieben die Oden immer, doch 1943 nahmen sie genauere und härtere Weltdetails auf. Die Bilder der Zerstörung, die Bobrowski schon 1941 sah, gingen erst jetzt deutlich in die Oden ein. Die beginnende sprachliche Verselbständigung einzelner Landschaftselemente, das erste Aufbrechen des syntaktischen Gefüges, das nun namentliche Benennen der Orte und Landschaften weisen bereits auf die späteren Gedichte.
Enthielten die ,russischen‘ Oden auch keinerlei nazistische Ideologie, so doch auch nichts von der Anti-Hitler-Gesinnung des Obergefreiten Bobrowski, der während des einzigen Studiensemesters im Winter 1942/43 in Berlin sich regelmäßig mit antifaschistisch eingestellten Kommilitonen traf und der später ein nochmaliges Studiensemester ablehnte, als die Bewilligung von der Bereitschaft, in die NSDAP einzutreten und Offizier zu werden, abhängig gemacht wurde. Nur wenige Male sprechen die Oden drohend von der Trümmerlandschaft des Krieges „Pskow“), von Entsetzen und Schrei der Opfer, von Haß und Empörung im eigenen Herzen („Östliche Landschaft 1941“, 4. Ode). So war es möglich, daß durch Ina Seidels Vermittlung noch im März 1944 einige Oden in der Zeitschrift Das Innere Reich erscheinen konnten. Bereits im Winter zuvor hatte der kulturelle Betreuungsoffizier der Armee, Joachim Wolfgang v. Moltke (sein Bruder Helmut James Graf v. Moltke war der Mittelpunkt des Kreisauer Widerstandskreises), ein ganzes Heft mit vierundzwanzig Oden als „Sonderausgabe“ der Rigaer Grauen Hefte der 16. Armee veranlaßt, das aber infolge des Fortgangs des Krieges nicht mehr erschien. Die bisherige Reimstrophenlyrik lief daneben volltönend weiter und trat erst 1943/44 merklich zurück.
Innerhalb der Odendichtung vollzog sich 1944 in Kurland eine doppelte thematische Ausweitung. Auf die nordrussischen Landschaftsoden folgte eine Ode „Die Memel“. Damit war die neu errungene odische Form, mit der allein die russischen Weiten poetisch „festlegbar“ erschienen, auch auf die Landschaft der Heimat und Kindheit gerichtet, das Bild des Memelstromes aus der Erinnerung herauf- und angerufen. So pathetisch unbeholfen, teils romantisch, teils preziös das auch geschah, so sehr war damit erstmals die Erinnerung, das Gedenken, die Beschwörung von Einstigem als jene poetische Grundhaltung eingenommen, aus der später ein großer Teil der Gedichte hervorging. Die andere thematische Ausweitung war der Versuch, wie es in einem Brief an Ina Seidel vom September 1944 heißt, „aus den vielen und vielfältigen Einzelbildern das eine Bild, gleichsam das Prinzip etwa des Stroms, der Ebene usw. zu fügen“. Das lief der Intention nach auf eine Art urphänomenaler Landschaftspoesie hinaus. Gelangte „Der Strom“ über einen enthusiastischen, letztlich sehr privaten Nachhall der klassischen deutschen Stromlyrik von Klopstock über Goethe zu Hölderlin auch nicht hinaus und blieb „Die Ebene“ (hier fehlte die große Tradition) gar in bloßer Jugenderinnerung stecken, so war doch damit eine poetische Aufgabe er- und begriffen, die erst viel später wirklich erfüllt wurde. Einen großen Teil der am Ilmensee und in Kurland geschriebenen Oden stellte Bobrowski nach 1950 in Berlin in sorgfältig angelegten Reinschriftmappen zusammen, nicht zuletzt deshalb, weil er genau wußte, daß hier zuerst seine „Schreiberei“ eine Basis für alles Künftige gefunden hatte. Als Stoff- und Motivreservoir, als beständige Aufforderung zu neuer und gültiger Gestaltung lagen die Oden griffbereit im Schreibtischkasten.

Am 8. Mai 1945 kam der Stabsgefreite Johannes Bobrowski bei Kandava in Kurland in sowjetische Gefangenschaft und einen Monat später nach Nowo Schachtinsk ins Donezgebiet. Harte und entbehrungsreiche Jahre im Kohlenbergbau folgten, erst unter Tage, bald aus gesundheitlichen Gründen über Tage. Die zahlreichen Gedichte, die damals entstanden, faßte der Heimgekehrte vermutlich schon im ersten Berliner Jahr als Heimatlieder 1945–48 zusammen. Im März 1965 verschwieg, ja verleugnete er sie geradezu, als er gegenüber Irma Reblitz erklärte, nach den Oden der russischen Kriegsjahre habe er „das Schreiben wieder bleibenlassen eine ganze Zeit. Erst nach der Gefangenschaft, also erst 1952, als ich schon eine Weile wieder in Deutschland war, habe ich es noch einmal aufgenommen, nun eigentlich sofort in einer äußerlich freien Form.“ Tatsächlich ist aber nur aus dem Jahr 1949 kein Gedicht nachweisbar. Diese Lieder stellen zum größten Teil eine schier überwältigende Rückkehr zur Reimstrophenlyrik dar. Bereits ein noch im Frühjahr 1945 in Kandava geschriebenes zwölfstrophiges „Heimatlied“ hatte diese Entwicklung eingeleitet, vielleicht aus der Einsicht heraus, daß der Weg der großen Ode nicht weiterführte. So entstand eine Heimat-, Natur- und Liebesdichtung von sehr herkömmlichem, wenn auch höchst virtuosem Charakter, von einer „schwebenden, gestaltlosen Tröstlichkeit“, eine Fortsetzung der „traumhaften Gebilde seiner Schülerjahre und sehr distanziert überstandener Folgejahre“ und auf bedenkliche Weise „von den Formen her“ entwickelt, wie es schon 1950 in dem Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft kritisch heißt. Ganze Zyklen wie „Blumen und Kräuter“, „Backsteingotik“ und „Geliebtes Jahr“, Gedichte auf Gemälde und Musik zeigen das nur allzu deutlich. Was Bobrowski in solch souverän gehandhabter Innerlichkeits- und Heimatpoesie bestärken mußte – noch 1948 glaubte er, mit den Versen sei „es erst hier etwas geworden“ –, war eben ihre „schwebende Tröstlichkeit“, die Erfahrung ihrer existentiellen Trostkraft, von der ,Kameraden‘ von damals noch heute mit bewegten Worten berichten. Die äußere und innere Härte der Arbeits- und Lagersituation ließ manchen nur mit Hilfe von Versen überleben, die Bobrowski, anfangs ohne sich zu nennen, im kleinen Kreis ebenso vortrug wie die Gedichte von Gryphius bis Däubler. Später erschienen Verse von ihm in der Lagerwandzeitung. Gleichwohl ging von den „Heimatliedern“ kein Weg in die Zukunft, mochten sie subjektiv noch so lauter und wahrhaftig sein.
Die Eigenart dieser Dichtung ist eng verbunden mit Bobrowskis Mentalität und individueller Situation in den ersten Gefangenschaftsjahren. So wenig er äußerlich allein war – die Mitarbeit in der anfangs von Hans Ricke geleiteten Kulturbrigade des Lagers brachte manche Geselligkeit, allmählich auch Freundschaft, später Erleichterung –, so sehr fühlte er sich zumindest in den beiden ersten Jahren innerlich verloren und einsam, im Grunde in die Burg seiner Innerlichkeit eingesperrt. Noch erschien ihm das Gesicht des Sozialismus, bedingt durch die unmittelbaren wirtschaftlichen und moralischen Folgen des Krieges, notwendig so entstellt, daß ein Anschluß an die neuen Ideen vorerst nicht gelang. Der schlimme „Mißbrauch“, den „hemmungslose Konjunkturritter“ unter den Gefangenen mit dem Begriff „Antifaschist“ trieben, „verhinderte lange eine erfolgreiche Entwicklung der politischen Arbeit“. Bobrowskis längst gefestigte Überzeugung, daß der Mensch kein Rechenexempel sei, wirkte als zusätzliche Barriere. Diese Situation und Einstellung änderten sich frühestens, als er im Sommer 1947, anstatt entlassen zu werden, wie er gehofft hatte, für drei Monate auf die Antifa-Gebietsschule nach Rostow geschickt wurde. Doch weder davon noch von dem acht- bis neunmonatigen Lehrgang in der Antifa-Zentralschule Taliza bei Gorki 1949 sind bisher Einzelheiten bekannt geworden; der Gefangenschaftsbericht von 1950 bricht mit der Delegierung nach Rostow ab. Später hat Bobrowski von dieser Zeit kaum gesprochen. Was er kennenlernte, war auf alle Fälle die marxistisch-leninistische Philosophie in der damals stalinistischen Einfärbung und vermutlich ebenso emphatisch vorgetragen und zu einem „völlig dualen Weltbild“ von Schwarz und Weiß vereinfacht, wie es Franz Fühmann 1948 auf einer Antifa-Schule erlebte und erst spät in seinem Trakl-Buch beschrieben hat. Das Jahr 1949 ist kaum zufällig das liederlose geblieben. Angaben in späteren Lebensläufen, daß Bobrowski Brigadier, Zirkelleiter und Aktivist wurde, dürften vor allem die Zeit in Taliza meinen. Brieflich erwähnt hat er nach der Entlassung nur die Theaterarbeit („Regisseur gemacht in ziemlich großem Rahmen“), Vielleicht war es die später ebenfalls vermerkte Mitwirkung im Lagerkomitee, die ihn Weihnachten 1949 mit der Überzeugung heimkehren ließ, daß eine „entsprechende Verwendung in Berlin vorgesehen“ sei, wie es Anfang Januar 1950 in einem Brief (an Otto Baer) heißt. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Volksbühne wurde er Cheflektor im Altberliner Verlag von Lucie Groszer, der Kinderbücher verlegte.
Das eigentliche Ergebnis der langen Monate auf den Antifa-Schulen faßte Bobrowski Anfang 1950 mehrfach in Briefen an früher heimgekehrte Gefährten in der Feststellung zusammen, er sei „Kommunist“ geworden. Dieser einigermaßen abstrakte, von der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse losgelöste Wortgebrauch muß ihm aus den Schulungsvorträgen zugewachsen sein. Gemeint war der wirkliche „Bewußtseinswandel“ anstelle der bedenkenlosen Hinnahme „dargereichter Konstruktionen“, wovon bald der Gefangenschaftsbericht sprach. Solches Bekenntnis hat damals manchen schockiert, auch in der Familie, aber es war zu diesem Zeitpunkt die blanke Wahrheit. Die damit überwundene frühere Position bezeichnete Bobrowski als die des „Zuschauers“, des „individualistischen Humanismus“. Das bedeutete subjektiv nichts Geringeres, als daß der Ausbruch aus der Burg der Innerlichkeit und einer kontemplativen Lebenshaltung, die bewußte Eingliederung in die entstehende sozialistische Gesellschaft gelungen schien. Der Eintritt in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft schon im März 1950 darf dafür als Indiz gelten.
Wie die intensive Befassung mit dem Dialektischen und Historischen Materialismus und mit der Politischen Ökonomie sich im einzelnen auf den Menschen und Poeten Bobrowski auswirkte, läßt sich nirgendwo vordergründig ablesen, auch auf keine griffigen Formeln bringen. Eher muß von einer mittelbar-untergründigen Fortwirkung gesprochen werden, die erst im erzählerischen Werk einigermaßen deutlich werden sollte. Das hängt eng mit der Tatsache zusammen, daß das so entschiedene Selbstverständnis als „Kommunist“ sehr rasch sich zu verändern begann, schon jetzt offenbar in Richtung eines im Sozialismus lebenden, ihn grundsätzlich bejahenden Christen. Wenn Bobrowski einem derselben Gefährten aus der Gefangenschaft, denen er im Januar 1950 schrieb, er sei „Kommunist“ geworden, ein Jahr später bekannte: „Meine alten metaphysischen Neigungen treten mehr und mehr in ihre früheren Rechte“, so war damit schon jene Rückkehr zu einem sehr einfachen und unorthodoxen Christentum eingeleitet, die zwei Jahre später zu dem lakonischen Briefbekenntnis führte:

Ich lebe aus der Gnade (an Werner Zintgraf).

Gesprächsweise hat Bobrowski oft erklärt, ihm seien „zehn Pietisten lieber als ein Orthodoxer“. Das war der Geist der baptistischen Milde und Brüderlichkeit, der sich in ihm mit dem strengeren Geist der lutherischen Bekennenden Kirche zu einer lebenskräftigen Symbiose verband. Zweifellos war es hauptsächlich die so lebendige wie selbstverständliche Frömmigkeit der Familie (jahrelang lebten die Eltern mit dem Sohn und seiner Familie beengt unter einem Dach), die diesen Wandel bewirkte. Zu bedenken bleibt auch, daß Bobrowski als Lektor in einem privaten Kinderbuchverlag in den folgenden Jahren nur mittelbar, kaum persönlich-direkt zu Materialismus und Atheismus Stellung nehmen mußte. Zum Sozialismus als Gesellschaftsordnung hat er sich grundsätzlich immer bekannt, auch wenn er zu seiner unmittelbaren Realität und Praxis sich kaum je in einem spannungs- und widerspruchslosen Verhältnis befand. Scheinbar verlockende Angebote ,aus dem Westen‘, vom Bertelsmann– und Suhrkamp-Verlag, hat er auch in den Jahren des Ruhms abgelehnt. Er gehörte in das sozialistische Deutschland, und innerhalb des deutschen Sprachraums wollte und mußte er so weit östlich wie möglich leben. Beides fiel für ihn zusammen.
Poetisch schlug sich der Bewußtseinswandel vorerst kaum nieder. Allenfalls darf der so spürbar um Sachlichkeit bemühte Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft von 1950 als Versuch politisch engagierter, gesellschaftlich relevanter Prosa gelten. Ob er nur zur kritischen Selbstverständigung geschrieben wurde, oder ob sich damit betont literarische Intentionen verbanden, läßt sich schwerlich entscheiden. Zwischen Bericht, Reflexion und Erzählung schwankend, bricht er kaum zufällig dort ab, wo der Besuch der Rostower Antifa-Schule zu beschreiben war. Dieser Aufgabe sah sich Bobrowski, vermutlich aus darstellerischen wie ideologischen Gründen, anscheinend nicht gewachsen. Vielleicht war es ein produktives Scheitern insofern, als bald danach mit dem Prosatext „Im Gefangenenlager“ eine erste wirkliche Erzählung entstand, die freilich das politisch-ideologische Thema schon nicht mehr berührte. In den Gedichten finden die Gefangenschaftsjahre auch viel später nur selten ein bloß undeutliches, nirgendwo ein politisch akzentuiertes Echo. Die Überwindung der „Zuschauer“-Position und das neue engagierte Verhältnis zur Gesellschaft stellten für Bobrowski sichtlich keine unmittelbare poetische Aufgabe dar.
Das beweisen die Gedichte der ersten Berliner Jahre, die die Kunst- und Heimatthematik der Gefangenschaftsgedichte grundsätzlich, wenn auch wesentlich anspruchsvoller, fortsetzen. Auch sie hat Bobrowski später verleugnet. Noch immer hatte er als Poet die Burg der Innerlichkeit nicht einfach verlassen, sondern nur geöffnet in Richtung auf Auseinandersetzung mit Grundproblemen der Gegenwart, wie er sie damals sah, derart freilich, daß der Gegenwart in den Werken der Kunst vornehmlich ein Spiegel- oder Mahnbild entgegengehalten wurde, wie in den Zyklen „Die Cestiuspyramide“ und „Der Ikonenmaler“. Zugleich war es in den beiden „Europa“-Gedichten das Bekenntnis zum janusköpfigen Geschichtserbe des Kontinents, darin eine Antwort sowohl auf alle einseitig verklärende Abendland- und Europaideologie als auch auf jeden Versuch, sich von den finsteren Partien der Geschichte einfach zu dispensieren. Diese anspruchsvolle kunstthematische Lyrik, in der sich – mit den alten produktiven Neigungen zu Bildender Kunst und Musik – zunehmend auch die „alten metaphysischen Neigungen“ bekundeten, fand erst mit dem großen Jambengedicht „Die Chorfenster der Kathedralen“ vom Sommer 1954 ihren Abschluß.

II.
Mitten in diesen Jahren, mitten zwischen diesen Gedichten geschah 1952 die, wie es noch immer scheint, jähe Herausbildung des eigenen selbständigen Gedichts. Noch im Januar hatte Bobrowski brieflich erklärt, die vom „Erlebnis der nordrussischen Landschaft um den Ilmensee herum“ inspirierte mehrjährige Lyrik sei abgeschlossen, und hatte die „Cestiuspyramide“ und „einige Kleinigkeiten“ als die „ungewissen Umrisse einer künftigen Existenz“ bezeichnet. Im März folgte das Unerwartete, das erste noch überschriftlose ,sarmatische‘ Gedicht „Städte sah ich im stäubenden / Wind“, dessen späte Überarbeitung mit der Überschrift „Unter dem Nachtrand“ in den Band Schattenland Ströme aufgenommen wurde. Im Brief heißt es dazu, das Gedicht meine „eine östliche Landschaft von 1942. Ich bin bereit, es für mein bestes Gedicht zu halten, zumal die ersten Versuche, es vor Hörern zu lesen, bestätigten, daß es wenigstens in den Bildern zwingend genug ist, um gewisse Vorstellungen zu erwecken“ (an Hans Ricke). Einen Tag später wird das Gedicht als „Anfang eines ,Landschaften-Projekts‘“ (an O. Baer) bezeichnet. Der Hinweis auf die zwingende Kraft der Bilder erinnert schon an Herders Definition des Wesens der Poesie als „sinnlich vollkommene Rede“, auf der Bobrowski 1960 in seinem Vortrag über Lyrik der DDR so nachdrücklich bestand. Zugleich dürfte sich bereits darin die eigene Position in Abgrenzung gegenüber der damals in der DDR dominierenden Lyrik, vor allem der von Becher, Weinert, Fürnberg, Maurer und Kuba, artikuliert haben. „Mit wenigen Ausnahmen… existiert moderne Lyrik hierorts nicht.“ Noch 1960 vermochte Bobrowski nur bei Christa Reinig, Günter Kunert und Heinz Kahlau „eine Empfindlichkeit für die veränderte Zeit“ wahrzunehmen. Acht Jahre früher mußte ihm das „lyrische Aufkommen bei uns“ noch weit mehr „traditionell“ erscheinen. Das moderne Gedicht, das „nicht anheimelt“, das „beunruhigend, dissonant“ ist, gab es allenfalls bei Brecht und Hermlin.
Was die überraschende Rückwendung zur russischen Landschaft auslöste, läßt sich bis heute nicht sicher sagen. Es muß der Beginn einer strengen und umfassenden Selbstprüfung gewesen sein. Ob sich mit dem sarmatischen Thema gleich anfangs und in voller Klarheit die später immer betonte moralisch-politische Motivation verband, bleibt ungewiß. Wenigstens gibt es keine eindeutigen Selbstaussagen dazu. Der kritischen, betont emotionalen Geschichtssicht der „Pruzzischen Elegie“ von 1952 steht die noch idyllisch-selbstgerechte Haltung des Gedichts „Osten“ von 1953 gegenüber. Die Bezeichnung ,Landschaften-Projekt‘ scheint eher schon auf den lyrisch-enzyklopädischen Großplan eines „Sarmatischen Divan“ zu weisen, wie er sich zwei Jahre später abzuzeichnen begann. Die wenigen frühen Gedichte mit östlicher Thematik, die inmitten noch ganz anderer Gedichte entstanden (wahrscheinlich sind viele Versuche von Bobrowski vernichtet worden), lassen annehmen, daß er das alt-neue Thema erst allmählich als sein zentrales Thema begriff. Die Selbstprüfung führte zu keinem radikalen, eher zu einem gleitenden Neubeginn. Bemerkenswert ist allerdings, daß nach der nordrussischen Landschaft im Kriege noch im selben Jahr mit der „Pruzzischen Elegie“ auch die Landschaft der nun verlorenen Heimat, mitsamt ihrer ältesten Geschichte und der zugehörigen Mythologie, Gegenstand des neuen Gedichts wurde. Das war thematisch dieselbe Entwicklung wie zehn Jahre zuvor innerhalb der Oden am Ilmensee. Schon in dem Brief an Otto Baer hieß es:

Du weißt ja, ich hab eine Menge Verse gemacht… Einzig fünf oder sechs, oder sechs oder sieben, scheinen gut zu sein. Für die waren auch jeweils ziemlich zehn Jahre nötig. Buchstäblich: was mich 1942 aufregte, ist für dieses Jahr zu erwarten.

