Johannes Bobrowski: Wetterzeichen

Bobrowski-Wetterzeichen

ANTWORT

Über dem Zaun
deine Rede:
Von den Bäumen fällt die Last,
der Schnee.

Auch im gestürzten Holunder
das Schwirrlied der Amseln, der Grille
Gräserstimme
kerbt Risse ins Mauerwerk, Schwalbenflug
steil
gegen den Regen, Sternbilder
gehn auf dem Himmel,
im Reif.

Die mich einscharren
unter die Wurzeln,
hören:
er redet,
zum Sand,
der ihm den Mund füllt – so wird
reden der Sand, und wird
schreien der Stein, und wird
fliegen das Wasser.

 

 

 

Nachbemerkung des Verlages

Dieser dritte Band mit Gedichten von Johannes Bobrowski ist keine Nachlaßpublikation im eigentlichen Sinne. Der Autor hatte die Veröffentlichung des Bandes für das Jahr 1966 mit dem Verlag vereinbart und hat noch selbst die Zusammenstellung des Manuskripts besorgt. Nur zu einer zyklischen Ordnung der Gedichte, ähnlich wie in den voraufgegangenen Bänden Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme, ist er nicht mehr gekommen. Deshalb publiziert der Verlag den Band getreu dem Manuskript in der vom Autor vorgenommenen Anordnung der Gedichte nach den Entstehungsdaten. Diese Daten sind im Inhaltsverzeichnis hinter den Überschriften der einzelnen Gedichte aufgeführt. Auch die Anmerkungen stammen vom Autor, und den Titel des Bandes hatte er in mündlichen Äußerungen festgelegt. Dem Manuskript hinzugefügt wurde mit Zustimmung von Frau Johanna Bobrowski das letzte Gedicht, „Das Wort Mensch“, dessen Handschrift sich in hinterlassenen Papieren fand.

Union Verlag Berlin, Nachwort

 

Mit der Faszination einer makellosen Vollkommenheit

– Johannes Bobrowskis letzter Gedichtband: Wetterzeichen. –

Auf die Sarmatische Zeit und auf Schattenland Ströme ist nun der dritte Gedichtband Johannes Bobrowskis gefolgt, vom Dichter selbst noch zusammengestellt kurz vor seinem allzufrühen Tode: Wetterzeichen. Und zu diesem Band ließe sich nun viel von dem wiederholen, was bisher schon zu Bobrowskis Lyrik gesagt wurde.
Es wäre wieder von Sarmatien, von der Welt des Ostens als dem dominierenden Thema in Bobrowskis Schaffen zu sprechen, von Sarmatien als einer natürlichen wie auch einer geistigen Landschaft von intensiver Beseeltheit, es wäre zu reden von einer unverwechselbaren suggestiven Sprachkunst. Es ließen sich aus diesen Gedichten, die, mit drei Ausnahmen, in den Jahren 1961 bis 1965 datiert sind, wieder Beispiele einer unerhört prägnanten Metaphorik zitieren, Schönheiten, die des Lesers subjektives Empfinden besonders und unmittelbar anrühren, wie mich etwa der Anfang von „Mitternachtsdorf“:

Im verwinkelten Himmel mit schwerem Fuß
tappt durch den Schatten Saturn
und pfeift seinen Monden.

Es waren auch wieder etliche Namen aufzuzählen, die tiefwirkende und in Gedichten reflektierte künstlerische und dann immer auch menschliche Erlebnisse Bobrowskis benennen: Bach, Mozart, Klopstock, Lenz, Runge, Hölty, Barlach, der sorbische Nationaldichter Jakub Bart, auch die Sappho, auch der dem Dichter freundschaftlich zugetane Christoph Meckel.
Aber damit wäre zuwenig gesagt. Denn zu sprechen bleibt dann immer noch von dem, was anders ist an diesen Gedichten, was aber schon mißverstanden wäre, wollte man es eine Wandlung oder Entwicklung nennen, was allenfalls als Variation der Grundmotive von Bobrowskis Lyrik, als behutsamste Suche nach neuen Nuancen des Sprachgestus und neuen thematischen Möglichkeiten verstanden werden darf.
So erscheint in einigen Gedichten die sarmatische Landschaft immer mehr aufgelöst zu einer ortlosen Natur, die, so sehr sie den Flüssen, Wäldern und Seen der östlichen Ebenen gleicht, ein viel Allgemeineres ist. Natur eben schlechthin. Und andererseits treten andere, nun wiederum ganz genau bezeichnete Landschaften und Orte zu den Landschaften und Orten des Ostens hinzu, eine Berliner Miniatur – „Märkisches Museum“ — etwa oder der Dom zu Brandenburg oder einiges auf einer Schwedenreise Gesehene und Bedachte.
Es gibt auch neue formale Elemente. Reduzierung der syntaktischen Struktur bestimmt etliche dieser Gedichte und geht vereint mit einer Tendenz zum Hermetischen: da wird die Diktion dann spröder als sonst, und die Metaphorik gelangt aus ihrer sonstigen Sättigung mit Sinneseindrücken zu Sprachbildern von eher abstraktem Charakter.
Doch wird davon weder der volltönende Klang von Bobrowskis Sprache beschädigt noch ihr grundsätzliches kommunikatives Wesen, das aus der Meditation immer wieder zu menschlichem Anruf, zur Verständigung, zum einfachen Sagen einfacher Zusammenhänge strebt. Wenn das Gedicht – „Sprache“ so endet:

Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn

dann ist in solchem Bild die Erfahrung des Dichters und die Intention seines Dichtens programmatisch formuliert.
Solche sentenzenartigen Selbstaussagen finden sich mehr noch. Klar ist etwa auch des Dichters Inspirationsquelle, die Veranlassung seines Schreibens benannt, in „An Klopstock“:

… ich hab
aufgehoben, dran ich vorüberging,
Schattenfabel von den Verschuldungen
und der Sühnung

Vieles im Werk Bobrowskis kommentiert sich gegenseitig; es bestehen zwischen den Gedichten dieses Bandes und gleichzeitig entstandener Prosa die vielschichtigsten Beziehungen, und manches ist auch nur von genauester Kenntnis der Persönlichkeit Bobrowskis und seines Lebens her ganz zu verstehen. Doch es kann auch von solchen subtilen Zusammenhängen ganz abgesehen werden, denn diese Gedichte haben die Faszination einer in sich ruhenden und doch immer auch über sich hinausweisenden makellosen Vollkommenheit. Unter ihnen — dies sei noch angemerkt – befinden sich auch wundervolle Liebesgedichte, in denen diese Gattung der Lyrik alles Konventionelle verloren hat, in denen die Erfahrung des Miteinanders und Beieinanders als ein menschliches Urerlebnis wieder erfaßt wird.

Helmut Ullrich, Neue Zeit, 5.3.1967

Wetterzeichen

Der dritte Gedichtband Wetterzeichen ist von Johannes Bobrowski noch selbst als Typoskript zusammengestellt und mit dem handschriftlichen Vermerk „Gedichte III“ versehen worden, allerdings nur noch in chronologischer Abfolge der Texte, mit den Entstehungsdaten und mit vier zur Hälfte handschriftlichen Anmerkungen unter den Gedichten. Zunächst sollte offenbar auch das Gedicht „Trakl“ aufgenommen werden, darauf deutet die Anmerkung hin. Am 8. April 1964 schrieb Bobrowski an Frans Vandenbroeck:

Mit dem 3. Gedichtband hat es noch Zeit, obwohl etwa 50 Stück fertig sind.

Als Bobrowski Ende März 1965 in einem Interview von Irma Reblitz gefragt wurde, ob er plane, demnächst einen neuen Gedichtband herauszubringen, antwortete er:

Ja, ich hätte einen fertig im Umfang, aber ich möchte lieber noch ein Jahr warten.