Mit dem neu ergriffenen alten Thema war sofort die neue, die unverwechselbar eigene Sprache gefunden. Was im Krieg als bedrängende Gegenwart nur in der strengen Odenform Gestalt gewinnen konnte, fand nun als Erinnerung seine gültige Sprache in einem Gedichttypus, dessen freirhythmische Form sich als der souveräne Umgang mit den gleichsam freigesetzten Einzelelementen der Ode erweist. Das war die formale Entsprechung zu dem jetzt ebenso freiverfügenden Umgang mit den russischen Kriegs- und den ostpreußisch-litauischen Kindheitserlebnissen und -erfahrungen. Der Heraufruf der Erinnerung stellt sich poetisch als machtvolle Beschwörung und als bewußte Auswahl in eins dar und nahm gleich in dem ersten Gedicht „Städte sah ich im stäubenden / Wind“ die Gestalt einer ins Epische tendierenden, eindringlich-gespenstischen, doch überlegen komponierten Bilderfolge an. Schon hier gebrauchte Bobrowski den Wechsel von Imperfekt und Präsens als wichtiges Stilmittel, um das äußere Vergangen- und innere Gegenwärtigsein der sarmatischen Welt mitsamt der realen Redegegenwart des Gedichts auf energische, oft abrupte Weise in Sprache umzusetzen und jedes bloß wohlige Sicheinfühlen des Lesers bereits auf der grammatisch-temporalen Ebene zu verhindern. Das Ineinander von Vergangen- und Gegenwärtigsein war stets auch die Verbindung von Ferne und Nähe; zeitlich und räumlich Fernes und Fernstes wurde als poetisch Nahes und Nächstes repräsentiert. Das gab den sarmatischen Gedichten von Anfang an ihren zugleich realistischen und visionären Charakter, mit dem der im Prinzip gehobene, darin jedoch stets gebrochene Sprachstil und die immer spürbare Rückbindung an die Grundmuster der Ode korrespondieren. So entstand ein Gedichttypus, dessen Einmaligkeit aufs engste mit seiner subtilen Verwurzelung in großer Tradition zusammenhängt, für die Bobrowski später mit Nachdruck auf Klopstock als seinen „Zuchtmeister“ hinwies (während die ablesbare Nachwirkung eher auf Hölderlin weist).
Die Oden vom Ilmensee waren größtenteils Landschaftsoden im eigentlichen Sinn geblieben. Menschen erscheinen darin nur selten; das erlebende Ich und seine Anrufe des eigenen Herzens treten weit zurück hinter die Größe und Verlorenheit der Landschaft. Zehn Jahre später hat sich das Verhältnis umgedreht. Nun steht der Mensch im Mittelpunkt des Gedichts, als Objekt und Thema fast immer inmitten der besonderen Landschaft, in die er ethnographisch und historisch gehört. So „Menschen in der Landschaft“ und Landschaft nicht anders denn „im Zusammenhang und als Wirkungsfeld des Menschen“ zu sehen, hatte Bobrowski schon in der Gefangenschaft von Peter Huchels Gedicht „Havelnacht“ (wie er diesem später erzählte) gelernt. Huchel war der einzige Lyriker in der DDR, an den er sich damals poetisch, bald auch menschlich anschließen konnte. Seine von der märkischen Kindheitslandschaft inspirierten Gedichte hat Bobrowski bis zuletzt bewundert. Die Einzeldrucke trug er zusammen, auch den abgebrochenen Zyklus „Das Gesetz“ über die Bodenreform. Aber die eigene Intention war mit der des ,Meisters‘ (wie er Huchel lange ansprach) kaum zu vergleichen. Ihre begriffliche Fixierung fand sie im Plan eines „Sarmatischen Divan“.
Das war, so hat Bobrowski auf Befragen 1964 ausdrücklich erklärt, kein Buch-, sondern „ein Arbeitstitel, um die verschiedenen geographischen Bereiche innerhalb des (übergeordneten) Begriffs Sarmatien zusammenzuhalten“ (an Frans Vandenbroeck). Der von Goethe aus dem Persischen übernommene Begriff des „Divan“ als einer großen Gedichtsammlung und der sarmatische Name bedingten sich gegenseitig. Auf der Weltkarte des Ptolemäus aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert bezeichnete „Sarmatia“ das gesamte Land von der Weichsel bis zur Wolga und zum Kaspischen Meer, so das Ursprungsland des namengebenden Reiter- und Nomadenvolks der Sarmaten östlich des Don einschließend, das um diese Zeit schon aus der Geschichte zu verschwinden begann. „Sarmatia“ wurde der spät antike Name für ganz Osteuropa. In dieser großräumigen Bedeutung hat Bobrowski ihn aufgegriffen und in ihm Landschaft, Kultur und Geschichte seiner geliebten „Ostvölker“ stets zusammengesehen. Was politisch in Nationalstaaten, als eigene Erfahrung in die ostpreußisch-litauische Kindheits- und Jugendwelt und die russische Kriegs- und Gefangenschaftswelt sich aufteilte, war in diesem ältesten abendländischen, geographisch längst vergessenen, politisch nie mißbrauchten; freilich auch betont ins Archaische verweisenden Namen als Einheit zusammengefaßt. Von dieser Welt in lyrischen Bildern den „deutschen Landsleuten etwas zu erzählen, was sie nicht wissen“ (wie es später im Interview heißen sollte), war nur in Gestalt eines „Divan“ möglich. Zu zyklischen Gedichtfolgen hatten schon die Oden vom Ilmensee (kaum ohne Einwirkung der Odenzyklen Friedrich Georg Jüngers und Josef Weinhebers) tendiert, ebenso die „Heimatlieder“ der Gefangenschaftsjahre. So knüpfte selbst der Plan des „Divan“ konzeptionell an ältere, freilich weit bescheidenere Intentionen an.
In den Gedichten trat das sarmatische Thema mit seiner neuen Sprache erst im Herbst 1954 deutlich und bald dominierend hervor. Damit gelangte die kritische Selbstbefragung, die poetisch-moralische Neuorientierung an ihr Ziel, war der Prozeß der Abkehr von der älteren Heimat-, Kunst- und Künstler-Thematik und ihrer virtuos-epigonalen Sprache abgeschlossen. Was 1952 „Landschaften-Projekt“ hieß, wurde jetzt auf der höheren Stufe des „Sarmatischen Divan“ fortgeführt. Die früheste Formulierung der neuen Konzeption, nun ganz von ihrem moralischen und existentiellen Aspekt her begriffen, steht in einem Brief vom 9. Oktober 1956 an Hans Ricke, als Antwort auf skeptische Bemerkungen des Adressaten zu dem zentralen Gedicht „Die Sarmatische Ebene“, das den ohnmächtigen Versuch urphänomenaler Landschaftspoesie von 1944 zwölf Jahre später wiederholte und nun erst jene Souveränität und Gültigkeit der Gestaltung erreichte, die der Größe des Gegenstandes angemessen war. Gleiches gelang 1959 mit dem „Stromgedicht“, das die Intention der einstigen „Strom“-Ode aufgriff. In dem genannten Brief heißt es:

Ich will nicht schlechthin schöne Gedichte machen… Ich will etwas tun mit meinen Versen, mühevoll und entsagungsvoll tun. Und daran setze ich meine Existenz. Ich will meine Gedichte schreiben mit meinem ganzen verworrenen Leben, mit meinen Unzulänglichkeiten, meinem Versagen, geistig und körperlich, mit meiner Krankheit, die mich oft quält, – und mit all dem – vielleicht kleinen – Glück, das ich hatte. Ich will etwas tun, wozu ich durch Abstammung und Herkunft, durch Erziehung und Erfahrungen fähig geworden zu sein glaube…
Ich komme, wie Du weißt, aus einer Familie, in der Polnisches und Deutsches wunderlich gemischt ist. Ich wuchs auf in ständigem Umgang mit Litauern, Juden – einfachen Menschen und allerlei Landadel usw. Nachzutragen: daß ich den Weg meiner Sippe durch ein gutes Jahrtausend verfolgen kann. Ich kann also – ohne zu konstruieren – in meiner eigenen Existenz die Ostvölker (zumal die russischen Erlebnisse und eine frühe Beschäftigung mit dem untergegangenen Pruzzenvolk dazutraten) mit den Deutschen konfrontieren, – den Deutschen, denen ich nach Erziehung und Sprache zugehöre. Was also will ich
tun?
Ich will, und ich habe mir Zeit gelassen, diese Absicht zu formulieren, in einem großangelegten (wenigstens dem Umfang nach) Gedichtbuch gegenüberstellen: Russen, Polen, Aisten samt Pruzzen, Kuren, Litauern, Judenmeinen Deutschen. Dazu muß alles herhalten: Landschaft, Lebensart, Vorstellungsweise, Lieder, Märchen, Sagen, Mythologisches, Geschichte, die großen Repräsentanten in Kunst und Dichtung und Historie. Es muß aber sichtbar werden am meisten: die Rolle, die mein Volk dort bei den Völkern gespielt hat. Und so wird die Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeit, für mich: der Krieg der Nazis, einen wesentlichen und sicher den gewichtigsten Teil ausmachen. So werde ich in den Gedichten stehen, uniformiert und durchaus kenntlich. Das will ich: eine große tragische Konstellation in der Geschichte auf meine Schultern nehmen, bescheiden und für mich, und das daran gestalten, was ich schaffe. Und das soll ein (unsichtbarer, vielleicht ganz nutzloser) Beitrag sein zur Tilgung einer unübersehbaren historischen Schuld meines Volkes, begangen eben an den Völkern des Ostens.

Damit waren die Landschaft Nordrußlands im Kriege und die einstige ostpreußisch-litauische Heimat endgültig in einen übergreifenden historisch-moralischen Zusammenhang gestellt, der keinerlei Fortführung herkömmlicher Heimat- und Naturlyrik mehr zuließ. Die „Gestalten anderer Kulturkreise“, die hinzutraten, wurden „eben von dort, von der ,sarmatischen Ebene‘ her gesehen“. Von ihnen erklärte Bobrowski 1960, „daß das keine Porträts sind, sondern Anrufe an Sternbilder, nach denen der alte Sarmate die Himmelsrichtung peilt“ (an Max Hölzer). Hatten die früheren Kunst- und Künstlergedichte mehr oder weniger konventionell Werke der Kunst, Dichtung und Musik zu beschreiben versucht, so ging es nun um verdichtete, mahnende oder helfende Lebensbilder, darin die Werke der Kunst bestenfalls als poetisches Material integriert waren.
Erst mit der großräumigen sarmatischen Konzeption verband sich in Klarheit jene moralisch-politische Motivation, die Bobrowski als das eigentlich Neue seiner dichterischen Entwicklung verstand und auf die er öffentlich wie privat immer wieder hingewiesen hat. In ihr vereinten sich die Jugenderfahrungen in der Bekennenden Kirche, die Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft, die Einsichten, die die sowjetischen Antifa-Schulen vermittelt hatten, zu einer neuen und schöpferischen Qualität. Sie ließ ihn seine Gedichte als Dialog mit seinen Lesern, als lyrische Rede gegen das Vergessen von Schuld und Geschichte konzipieren. Wenn er freilich 1956 von der „Tilgung“ der historischen Schuld des deutschen Volkes sprach, so hieß es im Sommer 1961 in den Sätzen für Hans Benders Anthologie nur noch:

Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung…; die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen…

Und was er 1956 als „Beitrag“ zur Tilgung jener Schuld erklärte, war fünf Jahre danach nur noch „eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten“. Das war Resignation und Realismus in eins. Doch noch im Februar 1962 hieß im Gedicht „An Klopstock“ das vom Dichter Aufgehobene die „Schattenfabel von den Verschuldungen und der Sühnung“. Aber im Dezember des gleichen Jahres, in seiner Rede vor der Berliner Evangelischen Akademie (deren Gedanken Stephan Hermlin noch fünf Jahre später „furchtlos und vernünftig“ und zugleich „unpopulär“ nannte), nahm Bobrowski die Position von 1956 dann ausdrücklich zurück und bekannte sich zu der angesichts der damaligen Auffassung vom Sozialistischen Realismus überraschenden These: „Literatur ist machtlos“; auch da blieb als Legitimation und Aufgabe des Schreibens einzig die „Hoffnung“ („Es muß getan werden, nur auf Hoffnung“). Das war in solcher Attributlosigkeit eine in der Realismusdiskussion ungeläufige Vokabel. Ihre Würde und ihre Schwere erhielt sie aus der biblisch-christlichen Tradition, daneben aus der Philosophie Ernst Blochs. Schon Ende 1959 hatte Bobrowski von seiner Zeit als einer geschrieben, „für die es keine Traditionen gibt, nur Unbewältigtes und Hoffnung und hinter ihr schwer Pascals Dieu d’Abraham“ (an Paul Celan). Noch im Roman Litauische Claviere hieß es, wenige Wochen vor dem Tod des Dichters, von der geplanten Donelaitis-Oper lapidar und schlicht:

Alles auf Hoffnung.

Sie war der schmale Fels, auf dem er stand.

Die frühe, einigermaßen heroisch-optimistische Arbeitsphase hielt nicht nur moralisch, sondern auch in der Sache nicht sehr lange an. Der enzyklopädische Großplan war offenbar schon im März 1958 aufgegeben, als Bobrowski dem Berliner Verlag Rütten & Loening, freilich vergeblich, einen Gedichtband anbot. Ein reichliches Jahr später schrieb er in einer persönlichen Notiz für eine Lesung einiger seiner Gedichte im Süddeutschen Rundfunk:

So nötig eine solche Bemühung wäre und so sehr mein Leben unter solchen Erfahrungen steht, scheint mir inzwischen eine ,lyrische Aufarbeitung‘ unmöglich. Es bleibt bei gelegentlichen Hervorbringungen, die von der Erinnerung genährt sind, von der unlösbaren Verwurzelung in einer Landschaft, die mit allem Recht verloren ist.

Damit war zugleich die geheime Tragik, die fast immer sorgsam verdeckte Lebenswunde Bobrowskis bezeichnet. Hellste Einsicht in den schuldhaften Verlust der Heimat und eine so „unlösbare Verwurzelung“ in ihr, daß er noch 1958 schrieb, er werde „hier in Berlin… nicht anwurzeln“ – das war der leidvoll produktive Widerspruch, aus dem seine Dichtung und seine Melancholie flossen.
Im Mai 1960 erklärte Bobrowski gegenüber seinem Stuttgarter Lektor Felix Berner:

Als Anordnungsschema ist der ,Divan‘ freilich nicht durchzuhalten. Ich schaffe es nicht; Dank würde ich mir außerdem kaum damit verdienen. Bei allen Beteiligten nicht.