Tatsächlich vereinbarte Bobrowski den Druck des Bandes mit dem Union Verlag Berlin und mit dem Verlag Klaus Wagenbach Berlin mündlich noch selbst für das Jahr 1966. Der Tod trat am 2. September 1965 dazwischen. In der Typoskriptmappe mit der Aufschrift „Gedichte III“ Iag handschriftlich noch das Gedicht „Zu Christoph Meckels Graphiken“ vom 2. Februar 1965. Dieses Gedicht und das Gedicht „Das Wort Mensch“ vom 15. Juni 1965, das sich im Nachlaß nur als Bleistiftentwurf, nicht mehr als Reinschrift fand, fügte der Union Verlag hinzu, als er den Druck des Bandes vorbereitete und diesem – nach mündlichen Äußerungen Bobrowskis gegenüber dem Lektoratskollegen Gerhard Rostin (1928–1991) – den Titel Wetterzeichen gab. So hatte eine Zeitlang schon der zweite Gedichtband heißen sollen. Im Union Verlag erschien der Band im Februar 1967 (mit der Jahreszahl 1966); die nicht mehr zu ermittelnde Auflagenhöhe betrug vermutlich 4.000/5.000 Exemplare. Die Lizenzausgabe im Verlag Klaus Wagenbach als Quartheft 19 folgte kurz darauf mit der Jahreszahl 1967 und betrug 8.000 Exemplare; als Frontispiz brachte sie das Faksimile einer Handschrift des Gedichts „Eszther“, das schon im Stockholmer Katalog zur Tagung der Gruppe 47 im Herbst 1964 stand.
(…)
Seit Abschluß des zweiten Gedichtbandes im Sommer 1961 war für Bobrowski die Prosa in den Vordergrund getreten; die lyrische Gestaltung seines sarmatischen Themas hielt er im wesentlichen für abgeschlossen. Die späteren Gedichte brachten nur vereinzelt noch Ergänzungen dazu, darunter eingangs noch vier Gedichte aus dem Zeitraum der ersten beiden Gedichtbände. Zum größeren Teil gehören die Texte von WZ einer neuen Gedichtkonzeption mit einer sehr grundsätzlichen und elementaren Zeichensprache an, von der Bobrowski nur gelegentlich und andeutend in Briefen und mündlich gesprochen hat.
Zu den Gedichten des dritten Bandes sind nur drei Einzelhandschriften erhalten. Dem Abdruck liegt Bobrowskis Typoskriptband incl. der beiden oben genannten Handschriften zugrunde.

Eberhard Haufe, aus Johannes Bobrowski: Erläuterungen der Gedichte und der Gedichte aus dem Nachlass, Gesammelte Werke Band 5, Deutsche Verlags-Anstalt, 1998

Wetterzeichen

Während des Unwetters habe ich in den Wetterzeichen von Johannes Bobrowski gelesen. Für jeden, der seine Muttersprache heute noch liebt, ist dieser Band ein unentbehrlicher Begleiter.
Die Gedichte werden von einer sprachlichen Ausdruckskraft getragen, von einer verhaltenen Spannung, der man in unserer Gegenwartslyrik nur selten begegnet. Es ist eine Sprache, die über die Gegenwart des Menschen hinausgeht, hinauswächst, ein Phänomen, in dessen Tiefe sich Anfang und Ende begegnen. Seine Sprache ist nicht in sich geschlossen, hermetisch abgeriegelt, sie ist immer „auf dem endlosen Weg zum Hause des Nachbarn“, sie ist aufgerufen als Gedächtnis, voller Gegenwart, aber auch als unmittelbares Echo auf die Stimmen der Nacht. In ihr vollzieht sich immer wieder eine Geburt, die Wiedergeburt des Menschen. Auch tritt das gesellschaftliche Phänomen genauso an die Oberfläche wie der Hintergrund der menschlichen Existenz.
Neben der Sprache ist es die Form, die mich beim Lesen der Gedichte von Bobrowski immer wieder zu neuen Überlegungen treibt. „Den Stoff sieht jedermann vor sich“, sagt Goethe, „den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.“
Die Form seiner Gedichte ist nicht etwas Äußerliches, sie kommt von weit her, ist gewachsen seit Jahrzehnten, wurde gelebt, ehe sie sich im Werk manifestierte, und geht weit über das Erregende hinaus, das uns das Wort, die Sprache mit ihrem Rhythmus, ihrem Klang, ihren Bildern mit auf den Weg gibt. Auch wird die Form dieser Gedichte nicht durch diese oder jene kühne Metapher bestimmt. Das Verhältnis der Bilder zueinander, die notwendige Folge der Strophen, die Zusammensetzung der Worte, der Stil, der Rhythmus, das alles sind Teile der Form, von der Goethe spricht. Manche der Verse Bobrowskis, manche seiner Zeilen sind voller Gegensätze, streben auseinander, und dennoch wächst alles zu einem großen Ganzen zusammen. Eine polyphone Poesie, deren Stimmen bei all ihrer Selbständigkeit, ihrem kontrapunktlichen Charakter eine vollendete Harmonie bilden. Entscheidend bei allen diesen Fragen scheint mir die Empfänglichkeit des Dichters selbst, sein inneres Gehör.
Du findest in diesem Gedichtband eine Fülle von neuen poetischen Bildern, besonders in den Naturgedichten.

Kalt. Auf der Spitze des Grashalms
die Leere weiß
bis an den Himmel.

Das sind keine Landschaften für das Auge allein; hinter dieser sinnlich greifbaren Welt wird plötzlich die Unendlichkeit sichtbar. In einigen Gedichten geistert aber auch das Helldunkel Rembrandts durch die Verse, Dämonisches wird spürbar. Es sind Metaphern, die immer nur aus dem Gesamtcharakter einer menschlichen Existenz wachsen können.
In diesem Band gibt es aber auch noch etwas anderes. Zwischen den einzelnen Gedichten, in denen das gesellschaftliche Phänomen des Menschen angesprochen wird, kannst du plötzlich dem Unbekannten begegnen, das ohne Namen auf dich zukommt, eine Stimme, die im Menschen niemals ganz schweigt. Es sind Arbeiten, die in der öffentlichen Diskussion wenig beachtet wurden. In solchen Gedichten blitzt es auf. Sie kreisen fast alle um ein unsichtbares Zentrum, eine verborgene Sonne leuchtet hinter diesen Versen auf. Es sind Gedichte, die mehr und mehr den Weg der Offenbarung gehen, die für die Dauer eines Blitzes ein Erinnertsein, ein Hinüberdeuten wachrufen.

Wenn verlassen sind
die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn
die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen
fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist
unter den Füßen das Gras,
weiße Sohlen betreten den Wind –

der Dornbusch flammt,
ich hör seine Stimme,
wo keine Frage war, ein Gewässer
geht, doch mich dürstet nicht.

Solche Verse sind dem gradlinig denkenden Intellekt schon immer fragwürdig gewesen, und doch enthalten gerade sie die stärkere Wahrheit. Bleibt mir das Werk eines Künstlers aber verschlossen, dann suche ich den Fehler zuerst bei mir. Vielleicht sind meine eigenen Erkenntnisse, Erfahrungen beengt, überholt, vielleicht bin ich im Laufe der Jahre statisch geworden, weil ich nur nach bestimmten Modellen gedacht.
Dem Leser werden in den Wetterzeichen Metaphern begegnen, die er im ersten Augenblick als sinnlos abtut. Solche Metaphern sind keineswegs Verschlüsselungen, Bilder einer geheimnisvollen Sprache, einer Sklavensprache, wie man so sagt, sie kommen ganz einfach aus einer anderen Ordnung, andere Hierarchien haben hier ihre Hände im Spiel. Schon in meiner Jugend bin ich bei Rilke und später bei Hölderlin ähnlichen Bildern begegnet, ich nahm sie in mein Leben auf, ehe ich ihren Sinn verstand. Sie sind die vergessene Sprache der Poesie. Viele Leser aber verlangen heute einen Aufzug, einen Paternoster, der sie bis in die Spitze der Kathedrale bringt, weil sie selbst zu bequem sind, die Treppen nach oben zu steigen. Poesie muß dem Leser immer mehr zumuten, als er im Augenblick leisten kann. Es gibt aber auch Gedichte, die nicht von heute auf morgen durchsichtig werden, sie sind für eine größere Zeitspanne geschrieben. Es ist bitter, daß viele Menschen in unserer Gesellschaft noch immer nicht begriffen haben, daß ein Eroberungsgedicht, das uns im geistigen Raum der Nation neue Fenster aufstößt, wichtiger ist als das Verherrlichungsgedicht.
Poesie sollte weiter sehen, als es die Hoffnungen der Menschen tun, sollte immer bis zum Äußersten vorstoßen und doch auf das Zentrum, den Menschen, nicht verzichten. Poesie hat sich noch nie mit der Wirklichkeit allein, mit dem Gegebenen des Lebens abgefunden, große Poesie war dem Leben immer um einige Schritte voraus.

„In der Poesie“, sagt Goethe, „ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt.“ Eckermanns Gespräche mit Goethe Dienstag, den 8. März 1831

Hanns Cibulka, Sommer 1970, in Hanns Cibulka: Tagebücher, Mitteldeutscher Verlag, 1976

Auf dem Weg zum Hause des Nachbarn

– Eine Studie über Johannes Bobrowskis letzte Dichtungen. –

Es ist viel schwieriger, über den postumen Gedichtband Bobrowskis zu schreiben als über seine früheren Dichtungen. Der Tod, der dem Dichter die Feder aus der Hand nahm, hat dessen Arbeit für immer unterbrochen, indem er an einer Stelle einen zufälligen Punkt gesetzt hat, an die der Autor niemals als Schluß gedacht hatte und auch niemals denken wollte.
Die ungewöhnliche Rechtschaffenheit Bobrowskis verbietet uns jegliche postume Lobeserhebungen. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß das neue Buch besser ist als seine früheren Werke; es ist auch darum schwierig, über dieses Buch zu schreiben, weil jene „Gespräche mit dem eigenen unbezähmbaren Gewissen“, die ohne Unterlaß in den früheren Büchern des Dichters geführt wurden, in seinem neuen Werk bereits ihre Schärfe verlieren. Das Gefühl der unablässigen ständigen Bedrohung, das die Zeilen des ersten Buches Sarmatische Zeit diktierte und im zweiten Gedichtband in dem hervorragenden Requiem zum Gedenken an Gertrud Kolmar, die große Dichterin, die in den Todeslagern umgekommen ist, und in den tragischen Gestalten der allgemeinen, unabwendbaren Not in dem bekannten Gedicht „Der Flug der Vögel“ zum Ausdruck kam — dieses Gefühl verschwindet und macht einer schöpferischen Klarheit des Geistes, der Harmonie und Ruhe Platz.
Die Wetterzeichen — und das ist ebenfalls ein neues Merkmal — bilden kein durchgehendes Thema, kein Leitmotiv, das durch andere Motive kompliziert worden ist; das Buch sieht im ganzen gesehen wie eine freie Improvisation aus. Das kommt vielleicht daher, weil die Gedichte dieses Mal der Zeit nach, zu der sie geschrieben wurden, angeordnet sind (sonst hatte Johannes Bobrowski die Stelle jedes Gedichtes in einem Buch genau und exakt festgelegt und seine Gedichte zu Zyklen zusammengefaßt. Diesmal war es ihm nicht vergönnt, das zu tun).
Die Improvisation ist eher musikalisch als literarisch. Die Gedichte Bobrowskis hatten mit derjenigen Literatur, die aus einer Auswahl einzelner Teile zusammengesetzt wird und ebenso leicht wieder in ihre Bestandteile zerfällt, niemals etwas gemein. Ein Spiel dieser Art ist für Kinder im Vorschulalter geeignet und wird unter der Bezeichnung „Baukasten“ in beliebigen Laden verkauft. Bei dem Dichter gibt es niemals ein Thema außerhalb des Gedichtes, außerhalb seines individuellen Maßes, das einmalig ist wie die Farbe der Augen und die Haarfarbe eines Menschen, niemals außerhalb seiner besonderen Musik. Das trifft speziell auf die Gedichte Bobrowskis und am meisten auf die Verse seines letzten Buches zu.
Wovon handeln diese Gedichte? Wie sollen alle diese scheinbar einzelnen Etüden, Eindrücke, Gestalten und Profile miteinander verbunden werden? Was ist das Gemeinsame zwischen den Liedern der Sappho und den Musikern Bach und Mozart, zwischen der ruhigen und wichtigen Figur des litauischen Dichters und Pastors Donelaitis und dem bewegten Schicksal des deutschen Dichters Lenz oder der so früh und jäh abgebrochenen Idylle des anderen deutschen Dichters Hölty? Warum haben neben ähnlichen Gedichten die Gedichte von den nächtlichen Fischern, vom „roten Sand“, der „auf den Spuren der Stimmen geht“ und „am Morgen den Fang auslegt“ ihren eigenen gesetzmäßigen Platz eingenommen? Besteht hier keine Zufälligkeit, wurden alle diese Gedichte nicht zufällig zu einem einheitlichen Buch zusammengefaßt?
Diese Zufälligkeit ist nur für diejenigen vorhanden, die das Buch flüchtig durchblättern und voraussetzen daß das Thema aus einem Gedicht wie die Schublade aus einem Schreibtisch herausgezogen werden kann, daß, wenn ein Gedicht z.B. „Mozart“ heißt, das bedeutet, daß in diesem von Mozart gesprochen wird und damit alles gesagt ist. Das ist schwerlich richtig. Die Materie der poetischen Sprache ist derart beschaffen, daß jedes Gedicht unerschöpflich wie ein kleines Weltall ist und dieses wie ein Atom seine eigenen, inneren Kräfte hat und mit anderen Versen gänzlich unerwartete Verbindungen eingeht.
Die Kunst und die lebensvolle Natur ergänzen einander in den Gedichten Bobrowskis, ihre Zonen überschneiden sich und dürfen voneinander nicht abgegrenzt werden. Gemeinsam bilden sie das komplizierte Ganze, das als Welt des Dichters bezeichnet wird. In dieser Welt ist Platz für die verschiedensten Eindrücke, Resonanzen und Echos. Nichts ist zufällig, sie alle bilden eine fluktuierende Einheit, und in diesem Sinne kann man mit den Worten von Puschkin sagen, daß das Thema des neuen Buches Bobrowskis „alle Eindrücke des Daseins“ zum Inhalt hat. Hier erscheint die Welt des Dichters vor uns in ihrer ursprünglichen Form. Hier gibt es keinerlei Wegweiser, die uns den Weg erleichtern, und es ist interessant und schwierig, den Weg selbst zu finden.
Der freie Vers Bobrowskis ist von eigener Art: Er weist die Zuge einer klaren und schönen Vollendung und einer beinahe französischen Eleganz auf, er verirrt sich niemals in Halbprosa, und sein poetischer Charakter, seine Disziplin sind weitaus offensichtlicher als in vielen Gedichten, die in „alten Maßen“, mit einem exakten Rhythmus und Reim geschrieben wurden (Bobrowski hatte nicht ohne Grund gesagt, daß er den Versbau bei den antiken Dichtern studiert hat, und eines der Gedichte des neuen Buches ist in einer griechischen „Alcäischen Strophe“, in dem Lieblingsmaß von Hölderlin, geschrieben). Die Schwierigkeiten des Lebens bestehen hier nicht im Fehlen des Reimes und in der Eigenart des Rhythmus, sondern eher darin, was Bobrowski selbst als seine „geheime Neigung zum Hermetismus“ bezeichnete.
In einigen Gedichten ist die Bewegung der Assoziationen rätselhaft, ihre Verbindung unbestimmt, und sogar das ausgezeichnete Gedicht über Mozart ist nicht frei von diesem Mangel. Neben diesen Gedichten gibt es aber Strophen, die wegen ihres melodischen Wohlklanges und gleichzeitig wegen ihrer epischen Kraft wundervoll sind. Zu diesen zählt die Schlußstrophe des Gedichtes über den alten Lushizker Dichter Jakub Bart, über den Dichter eines kleinen und verfolgten Volkes, der seinen ganzen verlorenen Schmerz und seine geheime Kraft empfindet.

Aber wer,
daß ich rede,
bin ich geworden?
Wehe, Stern, du bist
gefallen in Finsternis,
in das Getöse
aus blauer Höhe, der Höhe
ohne Laut –
dorthinauf
erheb ich mich, es erhebt mich,
das seine Stimme gewann,
mein Volk.

Das Buch Wetterzeichen ist der letzte Gedichtband der vom Dichter selbst vorbereitet worden ist. Wir lesen daher mit besonderer Aufmerksamkeit das Gedicht, das „Sprache“ heißt: es scheint das Vermächtnis des Dichters zu sein. Es ist dreiteilig wie eine Sonate.
Vom Thema der Musik im neuen Buch wurde hier nichts gesagt; leider läßt es der Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu auf die äußerst wichtige Frage einzugehen, wie nicht nur irgendein einzelnes Thema, sondern der Charakter der Poesie Bobrowskis selbst mit der Musik verknüpft ist. Wir möchten nur hervorheben, daß Bobrowski, wie übrigens auch Hölderlin, selbst Musiker war und daß er selbst die Übereinstimmung zwischen Poesie und Musik wiederherstellt, die durch die rednerische Poesie der Expressionisten und der letzten Generation verlorengegangen sind, welche sich entweder auf das rednerische oder auf das einfache gesprochene Wort orientiert hatte.
Musik und Poesie sind von jeher mit Deutschland verbunden; gerade die Musik von Schubert hat für uns die Namen hervorragender Dichter wie Wilhelm Müller oder des Österreichers Johann Mairhofer erhalten, den bei uns N.A. Sabolozki übersetzt hatte. Während aber die Zeitgenossen Schuberts ihre Verse an die Melodie eines Volksliedes annäherten, war Bobrowski bestrebt, in seinen Gedichten die Gesetze der großen und kleinen musikalischen Genres in aller ihrer Kompliziertheit anzuwenden.
Führen wir das Gedicht „Sprache“ vollständig an:

Der Baum
größer als die Nacht
mit dem Atem der Talseen
mit dem Geflüster über
der Stille
Die Steine
unter dem Fuß
die leuchtenden Adern
lange im Staub
für ewig
Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn

Der Tod hat dem Dichter „auf dem endlosen Weg zum Hause des Nachbarn“ Einhalt geboten Seine Verse werden jetzt ohne ihn dieser Weg fortsetzen.