Das meinte offensichtlich beide deutsche Staaten. Schon 1952 hatte der Verfasser der „Pruzzischen Elegie“ befürchtet, daß seine alte, seit der Knabenzeit genährte „Erbitterung“ über den Deutschen Ritterorden „heute hüben und drüben unpopulär sein dürfte“ (an H. Ricke). Diese Befürchtung galt nun dem sarmatischen Projekt insgesamt und wurde gerade in dem Moment laut, als die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart im Begriff war, den ersten Gedichtband unter Vertrag zu nehmen. Gleichzeitig löste der Vertragsabschluß jedoch einen solchen schöpferischen Impetus aus, daß mehr als Dreiviertel der Gedichte des zweiten Bandes erst danach innerhalb eines Jahres entstanden. Vermutlich erst im Zusammenhang mit ihnen entwickelte sich Bobrowskis weitergreifende Überzeugung, am Beispiel der sarmatischen Welt das Zuendegehen eines ganzen Menschheitszeitalters zu erfassen, das der Seßhaftigkeit, der Bindung an den Boden, das im Neolithikum begonnen hatte, damit auch von Vorstellungen wie Heimat und Nationalbewußtsein. Als ein schon „nicht mehr Dazugehöriger“ (freilich innerlich dort unwiderrufbar Lebender) „noch einmal gültig darstellen, ehe es ganz vergangen ist“, wie es in der Notiz für eine Lesung Anfang 1963 heißt, auch das war eine eher melancholische Aufgabe.
Bis zum Erscheinen der Sarmatischen Zeit 1961 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart und noch im selben Jahr im Union Verlag Berlin war es ein langer und schwieriger Weg. Auf erste Gedichte, die Bobrowski 1954 Hans Bender für die Münchener Zeitschrift Akzente anbot, erhielt er eine Absage, weil er sich unklugerweise auf Ina Seidel und die Gedichte im Inneren Reich berufen hatte. Dagegen ließ Peter Huchel in der von ihm redigierten Berliner Zeitschrift Sinn und Form im September 1955 von fünfzehn eingesandten Gedichten fünf abdrucken und gab auch seiner kleinen Auswahl von Lyrik aus der DDR für Rudolf Ibels Hamburger Jahrbuch zeitgenössischer Lyrik (1956) fünf Gedichte Bobrowskis mit. Das führte zu erster Beachtung und Hochschätzung und in den nächsten Jahren zu weiteren Gedichten in Sinn und Form, im Eckart (mit der gewichtigen ersten Würdigung durch den niederländischen Germanisten Ad den Besten) und anderswo. Aber ein Gedichtband schien vorerst dennoch in beiden deutschen Staaten nicht möglich zu sein. Die Gefahr drohte, daß der sarmatische Dichter ein Geheimtip für Lyrikspezialisten blieb. Darunter hat Bobrowski bis zur zeitweilig völligen Resignation gelitten. Die Wende vom Frühjahr 1960 hatte er Christoph Meckel und vor allem Joachim Moras, dem Mitherausgeber des Stuttgarter Merkur und Jahresring, zu danken. Als die Sarmatische Zeit erschien, waren seit der ersten Veröffentlichung im Inneren Reich siebzehn Jahre vergangen.
Mit ihrer Einbeziehung des eigenen Ichs in die deutschen Untaten an den Völkern des Ostens im Zweiten Weltkrieg, mit ihrer fast völligen Zurücknahme der „Heimat“-Vokabel war Bobrowskis sarmatische Lyrik weder für Revanchisten noch für solche Politiker und Ideologen brauchbar, die dieses Kapitel deutscher Geschichte am liebsten verdrängten oder totschwiegen, die glaubten, es damit schon „erledigt“ oder „bewältigt“ zu haben. Diese Lyrik, die in kaum gekannte räumliche und zeitliche Fernen führte, in deren Landschaften dicht neben den Spuren der deutschen Verbrechen noch Mythos und Geschichte magisch fortexistierten, in der alles Land zunehmend „Schattenland“ wurde, entbehrte der unmittelbaren allgemeinen Aktualität und damit jedes vordergründigen stofflichen Interesses. Ihre eigentlich aktuellen moralischen Implikationen treten in Gedichten wie „Die Spur im Sand“ und „Kaunas 1941“ im ersten, weit zahlreicher im zweiten Gedichtband „Holunderblüte“, „Gedenkblatt“, „Kathedrale 1941“, „Dorfkirche 1942“, „Bericht“, die Porträts der drei jüdischen Dichterinnen u.a.) zwar deutlich, doch nie sententiös oder plakativ hervor, jedenfalls nicht in den Versen, die Bobrowski selbst veröffentlichte. In anderen Gedichten verbergen sie sich hinter rätselhaften Bildern. Auch diese Welt aus schmerzhafter Erinnerung und rigoroser Moralität, die fast stets nur sehr vermittelt in die Gegenwart reicht, muß noch als – freilich ungewöhnlich weitführende – Metamorphose der poetischen Innerlichkeit von Bobrowskis Jugendjahren gelten. Auch diese völlig transformierte Innerlichkeit war noch eine Burg, in der er sich gegen irritierende Tagesansprüche von außen allmählich immer sicherer behauptete. So nimmt es nicht wunder, daß die sarmatischen Gedichte der späten fünfziger Jahre auf subtile Art zugleich die ganz persönliche Lebens- und Schaffensproblematik ihres Autors spiegeln, der, wie es lange schien, zu Erfolglosigkeit verdammt war, der sich durch Kunstpolitik und Kunstforderungen des Staates, in dem er lebte, in die Isolation gedrängt fühlte. Diese Problematik, die in den Gedichten überwiegend indirekt oder chiffriert ausgetragen wird, gibt ihnen eine ganz individuelle, eher verschlüsselte Aktualität mit. Von ihr erhalten die Porträtgedichte eine Rechtfertigung, die sich mit ihrer grundsätzlichen Funktion im „sarmatischen Divan“ eng verknüpft.
Auf die Burg der Innerlichkeit, zu deren Fundamenten unverändert Hölderlin und Eichendorff gehörten, wies es noch immer, wenn Bobrowski im Oktober 1959 erklärte, er werde sich „nicht auf ostdeutsch firmieren lassen, so wenig wie auf ,heimlich westdeutsch‘. Entweder ich mache deutsche Gedichte oder ich lerne Polnisch“ (an P. Jokostra). Das mochte eine Illusion sein, aber es war eine Intention. In dem Vortrag über Lyrik der DDR vom April 1960 vor jungen evangelischen Buchhändlern bekannte er schlicht, daß er „eine deutliche Zweiteilung der neueren deutschen Literatur, die sich aus ersichtlichen Gründen natürlich abzeichnet, nicht gern wahrhaben möchte“. So durfte am ehesten sprechen, wer sich so tief in der Tradition verwurzelt wußte wie dieser Dichter. Lyrik, die aus solcher Position und Haltung erwuchs, mußte es schwer haben.
Schwer hatte sie es auch durch ihre vielberufene ,Dunkelheit‘. Die sarmatische Thematik und ihre Moralität, womit Bobrowski – nach dem Vorbild Klopstocks – bei aller Resignation doch Wirkungs-, ja Aufklärungsabsichten verband, fügte er in Verse mit Hilfe einer magischen Sprach- und Dichtungsauffassung, die solchen Intentionen eher entgegengesetzt war. Im Grundsätzlichen kam sie von Hamann her, poetisch-technisch und stilistisch vor allem von der Dichtung des französischen Symbolismus und von der in ganz Europa breitfließenden nachsymbolistischen Tradition, deren kritisch-produktive Aufarbeitung in Deutschland durch den Faschismus abgebrochen worden war. Die Gedichte ihres größten älteren deutschen Vertreters, Georg Trakl, hatte Bobrowski spätestens 1940 kennengelernt. Ein deutlicher Nachhall davon geht durch seine Lyrik bis zuletzt, ähnlich wie das Echo Hölderlins. In den fünfziger Jahren las er große Teile der außerdeutschen, vorwiegend symbolistisch geprägten ,Moderne‘, dazu Hugo Friedrichs Buch Die Struktur der modernen Lyrik (1956). Ihr fehlendes Echo in der DDR beklagte er in dem genannten Vortrag von 1960.
Die ,Dunkelheit‘, den Beziehungsreichtum, die Vieldeutigkeit symbolistischer Bilder, Sprachfiguren und syntaktischer Strukturen stellte Bobrowski, auf die Faszinations- und Wirkkraft gerade des Unvertrauten und damit auf die dem Leser zugemutete produktive Anstrengung bauend, fast trotzig in den Dienst seiner auf Kenntnisvermittlung und kritisches Nachdenken ausgehenden sarmatischen Poesie. Wenn die Sprache der Natur in den Gedichten ab etwa 1960 zunehmend zu einer ,Zeichen‘-Sprache und die sarmatische Welt allmählich zum Substrat des „Eigentlichen“ – reduziert wurde, so nahm auch dies eine alte, besonders durch Hamann vermittelte Tradition auf, die erst recht die Verarbeitung symbolistischer Stilelemente nahelegte. So erwuchs der einmalige Gedichttypus Bobrowskis aus der souverän-schöpferischen Verbindung der freigesetzten Elemente der klassischen Ode mit denen des symbolistischen Gedichts. Sie stellte ihn in eine subtile Spannung von Tradition und Moderne, die ebenso vorm Abgleiten in die Idylle wie vorm selbstherrlichen Sprachexperiment bewahrte. Daraus entstand, was Bobrowski 1964 „das mehr summierende oder mehr grundsätzliche Gedicht, wie ich es auffasse“, nannte. Schon im Mai 1958 hatte er es als „ein sehr komplexes Gebilde“ bezeichnet (an Ad den Besten) und im März 1959 erklärt, der Vers werde „wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel… werden müssen“ (an P. Jokostra); in der Rede vor der Berliner Evangelischen Akademie von 1962 schließlich sprach er von „einer heimlichen Neigung zum Hermetismus“. Im vollen Wortsinn „bedenklich“, wie es in dem Gedicht „Immer zu benennen“ heißt, ist ihm solches Dichten wohl stets geblieben. Doch schon als er den Typus des im engeren Sinn historischen oder Geschichtsgedichts, wie er ihn 1955/56 entwickelt hatte, wieder fallen ließ und keines dieser Gedichte in Druck gab, verzichtete er damit auf Poesie von vordergründiger, bloß gegenstandsbedingter Wirkung. Das Gedicht sollte wirken, aber nicht anders als über und durch seine „sehr komplexe“, magisch-evokative Kunstgestalt. Davon hat Bobrowski öffentlich kaum gesprochen, da war es ihm wichtiger, in seinem Engagement verstanden zu werden und sich damit zugleich den nötigen Freiraum für seine „Schreiberei“ zu sichern. Die Gedichte selbst beweisen den äußersten, in das Engagement eingebundenen Kunstwillen unübersehbar. Daraus entstand eine der großen und eigentümlichsten Leistungen der deutschen Lyrik der Nachkriegszeit.

III.
Diese Leistung kam – das ist kaum weniger erstaunlich als sie selbst – in keiner äußeren Isolierung, sondern inmitten und an den Rändern eines vollen ,werktätigen‘ Lebens zustande. Täglich fuhr Bobrowski von Friedrichshagen mit der S-Bahn in das Zentrum von Berlin zur Arbeit (viele Gedichte schrieb er während der reichlich halbstündigen Bahnfahrt). Nach achteinhalb Jahren Tätigkeit als Cheflektor in Lucie Groszers Altberliner Verlag wechselte er im September 1959 als Lektor für Belletristik in den Union Verlag (VOB) Berlin, den Buch-Verlag der CDU, über – der für ihn als Autor wenige Jahre später der wichtigste Verlag werden sollte. Hier konnte er mit vielseitigeren Aufgaben rechnen; auch brauchte er für die inzwischen vierköpfige Familie das höhere Gehalt. Was Bobrowski und der Union Verlag voneinander erwarten durften, ließ gleich der erste Auftrag, ein Werbetext für Konrad Onaschs monumentalen Bild- Text-Band „Ikonen“, erkennen. Er führte mitten in die sarmatische Welt.
So sehr die Verlagsarbeit ihm im Lauf der wenigen verbleibenden Jahre als solche, aber auch durch Krankheiten und durch die zahlreichen Verpflichtungen, die sich allmählich aus den schriftstellerischen Erfolgen ergaben, immer mehr zur Last wurde, so entschieden hat Bobrowski diese Last nie abzuschütteln versucht. Der Grund lag in dem anderen Pol seiner Existenz, in seiner Familie. Sie war ihm heilig, für sie hatte er zu sorgen, in ihr lebte er geradezu patriarchalisch, sie war ihm die ganz reale Burg, in die er nur Freunde, nicht Beruf und Öffentlichkeit hereinließ. Noch im November 1963 schrieb er einem Maler nach Dresden:

Ich bin ein Hyperboräer mit sehr einfachen Ansichten, ich muß eine tägliche Arbeit haben, sonst könnte ich gar nicht schreiben. Vielleicht liegt es nur daran, daß ich mich für 4 Menschen, und eigentlich sind es noch ein paar mehr, verantwortlich fühle. Das ist auf die Dauer vielleicht mein Tod, auf jeden Fall aber ist es mein Leben. Und ich würde eher das Schreiben aufgeben als diese Verantwortung. Ich halte nichts davon, das Genie mit dem Unglück anderer Menschen zu mästen… (an Winfried Dierske).

Diese täglich gelebte Verantwortung und Verpflichtung für Frau und zuletzt vier Kinder gaben Bobrowskis Existenz den sicheren Halt und die feste Ordnung, ohne die das dichterische Werk der Berliner Jahre so kaum entstanden wäre; sie hielten die destruktiven Neigungen nieder, die er in sich verborgen wußte und die er gelegentlich im Gespräch angedeutet hat. Dazu kam das unveränderte innere Wohnen in der verlorenen Kindheits- und Jugendwelt. Gegen das Gift der Trauer und Sehnsucht war ihm seine Frau der wirksamste Schutz. In ihr hatte er, wie er oft sagte, die Heimat unmittelbar bei sich und insofern es gut: „Liebste, du bleibst noch – so / sehn ich mich nicht“ („Die Daubas“). Sie ist in dem kleinen Prosastück „Das Käuzchen“ angesprochen, darin die Welt von einst in ihrer inneren Gegenwart als „Ort, wo wir leben“, mit großer Gefaßtheit und Klarheit einbekannt wird.
Was Familie, Beruf und das erwartete und zunehmend bewiesene Engagement in der Gesellschaft zuallerletzt zusammenhielt, war Bobrowskis Christentum. Es war, wie schon angedeutet wurde, ein elementarer evangelischer Glaube, den er untertreibend „einen schlichten Köhlerglauben“ nannte, der zugleich von der lebenszugewandten mystischen Frömmigkeit des Thomas a Kempis geprägt wurde, dessen Nachfolge Christi Bobrowski im lateinischen Originaltext ständig bei sich trug. Ihn praktizierte er persönlich, in der Familie, in der Gemeinde (hier auch als Sänger im Kirchenchor) mit großer Selbstverständlichkeit und ohne jede Scheu. Er wurde ihm zunehmend auch zur Legitimation seiner Tätigkeit in der Gesellschaft. 1960 trat er in die Christlich-Demokratische Union ein. 1963 erklärte er in seinem Diskussionsbeitrag auf der Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der CDU mit Kulturschaffenden in Weimar im Blick auf die westdeutschen Schriftsteller:

Aber ich denke auch nicht, daß ich mich als Christ auf das Gespräch mit Christen zu beschränken hätte. Unsere Vorstellung von christlicher Lebensführung basiert gerade darauf, daß wir nicht eine verborgene Sekte sind, sondern in der Gesellschaft zu stehen haben.

Das war gesagt von „der Position eines bewußten Bürgers unserer Republik, der Position eines Sozialisten“ (wie es an gleicher Stelle hieß). In solchem Engagement für die Belange der Gesellschaft aus christlichem Glauben war ihm die auf die volle Lebensbreite gerichtete Glaubenspraxis Hamanns offenbar das entscheidende Vorbild. Die christliche Motivation ermöglichte ihm das grundsätzliche Ja zum Sozialismus auch da, wo der sozialistische Alltag sich noch mangelhaft ausnahm und mit unabgegoltenen Forderungen belastet blieb. Am stärksten setzte er sich dort ein, wo er, wie mit der Rede 1963 in Weimar, hoffen konnte, Gespräche zu bewirken oder zu unterstützen, so zuletzt noch bei der Vorbereitung des Internationalen Schriftstellertreffens in Berlin und Weimar im Juni 1965. Darin sah er sich durch Martin Buber bestärkt, der anläßlich der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1953 das Gespräch zur Kardinalforderung der Zeit erhoben hatte. Diese Rede liegt in Bobrowskis Handschrift in seinem Exemplar von Bubers Erzählungen der Chassidim, das er seit 1956 besaß. Es weist auf die weltbejahende demütige Frömmigkeit des Chassidismus, die in der Frömmigkeit des Protestanten als Ferment mitzudenken bleibt. Sie steht in enger Verbindung mit seiner unbegrenzten Hochschätzung alles Jüdischen überhaupt, die auf die Erfahrungen in den Jahren des Faschismus zurückgeht und die ihn im Februar 1959, in Anlehnung an ein Briefwort Hamanns, schreiben ließ:

Jeder Jude ist mir das unbegreifliche Wunder, ohne das ich nicht leben kann (an P. Jokostra).

In derselben Rede von 1963, in der Johannes Bobrowski von sich „als Christ“ sprach, erklärte er unmittelbar zuvor, daß seine eigene literarische Arbeit „nur sehr bedingt“ das Etikett „christlich“ vertrage. Christliche und im weiteren Sinn religiöse Motive und Themen finden sich bei ihm zahlreich, und von der Sprach- und Bilderwelt der Lutherbibel sind verborgener die Gedichte, offener und reicher die Erzählungen und Romane mitgeprägt. Doch „christliche Dichtung“ im herkömmlichen Sinne (etwa R.A. Schröders, Gertrud von le Forts oder Jochen Kleppers) entstand daraus nicht. Als ethische Orientierung, als wichtiges Bauelement des Weltbildes ging Biblisches, Christliches nachhaltig in Vers und Prosa ein, ohne daß dadurch ein sicheres Bekennen oder Haben des Glaubens ablesbar ist. Wo in der Lyrik Glaube formuliert wird, geschieht es entweder mittelbar wie in den Personengedichten, als der Glaube Buxtehudes oder Hamanns, oder in dem Gedicht „Der Wachtelschlag“ mit alten Volksliedworten und nach der Erinnerung heidnisch-mythischer Bilder im Konditional, oder betont mit der Glaubenszunge der Ostkirche in dem Gedicht „Ostern“, das im „Sarmatischen Divan“ nicht fehlen durfte, oder in der völligen Unsicherheit einer nur angenommenen Bedingung in „Immer zu benennen“. Allein in den späten Versen „Wenn verlassen sind“ hört das Ich die unbezeichnete Stimme aus dem Dornbusch unmittelbar, doch vorausgesetzt ist sein geradezu heidnisch-irdisch erfahrenes Totsein. So ist von Gott bei aller Eindringlichkeit nur indirekt, gebrochen oder ungewiß die Rede. Dahinter steht Bobrowskis Überzeugung, daß die Grundtatsache des christlichen Glaubens – Christus –, eben weil sie schlechthin ,bedeutet‘, „nicht zum Material für Dichtung“ benutzt werden kann (so im Lyrikvortrag von 1960). Die Strenge seines Christusglaubens, die sich bis in den Tod bewährte, stand seinem autonom-kreativen Dichtungsverständnis ebensowenig im Wege wie seinen Annäherungen an das materialistische Geschichtsbild in der Prosa. Der Enkelerzähler in Levins Mühle spricht ein einziges Mal persönlich, doch fast wie beiläufig von Gott, als er am Ende die menschlich-moralische Summe zieht, die macht, daß die Lieder Weiszmantels fröhlicher geworden sind. Solche Haltung, solches ,weltliche Reden von Gott‘ als sparsames oder aussparendes Reden erinnert nachdrücklich an den Theologen Dietrich Bonhoeffer. Bobrowskis Geburtstag am 9. April fiel mit dem Tag der Ermordung Bonhoeffers (9. April 1945 im KZ Flossenbürg) zusammen; deshalb konnte er den Tag, wie überliefert ist, nie mit Freude feiern.

Zur Wirklichkeit von Bobrowskis Berliner Jahren gehörte auch die seit der ersten Gedichtpublikation von 1955 allmählich wachsende Anerkennung und Freundschaft namhafter Zeitgenossen, allen voran die von Peter Huchel, später auch von Erich Arendt, dazu die zurückhaltende Hochschätzung und Sympathie von Stephan Hermlin. Die Freundschaft der Schriftstellerin Edith Klatt ließ ihn fast jeden Sommer einige Tage in deren Holzhaus in Prerow an der Ostsee zubringen; da wurden die litauisch-russischen Erlebnisse in solchen Häusern wieder wach. In der Zeit des verzweifelten Ringens um die Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes war ihm Peter Jokostra, der mit den eigenen Gedichten rasch ins Kreuzfeuer der Kritik geriet und 1958 die DDR verließ, vorübergehend der wichtigste Briefpartner. Mit ihm führte er auch das große kritische Briefgespräch über Paul Celan, von dem Erich Arendt 1959 aus Paris unerwartet Grüße und seine Mandelstam-Übersetzung mitbrachte. Bewunderung und schroffste Ablehnung mischten sich in Bobrowskis Urteil auf schwierige Art (nur der Jude Celan fand seine uneingeschränkte Hochachtung). Die Verse „Ein Wort – du weißt / eine Leiche“ aus dem Gedichtband Von Schwelle zu Schwelle lösten seinen heftigen Widerspruch aus, der Celans völlig andersartigen Intentionen nicht gerecht werden konnte („wer das sagt und auch nur einen Satz nachfolgen läßt, treibt Reliquienkult“). So mußte reagieren, wer noch ein „ungebrochnes Vertrauen zur Wirksamkeit… des VERSES“ besaß, wie Bobrowski im nächsten Satz schrieb.
In den beiden Initiatoren der Kreuzberger Hinterhofgalerie zinke, Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell, fand Bobrowski 1959 neue Freunde, in denen sich seine sinnliche Lebensbreite kraftvoll spiegeln konnte. Zwei Jahre später, im April 1961, in der kritischen Situation der überschrittenen Lebenshöhe, als er „bedenkenlos durch Jahre geschleppte Freundschaften“ beendete, zählte er die mit dem um elf Jahre jüngeren Fuchs zu den drei „bewährten“; die beiden andern galten dem um zwei Jahre älteren Max Hölzer und dem um achtzehn Jahre jüngeren Christoph Meckel (an M. Hölzer), die Bobrowski 1959 und 1960 kennenlernte. Schnell nannte in einer Besprechung der sarmatischen Gedichte ihren Autor „den nahen und so fernen Freund, den Altersgenossen, Zechbruder, Gesprächspartner und bewunderten Schreiber“, dessen Augen „einen ansehen braun, dunkel, fragend und zu jeder herzlichen Hinneigung bereit“. Sein Talent zu bald humordurchtränkter, bald nachdenklicher, stets trinkfester und sehr menschlicher Geselligkeit – daheim zwischen Kachelofen und Clavichord oder in der Eckkneipe am Biertisch – ist damals und noch lange nach seinem Tod viel gerühmt worden. Wenn er ins Erzählen derber ostpreußischer Anekdoten geriet, so glaubte man (wenigstens im nachhinein) den Erzähler seiner Geschichten und Romane vernommen zu haben. Daran ließ er nicht nur die Freunde, sondern jeden teilnehmen, der sich in einfacher Menschlichkeit hinzugesellte.
Im Juni 1959 nahm Bobrowski erstmals an der jährlichen Schriftstellertagung der Evangelischen Akademie von Berlin-Brandenburg in Berlin-Weißensee (zur Dichtung russischer Sprache im 20. Jahrhundert) teil; der Vortrag eigener Gedichte in der abschließenden Autorenlesung war die erste seiner später zahlreichen öffentlichen Lesungen. Im November 1960 folgte die Lesung auf der Aschaffenburger Tagung der Gruppe 47, wozu die Einladung durch Hans Werner Richter auf Vorschlag Walter Höllerers ergangen war. Seitdem war Bobrowski mit einigen Autoren der Gruppe 47 näher bekannt oder befreundet, mit Ingeborg Bachmann und Elisabeth Borchers, mit Enzensberger, Fried, Grass und Höllerer, später auch mit Hubert Fichte und dem in Finnland lebenden Manfred Peter Hein. Bis Sommer 1961 sah er manche entweder in Westberlin wieder, oder sie besuchten ihn in Friedrichshagen. Dann trennte die Errichtung der Grenzsicherung in der Stadt die Freunde und erlaubte nur selten ein Wiedersehen. Doch gleichzeitig wurde Bobrowski durch Lesungen in Westberlin und der Bundesrepublik fast zu einer Gallionsfigur der auf ein besseres wechselseitiges Verstehen gerichteten Kulturbestrebungen der DDR in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Nach Friedrichshagen kamen umgekehrt viele junge ratsuchende Autoren, die sich fast alle, mit sehr unterschiedlichem Recht, seine Freunde nannten und die fast legendäre Gastfreundschaft auch dann noch genossen, als sie schon längst über Bobrowskis Kräfte ging. 1962 wurde, mehr Scherz als Ernst und doch eine Freundesrunde, der (neue) Friedrichshagener Dichterkreis mit Bobrowski und Manfred Bieler, Fuchs, Schnell, Lothar Kusche und Klaus Wagenbach gegründet. Noch in solchem Scherz bekundete sich Bobrowskis altes Bedürfnis nach – und sei es ironischer – Anknüpfung an ehrwürdige Traditionen.
Eben dieses Bedürfnis ließ als betont gesellige Poesie auch die „Ganz neuen Xenien“ entstehen, die in Gestalt von Doppeldistichen (heimlicher Triumph über die vorwiegend einfachen Distichen der „Xenien“ Goethes und Schillers) das damalige „Literarische Klima“ in Ost und West bald freundlich-, bald bissig-satirisch aufs Korn nehmen, doch ebenso sehr persönliche Bekenntnisse vortragen. Auch die Epigramme Bobrowskis gehen wie die Oden, nur spärlicher, bis in die Kriegszeit zurück und verbinden so die Intentionen der letzten Jahre mit den Versuchen des jungen Soldaten am Ilmensee.