G. Groman, Neue Zeit, 5.4.1969

Briefwechsel in Memoriam…

Lieber Yaak Karsunke,
als ich in diesen Tagen in den Wetterzeichen, dem dritten Band der Gedichte von Johannes Bobrowski las, entsann ich mich an einen Kupferstich, den ich neulich in einem kleinen Berliner Antiquariat ausliegen sah: Inmitten eines dichten Eichenhaines drei steinerne, auf zerbröckelnden Podesten stehende Figuren, zwei von ihnen bärtig und mit weise-verschmitztem Lächeln, die rigoros stilisierten Leiber von pruzzischen Schriftzeichen reichlich bedeckt, während der Dritte, Potrimpos, schon eher unverhohlen lacht und auf Beschriftung verzichtet, dafür eine bereits zur Entstehungszeit des Stiches, spätes achtzehntes Jahrhundert vermutlich, arg zerscherbte Tafel in der rechten Hand haltend. Er ist jünger, der Darstellung nach, als seine beiden Nachbarn Pikullos und Perkurios. „Götterbilder der alten Preuszen“ lautete die Bildunterschrift, und die Gegend, der sie vorstehen, Sarmatien, in Wahrheit weit mehr als diese Kulturlandschaft, hat Bobrowski erleuchtet und ins rechte Licht gerückt. Die drei Gottheiten sind in der „Pruzzischen Elegie“ des ersten, 1961 erschienenen Gedichtbuches Sarmarische Zeit anwesend, sie sind es, wenn auch nicht als Vokabeln, im zweiten Band der Gedichte, Schattenland Ströme, der 1963 folgte, und ihre Anwesenheit bestimmt den letzten Gedichtband, den der Union Verlag jetzt vorlegt und dessen Titel Wetterzeichen Bobrowski in mündlichen Äußerungen noch selbst festgelegt hat.
Mit 66 Gedichten ist dieser Band der umfangreichste. Insgesamt liegen 177 Gedichte vor. Ich werde auf etwa 180 Texte kommen, sagte er mir, als ich ihn nach dem Umfang des Zyklus fragte. Als einen in sich beschlossenen, vielfach geweiterten Zyklus betrachte ich die drei Bände, und er kann durchaus als abgeschlossen gelten, wenn auch einige Gedichte, zu denen es in hinterlassenen Gedichten lediglich Stichwörter gibt, ungeschrieben geblieben sind.
Also Wetterzeichen. Bobrowski hat das Motiv des Zeichens, der Warnung auch in die Prosa überführt. Insofern ist schon der Titel des Bandes signifikant für alles, was er je geschrieben hat. Ich spüre, obwohl ich Dir eigentlich nur zu den Wetterzeichen-Gedichten schreiben will, wie sehr ich die 177 Texte als eine Einheit betrachte. Die Verzahnung der Details, die Bezogenheit des einen Gedichts auf das andere ist deutlich. Das ist es: Details. Ein Tollkirschendickicht, Lenz oder Jawlenskij, der bestimmte Fluß, eine ortsansässige Redewendung – daraus und aus allen anderen notwendigen Vereinzelungen fügt sich die geographisch und historisch aufgerufene Landschaft zusammen. Bobrowski hielt ja bekanntlich wenig vom summierenden oder mehr grundsätzlichen Gedicht, weil in derartigen Gebilden die für das umfassende Verständnis unabdingbare Einzelheit verlorengeht. Dieses poetische Prinzip, das er mit selten gewordener Konsequenz handhabte, hat seine Auswirkungen auf die Lyrik der DDR. Einen direkten Einfluß, wie er in den Gedichten der ernstzunehmenden jungen Dichter seit einiger Zeit hervortritt, sehe ich darin, daß Bobrowskis Satz, es bedürfe der deutlicheren Ausarbeitung der Szenerie, in zunehmendem Maße verwirklicht wird. Die Kritik hat auf das Phänomen noch nicht hingewiesen, wenigstens nicht im Zusammenhang mit den Wirkungen, die von Bobrowski ausgehen. Sie wird gelegentlich auch über die Vielfalt der ins Gedicht genommenen Gegenstände zu reden haben, eine Erscheinung, die, wie mir scheint, zwar nicht von Bobrowski ausgelöst, wohl aber befördert worden ist. Ich meine damit jene Gegenstände, die gern und oft als lyrisch belanglos und abwegig gescholten wurden. Ein Beispiel: Eine Reihe der in den letzten Jahren geschriebenen Gedichte von Sarah Kirsch sind in ihrer sehr persönlichen Tönung nicht ohne die Begegnung mit dem Werk Bobrowskis denkbar. Nicht gewisse formale Tricks, sondern seine Haltung und damit die freilich nicht immer auf den ersten oberflächlichen Blick ablesbare Stellungnahme zu dem, was er spröd, melancholisch, unnachahmbar schön beschreibt, halte ich für studierenswert. Ich habe in den Wetterzeichen Gedichte gefunden, die ich sehr gern immer wieder lese, weil sie, trotz (oder soll ich sagen: wegen) ihres Eingebundenseins in das sarmatische Thema, das ja gleichermaßen Vergangenheit und Gegenwart umreißt, äußerst aktuell sind. Historisches steht in ihnen stets in aufklärender Beziehung zum Heutigen. Dazu zähle ich Gedichte wie „Mitternachtsdorf“, „Schattenland“, „An Klopstock“, „Begegnung“, „Kalmus“, „Sprache“, „Vogelnest“. Unbedingt auch „Das Wort Mensch“, Bobrowskis letztes Gedicht, ein Credo:

Das Wort Mensch, als Vokabel
eingeordnet, wohin sie gehört,
im Duden:
zwischen Mensa und Menschengedenken.

Die Stadt
alt und neu.
schön belebt, mit Bäumen
auch
und Fahrzeugen, hier

hör ich das Wort, die Vokabel
hör ich hier häufig, ich kann
aufzählen von wem, ich kann
anfangen damit.

Wo Liebe nicht ist,
sprich das Wort nicht aus.

An das Stehpult tretend, in dem er seine Manuskriptmappen aufbewahrte, und gerade dabei, eine Änderung am Gedicht mit Liedern Sapphos vorzunehmen, klagte er darüber, ich glaube, es war Ende Februar 1964, daß es mit dem Herunterschreiben nicht mehr so glatt wie früher gehe. Keinem der Gedichte aber, wie jedem guten Gedicht, sieht man die Fassungen an, durch die es hindurchgegangen ist. Im Gegenteil: Bobrowskis Manier ist in nicht wenigen Stücken des Bandes aufs schönste ausgebildet: seine Rede geht ihm leicht von der Zunge, sie ist oft heiter und von ausgesprochen heller Färbung. Um so mehr verwundene mich der Einwand eines Bekannten, der sich regelmäßig mit Gedichten beschäftigt: Gerade dieser Band enthielte Belege für die Dunkelheit Bobrowskis. Der Einfachheit halber setzte er dunkel sofort mit unverständlich gleich. Ich halte dafür, daß die Gedichte nichts anderes spiegeln als die Eigenheiten einer den meisten Leuten nicht vertrauten Landschaft und ihrer Bewohner. Freilich bedarf es bei der Schilderung sarmatischer Ebenen anderer Mittel als der, mit denen für ein Gedicht auf das flache Land etwa bei Magdeburg auszukommen wäre. Der Gegenstand trift sozusagen von sich aus eine Vorauswahl der Mittel, und Bobrowski hat sie treffsicher eingesetzt. Und wie kann das Gespräch auf Dunkelheit, auf Unverständlichkeit kommen bei einem Dichter, der sich, dabei an Peter Huchel anknüpfend und sich von der Poetologie Wilhelm Lehmanns abgrenzend, die Einbeziehung des Menschen in die Landschaft zum Ziel gesetzt hat. Eher schon könnte über Grade der Heiligkeit gesprochen werden.
Das sind einige Gedanken, die mir beim Lesen des Bandes gekommen sind. Inzwischen liegt ja auch die bei Wagenbach erschienene Lizenzausgabe vor, und ich kann an Dich die Frage richten: Wie siehst Du das aus der Münchener Perspektive?

Mit den besten Grüßen
Dein Bernd Jentzsch

 

Lieber Bernd Jentzsch

meine Münchener Perspektive geht aus dem fünften Stock auf die Bäume des Englischen Gartens, hinter den Bäumen ein kleiner See, und wenn ich mir Wagenbachs Quartplatte auflege, auf der Bobrowski das Käuzchen (aus „Mäusefest“) liest, dann rufen ihm und mir die Wasservögel dazwischen, deren Namen ich nicht mal weiß, wenn ich sie sehe – und die er vielleicht schon an den Stimmen erkannt hätte. Von München ist es offenbar noch ein paar hundert Kilometer weiter nach Sarmatien als von Berlin – aber dieser Einwand besticht höchstens, sticht aber nicht, ich bin ja in Berlin geboren, hab da lange gelebt. Und wenn Bobrowski, von der Schallplatte her, fragt: „Aber wenn du träumst, wie reden da die Leute, wie sehen die Wege aus, aus welchem Haus kommst du, in welches gehst du hinein?“, dann fragt er mich nicht nach Sarmatien zurück sondern in die Mark Brandenburg, in meinen Träumen berlinern die Leute und ich gehe in undeutlich nördlichen Stadtvierteln von einem Miethaus ins andre, bestenfalls in den Bürgerpark, selten.
Also wenig geeignet, die Wetterzeichen mir gelten zu lassen? Weil es doch Zeichen sind für Dinge, die ich nie kannte, das Flüßchen Szeszupe etwa, und die Häuser aus Holz, „aber nicht alle“ sagt Bobrowski von der Platte, „und das ist es auch nicht“. Und das ist es auch nicht. Denn zwischen all dem, was mir so unvertraut ist, daß ich zunächst geneigt bin, es mir als idyllisch vom Halse zu halten, stehen diese bestürzenden Fragen:

Sag, doch, wie leben wir hier? Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?