IV.
An den Schluß des ersten Gedichtbandes stellte Bobrowski das Gedicht „Absage“ vom März 1959. So gewiß es auch eine Absage an jede elementare Utopie meinte („aus Blut die Lockung / der schöne Mensch“) und im Rückzug auf das Ich Gegenwart nur als Fortwirken des Vergangenen anerkannte („Neues hat nie begonnen“), so eindeutig verstand er die Verse als Gegentext zu dem Eingangsgedicht „Anruf“. Schon eine Woche nach der Niederschrift hieß es dazu:

Ich wollte mein Thema (Osten usw.) abgeschlossen haben. Dazu das beiliegende Gedicht. Aber es wird natürlich anders. Es ist noch viel zu viel zu sagen (an P. Jokostra).

Es folgten die „gelegentlichen Hervorbringungen“, die zwar nicht mehr den Großplan realisieren sollten, aber vorerst in der Spur seiner Intention blieben. Statt des einen großen Gedichtbuchs entstanden zwei kleine Bände, die Bobrowski im engsten Zusammenhang sah und auf deren Erscheinen dicht nacheinander er deshalb drängen mußte; das Kriegs- und Schuldthema trat erst im zweiten Band deutlicher hervor. Nur beide zusammen konnten die ursprüngliche Idee einigermaßen sichtbar machen. Die erst spät gefundene „Schattenland“-Vokabel des Titels für den zweiten Gedichtband wies mit ihrer Anknüpfung an die antike Vorstellung vom Schattenland der Toten ebenso auf die scheinhaft-geisterhafte Fortexistenz der sarmatischen Welt in den Versen des sarmatischen Dichters wie auf die reale Unermeßlichkeit von Schuld und Tod, die durch die Deutschen in diese Welt gekommen war.
Mit dem zweiten Gedichtband erklärte Bobrowski im Juli 1961 die „Bestandsaufnahme“ seiner „östlichen Vergangenheit“ für abgeschlossen.
(…)

Eberhard Haufe, Vorwort

 

Editorische Nachbemerkung

Der zweite Band der Gesammelten Werke von Johannes Bobrowski enthält den reichen lyrischen Nachlaß aus den Jahren 1935 bis 1965 in chronologischer Abfolge der Texte. Seine umfassende Darbietung leitet ihre Rechtfertigung vom grundsätzlichen Rang des Dichters als Lyriker ab. Besonders zahlreich sind die von Bobrowski sorgfältig aufbewahrten frühen Gedichte bis 1952. Für seine Entwicklung sind sie ebenso aufschlußreich wie für den allgemeinen Gang der deutschsprachigen Lyrik jener Jahre. Auch entstanden nicht wenige der späteren Gedichte in deutlichem thematisch-motivischem Bezug zu frühen Versen.
Soweit Bobrowski die frühen Gedichte zu Anfang der fünfziger Jahre in fünf Reinschriftmappen zusammenfaßte, sind sie in diesen Band vollständig aufgenommen, nur daß die beiden letzten Mappen mit Gedichten von 1950 bis 1954 aufgelöst und die Texte mit den übrigen der Zeit in eine durchgängige chronologische Folge gebracht wurden, allerdings mit dem notwendig scharf zu markierenden Einschnitt vom März 1952, als mit dem Gedicht „Städte sah ich im stäubenden / Wind“ erstmals der ganz eigene Sprachton gefunden war. Aus den übrigen frühen Gedichten bis 1944 traf der Herausgeber eine ergänzende Auswahl und stellte sie den drei Reinschriftsammlungen der Jahre 1941 bis 1948 voran.
Ab 1950 sind alle im Nachlaß erhaltenen ungedruckten Gedichte aufgenommen. Unberücksichtigt blieben nur, mit wenigen Ausnahmen, ältere Fassungen, einschließlich derjenigen von solchen Gedichten, die Bobrowski selbst veröffentlichte; sie werden in dem Kommentarband zur Lyrik mitgeteilt. Eine größere Zahl von Gedichten ist nur in den Händen von Verwandten und von Freunden erhalten, also von Bobrowski selbst offenbar vernichtet worden. Davon sind die wichtigeren Texte mit entsprechender Kennzeichnung (im Inhaltsverzeichnis) in die Abfolge der eigentlichen Nachlaßtexte eingereiht worden, nicht zuletzt, um ihrer – in Einzelfällen schon erfolgten – anderweitigen Veröffentlichung zu begegnen. Die Nachlaßteilpublikation Im Windgesträuch (1970, 1977), die sechzig Gedichte aus den Jahren 1953 bis 1964 enthielt, war selbstredend wieder aufzulösen.
Die chronologische Anordnung war nur möglich, weil Bobrowski die meisten Gedichte seit 1945, Manuskripte wie Typoskripte, handschriftlich datierte. Eine Reihe fehlender Daten konnte aus Briefen ermittelt werden. Wo im Inhaltsverzeichnis dem Titel kein Datum folgt, ist doch die ungefähre zeitliche Einordnung der Gedichte durch die Überlieferung oder durch biographisch-werkgeschichtliche Zusammenhänge so gut wie gesichert. Über die Textvorlagen im einzelnen gibt der Kommentarband zur Lyrik Auskunft.
Um die Nachlaßgedichte von den Gedichten in Band I typographisch deutlich abzuheben und zugleich den Band nicht zu stark werden zu lassen, werden die Texte angehängt dargeboten. Ergänzungen des Herausgebers stehen in Spitzwinkelklammern. Wenige eindeutige Schreibversehen Bobrowskis sind stillschweigend korrigiert worden.

Eberhard Haufe, Nachwort

 

Versuch in deutschen Gedichten

– Gespräch mit Unionsfreund Dr. Eberhard Haufe über zu erwartende Publikationen, darunter die Bobrowski-Gesamtausgabe im Union-Verlag. –

Moralisch-politisches Engagement war, wie verschieden auch immer sichtbar, der eigentliche und unerschöpfliche Nährboden seines Dichtens. Für seine Lyrik fand Bobrowski die bescheiden große Formel vom redlichen „Versuch in deutschen Gedichten“. Das war, wie so vieles in seinem Werk, geheimes Zitat, mit dem er sich wieder und wieder, demütig und stolz zugleich, in ehrwürdige Tradition stellte. ,Teutsche Poemata‘ oder ,Deutsche Gedichte‘ hatten nicht wenige Gedichtbücher des 17. Jahrhunderts geheißen, bei Opitz, Gryphius, Fleming und anderen.

Diese Sätze hat Eberhard Haufe 1974 in einem essayistischen Nachwort zu dem Insel-Bändchen mit Gedichten von Johannes Bobrowski geschrieben. Und er wies zugleich auf den „bedenklichen“ (von Bobrowski immer bedachten) Unterschied der Dichtung des 17. und 20. Jahrhunderts: „Da“ (im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges) „hatte das Attribut noch keinen nationalistischen Klang“, strebte nach „Würde und Ausdruckskraft“ der deutschen Sprache im Gegensatz zum noch üblichen Latein in der Dichtung. Nun, nach faschistischem Mißbrauch „verwahrlost und entwertet“, bedurfte der Gebrauch der deutschen Sprache absoluter „Redlichkeit und Bewußtseinshelle“. Hier Genanntes und Zitiertes macht die Beschäftigung Eberhard Haufes mit Werk und Bekenntnis Bobrowskis, aber auch mit der deutschen barocken Lyrik schon vor zehn Jahren deutlich. Es ist also kein Zufall, daß nun innerhalb eines kurzen Zeitraumes entsprechende, von Eberhard Haufe betreute Publikationen in Aussicht gestellt sind.
Noch einmal sei an Bobrowskis „Poetologisches Bekenntnis“ von 1961 erinnert. Es war dies das Sich-Bekennen zu einer Geschichte von Unglück, und Verschuldung, „die meinem Volk zu Buch steht… Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten“ (so Bobrowski).
„Die Redlichkeit dieses Wagnisses“… (deutsche Sprache neu zu gebrauchen) „ließ noch auf vieles hoffen. Nicht zuletzt hält sie bis heute den Schmerz um das frühe Ende dieses lauteren Dichters wach.“ Im Alter von 48 Jahren starb Johannes Bobrowski 1965 und hinterließ ein relativ schmales Werk. Mit der Klage um den frühen Tod formulierte Eberhard Haufe zugleich den Gewinn für die deutsche Gegenwartsdichtung. In einem Gedenkartikel vor fünf Jahren (im Thüringer Tageblatt) nannte er Bobrowski „einen der sprachmächtigsten Poeten“. Schon lesen wir das Werk des Dichters anders.

Und wo es uns noch ,dunkel‘ erscheint, spüren wir doch viel sicherer, daß jede weitere Anstrengung von Verstand, Phantasie und Wissen uns zu neuen Aufschlüssen verhelfen wird.

Eberhard Haufe hat schon, als Bobrowski Lektor im Union Verlag Berlin war und mit den ersten Arbeiten in die Öffentlichkeit trat, durch Veröffentlichungen auf ihn gewiesen. Seit dessen Tod hat er sich um Werk und Nachlaß bemüht, bemüht auch, uns den Unkundigeren den Reichtum und die unvergleichliche Schönheit dieser ästhetisch und moralisch anspruchsvollen dichterischen Aussage nahezubringen.
(…)
Noch dichter an Werk und Persönlichkeit Bobrowskis wird eine Gesamtausgabe führen, die der Union Verlag Berlin für das Jahr des 70. Geburtstages, 1987 in Aussicht stellt. Auch diese mit großem Interesse erwartete Ausgabe wird von Unionsfreund Eberhard Haufe herausgegeben. Sie soll alle bisher veröffentlichten Arbeiten, dazu einen Großteil der in Nachlaß enthaltenen, noch unveröffentlichten Äußerungen des Dichters enthalten und in vier Werkbänden untergebracht werden. Dazu sind außerdem Kommentarbände zu Lyrik und Prosa von Eberhard Haufe in Aussicht gestellt. Im ersten Band findet der Leser alle bisher veröffentlichten (oder vom Autor für Veröffentlichungen vorgesehenen) Gedichte, die erstmals in Samartische Zeit (1961 Schattenland Ströme (1962) und Wetterzeichen (1966) im Union Verlag erschienen sind. Der zweite Band mit Gedichten aus dem Nachlaß verspricht, ein umfangreiches Buch zu werden, Texte, von 1935 bis 1944 in Auswahl, von 1941 bis 1948 und 1950 bis 1952 vollständig, geben Aufschlüsse über die Entwicklung des Dichters, und die aus der Zeit zwischen 1952 bis 1965 zeugen von der schönen und starken Sprache, zu der er dann gefunden hat.
Der dritte Band soll die beiden Romane, Lewins Mühle (erstmals 1964 erschienen) und Litauische Claviere (erstmals 1966) vereinen und der vierte Band die in Boehlendorff und Mäusefest (zuerst 1965) und Der Mahner (1967) enthaltenen Erzählungen, nun aber die beiden ersten Sammlungen aufgelöst und chronologisch neu zusammengestellt. Außerdem wird der vierte Band Prosaarbeiten aus dem Nachlaß zugänglich machen, frühe Erzählungen, Skizzen (darunter ein Totentanz von 1977), Entwürfe, den Anfang eines geplanten Romans. Dazu kommen autobiographische Äußerungen, unter ihnen ein in Königsberg veröffentlichter Schulaufsatz, poetologische Äußerungen, Notizen, Vor- und Nachworte, Rezensionen, Stellungnahmen, Vorträge.
(…)

Sabine Neubert, Neue Zeit, 18.5.1985

Eine große schlichte Menschlichkeit

– Zur Bobrowski-Werkausgabe im Union Verlag Berlin. –

Nun liegt sie vor, die seit einiger Zeit vom Union Verlag in Aussicht gestellte Werkausgabe, die alle von Johannes Bobrowski hinterlassenen literarischen Zeugnisse (bis auf die Briefe) enthält, sinnvoll gegliedert und editorisch hervorragend aufbereitet.
Da gibt es zwei Gedichtbände, der erste enthält die bei uns im Union Verlag in den Sammlungen Sarmatische Zeit (1961), Schattenland Ströme (1963) und Wetterzeichen (1966) zusammengefaßten und vorgestellten Gedichte, verstreut veröffentlichte aus den Jahren 1944 bis 1964, die „ganz neuen Xenien, doppelte Ausführung“ mit dem Titel Literarisches Klima (ebenfalls im Union Verlag erschienen) und Nachdichtungen. Der umfangreichere zweite Band stellt Gedichte aus dem Nachlaß jetzt erstmals der Öffentlichkeit vor. Band III vereint die beiden Romane Levins Mühle und Litauische Claviere. Band IV, der umfangreichste – und dies sei im Vorhinein gesagt, hervorragende Quelle zum Verständnis des Menschen Johannes Bobrowski, seiner Persönlichkeit, seiner Werke und des „literarischen Klimas“ im Wandel – enthält die Erzählungen in chronologischer Folge (im Union Verlag in Boehlendorff und Mäusefest, 1965, und in Der Mahner, 1967), Prosaarbeiten aus dem Nachlaß, Autobiographisches, poetologische Texte, Begleittexte, Rezensionen, Vorträge, Interviews, Stellungnahmen.

Editorisches
Das Inhaltsverzeichnis des letzten Bandes gibt Entstehungsdaten und Erstveröffentlichungs- bzw. an. Unter den Vorträgen und Reden sind die beiden bekannten „Benannte Schuld – gebannte Schuld?“, ein Vortrag in der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg (2.12.1962), und „Die Koexistenz und das Gespräch“, eine Rede während einer Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der CDU mit Kulturschaffenden in Weimar (18.6.1963). Vielfach ist die Neue Zeit als Ort der Erstveröffentlichung genannt. Diese Angaben machen unter anderem eine enge Verbundenheit deutlich: die Begleitung des wesentlichsten Abschnittes im literarischen Schaffen Johannes Bobrowskis durch die Publikationsmittel der Christlich-Demokratischen Union. Der Union Verlag kann jetzt dieses große eigenständige Werk vorlegen, das in dieser Zusammenschau erst voll erfaßt wird, das die so oft zitierte „poetologische Begabung“ und zugleich die Integrität einer Persönlichkeit ermessen läßt.
Bevor die Ausgabe gewürdigt wird, möchte man einige Zeilen aus dem häufig genannten und doch immer wieder so wichtigen Gedicht, dem letzten aus der Sammlung Wetterzeichen zitieren.

Das Wort Mensch, als Vokabel
eingeordnet, wohin sie gehört
im Duden:
Zwischen Mensa und Menschengedenken…
Wo Liebe nicht ist,
sprich das Wort nicht aus.

Nach dem Lesen, wieder Lesen, neu Lesen und neu Verstehen blieb das wie ein Substrat vor allem im Gedächtnis (Man muß sich ohnehin in Zucht nehmen, nicht fortwährend Zeilen, Gedichte oder Texte zu wiederholen). Viermal zeigen die Umschlagbilder Bobrowskis Gesicht. Es soll hier keine neuerliche Würdigung der Persönlichkeit des Dichters versucht werden. Vielfach geschieht und geschah dies, und die gut gewählten Klappentexte tun es hervorragend. Nur das: Für mich verbinden sich eben jene Zeilen mit diesem Gesicht.
Eberhard Haufe, dem Herausgeber, sei das Wort gegeben für die Würdigung, die er in der Ausgabe zweimal deutlich ausspricht, am Ende der Einleitung und in der Schlußbemerkung:

Was Johannes Bobrowski außerdem hinterließ, war das Bild eines unvergeßlichen Menschen, in dem sich scheinbar beträchtliche Gegensätze – Lebens- und Selbstbeherrschung bei immer latenter Lebensgefährdung, warme Offenheit für den Nächsten, ein kraftvoller Humor und eine ganz in sich gekehrte Melancholie, Wirklichkeitsbesessenheit, sinnliche Lebensbreite und subtile Gelehrsamkeit, undogmatisches Christentum und kryptisches ,Heidentum‘ – zu einer großen und schlichten Menschlichkeit vereinten. Im Werk ist sie aufbewahrt wie eine Essenz, die, schwer faßbar, doch alles durchdringt, von der jeder Vers und jeder Satz den Geschmack elementarer Wahrhaftigkeit hat.