Die zweite Frage verwischt’s mir schon wieder etwas: Vaterland, das ist mir so ein Wort, damit hat man mich zu belügen versucht; Walter Mehring schrieb 1933 in Paris:

Die ganze Heimat und
das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort
An seinen Sohlen, in seinem Sacktuch mit sich fort…

Das war ein Versuch, damals, fertig zu werden mit sich, mit dem was man nicht hatte verhindern können, Gassenhauer-understatement, und 1945 zeigte sich, daß viele nicht fertig geworden waren. Mehrings Verse sind historisch geworden, die Frage überdauert die Antwort, und Bobrowski also hat sie dann wieder gestellt, läßt sie ohne Antwort, oder wird mit der Antwort nicht fertig: „Sag doch, wie leben wir hier?“
Dieses nicht-fertig-werden fiel mir bei der Lektüre als erstes auf. Wiederaufnahmen, Verweise, Du schreibst von Stichwörtern zu Gedichten, die ungeschrieben geblieben sind, nennst die drei Gedicht-Bände einen vielfach geweiterten Zyklus. Daher wohl auch der Einwand Deines Bekannten gegen die „Dunkelheit“ einiger Gedichte, der Du die Grade der Helligkeit entgegensetzt. Bobrowskis Gedichte sind, einzeln genommen, auch für mich manchmal (oft?) nicht völlig verständlich – einzelne Zeilen eines sehr hellen Textes können dunkel werden, wenn man sie aus dem Kontext nimmt, und Bobrowskis Verse muß man wohl als zusammenhängenden Kontext lesen, in dem sich dann Dunkelheiten gegenseitig erhellen:

Schatten, tretet hervor,
das Licht will beginnen mit kleinen
Schritten, zeigt ihm
den Weg

heißt es in „Haus“, einen meiner liebsten Gedichte aus den Wetterzeichen. Ob die „Einbeziehung des Menschen in die Landschaft“ Dunkelheit und Unverständlichkeit so radikal ausschließen muß, wie Du es siehst, weiß ich nicht ganz – s0 hell und verständlich scheinen mir weder Menschen noch Landschaft zu sein, eher wäre dann die Dunkelheit die Landschaft, aus der der Mensch – noch immer – nicht heraus ist. Sag doch, wie leben wir hier?
„Also: wer gut zuhört, der sckmeckt was immer los ist, weil es noch nie los war“ hat Bloch über die so andere Lyrik von Brechts „Seeräuberjenny“ geschrieben, auf das gut zuhören kommt es wohl an. Bobrowskis Gedichten kann man auch sehr gut zuhören – ich habe ihn leider nie lesen gehört, aber seine Verse sind ungemein sprechbar geschrieben – halblaut übrigens, wie Verständigungsproben, mit einer unaufwendigen Genauigkeit, die es mit Andeutungen bewenden läßt. Dabei wird nicht gespart, nur läßt sich mehr offenbar nicht sagen, wiederholen kann man, so wie beim Schluß von „Barlach in Güstrow“:

Der Kiesel unter dem Schuh,
abends, der Kiesel,
abends,
der Kiesel,
gefangen.

Das letzte Wort ist fast schon zu viel, schließt ab, setzt gefangen – das ist mir eine von den Stellen, die Du mit Recht „unnachahmbar schön“ nennst.
Dieses „unnachahmbar“ scheidet ja auch die jungen Lyriker, die Bobrowski so spürbar beeinflußt hat, deutlich von formalen Kopisten und Epigonen. Du schreibst von seiner „Haltung“, ich finde diese aber unzureichend beschrieben in Deiner Annahme, „daß die Gedichte nichts anderes spiegeln als die Eigenheiten einer den meisten Leuten nicht vertrauten Landschaft und ihrer Bewohner“. Ich glaube, man reduziert die potentiellen Möglichkeiten der Mittel Bobrowskis, wenn man sie als durch den Gegenstand vorausgewählt begreift – oder man sieht den „Gegenstand“ zu eng, wenn man ihn nur als sarmatische Ebenen betrachtet. Unter den beunruhigten Blicken Bobrowskis hätte sicher auch das flache Land bei Magdeburg seine Verwerfungen und Risse hergezeigt, wichtiger als das Ensemble der Gegenstände ist doch die Stimme dessen, der sie anredet, ihnen zuredet:

Brunnen, dein Moos ist verdorrt.
Balkengeviert, du sankst
über den Sand. Zerbrich
Brunnenbaum, über die Stimme
unter dem Sand, die Stimme
breite dich, Baum, aus vier Wänden,
Rose siebenblättrig,
steh in den Lüften – dort
weh auch der Schnee.

So endet „Auf einen Brunnen“ – und ich, dem man in der Schule mit Hans Carossas Brunnen noch die Liebe zur Lyrik auszutreiben versucht hat, sehe mit Staunen, daß es eben nicht an den Brunnen liegt. Und ebenso geht es mir auch mit dem Vaterland, das am Schluß von „Das verlassene Haus“ wieder auftaucht:

Dort war der Himmel
aufgetan, in der Farbe des Kinderhaars.
Schöne Erde Vaterland.

„Es war einmal: das ist zwar ganz in der Nähe, aber in der der Kinder, also ist es ebenso berauschend wie landfremd“ heißt es bei Bloch, der mir nicht nur an dieser Stelle (und nicht nur wegen des Kinderhaars) eingefallen ist. Die „schöne Erde“ korrespondiert mit dem aufgetanen Himmel in sehr dialektischer Vermittlung, die für mein Empfinden Blochs dialektischer Vermittlung von linkem Christentum und Marxismus benachbart ist, ja, ihr poetisch entspricht. Es hat mich etwas erstaunt, in Deinem Brief die Religion gar nicht erwähnt zu finden, die für Bobrowski doch eine bestimmende Rolle gespielt hat, und das ja auch in den Gedichten tut, wenn auch fast unkenntlich oft, „wie im Gras der Engel / mit zerfressener Hüfte, hölzern, die Spur / Mehl hinter sich“ („Alter Hof in Häme“). Ich finde in diesen Versen viel utopische Ahnung, rückgespiegelt in das verlassene Land Sarmatien wie die Religion ein Bild menschlicher Zukunft ins Paradies rückspiegelte, es ist der „Traum von der Sache“, ein beunruhigter Traum mit viel Vogelruf, von dem man nicht weiß wem er gilt und wohin er ruft.
Man wird sich da entscheiden müssen, den Ruf aufnehmen, die Frage heraushören, die in die Zukunft hineinfragt: sag doch, wie leben wir hier? An Antworten auf diese Frage werden wir alle, die Bobrowskis Gedichte kennen und lieben, arbeiten müssen – daß die Antwort uns nicht zu schnell und glatt gerät, können wir von ihm lernen. Ich danke Dir für Deinen Brief, der mir geholfen hat, dem Traum von der Sache auch ein wenig Bewußtsein von der Sache dazuzugewinnen,

mit freundlichen Grüßen
Dein Yaak Karsunke

aus: Kürbiskern, Heft 1, 1968

III. Der Lyriker

Die sarmatische Welt – Thema und Motivierung

aaaaaaaaa– ich hab
aufgehoben, dran ich vorüberging,
Schattenfabel von den Verschuldungen
und der Sühnung:
so als den Taten
trau ich – du führtest sie – trau ich
der Vergeßlichen Sprache…

(„An Klopstock“)

Die Welt eines Dichters erstreckt sich in kaum beschreibbare Richtungen und Bereiche, weil sie alles um sich aufgreift, sich anzueignen trachtet, um als andere Wirklichkeit wieder Leben zu haben. Zugleich kreist sie um ein Zentrum: Erfahrene Realität, persönliches Leid und persönliche Liebe verdichten sich zur einmaligen, subjektiven Anschauung, so daß das Gesamtwerk wie die Variation auf ein Thema erscheint.
Als sein Thema nennt Johannes Bobrowski:

die Deutschen und der europäische Osten.