Und am Schluß dies:

… bis heute fasziniert von der persönlichen Begegnung mit dem Dichter und zutiefst überzeugt vom singulären Rang seines in wenigen Jahren hervorgetretenen Werks…

Das Überraschende der Werkausgabe ist die Fülle der bisher unveröffentlichten Texte: sieht man von den Romanen ab, so nehmen sie etwa 2/3 der bisher veröffentlichten ein. Um so mehr muß die ungeheure Arbeit des Herausgebers gewürdigt werden, die fast zweier Jahrzehnte bedurfte. Während die Veröffentlichung der bekannten Werke weltweit geschah und kaum überschaubare Wirkungen, besonders auf die nachfolgende Lyrik, erzielte, wurde in aller Stille mit dem Durchsehen des Nachlasses der Werdegang des Dichters sichtbar und nun einschaubar. Genannt sei für vieles der titellose Bericht über „Die ersten Jahre der Gefangenschaft“ aus dem Jahre 1950, der die Wandlung von Werten und Wertvorstellungen des jungen Mannes durch die Begegnung mit dem russischen Volk und einer neuen Gesellschaft verdeutlicht und diese klar benennt.
Eberhard Haufe hat alle Texte, die als Manuskripte oder Typoskripte aufbewahrt sind, geordnet, dazu die in verschiedenen Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien gedruckten zusammengestellt. Fast bei allen Texten ist die Datierung möglich gewesen, wo nicht, wird dies in den editorischen Bemerkungen angegeben. Eine 80 Seiten umfassende Einleitung gibt kenntnisreich Auskunft über Leben und Werk Bobrowskis, geht ausführlich auf Einflüsse und Formendes ein. Ein ganz individueller Lebensweg wird sichtbar, christlich-religiöse, geistige, philosophische und literarische Vorbilder werden benannt, besonders aber die aus der östlichen Heimat später erwachsenden großen Themen. Dies überzeugt besonders, weil der Herausgeber immer wieder die Äußerungen des Dichters selbst befragt hat.
Der Leser findet nun Texte und Selbstzeugnisse in der Ausgabe vereint: etwa (Band IV, Seite 488, aus einem Interview)

… ich bekenne mich dazu immer sehr offen: zu meinem Meister – Klopstock… Das ist für mich ein Meister, der, ich bin sicher, in seiner Wirkung in Deutschland alles überholen wird, was nachher gekommen ist.

Und weiter auf die Frage: „Gibt es auch unter den Lebenden Vorbilder?“: „Peter Huchel natürlich. Da habe ich es her, Menschen in der Landschaft zu sehen…“
Aber auch viel eigenes Erleben, der Kindheit im Memelgebiet vor allem hat seine Dichtung beeinflußt:

Ich will mit diesen Mitteln, die ich also da angewandt habe und die ich mir ausgesucht habe, meinen Landsleuten erzählen über das, was ich erlebt habe mit diesen östlichen Nachbarn.

Präzise Äußerungen des Autors über eigene Arbeiten:

Zu meinem Buch Levins Mühle…: Der Autor, verhältnismäßig bekannt als Gedichtschreiber mittleren Schwierigkeitsgrads, gilt als Vertreter eines gemäßigten Exotismus: er hat es mit den östlichen Nachbarvölkern. Man weiß also, was man erwarten kann: ein vielleicht etwas melancholisches Buch, in dem Deutsche mit ihren Nachbarn agieren, diesmal den Polen; zusätzlich Zigeuner, jüdische Leute, Katholiken, evangelische Sekten, ein italienisch-polnischer Zirkus… (Band IV, Seite 337, hier erstmals abgedruckt).

Hier kann nur angedeutet werden, das eigene Lesen wird vieles finden. Alles ist so geordnet, daß es auch zur weiteren wissenschaftlichen Arbeit dienen kann und wird. Zusätzlich hatte der Herausgeber mit Bobrowskis Meine liebsten Gedichte (kürzlich im Union Verlag erschienen) eine Informationsquelle für literarische Ambitionen des Autors. Man kann mit großer Erwartung den beiden in Aussicht gestellten Kommentarbänden, die die Ausgabe vervollständigen werden, entgegensehen.
Vielfach sind die Möglichkeiten der Nutzung dieser vier schönen Bände. Es sind Lesebücher eigener Art, die sich erst in mehrfacher Lektüre erschließen. Es ist auch keine Werkausgabe nur zum Nachschlagen und Finden von Informationen, es sind keine Bände, die, einmal gelesen, im Bücherschrank verschwinden. Wer Bobrowskis unverwechselbare Sprache vernommen hat, wird immer wieder in sie hineinhören. Dies gut in beschränktem Maß auch für die im zweiten Band abgedruckten Gedichte aus dem Nachlaß, die der Dichter selbst größtenteils nie veröffentlichen wollte und die vor allem den Werdegang hin zu einer großen poetischen Begabung verdeutliche, mit Unvollkommenheiten in den frühen Texten auch, Anklängen an Goethe oder Hölderlin bis hin zu Trakl, Stammbuchverse, Heimat- und Naturlyrik, Gelegenheitsgedichte sind dies großenteils. Eberhard Haufe weist auf deutliche Bezüge:

Was sich an ihnen als Traumverhangenheit, Schwermut, auch Todesnähe ablesen läßt, erscheint in der gültigen sarmatischen Lyrik als im durchaus doppelten Wortsinn aufgehoben.

Und diese gültige Sprache hat Bobrowski im Jahre 1952 gefunden.
Über die Werkausgabe sollte nicht gesprochen werden, ohne an den Dank für Frau Johanna Bobrowski zu erinnern, den Eberhard Haufe – er sagte es mir in einem Gespräch über die zu erwartende Ausgabe mit großem Nachdruck schon vor einiger Zeit – „der Hüterin des Nachlasses in Berlin-Friedrichshagen“ sagt, die „mit ihrem grenzenlosen Verständnis und Vertrauen und mit ihrer Großzügigkeit“ die Herausgabe ermöglicht hat.

Was vermag Dichtung?
„Literatur ist machtlos“, sagte Bobrowski pointiert im Vortrag „Benannte Schuld – gebannte Schuld“, zugleich aber auch „… ich will möglichste Authentizität, weil ich denke, daß ,wahre Geschichten‘ noch immer eher überzeugen: weil ich eine Wirkung wünsche.“ Gewünschte Wirkung war für Bobrowski, wie seine Dichtung, konkret. Das hieß für den christlichen Demokraten damals, als es noch gar nicht so üblich war, das Gespräch mit Andersdenkenden, „geführt aber von einer sicheren Position aus, der Position eines bewußten Bürgers unserer Republik, der Position eines Sozialisten!“
Eine Besprechung kann nicht ohne den Hinweis auf des Dichters tiefe Frömmigkeit bleiben, die Weite und Großzügigkeit einschloß, die andererseits mit hohem moralisch-ethischem Anspruch verbunden war. „Dieser Anspruch Bobrowskis ging auf Kenntnisnahme, Versöhnung und Warnung“ (Eberhard Haufe im Thüringer Tageblatt). Daß schon Wurzeln in der Jugend gelegt wurden, erfährt man aus der Einleitung. Erinnert wird an das Engagement Bobrowskis im Schülerbibelkreis der Bekennenden Kirche, an den Einfluß des Theologen Hans-Joachim Iwand. Später wird dies besonders an der Frage nach Schuld und Verschuldung, latent in allen Werken und Texten, deutlich.
Man möchte schließlich an die unverwechselbaren, unvergleichlichen Gedichte erinnern, auch an die nie zu vergessenden Zeilen „Da hab ich / den Pirol geliebt“ oder das Gedicht, das mir das liebste von allen ist: „Immer zu benennen“. Alles dies ist zusammengebunden in der Ausgabe, die für viele lange Begleitung sein wird.

Sabine Neubert, Neue Zeit, 4.5.1987

Bemerkenswerte Edition, die das Reifen eines Dichters spiegelt

– Zum 70. Geburtstag von Johannes Bobrowski erschien Ausgabe der Werke. –

Dichten heißt, Neues zu entdecken und zugleich: aufzuheben, zu bewahren, was in alter Zeit einmal das Neue war. Selten wohl in unserer Literatur spiegelt sich diese Erfahrung so eindrucksvoll in einem poetischen Werk wider wie bei Johannes Bobrowski, der heute 70 geworden wäre. Als er, erst 48jährig, starb, hatte er viele Pläne; Prosa-Entwürfe warteten auf Ausführung, ein Schauspiel wollte er schreiben, Gedicht-Motive drängten. Den „kleinen Ruhm“ wie er es nannte — hat er noch erlebt. Daß er aber so nachhaltig und immer wieder neu auf die Dichtung in unserem Lande und weit darüber hinaus wirken sollte, hat sich Johannes Bobrowski wohl kaum träumen lassen.
Ob Gedicht oder Roman — der Leser wird konfrontiert mit dem Ergebnis, und sei es nur ein vorläufiges, einer oft langwierigen und mühevollen Arbeit. Er sieht aber kaum, woher der Autor aufbrach, um sein Ziel zu erreichen, und welche Wege er ging. Die Werkausgabe, die der kompetente Bobrowski-Forscher Eberhard Haufe jetzt im Union Verlag vorgelegt hat, ermöglicht es, das Werden eines Dichters nachzuerleben und so Einsichten in Erkenntnis- und Wertungsvorgänge zu erhalten, die auch manches Geheimnisvolle, Dunkle in der Metaphorik Bobrowskis erhellen.
Soeben erschienen sind die ersten vier der auf sechs Bände konzipierten Edition. Zwei Bände mit ausführlichen und nicht nur für die Wissenschaft wichtigen Kommentaren sollen folgen und dazu — als Ergänzung — eine Auswahl der Briefe. Der erste Band enthält sämtliche bereits zu Lebzeiten des Dichters veröffentlichten Gedichte, der zweite bringt Texte, die Bobrowski in dieser Form entweder ad acta gelegt hatte oder die er nicht mehr selbst veröffentlichen konnte.
Schon hier offenbaren sich Kontinuität wie tiefgreifende Wandlung, lassen sich Vorbilder erkennen, die von Hamann und Herder bis zu Klopstock und Hölderlin reichen. Der Vergleich zeigt, wie das Sprengen eines tradierten Formenapparates Hand in Hand geht mit neuen Denk- und Empfindungsansätzen. Es ist Bobrowskis große poetische Leistung, in dem von ihm gesehenen „sarmatischen Raum“, dem weitreichenden Kulturkreis östlicher Völker, Wurzeln aufgespürt zu haben, die den Baum jahrhundertewahrender Geschichte nährten.
Besonders jene Gedichte, die Bobrowski selbst in den Bänden Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme zusammengefaßt hatte, sind beredte Zeugnisse dafür, daß all die Bilder, die das Auge des Kindes wahrnahm, Bestand haben und sich dennoch veränderten.
Die Erinnerung des Dichters an das die Kindheit prägende Memelland schloß stets das Bewußtsein ein, daß der Faschismus Unwiederbringliches zerstörte. Die frühe Erfahrung des historischen Miteinanders verschiedener Völkerschaften aber war ihm des Aufhebens wert. Die bereits in der Jugend ausgebildete religiöse Innerlichkeit, die dem jungen Bobrowski zugleich Zuflucht vor faschistischer Ideologie bedeutete, öffnete sich schließlich der veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit und nahm Welt in sich auf. Der Dichter bekannte sich unwiderruflich zur sozialistischen Gesellschaft.
Eberhard Haufe hat in seiner fundierten, aufs äußerste verknappten und dennoch lesbaren Einleitung gerade diese Entwicklungslinie herausgearbeitet. Mit seinem Lebens- und Werkgeschichte verbindenden Aufsatz hat er eine überaus aufschlußreiche Bobrowski-Kurzbiographie vorgelegt. Darin verweist er darauf, daß die von christlichem Engagement geprägten Grundpositionen des Dichters im Einklang standen mit den humanistischen Werten des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden und daß sie hier produktiv werden konnten.
Bobrowskis Lyrik – das dokumentiert die Ausgabe — eroberte sich zunächst die Landschaft, ihren historischen Untergrund. Der Weg dorthin führte sowohl über die eigene Anschauung als auch über Literatur, die mit vielfachen Bezügen in Gedichten gegenwärtig ist. Manchem Leser wird vielleicht dadurch der Zugang erschwert. Mehr und mehr aber kam der Mensch ins Blickfeld des Dichters, wurde die menschliche Natur zum poetischen Gegenstand. Als Bobrowski seinen eigenen, unverwechselbaren Ton gefunden hatte, reflektierte dieser auch ein tiefer gewordenes, inniges Verhältnis zur Sprache, die ja gleichermaßen Übermittler von Erkenntnis und Unwägbarem ist. Jedes Wort — so wird hier spürbar — fordert und verdient Vertrauen.
In vielem ist die Prosa Johannes Bobrowskis seiner Lyrik nahe, gleiche Motive werden hier wie da aufgenommen. Dennoch fand der Dichter zu einer eigenen Art des Erzählens, besonders in seinen Romanen Levins Mühle und Litauische Claviere, die der dritte Band der Ausgabe vereint. Levins Mühle, wir konnten dieser Tage der zweiteiligen Fernsehfassung von Horst Seemanns gelungener DEFA-Verfilmung auf dem Bildschirm wiederbegegnen, schildert im Grunde in „34 Sätzen über meinen Großvater“ einen Justizfall aus dem 19. Jahrhundert, in dem sich das Verhältnis zwischen Deutschen und den mit ihnen im Culmerland lebenden Völkerschaften bildhaft bündelt.
„Wiederholung der Wirklichkeit — das kommt für die Kunst nicht in Betracht“, sagte der Dichter aphoristisch zugespitzt in einer seiner „Bemerkungen“, die sich im Nachlaß fanden und nun zusammen mit den Erzählungen im vierten Band vorgestellt werden. Damit ist ein Grundthema angesprochen, das für Bobrowskis Wirklichkeitserfahrung von großer Bedeutung war. In vielen seiner Erzählungen und auch in dem Roman Litauische Claviere fragte er nach den Möglichkeiten der Kunst, nach der Rolle und Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft.
Bobrowski kam eigentlich zunächst vor allem durch äußere Einflüsse zur Prosa. Doch bald hatte er „Feuer gefangen“; in knapp vier Jahren entstand dieser wesentliche Teil seines Werkes. Den „Bericht über die ersten Jahre der Gefangenschaft“, etwa 1950 geschrieben, ordnet der Herausgeber den autobiographischen Texten zu. Gerade dieser Text auch wenn er Fragment blieb ist ein wichtiges Zeugnis geistiger Wandlung und der Neubestimmung von Werten. Die Begegnung mit sowjetischen Menschen, die Kulturarbeit im Kriegsgefangenenlager und schließlich die Antifa-Schule waren Anstöße dafür, daß der werdende Dichter sich der zukunftsträchtigen sozialistischen Gesellschaft aufschloß und mit seiner Poesie an ihrer Gestaltung mitwirkte.
Eine bemerkenswerte Edition, die Tasten und Reifen eines großen Dichters spiegelt.

Klaus-Dieter Schönewerk, Neues Deutschland, 9.4.1987

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke

Bobrowski, geb. 1917 in Tilsit, gestorben 1965 in Ost-Berlin, galt als einer der größten Lyriker der deutschen Nachkriegsliteratur; er wurde neben Ingeborg Bachmann und Paul Celan gestellt. Nach frühen Anfängen (1943/44 in der Zs. Das Innere Reich) konnte er erst 1961 den Gedichtband veröffentlichen, der ihn sofort in Ost und West bekannt machte: Sarmatische Zeit in der DVA, später auch im Ostberliner Union Verlag, in dem er als Lektor tätig war. – Schon bald nach seinem Tod wurde es stiller um Bobrowski. Obwohl er immer wieder die litauische Heimat zum Erklingen brachte, war er – deutlicher noch als sein Freund Peter Huchel – kein Vertreter der Naturlyrik. Es ging ihm um das Ewige und das Humane, kurz: ein Engagement für das, wofür nach Bobrowskis eigenen Erfahrungen Dichter und Musiker aller Zeiten einstehen. Es könnte nun die Zeit gekommen sein, wo man wieder neugierig wird nach solcher Literatur, die mit der Wirksamkeit des poetischen Worts rechnet.
Eberhard Haufe, in langen Jahren mit Bobrowskis Werk intim vertraut, hat die allmählich fällige Gesamtausgabe vorgelegt; sie erschien gleichzeitig im Union Verlag. Der 1. Band bringt die bereits publizierten Gedichtbände, die verstreut veröffentlichten Gedichte aus den Jahren 1944 bis 1964 und die Nachdichtungen. Der umfangreiche 2. Band enthält die eigentliche Überraschung: die Gedichte aus dem Nachlaß, wie sie in Sammelhandschriften und im Besitz von Freunden und Verwandten überliefert worden waren. Sie werden die Forschung noch lange beschäftigen. Deshalb ist es bedauerlich, daß nähere Angaben oder auch nur Mitteilungen über Anlage und Anordnung der Hand- und Abschriften in diesem Band völlig fehlen. Für die frühe Zeit handelt es sich beim Gedichtabdruck auch nur um eine Auswahl. Einschränkungen muß sich jeder Herausgeber einer Leseausgabe auferlegen, aber hier bleibt doch die Enttäuschung über eine solche rigorose Zurückhaltung: Für alles Interessierende wird auf den (in Vorbereitung befindlichen?) Kommentar verwiesen.
Das gilt leider auch für den 3. und 4. Band. Nach den Romanen (3. Bd.) folgt ein umfänglicher Prosaband, der aus Drucken, Typoskripten und Handschriften alles Wesentliche (?) zusammenstellt, auch autobiographische Texte, Rezensionen sowie Reden und Vorträge. Die Ausgabe bedeutet also eine ganz erhebliche Erweiterung unserer Kenntnisse, befriedigt aber die berechtigten Wünsche des Lesers nach Informationen über die Auswahlprinzipien kaum und verschiebt die schon für eine erste Lektüre relevanten Verständnis- und Orientierungshilfen auf den noch ausstehenden Kommentar. Daß der abschließende Band tatsächlich bald erscheinen möge, ist sicher nicht nur der Wunsch des Literaturhistorikers.

Ferdinand van Ingen, Deutsche Bücher, Heft 1, 1991

Wiederbegegnung

I
Immerhin: Es bleibt dem Union Verlag Berlin nachzurühmen, daß er sich Bobrowskis annahm und sein Werk der literarischen Öffentlichkeit in der DDR präsentierte. Bei Rütten & Loening hatte man sich nicht für die Publikation eines ersten Gedichtbandes entschließen können; der doch schon über Vierzigjährige war zurückgewiesen worden. Eben im Union Verlag aber fand Bobrowski hernach die erwünschte Bereitschaft; und auch fortan ließ der Verlag, sofern es um die Drucklegung von Neuem ging, solche Bereitschaft nicht vermissen. Freilich war er dann weit weniger publikationsfreundlich, als es erforderlich wurde, Nachauflagen zu produzieren: Die Verlagsväter dosierten äußerst sparsam, trugen Sorge, daß die Bobrowskischen Gedicht- und Prosabände rar wurden; und die Spekulation war wohl die, es werde sich eine Nachfrage anstauen, die schließlich dem Absatz der – schon sehr zeitig in Angriff genommenen – Gesamtausgabe zugute kommen sollte. Diese Ausgabe, jedoch blieb Jahrfünft für Jahrfünft ein Gerücht – kein Grund übrigens für besagte Väter, in der Nachauflagenpolitik etwas zu verändern –; und so geschah es, daß Bobrowski in die Rolle eines weitgehend Vorenthaltenen geriet. Ein Glück noch, daß es wenigstens die Aktivitäten des Leipziger Reclam-Verlages gab (Levins Mühle; Erzählungen).
Jetzt aber, endlich, ist die Gesamtausgabe da und lädt dazu ein, daß man sich in sie vertiefe. In vier Bänden eine verläßliche Darbietung des von Bobrowski Geschriebenen: Alles bislang Gedruckte findet sich redlich berücksichtigt; und darüber hinaus ist vieles bedacht worden, was noch immer im Nachlaß ruhte. Damit allerdings ein Rest doch bleibe, ist darauf verzichtet worden, mitsamt den Textbänden auch die Kommentarbände zu unterbreiten. Und die, es sollen ihrer zwei sein, werden irgendwann nachgeliefert. Laut Plan: 1989. So wird man sie frühestens 1990 erwarten können, als Gedenkzeichen des Verlags zum 25. Todestag des Dichters. Indessen, ob 89, 90 oder noch später – mißlich ist solches Nachreichen in jedem Falle. Und sollte es dies nicht auch unter rein verlegerischem Gesichtspunkt sein?

II
Nun aber, im folgenden, mehr Lob als Tadel: Die Textbände sind würdig und großzügig gestaltet; und erarbeitet wurden sie mit philologischer Sorgfalt. Auch die editorischen Entscheidungen, die ihnen zugrunde liegen, sind im wesentlichen sehr zu begrüßen. Vor allem ist zu befürworten, daß Eberhard Haufe, als Editor bewährt und als Bobrowski-Kenner längst ausgewiesen, tief in die Ansammlung dessen gegriffen hat, was den Nachlaß des Dichters ausmacht. Zwar kam dadurch bei den Gedichten ein quantitatives Verhältnis zustande, an dem der eine oder andere wohl Anstoß nehmen wird; der Textmenge des von Bobrowski zum Druck Verabschiedeten findet sich eine weit größere beigesellt, die sich aus vielerlei Hervorgegrabenem und wahrlich „Schwächerem“ rekrutiert. Doch der dichterische Weg Bobrowskis wird auf diese Weise gültig dokumentiert; und jeder, der interessiert ist, dem künstlerischen Werdegang des Autors nachzuforschen, dürfte dem Herausgeber uneingeschränkt Dank wissen: für die Mitteilung jener Auswahl von Jugendgedichten, die Bobrowskis lyrische Anfänge im Zeichen konventionell versifizierter Innerlichkeit bezeugt, für den Abdruck der Zyklen „Unter dem Nachtrand“ (1941/43) und „Zeit aus Schweigen“ (1944), die beide den konzentrierten Versuch Bobrowskis belegen, mit Hilfe der odischen Form östliche Natur-, Kultur- und Kriegslandschaft poetisch einzuholen, selbst auch für die vollständige Veröffentlichung der zahlreichen Gedichte aus der Gefangenschaftszeit („Heimatlieder“; 1945 bis 1948), mit denen der etwa Dreißigjährige nachgerade zurückfiel in ein neuerliches Reimen des doch längst schon Ausgereimten. Und gleichermaßen war es gut und richtig, daß hinsichtlich der letzten 1.5 Lebensjahre Bobrowskis an Gedichten alles und jedes bedacht wurde. Denn ist es bereits spannend, an Hand der Texte, die ab 1950 entstanden, im einzelnen verfolgen zu können, welche ambitionierten Versuche Bobrowski im Vorfeld seiner eigentlichen dichterischen Selbstfindung unternahm, so ist es womöglich noch interessanter, der unbegradigten Spur alles hin fort Geschriebenen nachzugehen. Jedenfalls werden Bobrowskische Schreibprobleme, die sich mit der Hinwendung zum mythischen Naturgedicht, mit der zu einer ihm korrespondierenden „Ostheimatdichtung“ verbanden, nun deutlicher als bisher erkennbar. Strikt sollte sich solche Dichtung der schlimmen ideologischen Tradition, die es da gab, entziehen – und dennoch war sie gefährdet, in den Sog dieser Tradition zu geraten: durch die Elemente einer dampfenden Sprache, vor der man heute vielleicht noch stärker erschrickt als in den fünfziger, sechziger Jahren.
Die seinerzeit (1955 in Sinn und Form) publizierte „Pruzzische Elegie“, geschrieben 1952, belegt es ihrerseits: Der Akt der Bobrowskischen Sprachfindung ist zwar gewiß datierbar, und als ein befreiender konnte er in diesem Jahre 1952 durchaus schon empfunden werden; doch fortan hatte sich der Dichter noch immer verdächtig zu bleiben. Neun Jahre später, 1961, mochte es scheinen, daß – mit dem Band Sarmatische Zeit – ein „Fertiger“ hervortrat, ein Mann, dessen Gedichte von künstlerisch-sprachlichen Findungsnöten kaum etwas verrieten. Aber Bobrowski selbst wußte es, insgeheim, wohl besser; und es hat seine stigmatische Bewandtnis, daß der Sprachzweifel zumal in den späteren Gedichten immer wieder artikuliert wurde. Natürlich nährte sich der dann von noch weiter greifenden Erfahrungen; das hier anzutreffende Sprach- und Sprechkrisenbewußtsein korrellierte mit dem moderner Lyrik insgesamt. Weder früher noch später indessen war Bobrowski jemals bereit, es ernstlich Macht über sein Schreiben erlangen zu lassen – signifikant die Spur seiner fortwährenden Auseinandersetzung mit Paul Celan, bis hin zum Gedicht „Wiedererweckung“ (1964) –; und hinsichtlich der fünfziger Jahre kann man genau verfolgen, wie er seinem Gedicht sukzessive eine solche Sprache erarbeitete, die allem Zweifel und aller Anzweiflung gleichermaßen einen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Dabei „baute“ er mehr und mehr auf das alte, mit einer magisch-mythischen Aura versehene Worte, dem er ein trotziges Vertrauen bewahrte; dieses Wort wiederum gewann er immer entschiedener jener Überlieferung ab, die sich ihm in der Sprache der Lutherbibel, in der eines Klopstock, Haman, Hölderlin verkörperte; und sein eigenes Sprechen formte er auf solche Art zu dem eines elegischen Gedenkens aus, in dessen Zeichen das Gedicht auf Kommunion hinzuwirken trachtet. Nicht zuletzt aber verband sich mit alledem auch die erstrebte Tendenz einer zunehmenden Transzendierung des „sarmatischen“ Bezugs: Je weiter der Schreibprozeß in der Lyrik gedieh, desto weniger richtete sich das elegische Gedenken auf den „sarmatischen“ Raum an und für sich; was heraufgerufen wurde, gestaltete sich zum Exemplarischen.
Eine derartige Entwicklung sicherte der Bobrowskischen Lyrik, jene Integrität, die der lauteren Absicht gemäß war; darüber hinaus erlangte sie Ausdrucksfähigkeit für Weltanschauliches schlechthin sowie für ein Artikulieren gegenwärtig-existentieller Spannungen und Nöte; im übrigen aber fügte sie sich mehr und mehr aus einer Sprache von nun unverkennbar innovatorischer Kraft: Strukturen, die auf symbolistisches und nachsymbolistisches Sprechen verweisen, wurden gehandhabt in Verbindung mit jenem Wort-Einsatz, der bedeutungsschwer ein individuelles Angedenken bezeichnet und dabei unbeirrbar mythische Embleme menschheitlicher Existenzgeschichte erinnert. Eine dunkle Schreibart folglich, die gleichwohl ihr Festes hatte. Und in einer Zeit, da man in der DDR des linearen Stils überdrüssig wurde, schlug diese Schreibart viele in ihren Bann – Bobrowskis beträchtliche innerliterarische Nachwirkung setzte als Nachwirkung seiner Sprache ein; sie wurde von etlichen als die wiederentdeckte Sprache der Poesie überhaupt empfunden. Sie half, Normen zu entkommen; und ihr Duktus wurde wesentlich für die dichtungssprachliche Ausprägung der „neuen Romantik“, die sich in der DDR herausbildete. Freilich faszinierte diese Sprache keineswegs unabhängig von Inhaltlichem; und in der Lyrik der DDR begab sich nicht ohne Anstoß durch Bobrowski die Wendung zum regional-landschaftsbezogenen Gedicht, zum Kindheitsmemorial, zum „romantischen“ Polen- und zum elegisch vergegenwärtigenden Personengedicht. Daß aber der Typ des mythischen Naturgedichts, in welcher Modifizierung auch immer, denn doch nicht wirklich fortgezeugt wurde, hing entscheidend mit der Konstituierung eines ökologischen Bewußtseins zusammen, das beunruhigt die Vorgänge rigoroser Vernutzung und Verheizung des natürlichen Umwelt registrierte und von dem her eher ein Günter Eich als wegweisender Dichter ins Auge gefaßt werden konnte. Heute wird man sagen dürfen: Bobrowski war wohl der letzte, der sich in die Tradition des mythischen Naturgedichts noch wahrhaftig zu stellen vermochte; und dies war möglich, weil es – hauptsächlich – eine sentimentalistisch erinnerte, elegisch heraufbeschworne Natur war, auf die er sich bezog. Er hat Schule gemacht, doch wer von den Nachfolgern nicht weltblind war, mußte den Strom nur allzublald als eine Kloake ins Gedicht bringen – und den Baum als einen Bleibaum.

III
Zu den bedeutsamsten der bislang ungedruckten Bobrowski-Texte, die Eberhard Haufe nun zugänglich gemacht hat, zählt der eines Vortrags-Manuskriptes aus dem Jahre 1960. Man hatte Bobrowski gebeten, vor evangelischen Jungbuchhändlern in Hirschluch bei Storkow über die Lyrik in der DDR zu sprechen; und so verdankt sich dieser Gelegenheit der einzige Bobrowski-Text, der in ausführlicherer Weise lyriktheoretische Erwägungen beinhaltet. Dabei bezog sich Bobrowski zunächst auf die Definition lyrischer Dichtung, die von Alexander Gottlieb Baumgarten stammt, hernach von Herder und Lessing aufgenommen wurde – und die (im Baumgartenschen Original:) „oratio sensitiva animi perfecta“ lautete. „Sinnlich vollkommene Rede“ also; und Bobrowski bekannte sich zu dieser definitorischen Formel, tat dar, daß ihrem Anspruch in unterschiedlicher Art Klopstocks „Wingolf“-Ode, Huchels „Havelnacht“, Fritz Pratz’ „Rot Sache Wann“ gleichermaßen gerecht würden. Insofern auch ließ er für das „moderne“ Gedicht kein anderes Kriterium gelten als für das „traditionalistische“: Entscheidend sei, ob das lyrische Gebilde „uns über die Sinne, die Organe der Wahrnehmung“ ergreifen könne. (Wenngleich: „Wir werden… nicht ohne Verstand lesen. Wir werden nachprüfen, worin die Wirkung des betreffenden Gedichts auf uns besteht, mit welchen Mitteln sie hervorgerufen wurde.“) Im folgenden widmete sich Bobrowski freilich dann doch der Gegenüberstellung von „traditionalistischem“ und „modernem“ Gedicht; und den resümierenden Bemerkungen zu Lyrikern der DDR-Literatur fügte er eine Kennzeichnung dessen an, was er in den Texten der meisten von ihnen nicht niedergeschlagen fand: „modernes Bewußtsein“. Da heißt es denn:

Gottfried Benn hat einmal geäußert: „Gemüt habe ich keines.“ Das stimmt, wenn man seine Altersdichtung kennt, für ihn selber nicht ganz, wohl aber trifft es auf moderne Lyrik zu. Das moderne Gedicht heimelt nicht an, es erlaubt nicht, sich’s in einem Vers gemütlich zu machen, es nimmt den Leser nicht in eine Bewußtsein der Kommunikation, der Gemeinschaft mit dem Dichter auf. Es ist beunruhigend, machmal beängstigend, bedrohlich. Man kann an ihm das persönliche Ich des Dichters nur schwer, oft überhaupt nicht ablesen. Selbst wenn der Dichter sich selber im Gedicht einführt, wird er nicht faßbar.

Und im weiteren berief er sich auf Apollinaire, der hinsichtlich des modernen Gedichts das „Moment der Überraschung“ hervorgekehrt hatte, sowie auf Cocteau und dessen Aussage von der Schock-Wirkung dieses Gedichts.
Entsprechend sah Bobrowski die Defizite in der Lyrikentwicklung der DDR maßgeblich einem dichterischen Bewußtsein geschuldet, daß sich auf Illusionen gründete und zu wenig wach war für bedrängende existentielle Probleme des individuellen und gesellschaftlichen Daseins in der „veränderten Zeit“. Den konstatierten Traditionalismus dieser Lyrik – expressis verbis nahm er Christa Reinig aus sowie Günter Kunert und Heinz Kahlau – ließ er denn auch als einen zeitblinden, assoziierbar werden; und wenngleich er das deutliche politische Engagement prinzipiell bejahte, so stellte er doch Gedichte in Frage, die es unüberzeugend, weil künstlerisch borniert, zum Ausdruck brachten. Ausgespart blieb im Vortragstext, eine jegliche Äußerung pro domo; was sich mitteilte, war vor allem diese Distanz den Entwicklungen der DDR-Lyrik insgesamt gegenüber – eine Distanz, die er auch direkt aussprach, indem er sagte, daß er „nicht übermäßig viel vom bisherigen lyrischen Aufkommen bei uns“ halte. Was sich damit aber zugleich mitteilte, war nicht zuletzt ein künstlerischer Horizont, dessen Weite auf den Standort des Betrachters ja immerhin zurückwies und Bobrowski selbst also als einen Mann charakterisierte, dem jenes „moderne Bewußtsein“ nichts Fremdes bedeutete. Und jedenfalls gab er sich zu erkennen: ein aus dem Kollektivstatus künstlerischer Unschuld Gefallener, der weder so tun wollte noch konnte, als sei er es nicht.
Seine Gedichte aber wurden von solchem Bewußtsein her geschrieben – und den, noch sind diese Texte auf einen Rückhalt aus Traditionelles, „Traditionalistisches“ ist anwesend in ihnen; gebrochen, zeichenhaft scheint es auf; immer und immer wieder wird seiner gedacht. Sentimentalische Erinnerung, unablässiges Heraufrufen, ja Heraufbeschwören: Das Ich kann nicht anders, als die noch auffindbaren Stücke einer einstigen Verankerung, heranziehen, sie vergegenwärtigen. Und dieses Ich selbst ist dringlich bemüht, sich als persönliches gerade dadurch zu identifizieren, daß es seine Identifikationsnöte im Text austrägt und den erstrebten Vorgang einer Konstituierung moralischer Subjektivität unbegradigt mitteilt. So ist, was einmal war, als nicht zu Vergessendes dem Text immanent: ein nicht zu Verlierendes, das noch immer befestigend zu wirken vermag:

Wurzeln,
haltet mich,
Eschenwurzeln,
ich fall aus dem Erdreich…

Im Zeichen „modernen Bewußtseins“ ans Werk gehend, schrieb Bobrowski dessen entwurzelnder Macht doch entgegen. Ein unnaiver Traditionalismus aus Notwehr und als Antidoton. Und nur mehr mit seiner Hilfe war dem Gedicht auch zu integrieren, was es im Sinne eines Trotzdem beharrlich in sich einschließt: Kommunionsglauben und Hoffnungsethos.
Bobrowski war Protestant. Er blieb es, auch nachdem er vom Quell der bittersten Ernüchterung getrunken hatte. Er blieb es in seiner Haltung.

IV
Das Manuskript des Lyrik-Vortrags findet sich im Band 4 der Ausgabe, unter de Rubrik „Vermischte Prosa und Selbstzeugnisse“. Und hier auch begegnet man dem Kuriosum, mit dem diese Ausgabe den Leser überrascht. Es ist ein knapp vierseitiger Text aus dem Jahre 1962, der von der Jahrestagung der Gruppe 47 berichtet, von der Verleihung des Gruppenpreises an Bobrowski – und der zu publizistischen Zwecken von Gerhard Rostin verfaßt wurde. Nichts gegen das seinerzeit Geschriebene, wie denn die langjährigen Bemühungen des Union-Lektors Rostin um Bobrowski und um die Verbreitung seines Werks überhaupt allen Respekt verdienen. Doch was Eberhard Haufe veranlaßt haben mochte, jenen Zeitungstext aus fremder Feder den Stücken Bobrowskischer Prosa beizumischen, bleibt wahrlich ein Rätsel. Auch freundschaftlicher Eifer kann der Beweggrund nicht gewesen sein. Sonst hätte Haufe die falschen Namensschreibungen, die Rostin unterlaufen waren (Peter Weiß statt Weiss, Günter Graß statt Grass), gewiß „stillschweigend“ korrigiert.
Löblich dagegen die Berücksichtigung noch solcher Prosa-Texte Bobrowskis, die für sich genommen als belanglos erscheinen mögen: Haufe bündelte etliches, das bereits in frühen Jahren entstand, und bündelte wiederum alles aus der Zeit ab 1950. So wird kenntlich, daß die Bobrowskischen Prosa-Bemühungen durchaus nicht erst 1959 („Es war eigentlich aus“) einsetzten; und man bekommt Einblick in Fragmente und in ausgeführte Arbeiten, die als Vorstufen identifizierbar sind. Im übrigen ist es nicht ohne Reiz, die gesammelten Zeugnisse von Bobrowskis Rezensententätigkeit besichtigen zu können. Da begegnet man leserfreundlich geschriebenen Buch-Besprechungen, welche die seltene Fähigkeit ihres Autors beweisen, in knapp bemessener Zeilenzahl Wesentliches zu sagen, Zugänge zu eröffnen, Lust zur Lektüre zu wecken. Ein kompetenter Leser teilt sich mit, der ein ausgebildetes Sensorium für literarisch-künstlerische Besonderheiten und Qualitäten besitzt und der sich weder in eine steife Kategorik noch in dilettantische Inhaltsangeberei flüchtet. Gewiß waren es unambitionierte Gelegenheitsarbeiten, die Bobrowski, da er rezensierend zu Wenke ging, wohl ohne größeren Zeitaufwand verfaßte; und er absolvierte sie, weil er die jeweiligen, zumeist im Westen verlegten Bücher haben wollte. Aber noch immer können diese Gelegenheitsarbeiten als Beachtung verdienende Beispiele gelten; das allgemeine Niveau des gegenwärtig-hiesigen Besprechungswesens, wie es sich zumal in der Tagespresse darbietet, ist ja weit davon entfernt, solcher Erinnerung etwa nicht mehr zu bedürfen. Doch vielleicht auch kann die eine oder andere der Bobrowskischen Rezensionen einen Halb-Vergessenen wieder entdecken helfen. Und sollte der einst so geschätzte, von Bobrowski bewunderte Peter Gan nicht endlich einmal „sein“ Poesiealbum bekommen?
Vor allem freilich ist zu begrüßen, daß im Druck der sogenannte Gefangenschaftsbericht jetzt vorliegt. Bobrowski schrieb ihn im Frühjahr und Sommer 1950 nieder; offenbar empfand er damals den Drang, die Erfahrungen, die er als sowjetischer Kriegsgefangener (Mai 1945 bis Dezember 1949) gemacht hatte, prosaistisch zu bewältigen; und dabei wiederum wirkte jene ideelle Disposition in ihm nach, zu der er im Laufe des Vorjahres, während des neunmonatigen Antifa-Lehrgangs in Taliza, gelangt war. Signifikant eine Textpassage wie die, in der es programmatisch heißt, der Arbeit sei aufgetragen, „eine, wenn auch zufällige, Gemeinschaft in ihrer sich nach und nach formenden Eigenart zu kennzeichnen“: Der Plan war, das Gefangenenlager als pädagogische Provinz zu vergegenwärtigen; und die Herausbildung einer kollektiven Subjektivität sollte beschrieben werden, Entsprechend die Entscheidung für einen souveränen auktorialen. Erzähler; das erinnerte Ich figuriert als „Johannes“ im Text; charakteristisch für die beabsichtigte prosaistische Faktur ist bereits der an klassische Traditionen anschließende Eingangssatz :

In den ersten Junitagen 1945 traf ein Transport von 2.000 ehemaligen deutschen Soldaten, Mannschaften und Unteroffizieren, in einer Stadt des Donez-Kohlengebietes ein.