Er spricht von den Voraussetzungen, die er dafür mitbringt, vom unmittelbaren Kindheitserlebnis, von der Zerstörung dieser Existenz durch den Krieg und von der Berufung, die sich für ihn daraus ergab:

Ich will etwas tun mit meinen Versen, mühevoll und entsagungsvoll… wozu ich durch Abstammung und Herkunft, durch Erziehung und Erfahrung fähig geworden zu sein glaube… Dazu muß alles herhalten: Landschaft, Lebensart, Vorstellungsweise, Lieder, Märchen, Sagen, Mythologisches, Geschichte, die großen Repräsentanten in Kunst und Dichtung und Historie. Es muß aber sichtbar werden am meisten: die Rolle, die mein Volk dort bei den Völkern gespielt hat.

Zum Thema tritt das Motiv, Beweggrund, Ursache der inneren Erregung, ohne die Kunst nicht entsteht, Kunst, die den Eindruck von außen vernimmt, in sich bewegt, um ihn als dichterische Wirklichkeit wieder zu reproduzieren: der „Vergeßlichen Sprache“, Mitteilung derer, die vergessen wollen, Sprache gegen das Vergessen.

Das christliche Motiv von Schuld und Sühne, aus der der Mensch nicht entlassen ist, erlangt bei Bobrowski seine gesellschaftliche und historische Verantwortlichkeit. Vergessene Geschichte – Schattenfabel der Verschuldungen – wird zu einem politischen Motiv. Nicht daß „genannte Schuld“ schon durch die Benennung „gebannt“ wäre; aber es muß auch im Gedicht etwas „getan werden, nur auf Hoffnung“. „Zu befragen und dringlich zu befragen“, dazu sollte das Gedicht geeignet sein, es „soll also benennen“.
Bobrowskis Dichtung macht es sich von Anfang an nicht leicht, weil ihr das Schwierige ihres Gegenstandes bewußt ist. Sie setzt an, zögert, setzt erneut an – auch im Vers selbst. Will man Bobrowskis Gedichte verstehen und ihre Welt erfassen, sollte man berücksichtigen: Das Gedicht dieser Art reagiert nicht nur auf den ersten Impuls, den unmittelbaren Anlaß, die aktuelle Gelegenheit. Es bereitet sich lange vor, verliert sich in immer unbekanntere Tiefen, wächst in immer deutlichere Helligkeit. Es kann sich nicht mit der Antwort auf eine Frage begnügen, weil sich aus der Antwort immer weitere Zweifel und Unerhörtes ergeben. Erkenntnis zieht Unzufriedenheit darüber nach sich, Ungekanntes und Ungenanntes wiederum vor sich zu haben – Vergessenes, Neuentstehendes.
Aus diesem Grunde setzt Bobrowski mit seinem Gedicht ganz früh an, geht weit zurück, dorthin, wo die Verschuldung für ihn begann, in historischer Zeit, damals hatten in seiner Heimat die Pruzzen ihren Wohnsitz.

PRUZZISCHE ELEGIE

Dir
ein Lied zu singen,
hell von zorniger Liebe –
dunkel aber, von Klage
bitter, wie Wiesenkräuter
naß, wie am Küstenhang die
kahlen Kiefern, ächzend
unter dem falben Frühwind,
brennend vor Abend –
deinen nie besungnen
Untergang, der uns ins Blut schlug
einst, als die Tage alle
vollhingen noch von den erhellten
Kinderspielen, traumweiten –

damals in Wäldern der Heimat
über des grünen Meeres
schaumigem Anprall, wo uns
rauchender Opferhaine
Schauer befiel, vor Steinen,
bei lange eingesunknen
Gräberhügeln, verwachsnen
Burgwällen, unter der Linde,
nieder vor Alter, leicht –

wie hing Gerücht im Geäst ihr!
So in der Greisinnen Lieder
tönt noch,
kaum mehr zu deuten,
Anruf der Vorzeit –
wie vernahmen wir da
modernden, trüb verfärbten
Nachhalls Rest!
So von tiefen
Glocken bleibt, die zersprungen,
Schellengeklingel – –

Volk
der schwarzen Wälder,
schwer andringender Flüsse,
kahler Haffe, des Meers!
Volk
der nächtigen Jagd,
der Herden und Sommergefilde!
Volk
Perkuns und Pikolls,
des ährenumkränzten Patrimpe!
Volk
wie keines, der Freude!
wie keines, keines! des Todes –
Volk
der schwelenden Haine,
der brennenden Hütten, zerstampfter
Saaten, geröteter Ströme –
Volk
geopfert dem sengenden
Blitzschlag; dein Schreien verhängt vom
Flammengewölke –
Volk,
vor des fremden Gottes
Mutter im röchelnden Springtanz
stürzend –
wie vor ihrer erzenen
Heermacht sie schreitet, aufsteigend
über dem Wald! wie des Sohnes
Galgen, ihr nachfolgt! – –
Namen reden von dir,
zertretenes Volk, Berghänge,
Flüsse, glanzlos noch oft,
Steine und Wege –
Lieder abends und Sagen,
das Rascheln der Eidechsen nennt dich
und, wie Wasser im Moor,
heut ein Gesang, vor Klage
arm –
arm wie des Fischers Netzzug,
jenes weißhaarigen, ew’gen
am Haff, wenn die Sonne
herabkommt.

Diese Elegie, 1952 als eines der ersten Gedichte der Sarmatischen Zeit aufgezeichnet, macht, wenn auch noch etwas vordergründig und künstlerisch nicht ganz ausgereift, schon alle Elemente der Lyrik Bobrowskis sichtbar, die, sich überlagernd und einander begegnend, seine Sehweise kennzeichnen: Erinnerung und Mythe, Kindheit und Überlieferung in vertrauter Landschaft. Das Lied, hell von Liebe, beschwört seine Jugend in der Heimat („Da hab ich den Pirol geliebt“). Das Dunkel der Klage gilt ihrem Verlust („bittrer von Vers zu Vers“ – „Kindheit“). Zwischen Lied und Klage steht als jüngste Vergangenheit der Krieg („Sah ich dich nicht mehr an, Bruder?“ – „Kaunas 1941“). Die Verschuldung reicht weit zurück in die Vorzeit, und eine „gestorbene Sprache“ redet:

Der mit den Flügeln schlägt
draußen, der an die Tür streift,
das ist dein Bruder, du hörst ihn…
(„Gestorbene Sprache“)

Mythe entschlüsselt sich so als Vorgeschichte, als beziehungsreicher Mythos, auch wenn das Dunkel oft kaum zu durchdringen ist, oft nur bezeichnet, nicht immer enträtselt wird.
Setzt man diese lyrische Sehweise voraus, so lesen sich diese Elegie und andere seiner Gedichte wie dichterische Texte zu dem, was Herder nahezu zweihundert Jahre früher, 1784, in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit analysierend und prophetisch schrieb:

Die Litauer, Kuren und Letten an der Ostsee sind von ungewissem Ursprunge; aller Wahrscheinlichkeit nach indessen auch dahin gedrängt, bis sie nicht weiter gedrängt werden konnten. Ungeachtet der Mischung ihrer Sprache mit anderen hat sie doch einen eigenen Charakter und ist wahrscheinlich die Tochter einer uralten Mutter, die vielleicht aus fernen Gegenden her ist. Zwischen den deutschen, slawischen und finnischen Völkern konnte sich der friedliche lettische Stamm nirgend weit ausbreiten… und ward zuletzt nur wie seine Nachbarn, die Preußen, am meisten durch die Gewalttätigkeiten merkwürdig, die allen diesen Küstenbewohnern teils von den neubekehrten Polen, teils vom Deutschen Orden und denen, die ihm zu Hilfe kamen, widerfuhren. Die Menschheit schaudert vor dem Blut, das hier vergossen ward in langen wilden Kriegen, bis die alten Preußen fast gänzlich ausgerottet, Kuren und Letten hingegen in eine Knechtschaft gebracht wurden, unter deren Joch sie noch jetzt schmachten. Vielleicht verfließen Jahrhunderte, ehe es ihnen genommen wird, und man zum Ersatz der Abscheulichkeiten, mit welchen man diesen ruhigen Völkern ihr Land und ihre Freiheit raubte, sie aus Menschlichkeit zum Genuß und eignen Gebrauch einer besseren Freiheit neu bildet.

Sarmatien nannten die römischen Geschichtsschreiber und Geographen in den ältesten Quellen das Siedlungsgebiet der Slawen. Die Sarmaten, ein indogermanisches Reitervolk, kamen aus den Gebieten nördlich des Schwarzen Meeres, und Herodot übermittelt die Legende, daß sie von den Amazonen abstammen. Nach Ptolemäus (um 180 u.Z.) wurde das Land östlich der Weichsel und der Karpaten als europäisches Sarmatien bezeichnet, die Ostsee Sarmatischer Ozean.

…..
Ebene,
riesiger Schlaf,
riesig von Träumen, dein Himmel
weit, ein Glockentor…

…..
da die Völker geschritten
auf Straßen der Vögel
im frühen
Jahr ihre endlose Zeit,
die du bewahrst
aus Dunkel. Ich seh dich:
die schwere Schönheit
des ungesichtigen Tonhaupts
– Ischtar oder anderen Namens –
gefunden im Schlamm.

(„Die Sarmatische Ebene“)

In geschichtlicher Zeit lebten zwischen Weichsel und Memel die Pruzzen, opferten ihren Gottheiten Perkun (Gott des Donners, dem griechischen Zeus entsprechend), Pikoll und Patrimpe; die Hügel ihrer Opferhaine und Grabstätten zeugen für sie (in Litauische Claviere ist ein Fest der Litauer auf dem Berg Rombinus an der Memel, einer alten Weihestätte für diese Götter, beschrieben).
Im 9. und 10. Jahrhundert vollzog sich in den Ländern der Slawen das, was man Christianisierung nennt; so nahm in der Kiewer Rus 987 oder 988 der Fürst die Taufe. Das Volk lehnte den neuen Glauben und seine Geistlichen ab; gewaltsam wurden die alten Kultstätten zerstört, die Götterbilder vernichtet (davon erzählt die Geschichte „Die Seligkeit der Heiden“).
In das Gebiet nordöstlich der Weichsel drangen im 12. und 13. Jahrhundert nach den polnischen Feudalherren die Heere des Deutschritterordens ein, breiteten unter dem Zeichen des Kreuzes ihre Herrschaft aus. Das Volk der Pruzzen wurde in den nächsten Jahrzehnten fast völlig vernichtet oder zerstreut, so daß aus dem 14. Jahrhundert nur ihre Sprache als Denkmal erhalten blieb.
Bobrowskis Kenntnis um diese Vorgänge datiert schon aus seiner Schulzeit. Aber erst unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges standen ihm diese längst vergangenen blutigen Taten wieder vor Augen:

wie vor ihrer erzenen Heermacht sie schreitet… wie des Sohnes Galgen ihr nachfolgt!

Davon spricht die Elegie. Sie beschwört Geschichte in Parallele zur jüngsten Verschuldung, an der ihr Autor selbst Teil hatte, um „eine große tragische Konstellation in der Geschichte auf meine Schulter zu nehmen…“

Seine Gedichte gestalten historische Erkenntnis nicht als vordergründiges Abbild oder Lehre. Im Miteinander von gegenwärtigem Bewußtsein und einstiger Empfindung steigt sie auf, in Trauer und Freude. Bobrowski sah, daß ihm das Land seiner Herkunft verwehrt war, nicht nur als geographisches Gebiet, auch als geistige Heimat. Er war plötzlich ein Fremder geworden, und als dieser Fremde, den man doch nach landesüblicher Sitte willkommen heißt, nähert er sich, zögernd, die schuldlose Kindheit anrufend:

Wilna, Eiche
du –
meine Birke,
Nowgorod –
einst in Wäldern aufflog
meiner Frühlinge Schrei, meiner Tage
Schritt erscholl überm Fluß.

…..
Rede tönt noch herauf:
Heiß willkommen die Fremden.
Du wirst ein Fremder sein. Bald.

(„Anruf“)

Die erste Bewußtseinsebene der sarmatischen Landschaft heißt Kindheit. Ihre arglose Schönheit, ihr noch friedliches Miteinander der Menschen, wie es naiv erlebt wurde, sie steigen auf und führen in Versen von durchsichtiger Klarheit und Reinheit ihr Dasein. Dörfer, Städte, Flüsse, Leute und Lieder werden angerufen, bleiben unverlierbar als Möglichkeit des menschlichen Zusammenlebens. Die Jura, die Düna, die Memel, die Daubas; Wilna, das Dorf Tolmingkehmen, die Ostseestädte; das Haus an der Wilia, der litauische Brunnen, die Nacht der letzten Gehöfte, der Flußfischer, der Strandgänger, die junge Maria – Natur und Mensch leben in diesen Versen, mahnen, auf ihre Weise unüberhörbar.

AUF DEN JÜDISCHEN HÄNDLER A.S.

Ich bin aus Rasainen.
Das ist, wo die zweite Waldnacht
vorbeigeht, wenn du vom Strom kommst,
wo die Gehölze sich auftun
und aus den Wiesen drängt
gilbender Sand.

Dort sind die Nächte hell.
Unsre Frauen löschen die Feuer
zeitig. Lang
atmen wir, tief mit dem dunklen
schweifenden Windhauch.

Alles haben wir, jede
Zeit aus den Händen der Väter.
Ihre Sorg’ hält uns wach.

Ihr übersterntes Gefürcht
glänzt im Gezweig unsrer Rede.
Frierend schütten wir ihnen
Gräber. Es lagern die Wolken
lange darüber, Rauch.

Immer geht einer davon,
schaut nicht zurück, kein Winken
folgt ihm. Doch hält ihn der Alten
Spruch an den Pfosten des Tores
über dem Meer noch. Fern
weckt ihn der Birkenwege
wehe tönendes Saitenspiel.

Das Bild der Kindheit ist überschattet vom Abschied. Doch romantische Rückerinnerung an einen beschaulichen Naturzustand ist dem Dichter versagt: Zwischen damals und heute schiebt sich der Krieg über die sarmatische Provinz als zweite Bewußtseinsebene.
Bobrowski hat berichtet, daß er zu Beginn der 40er Jahre in der Sowjetunion als Soldat Gedichte zu schreiben begann. Gegenüber zerstörten Wohn- und Glaubensstätten, in einer Landschaft ähnlich der der Heimat – in vertrauter Umgebung also – sucht er verzweifelt nach Erklärung. Eines dieser erhaltenen Gedichte von 1943 ist ebenfalls „Anruf“ überschrieben:

Hoch überm See die schweigende Nowgorod.
Noch sinne ich das wohl, und es zieht das Herz
sich mir zusammen – und doch ist ein
Frieden bereitet in der Zerstörung.

Den aber nennen! In das zerstörte Haus
gehn nur im Traum Gedanken noch ein vom Einst –
wie Möwen überm müden Flusse,
und auch ihr Schreien zerbricht im Winde.

Noch stehen Türme, die ihrer Kuppel Last
zerbrochnen Kronen gleich, aus der Trümmer Leid
aufheben, doch es fügt der Himmel
nur das zertretene Bild zusammen.

Daß der Himmel keine Versöhnung zu stiften vermag in den blutigen Auseinandersetzungen von Verteidiger und Eroberer, vollzieht sich als Erkenntnis an diesem Krieg. Im Jahr 1955 noch einmal – von sozialistischer Gegenwart aus, wohl auch unter dem Eindruck der Restauration in der Bundesrepublik – rückt das Bild des geschändeten Nowgorod in den Vers, sarmatische Welt jetzt aus gegenwärtiger Sicht, sie zu deuten, dritte Bewußtseinsebene dieser Verse. Jetzt kommt auch die andere Seite ins Blickfeld, Klage wird Anklage, Schuld wird erklärbar.

KATHEDRALE 1941

Die wir sahn
über dem Winterstrom,
über der Wasser reißender
Schwärze, Sophia, klingendes
Herz der verdüsterten Nowgorod –

Finster wars schon voreinst.
Doch mit schäumenden, heitren
Delphinen vorübergezogen
kam die Zeit, Fruchtgärten
brannten die Wange dir, oft
hinter den Zäunen hielten
Pilger nassen Gesichts
in deiner Kuppel goldnem Geschrei.

Und deine Nacht, die Mondschlucht,
tödlich blaß, es erglänzte
der halkyonische Vogel
im Eisgenist.

Rauch hat dir die Wände
geschwärzt, deine Türen zerbrach
Feuer, wie wird sein
das Licht deinen Fensterhöhlen?
Alles an unserem Leben
wars getan, der Schrei
wie das Schweigen, wir sahn
steigen über die Ebene
weiß, dein Gesicht.

Damals
in den Mooren,
draußen, ging auf
der Zorn.
Zorn, eine schwere Saat.
Wie will ich rufen
einmal
das Aug mir noch
hell?