Gleichwohl weist das Fragment (Umfang: ca. 50 Druckseiten) nicht minder auch auf einen Gestaltungsantrieb zurück, der sich jener ideellen Disposition widersetzte. Und es war dies der Drang zu authentischer Aufarbeitung des individuell wirklich Durchlebten. So aber kamen Entwicklungsroman und Autobiographie sehr rasch schon einander ins Gehege – die Forderungen, die die Romanidee stellte, vermochte Bobrowski keineswegs konsequent zu erfüllen, weil der Erfahrung Inadäquates zu schreiben gewesen wäre; die autobiographische Arbeit indessen konnte ihrerseits mitnichten zu sich selbst gelangen. Die ästhetische Folge: Je weiter der Text voranschreitet, desto evidenter wird der Verlust jeglicher prosaistischer Kontur. Schließlich bricht der Text ab; sein Dilemma, es dürfte vom Autor immer deutlicher gespürt und endlich erkannt worden sein.
Gerade als Dokument eines Scheiterns freilich ist dieser Bobrowskische Prosaversuch in hohem Maße denkwürdig. Denn er bezeugt jenen krisenhaften Bewußtseinsvorgang, der sich durch ein Herausfallen aus dem erst kurz zuvor erlangten ideologischen Konsons kennzeichnete – und den viele andere Autoren, die sich hingegeben hatten, nicht weniger erfahren mußten. Ja, sie erfuhren ihn auf eine noch weit stärker erschütternde Weise, und zwar deswegen, weil er langhin, oft allzulang zurückgestaut geblieben war: Fühmanns 22 Tage belegen hinreichend, was die Phasenverschiebung zeitigte; der Ausbruch dieser Prosa indizierte einen künstlerisch-emanzipatorischen Akt von ungeheuerlicher existentieller Dramatik. Eben Bobrowski dagegen, zu neuem glauben geschult auch er, gewann eine Distanz zu ihm schon im Laufe des Jahres 1950; der prosaistische Versuch dieses Jahres endigte ihm mit der Einsicht, daß Individuelles im kategorisch gedachten Überindividuellen nicht aufzugehen vermochte; und wenn er in den folgenden Jahren zu personalem Sprechen fand, so gewiß auch im Zeichen solcher Erkenntnis. So aber gelang Bobrowski, betrachtet man es nicht biographisch, sondern literaturgeschichtlich, der schwierige Prozeß künstlerischer Selbstfreisetzung ausgesprochen früh; als einer, der sich bestimmt hatte, seinem „Lied“ nicht „auf die Kehle“ zu treten (Fühmann), war er denn auch in den fünfziger Jahren kein sehr willkommener, eher ein skeptisch gesehener Autor – und war er doch gleichermaßen derjenige, der hernach von vielen als Beispielgestalt begriffen werden konnte.
Daß dabei als Faszinosum zuallererst der Reduktus wirkte, es wurde bereits gesagt. Hier aber ist auf eine Konstituente dieses Redens noch hinzudeuten, die oben unerwähnt blieb. Es ist die einer Mundgerechtigkeit, die sich der Wortmagie auf spannungsvolle Weise vermittelt und ihrerseits dem Sinnlichkeitsgebot glücklich entgegenzukommen vermag. „… wie wollt ich / sagen deinen Namen…“: Der so schrieb, lehnte sich an Struktureigentümlichkeiten landschaftsgebunden-umgangssprachlichen Redens an; gegen die überfremdende Norm wurde der dichterische Reflex einer persönlich-mündlichen Sprechweise gesetzt, die das sich mitteilende Ich gleichsam sinnlich wahrnehmbar werden läßt. Und für die individuelle Sprachsuche derer, die Bobrowski schließlich als Beispiel begriffen, wurde nicht zuletzt auch diese Rückwendung zur literarisch „aufgehobenen“ Mündlichkeit wichtig. Weniger aber in der Lyrik als vielmehr in der Prosa zeichnete sich ab Ende der sechziger Jahre die Spur solcher Nachfolge ab – wie denn auch Bobrowski selbst die Sprache seiner Prosa noch weit entschiedener aus der Mündlichkeitsfiktion heraus entwickelte als die Rede seines Gedichts.
Indessen: Schon dieser sogenannte Gefangenschaftsbericht aus dem Jahre 1950, in der Tat ein aufschlußreicher Text unter mehrerlei Gesichtspunkten, gibt eine latente Neigung zu solchem Prosastil deutlich zu erkennen. Der strengen Berichtssyntax vom Schlage des zitierten Eingangssatzes stehen nämlich Fügungen wie etwa die folgende gegenüber:

Die Ungarn – das ist eine schwierige Geschichte. Was soll man davon erzählen?

Und daß der Text mit sich selbst höchst uneinig ist, das Nebeneinander von stilistisch sich nicht Vertragendem macht es sehr sinnfällig. Gleichermaßen aber signalisiert der Text bereits, in welche Richtung der Stilwille, vorerst noch in „Gefangenschaft“, eigentlich drängte. Im Roman Levins Mühle gibt es, sogleich auf der Eingangsseite, die erzählerisch-reflektierende Satzsuch-Passage. Der Narrator erwägt eine erste Version; er verwirft sie wieder, vergegenwärtigt sich, daß er „Mißverständnisse“ zeitigen könnte:

… und das ist nicht gut für den Anfang. Also einen neuen ersten Satz. / Am Unterlauf der Weichsel, an einem ihrer kleinen Nebenflüsse, gab es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein überwiegend von Deutschen bewohntes Dorf. / Nun gut, das ist der erste Satz. Nun müßte man aber dazusetzen, daß…

Spielerische Aufhebung eines stilistischen Dualismus, der mehr als zehn Jahre früher ein prosaistisches „Scheitern“ signalisiert hatte. Zugleich aber auch; Erinnerung an ein Traditionelles, dessen der moderne Gegenwartserzähler gedenkt – wie der moderne Lyriker etwa des odischen Maßes etc. –, noch immer ist im Bewußtsein, was einstmals an Verbindlichem war, ungebrochen jedoch nicht mehr in Anspruch genommen werden kann.
Eberhard Haufe hat der Ausgabe eine kenntnisreiche Einleitung vorangestellt. Sie leistet viel; sie läßt die zermürbende, philologische Kärnerarbeit, die da aufgewandt wurde, nicht nur ahnen, und zumal über die Kindheits- und Jugendendwicklung Bobrowskis werden Auskünfte mitgeteilt, auf die jeder am Werk des Dichters Interessierte begierig sein dürfte. Im übrigen ist Haufes Text gut und dicht geschrieben, unprätentiös und doch kultiviert. Schade nur, daß er den Gefangenschaftsbericht allzu beiläufig behandelt und kaum dazu neigt, ihn als künstlerisch-biographisches Dokument wirklich ernst zu nehmen. Und vielleicht auch war die Entscheidung nicht glücklich, ihn schlechtweg in die Gruppe der „autobiographischen Texte“ einzuordnen.
Doch diese Gruppe kennzeichnet sich ohnehin durch eine beträchtliche Disparatheit; untergebracht wurden hier gar die scherzhaft von Bobrowski und Manfred Bieler fixierten „Statuen des Friedrichshagener Dichterkreises“.

V
Jahrelang hatten seinerzeit die Mühe gewährt, Bobrowskis Ganz neue Xenien veröffentlichen zu dürfen. Endlich, 1977, kam das Büchlein zustand. Der Tribut freilich, der zu zahlen war, bestand aus einem Verzicht: Stillschweigend mußten die Bandbesorgerer das Doppelxenion „Pasternak“ fortfallen lassen. Seit 1987 aber, in der Werkausgabe, kann auch dieser Vierzeiler entdeckt und gelesen werden – und einer, der damals an der unseriösen Edition des „Literarischen Klimas“ doch mitschuldig zu werden hatte, fühlt sich jetzt nachgerade verpflichtet, die beiden Distichen aus der Fülle dessen, worin sie im einschlägigen, ersten Band eingebettet sind, reinlich herauszuleuchten. Denn es geht nicht an, über ihre (versteckte) öffentliche Existenz nun ebenso hinwegzuschweigen wie über ihre ehmals unterdrückte und ausgesonderte:

PASTERNAK
Nicht von Lemuren und ihren Claqueurs, von der niemals verletzten
Würde red ich, von ihr, für die dein Name mir steht.
Ob selbst Mörder und Narren betroffen machte dein Tod, das
fragen wir nicht, weil wir nicht fragen nach ihnen, nie mehr.

Bernd Leistner; Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1988

Die Werkausgabe

Die Geschichte des Dichters Johannes Bobrowski lehrt, daß die Geselligkeitsrituale des Literaturbetriebs zum todbringenden Fluch werden können. Seit seinen ersten Auftritten als „Apostel der unzerstörbaren Einheit der deutschen Literatur“ (Hans-Werner Richter) umschwärmt, war seine Lage von Beginn an aussichtslos. Bedrängt und schließlich umzingelt von seinen Jüngern und Bewunderern, geriet Bobrowski schon bald in akute Atemnot. Als er 1962 über Nacht vom plötzlichen Ruhm eingeholt und ins Rampenlicht des literarischen Betriebs gestoßen wurde, erklärte er noch im Scherz, er wolle einhundertfünfundzwanzig Gedichte schreiben, ordentlich verteilt auf drei Bücher, und dann lege er sich ins Grab. Diese Vision sollte auf fast unheimliche Weise in Erfüllung gehen.
Nach seinen triumphalen Erfolgen bei der Gruppe 47 gab es für seine Fans kein Halten mehr. Auf den neuen Leitstern der Literatur im geteilten Deutschland stürzten sich nach dem Erscheinen des Debütbandes Sarmatische Zeit die wahren und die falschen Freunde gleich in Rudelstärke, stahlen seine Zeit und zehrten so nachhaltig seine Kräfte auf, daß der Dichter schließlich nur noch während seiner S-Bahn-Fahrten Gedichte schreiben konnte. Zwanzig Jahre hatte er in der literarischen Windstille gelebt und seine Gedichte für die Schublade geschrieben, jetzt, nach seinem Auftauchen aus der Anoymität, konnte er sich vor erwünschten und unerwünschten Gästen kaum noch retten. Die unzähligen Freundschafts-Beweise und Einladungen der professionellen Schmeichler konnte Bobrowski, der als ein Genie der Geselligkeit berühmt war, nie abschlagen, so daß schon nach kurzer Zeit seine Lebensenergie auf beängstigende Weise verfiel. Zu den Begleiterscheinungen seines überstürzten Ruhms gehörten eine fast panische Produktivität, zunehmende Hektik und ein notorischer Zeitmangel, die den Dichter bald in eine tiefe Erschöpfung und Melancholie trieben, auf die er wiederum mit Trunksucht reagierte. Ausgehöhlt von seinen zahlreichen Verpflichtungen und gehetzt von Todesangst, schrieb er in Windeseile noch einen weiteren Gedichtband, und verbrauchte seine letzten Kräfte für den Entschluß, auch noch – wie er einem Freund schrieb – „mit Prosa aufzukreuzen“. So erschienen 1964 der Roman Levins Mühle und in drei verschiedenen Versionen ein Band mit Erzählungen, wobei sich ost- und westdeutsche Verlage heftige Kämpfe um Lizenzvergabe und Erstveröffentlichungsrecht lieferten. Ein Tag, nachdem er das Manuskript des Romans Litauische Claviere Ende Juli 1965 zum Abschluß gebracht hatte, brach er zusammen und starb fünf Wochen später, im Alter von nur 48 Jahren, an einer verschleppten Blinddarmentzündung.
Nach seinem Tod rangierte er lange Zeit auf den ersten Plätzen der einschlägigen Lesebücher und Anthologien. Mittlerweile gilt er nur noch als altes schweres Möbel der Poesie, das von Lesern kaum noch benutzt wird und selbst Doktoranden und anderen Spezialisten kaum noch Stoff bietet. So ist es um das Œuvre Bobrowskis in den letzten Jahren sehr still geworden. Während von seinen poetischen Zeitgenossen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die einst mit ihm in den Rang eines modernen Klassikers aufstiegen, fast jedes Jahr neue Publikationen aus dem Nachlaß vorgelegt werden, die das öffentliche Interesse wach halten, ist der Lyriker Bobrowski seit dem Erscheinen seiner Gesammelten Werke im Jahr 1987 fast unauffindbar verschollen. Die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart, die damals im Rahmen einer Lizenzausgabe und in etwa zeitgleich mit dem Ostberliner Union Verlag das Gedichtwerk publizierte, hat nun einen bemerkenswerten Wiederbelebungsversuch des Dichters Johannes Bobrowski unternommen. In einer Neuauflage der ersten beiden Bände der Werkausgabe sind nun noch einmal Bobrowskis gesammelte Gedichte und die lyrischen Texte aus dem Nachlaß erschienen. Neu hinzu tritt als Band 5 der Gesammelten Werke der schon vor elf Jahren versprochene Kommentarband, in dem der Herausgeber und Nachlaßverwalter Eberhard Haufe die publizierten Gedichte und die Gedichte aus dem Nachlaß historisch und textkritisch erläutert.
Aus einer größeren zeitlichen Distanz kann man sich nun den fernen und fremden Landschaften des Dichters Bobrowski nähern und sich Rechenschaft ablegen, ob einen das Werk dieses modernen Klassikers überhaupt noch erreicht. Schon zu Lebzeiten des Dichters waren die Orte seiner Herkunft, die östlichen Landschaften und Figuren, die er in seinen Gedichten beschwor, zum Stoff der Erinnerung geworden, versunken in zwei Weltkriegen, die die europäische Landkarte von Grund auf verändert hatten. Als Bobrowski 1952 seine ersten gültigen Gedichte schrieb, waren die heimatlichen Lebenswelten zwischen dem ostpreußischen Tilsit, wo Bobrowski am 9. April 1917 geboren wurde, der einstigen Provinzialhauptstadt Königsberg und den angrenzenden litauischen, polnischen und russischen Gebieten mehrfach einer politischen Revolution unterworfen worden. Das Neue und Faszinierende an Bobrowskis Gedichten, so hat Stephan Hermlin einmal sehr prägnant formuliert, „bestand in der Umwertung dieser geschichtlichen Landschaft“. Es ist jene Landschaft im Nordosten Europas, die Bobrowski selbst „Sarmatien“ genannt hat. Auf der Weltkarte spätantiker Historiker bezeichnete „Sarmatia“ das Land zwischen Wolga und Weichsel, ein frühes geographisches Synonym also für Osteuropa. In einer berühmt gewordenen Notiz, formuliert für Hans Benders 1962 erschienene Lyrik-Anthologie Widerspiel, hat Bobrowski diesen poetologischen und geographischen Ort definiert:

Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: Die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten. Zu Hilfe habe ich einen Zuchtmeister: Klopstock.

In dem Nachlaßband hat Eberhard Haufe kenntlich gemacht, daß diese Selbstaussage Bobrowskis nicht ganz den biographischen Tatsachen entspricht. Denn dort sind schon Gedichte aus dem Jahr 1935 dokumentiert, epigonale Reimgedichte des Achtzehnjährigen, der sich schon früh als Dichter versuchte, nachdem er von seinem ursprünglichen Lebensplan, Musiker zu werden, wieder abgerückt war. Auch als Soldat, wo er zuerst in Frankreich und später in Russland einem Nachrichtenregiment zugeteilt war, hielt Bobrowski an seinen Reimstrophen und schwermütigen Stimmungsgedichten fest – bis ihn die Erfahrungen an der nordrussischen Front, die furchtbaren Verheerungen des Landes durch die deutschen Truppen, erstmals aus seiner Innerlichkeit herausrissen. Rückblickend schrieb er im Jahr 1943:

Das Erste, was wir hier lernten, ist das Sehen. Die Landschaft, immer wieder abgesucht, kam uns mit nichts entgegen.

Von diesen Zeitpunkt an versuchte Bobrowski diese Landschaft poetisch zu vermessen, sie, wie er später formulierte, „wirklich in den Griff zu bekommen, außerhalb der einfachen Beschreibung“. In den baltischen und russischen Landschaften diesseits und jenseits der Memel versuchte er, wie er an Ina Seidel schrieb, „aus den vielen und vielfältigen Einzelbildern das eine Bild, gleichsam das Prinzip etwa des Stroms, der Ebene usw. zu fügen“. Diesem Vorsatz entsprangen aber zunächst nur hochtönende und geschichtsferne Oden, von denen einige 1944 in der Zeitschrift Das Innere Reich“ erschienen, später dann gefühlvolle „Heimatlieder“, in denen sich der Dichter in russischer Kriegsgefangenschaft Trost zusprach. In dieser Tradition der Innerlichkeit verharrte der protestantisch erzogene Dichter bis zum Jahr 1952 – bis zu jenem Gedicht „Städte sah ich“, das Eberhard Haufe als die Geburt von Bobrowskis poetischer Originalität markiert:

Städte sah ich im stäubenden Wind, gehäuft aus verwirrten Dächern, gilbenden Wänden, Getürm. Die versinken im Land.

Zelte, für eine Nacht noch, ruhten sie unter dem Himmel, vom unzähligen Nachhall gestorbener Stimmen, zerrissner Glockenmünder verhängt und frierend vor Alter.

Hier liegt also der poetische Ursprung jener freirhythmischen Odenstrophe, die Bobrowski in Anlehnung an seinen „Zuchtmeister Klopstock“ gesucht und in seinen Gedichten der Sarmatischen Zeit und des Bandes Schattenland Ströme zu einer unverwechselbaren Form entwickelt hat. Aber es dauerte noch bis 1955, bis der Dichter Peter Huchel, der schon damals in der DDR angefeindete Herausgeber der Zeitschrift Sinn und Form, den unbekannten Autor aus Tilsit entdeckte und an exponierter Stelle in seiner Zeitschrift mit vier Gedichten plazierte. In diesen Gedichten wird schon der große Dichter Bobrowski sichtbar, der seine Verse in der unmittelbaren Nähe von Zauberspruch und Beschwörungsformel ansiedeln wollte. Das Gedicht „Kindheit“, das später in den Band Sarmatische Zeit aufgenommen wurde, repräsentiert nicht nur die originäre Schreibweise Bobrowskis, es versammelt auch schon all jene Sehnsuchtsmotive und Landschaftsbilder, jene Beschwörungen und Anrufungen des unwiederbringlich Vergangenen, die für die Lyrik des sarmatischen Melancholikers konstitutiv sind:

KINDHEIT

Da hab ich
den Pirol geliebt –
das Glockenklingen, droben
aufscholls, niedersanks
durch das Laubgehäus,

wenn wir hockten am Waldrand,
auf einen Grashalm reihten
rote Beeren; mit seinem
Wägelchen zog der graue
Jude vorbei.

Mittags dann in der Erlen
Schwarzschatten standen die Tiere,
peitschten zornigen Schwanzschlags
die Fliegen davon.

Dann fiel die strömende, breite
Regenflut aus dem offenen
Himmel; nach allem Dunkel
schmeckten die Tropfen,
wie Erde.

Oder die Burschen kamen
den Uferpfad her mit den Pferden,
auf den glänzenden braunen
Rücken ritten sie lachend
über die Tiefe.

Hinter dem Zaun
wölkte Bienengetön.
Später, durchs Dornicht am Schilfsee,
fuhr die Silberrassel
der Angst.
Es verwuchs, eine Hecke,
Düsternis, Fenster und Tür.

Da sang die Alte in ihrer
duftenden Kammer. Die Lampe
summte. Es traten die Männer
herein, sie riefen den Hunden
über die Schulter zu.

Nacht, lang verzweigt im Schweigen –
Zeit, entgleitender, bittrer
von Vers zu Vers während:
Kindheit –
Da hab ich den Pirol geliebt.

Charakteristisch für die Dichtung Johannes Bobrowskis ist hier, wie in eigentlich allen seinen Texten, die Beschwörung eines Verlusts, das retrospektive Weltverhältnis, das sich artikuliert in Trauer und Melancholie. In einem suggestiven Sehnsuchtston, im sprachmagischen Klangzauber wird das Arkadien der Kindheit vergegenwärtigt. Aus einer versunkenen Ferne wehen die Töne einer scheinbar unbeschwerten Kinderzeit herüber: als Glockenklingen, Vogelgesang, Bienengesumm, als Blätterrascheln und Regengeräusch. Diese Landschaft scheint weit offen für Wünsche und Sehnsüchte, der Dichter scheint sich in purer Schwärmerei zu verlieren. Aber auch diese Kindheitslandschaft zwischen Pirol, schwarzen Wäldern und „Bienengetön“ hat Bobrowski die Chiffren der Bedrohung und der Gefahr eingezeichnet. Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine Wendung ins Düstere, Bedrohliche, das erhaben angerufene „Bienengetön“ wird jäh durch die „Silberrassel der Angst“ unterbrochen. Schon in der zweiten Strophe erscheint als unwiederbringliche Gestalt „der graue Jude mit seinem Wägelchen“: Das ist als historischer Hinweis zu verstehen, als deutlich markierte Einsicht, daß diese Kindheitslandschaft mittlerweile durch die Schrecken der Realgeschichte hindurchgegangen ist und nur noch in der poetischen Erinnerung wiederhergestellt werden kann. Mit Peter Huchel verbinde ihn, so bekannte Bobrowski in einem Interview, ein besonderer poetischer Blick auf Landschaften, der in Naturlyrik eine geschichtliche Perspektive einzieht:

Da habe ich es her, Menschen in der Landschaft zu sehen, so sehr, daß ich bis heute eine unbelebte Landschaft nicht mag. Daß mich also das Elementare der Landschaft gar nicht reizt, sondern die Landschaft erst im Zusammenhang und als Wirkungsfeld des Menschen.

Die Gestalten, die sich hier in Bobrowskis Kindheitslandschaft bewegen, haben unterschiedliche Funktionen. Der „graue Jude“ ist erkennbar noch dem glücklichen Kindheitskosmos integriert, ebenso die reitenden „Burschen“. Aber die im Gedicht nicht näher bestimmten, anonym bleibenden „Männer“ mit ihren Hunden, die in die Kammer der singenden „Alten“ treten, erscheinen als Boten der „Düsternis“. Schon hier kann man, wenn man genug spekulative Phantasie mitbringt, einen Hinweis auf die Verheerungen herauslesen, die das nationalsozialistische Deutschland seinen östlichen Nachbarvölkern zugefügt hat. Den „grauen Juden mit dem Wägelchen“ haben deutsche Herrenmenschen, wenn auch nicht unbedingt die Männer des „Kindheit“-Gedichts, aus dieser Landschaft verschwinden lassen. Eberhard Haufe verweist in seinem Kommentarband auf Paul Celans „Todesfuge“, worin ein namenloser Judenverfolger „seine Rüden herbeipfeift“. Und Bobrowski selbst hat immer wieder betont, daß er mit seiner Dichtung „Verschuldungen der Deutschen“ benennen und diese Schuld auch „verringern“ oder „abbauen“ will.
Die schwierigen Bildfügungen Bobrowskis lassen sich nicht alle interpretativ auflösen – zu sehr gibt der Autor an einigen Stellen der von ihm eingestandenen „heimlichen Neigung zum Hermetismus“ nach. Um den spekulativen Ausschweifungen beflissener Interpreten Einhalt zu gebieten, kommt nun Eberhard Haufes Band mit Erläuterungen und Kommentaren fast schon zu spät. Gleichwohl liefert Haufe, der sich in vielen Aufsätzen als stupender Kenner und sorgfältiger Interpret der Gedichte Bobrowskis ausgewiesen hat, mit seinen textkritischen Anmerkungen und Worterläuterungen wertvollste und teilweise neue Informationen, gleichsam ein Grundbuch zu jeder künftigen Bobrowski-Rezeption.
Im Unterschied zu dem als Hermetiker titulierten und auch mißverstandenen Paul Celan besaß Bobrowski ein „ungebrochenes Vertrauen in die Wirksamkeit des Verses“, wie er gegenüber seinem zeitweiligen poetischen Weggefährten Peter Jokostra erklärte. In fast allen Gedichten arbeitet Bobrowski mit magischen Evokationen, mit bestimmten Naturzeichen als Schlüsselwörtern: Sand, Ebene, Nacht, Ufer, Strom, Wald, Himmel und so weiter. Sie werden in das Gedicht als auratische Objekte eingeführt und in drängendem, oft atemlosen Sprachduktus weiter evokativ aufgeladen. Christoph Meckel hat in seinem famosen Erinnerungsbuch an Johannes Bobrowski, einem unüberbietbar genauen Porträt des Dichters, diese lyrische Technik seines Freundes analysiert:

Ein Wort, oft ein Substantiv, wird in den Raum gesetzt, unwiderruflich, ein lyrischer Findling. Die vollkommene Gegenständlichkeit und die vollkommene Abstraktion des einzelnen Worts wird zum Grundstein der Versfigur. Mit Substantiven wird der Vers aus der Sprachlosigkeit herausgeschlagen, mit Substantiven wird er aufgebaut. Aus Substantiven und Härte des Satzbaus löst sich danach der rhythmische Ablauf des Gedichts, variiert in Erzählung, Bericht, Beschwörung, bei ständiger Wiederkehr der Schlüsselwörter (…) und endet in melodischem Finale.

Es ist der beschwörende Duktus, es ist der dunkle Ton der Bobrowskischen Melodie, der auch noch dreiundreißig Jahre nach dem Tod des Dichters in Bann schlägt. Die Landschaften und Gestalten, von denen der Dichter spricht: all die einsamen Bauern und Jäger, wandernden Juden und mythologischen Figuren inmitten von dunklen Flußgebieten, sind in noch größere Ferne gerückt als vor drei Jahrzehnten, als der Stern des Dichters Johannes Bobrowski aufging. Aber die Frage nach der historischen Schuld der Deutschen, die Frage des Dichters Bobrowski nach der Verantwortung für die eigene Nationalgeschichte, ist in jüngster Zeit auf beklemmende Weise zurückgekehrt. Den Optimismus des Dichters Bobrowski haben sich die literarischen Nachgeborenen dabei nicht bewahren wollen, zu viele dünnflüssige Medienstimmen haben sich in die Debatte um deutsche Schuld eingemischt. An literarische Wirkung glaubt niemand mehr, auch Bobrowski hatte schon früh vor Illusionen gewarnt:

Gedichte gehen nicht aufs Publikum, sie sind als Selbstaussagen… auch durchaus privaterer Natur. Die Teilnahme anderer ist Zufall, Glücksfall oder Irrtum. Im Grunde gehen sie nur den Erzeuger selbst an.

Und doch hat sich Johannes Bobrowski immer wieder seinem sarmatischen Thema gestellt – nicht nur, um die private Erinnerung an die verlorene Kindheit zu retten, sondern um auch kollektives Eingedenken zu stiften – an eine Vergangenheit, die nicht vergeht und nicht vergehen darf:

Ich bin dafür, daß alles immer neu genannt wird, was man so ganz üblich als ,unbewältigt‘ bezeichnet, aber ich denke nicht, daß es damit ,bewältigt‘ ist.

Michael Braun, Deutschlandfunk, 27.12.1998

Für Tage voll Licht

– Das Werk Johannes Bobrowskis. –

Im September 1965 ist der deutsche Dichter und Prosaiker Johannes Bobrowski im Alter von 48 Jahren gestorben. Schon aus den ersten Nachrichten über seinen Tod sprach ein sehr persönliches, tiefes und inniges Gefühl für die Schwere dieses Verlustes. Es war ein großer Verlust. Darüber waren alle sich einig.
Der Ruhm dieses Schriftstellers hatte gerade eingesetzt. Sein erstes Buch (die Gedichtsammlung Sarmatische Zeit) war erst vor vier Jahren erschienen; es hatte seinen Namen sogleich bekannt gemacht. Ihm folgten neue Bücher Bobrowskis: ein zweiter Gedichtband, ein Roman und ein mittelgroßes Novellenbuch. Das ist alles, was er selber von sich noch gedruckt sehen konnte.
(…)

In aller Kürze noch einiges über die Gedichte Bobrowskis. Wenn Poesie vor allem die Kunst ist, in jedem Gedicht einen abgerundeten Kristall menschlicher Erfahrung, menschlichen Denkens, menschlicher Leidenschaft hervorzubringen; wenn sie nicht zu trennen ist von der Wirkungskraft des Wortes, die sie ausstrahlt: wenn sie das einzige Mittel ist, etwas überhaupt nur in Versen Ausdrückbares zu äußern – dann ist diese Art Poesie in den Gedichten Bobrowskis unablässig zugegen. Sie hat sich lediglich von der allzu betonten Verhaltenheit frei gemacht, die in den Gedichten seiner Frühzeit bisweilen an Trockenheit grenzte. Und sie hat das Recht auf ein „zweimal gelebtes Leben“ erworben.
Bobrowski, der stets — und besonders in den Gedichten — die schroffen Seiten der Gegenstände, die scharfen Konturen des Wortes hervorkehrte. schilderte mit aller Offenheit das Schrecklichste, was er durchmachen mußte: die Kriegsjahre. Seine beiden Gedichtbücher, Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme, sind voller Kriegsvisionen; sehr viele dieser Gedichte betreffen das Sowjetland, in das Bobrowski als Soldat kam; aber er hat diesen Boden mit den Augen des Dichters gesehen. Er schreibt von der alten Stadt Kitesh und von verbrannten Dörfern, von der Nowgoroder Sophienkirche, die überm winterlichen schwarzen Fluß steht, mit leeren Fensterrahmen gähnend inmitten der zerstörten Stadt. „Slawisch“ ist für Bobrowski ein Synonym für „menschlich“; vielleicht ist das ein Echo seiner Kinderjahre in Litauen, wo er slawische Worte oft zu hören bekam.
Bobrowski schrieb, um die Zeit näherzubringen, von der es in seinen Gedichten heißt, es würden unsere Hände einmal voll Licht sein. Das Wort Humanismus, manchmal glanzlos vom ausgiebigen Gebrauch, erlangt aufs neue einen lebendigen Sinn, wenn man an einen Schriftsteller wie Bobrowski denkt.

G. Gorman, Neue Zeit, 30.7.1966

Die korrumpierten Wörter

– Bobrowskis Weg zur Anerkennung. –

Johannes Bobrowski trat erst spät an die Öffentlichkeit. 1961 erschien sein erster Gedichtband – Sarmatische Zeit. Da war er dreiundvierzig Jahre alt. 1965 war sein Leben schon beendet. Die Gedichte aus dem Nachlaß dokumentieren Entwicklung und Werdegang. Sie füllen einen ganzen Band der Werkausgabe.
Er hat Schwierigkeiten gehabt. Ihn plagten Selbstzweifel, und er wurde aus Ignoranz und politischen Erwägungen heraus nicht für voll genommen. Am 23. Dezember 1957 schrieb er an Peter Jokostra:

…ich war schon eine Weile so weit, zu glauben, es wäre wirklich nichts mit mir. Leute, die hierorts etwas sind… sagen einem, wenn man sie alle Jahre einmal trifft, etwas Freundliches. Aber damit hat sichs, meine alten Freunde halten mich für einen guten Kerl, der an seiner Poeterei wie an einer verschleppten Knabensünde leidet. Genug davon, ich werd es zu keinem Gedichtband bringen. Und es ist ja auch für mich ungewiß, ob meine Gedichte je Nutzen stiften können.

Christoph Meckel überliefert:

Ein westdeutscher Verleger lehnte Bobrowskis Gedichte ab mit der Begründung, das sei alles viel zu mystisch, die ganze Gegend – Sarmatien – zu fern und vergangen, die Sprache zu dunkel. Ob der Autor nicht besser versuchen solle, seine Lyrik in einem zugänglichen Gebiet anzusiedeln und „die Sprache etwas aufzuhellen“.

Und, als es dann doch zur Veröffentlichung seines ersten Buches kam – in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart –, fehlte die „Pruzzische Elegie“. Es käme zu oft das korrumpierte Wort „Volk“ vor. Dasselbe Manuskript in der DDR publiziert (Union Verlag, Berlin), enthielt die „Pruzzische Elegie“ ohne Abstriche.
Aber hier in der DDR der fünfziger Jahre — war er erst recht Mißverständnissen und Ablehnung ausgesetzt. Die Vorgaben einer maßgeblich an Georg Lukácz onentierten Literaturtheorie waren nur wenig geeignet, den Weg zu einem angemessenen Verständnis Bobrowskischer Kunstleistungen zu weisen. Hier sollte ein Arbeiter-und-Bauern-Staat aufgebaut werden. Hier fühlte man sich bedroht und hatte ein hypertrophiertes Sicherheitsbedürfnis. Da waren die durch den Krieg verspielten Ostgebiete tabu. Da fürchtete man sich vor einem „chauvinistischen Mißbrauch“ des Begriffs Heimat.
Sogar Franz Fühmann lehnte Bobrowskis Lyrik schroff ab, wie er seinem ungarischen Tagebuch anvertraute. Er sah in ihr etwas Unerlaubtes:

das Wachhalten vielleicht sogar Wiedererwecken von Gefühlen, die aussterben mußten, Sentiments der Erinnerungen an die Nebelmorgen hinter der Weichsel und den süßen Ruf des Vogels Pirol…

Bei Gerhard Wolf ist zu lesen, daß Bobrowski selbst fürchtete, fehlinterpretiert zu werden:

Sie werden mich also als einen… Heimatdichter einstufen. Und es ist ja auch ein bißchen verdächtig… Ich bebaue also das Erinnerungsthema und bin eine Art Romantiker… Ich hab’ mir das manchmal überlegt, es ist nicht sehr angenehm, aber ich muß es auf diesen Eindruck ankommen lassen.

Johannes Bobrowski ließ es darauf ankommen. Er vertraute einer anderen Dichtung und einer anderen Sprache, als sie Literaturfunktionäre und Verleger für erforderlich oder für marktgängig hielten. Er hatte sein Thema, und die Worte und Bilder für die dichterische Artikulation entlehnte er seinem Weltgefühl und der Natur. In seinem Gedicht „An Klopstock“ sagt er „Strom und Wald“ und meint (einige Zeilen später) „Schattenfabel von den Verschuldungen / und der Sühnung“. Für Hans Benders Anthologie Widerspiel formulierte er sein Thema präziser:

die Deutschen und der europäische Osten… Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung… Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert…

In diesem Sinne arbeitete er an seinem „Sarmatischen Divan“, den Meckel ein modernes Epos, ein permanentes Poem nennt:

Ungetrennt Inferno und Paradiso, unauflösbar der geographische, historische und zeitliche Zusammenhang zwischen Finnland und Georgien, Antike und Zweitem Weltkrieg.

Und das alles aus der Erinnerung heraus. Er kam von da. Er kam ohne Wörter wie schön, Erde, Vaterland, Volk und Heimat nicht aus. Er scheute sich nicht, das Gedicht „Das verlassene Haus“ mit der Zeile „Schöne Erde Vaterland“ ausklingen zu lassen.
Manchen mag das zu dick aufgetragen erscheinen. Beachtet man den Kontext, handelt es sich um ganz etwas anderes. Um was? Wiederum zu Meckel sagte er:

Laß mal, ich weiß, was das ist.

Bobrowski war kein Heimatdichter, und Heimatverbände verabscheute er. Er hielt es mehr mit der Gräfin Dönhoff, die formulierte:

Was jener Wahnsinnige verspielt hat, läßt sich nicht zurückgewinnen. Ich bin seither mehrfach in Polen – auch in Ostpreußen – gewesen. Und jedes Mal, wenn ich die Alleen wiedersah, die einsamen Seen und stillen Wälder, meinte ich nach Haus zu kommen. Landschaft ist eben wichtiger und gewiß prägender als alles andere. Sie gehört im letzten und höheren Sinne ohnehin niemandem, allenfalls vielleicht dem, der imstande ist zu lieben, ohne zu besitzen.

Es ist wahr:

keine Zeile, die er schrieb, war so beliebig, fragwürdig oder gemütlich, daß eine Heimatliteratur sie für sich in Anspruch nehmen konnte.

Und doch bestand er hartnäckig auf diesen Wörtern. Er wollte sie nicht einfach verlorengeben. Paul Celan schrieb den Vers: „Ein Wort – du weißt: / eine Leiche.“ Für Bobrowski war kein Wort eine Leiche.
Für Bobrowski war die Konsequenz des „Gedichts nach Auschwitz“ nicht das Verstummen. Er stellte eher so etwas wie die verkörperte Kommunikation dar. Und befragt, ob er das, was er bisher geschrieben, für engagiert halte, antwortete er:

Ja, darauf möchte ich bestehen. Und selbst wenn da Leute eine kurzsichtigere Auffassung von Engagement haben – also, die akzeptiere ich nicht. Ich habe wegen ganz bestimmter Ansichten und Absichten geschrieben bisher, und das halte ich für Engagement.

Das war 1965; schon im zitierten Brief an Jokostra sprach er vom Nutzenstiften, worauf es wohl ankäme. Ohne vordergründig zu sein. Dazu benötigte er auch die kompromittierten Vokabeln. Er wußte, was das war. Es ging um ihre Rehabilitation.
Einen ganz spezifischen, dem Thema gemäßen Ton in die Poesie brachten auch die Wörter, die er der Natur entnahm: Röhricht, Baum, Strom… Sie paßten nicht mehr recht ins zeitgenössische Gedicht. Nur weil es eine erinnerte, elegisch heraufbeschworene Natur war, auf die er sie bezog, konnte er sich nach Loerke und Lehmann der Tradition des mythischen Naturgedichts noch einmal – ein letztes Mal – stellen. Für Wulf Kirsten konnte der Baum nur noch ein Bleibaum sein und für Wolfgang Hilbig der Strom nur eine Kloake.

Hans Joachim Funke, Neue Zeit, 9.4.1992

Walter Gross: Der Ort, wo wir leben
DU, Heft 2, Februar 1965

Jürgen Joachimsthaler: Bobrowskis Häutungen
literaturkritik.de, 5.4.2017

Andreas Degen: Kafka zum Beispiel
literaturkritik.de, 9.4.2017

Thomas Taterka: Der letzte Talissone
literaturkritik.de, 5.4.2017

Sabine Egger: Martin Buber und Johannes Bobrowski
literaturkritik.de, 16.4.2017

Andreas F. Kelletat: Vom Ende der Sesshaftigkeit
literaturkritik.de, 5.4.2017

 

Zum 60. Geburtstag des Herausgebers:

Kai Agthe: Dem lauteren Gelehrten Eberhard Haufe zum 80.
Das Blättchen, 7.2.2011

Thomas Bickelhaupt: Ein Hüter der Überlieferung
mitteldeutsche kirchenzeitungen, 6.2.2011

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977

Zum 20. Todestag des Autors:

Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985

Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987

Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987

Zum 50. Todestag des Autors:

Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015

Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015

Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017

Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017

Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
FreiePresse, 7.4.2017

Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017

Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017

Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017

Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017

Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017

Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Sammlung 12 + Umzug
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Johannes Bobrowski: Der Sonntag ✝ Die Zeit
Grabrede
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