In dieses Gedicht, das nicht mehr die vorgeschriebene Odenstrophe einhält, sondern die Verwüstung kontrastiert mit einem lichteren Vor-Bild des Friedens in freien Strophen, bezieht sich der Dichter als Person mit ein, die „von unserem Leben“ spricht, das dort seine Wendung erfuhr. Der Zorn des Gegenüber wird verständlich.
Es fällt in diesem Zusammenhang das Wort „Bewältigung“. Mit Recht hat sich Bobrowski gegen einen oberflächlichen Gebrauch dieses Begriffes gewehrt, der manchem Stück Literatur schon als Vorwand diente, recht routinemäßig das Kriegsthema zu strapazieren. Denn etwas bewältigen als Dichter, heißt ja nun keineswegs nur einem Erlebnis nachgehen und es. nach Jahren anders sehen, als man es einmal verstanden hat. „Ich bin dafür“, sagt Bobrowski, „daß immer alles neu genannt wird, was man so ganz üblich als ,unbewältigt‘ bezeichnet, aber ich denke nicht, daß es damit ,bewältigt‘ ist.“ Und er sieht diese Auseinandersetzung als immer erneute Bemühung um die Sache, gegen den Mißbrauch dieser Bemühungen er sich energisch zur Wehr setzt.
Auf einer Literaturtagung kürzlich hörte ich zwei Texte, die sich mit der Darstellung des zweiten Weltkrieges befaßten. Beide spulten das Thema unter anderem in der Sprache höherer Militärstäbe ab, der eine gab noch eine Fassung in Heideggerscher Terminologie dazu. Beide Texte waren vorzüglich, meine ich, in künstlerischer Hinsicht. Möglich, daß sich das Grauen der letzten Kriegswochen mit solchen Techniken auf besonders grausige Weise zeigen läßt… Aber ich werde den Verdacht nicht los… hier verselbständigt sich der Anlaß, das Motiv, das Thema, indem es sich als Kunstwert, als literarisches Experiment entdeckt… Zum Schluß hat sich der Anlaß verflüchtigt, das Kunstwerk hat sich ausschließlich als Kunstprodukt an die Stelle des vorhanden gewesenen Anliegens gesetzt.

Die Schärfe, mit der sich Bobrowski hier gegen eine Kunst als möglichen Selbstzweck wendet, entspricht seiner Auffassung vom realistischen Gedicht. Es will aber nicht Illustration, Argument oder erläuternde Reflexion sein – das erklärt die Schwierigkeit mancher Verse, in denen sich die verschiedenen Elemente so durchdringen und überlagern, daß es einer gründlichen Beschäftigung mit dieser poetischen Welt bedarf, um in sie einzudringen. Aber noch weniger wollte Bobrowski das Gedicht von seinem Thema, seinen Motiven entfernt sehen, als schönes Gebilde, nur für sich und an sich. Er begnügte sich deshalb nicht mit der nur bekennenden Stimme zu seinem Gegenstand, denn die bloße Versöhnungsgeste, die versifizierte Wiedergutmachung reichte ihm für Kunst nicht aus.
Die sarmatische Welt – und damit scheint der Kreis geschlossen – bezieht auch Gegenwart auf Geschichte, sie hat als viertes Element reflektierendes Vergangenheitsbewußtsein. Es ist nicht die „herbe Einfalt, durch die Bobrowski seine ,sarmatische Zeit‘ mit der unseren zu verknüpfen weiß“, vielmehr recht gewisse Einsicht, daß Unbekanntes, zu Unrecht Übersehenes heraufgeholt werden kann, um erst jetzt wirksam zu werden. Ursprünglich war ein umfangreicheres Werk mit dem Titel „Sarmatischer Divan“ geplant, in gewisser Korrespondenz zu Goethes West-Östlichem Divan.
Für Bobrowskis Lyrik ist die Einfühlung in die tradierte slawische Literatur mehr als eine Bildungsangelegenheit. Viele Quellen seines Gedichts werden von dort gespeist, kaum ein deutschsprachiger Künstler dieser Epoche – wenn man von dem Bildhauer Ernst Barlach absieht – war mit osteuropäischer Kultur so innig vertraut. Die Dichtung des Polen Adam Mickiewicz ist ihm nah, daß er sich im Vers auf erstaunliche Weise mit ihm identifizieren kann:

Ich werd kommen, vom Singsang
müd, vom Gered, nur den Flug
einer Etüde über dem Ohr, ich werd stehn
auf den Hängen, hören
nach einem Ruf und den Ton
suchen mit zitterndem Mund
sagen: es ist ganz leicht.

(„Mickiewicz“)

Bobrowski hat Gedichte des Russen Pasternak ins Deutsche übersetzt und Marschaks Tierhäuschen. Neben russischer Dichtung aber fließen vor allem litauische und andere baltische Lieder sowie volkstümliche Gesänge in seine Gedichte ein. Die Kunst dieser Völker, aus der im 18. Jahrhundert der litauische Idyllenverfasser Donelaitis hervorgeht, die alten litauischen Dainos, werden als kräftiger Zustrom zum deutschen Volks- und Kirchenlied mit verarbeitet.
Der Geist slawischer Lyrik jedoch bedurfte keiner Übertragung, er lebt in ihm. Er sieht den Tschechen Petr Bezruč, den Bergmann der Beskiden, aus den Wäldern herabsteigen, richtend in Volkes Namen:


es fährt meine Axt durch den Himmel,
der blutet noch aus.

In den Bergacker fällt sie.
In der Furche dort wird
einer sie finden, der prüft
ihre Schärfe…

(„Petr Bezruč“)

Der unbekannte sorbische Sänger Jakub Bart erhebt in Johannes Bobrowskis Gedicht noch einmal die Stimme, die seines Volkes:


Wacht doch,
daß ihr vernehmt
die Brüder hinter der Grenze,
über den Bergen wie Feuer,
über den Wäldern, es gehn
die Stürme
brüderlich, ihr hört:
sie reden mit eueren Mündern,
sie treten wie ihr die Erde,
sie gehn aus den Gruben
herauf wie ihr.

Aber wer,
daß ich rede,
bin ich geworden?
„Wehe, Stern, du bist
gefallen in Finsternis,
in das Getöse
aus blauer Höhe, der Höhe
ohne Laut“ –
dorthinauf
erheb ich mich, es erhebt mich,
das seine Stimme gewann,
mein Volk.

(„Jakub Bart in Ralbitz“)

Bobrowski hat bemerkt, daß einmal, wenn alle seine Gedichte vorlägen, ihr „Stellenwert in einem Gesamtplan deutlicher sei“. Überblickt man heute dieses Werk, das Gedicht für Gedicht zu datieren ist (wobei die Chronologie der Gedichte nicht mit der Reihenfolge der Veröffentlichung in den Bänden übereinstimmt), wird die Größe dieses Entwurfs sarmatischer Welt zu einer west-östlichen Einheit künstlerische Wirklichkeit.
Aber Wirklichkeit im Gedicht will erst geschaffen werden, Vers um Vers vor unseren Augen, sonst glauben wir ihr nicht. Wir wollen Erfahrungen, nicht Meinungen, dann erst bildet sich Wirklichkeit für uns.

Droben schwang der Wind.
Wir lebten am Fluß in den Hütten.
Dunkelnd die Ufer hinauf,
tönte das Schilf.

Wir waren Kinder mit unsern
Herzen. Die sangen uns jahrhin.
Anders nicht als die Erde
kamen Fröste und Regen,
Blitz und Gewölk, wie die Zeit –
wie die Zeit,

die wir nahmen
und gaben sie aus den Händen
rot von Früchten. Die Winter
flossen ins Licht.

Das ist vergangen.
Wir ließen die Dörfer dem Sande.
Kaum wie ein Flößerruf
zogen wir fort.

Folgend der Bitternis, legen
wir Holz zu den Feuern der Fremde,
wissend ein Lied noch: einst
blühte der Apfelbaum.

Wo denn
wollen wir bleiben?
Immer ist es die Erde,
der Grund, da wir liegen werden.
Die Kinder
finden das Dorf nicht.

Aber die Gärten, der Schilfstrich
am Strom – jenes Uferland Daubas –
gilbende Scheunen –
und das Gespann, das vom Wald kam –
der Habicht im leeren Blau –

noch verfärbts uns die Blicke.
So treten wir unter den Bogen
dieser Jahre. Und zählen
unsre Freuden der Erde zu. –

Fühlend das Blut in den Schläfen,
das Haar zu streichen den Töchtern,
abends sprichst du: Komm
Liebste, du bleibst noch – so
sehn ich mich nicht.

(„Die Daubas“)

Manche der Gedichte Bobrowskis versetzen uns so in die Lage des Autors, daß wir Bild für Bild teilnehmen können. „Die Daubas“ nannte man das linke Memelufer bei Ragnit, und hierhin werden wir Strophe um Strophe geführt.
Dieses erzählende Gedicht aus dem Band Sarmatische Zeit – eines der ersten, als Bobrowski zu Beginn der fünfziger Jahre wieder zu schreiben begann – lebt von der Erinnerung, die durch die schroffe Wendung „Das ist vergangen“ jäh unterbrochen wird. Mitten in der vierten Strophe geraten wir aus der Vergangenheit in die Gegenwart, als ob wir dem Sprecher gegenübersäßen, der stockend und fragend fortfährt. Dieser Vorgang wird beschrieben, und damit schon verläßt der Vers die epische Betrachtung. „Noch verfärbts uns die Blicke“ – Sehnsucht läßt die Stimme verhalten, und die Erregung teilt sich bewegend mit.
Lessing sagte in seinem Laokoon, als er die bildende Kunst mit, der Poesie verglich, daß „der Poet nicht bloß verständlich werden will, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich sein – hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er in uns erweckt, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinden glauben.“
In der Geschwindigkeit überwindet der Lyriker oft im Sprung von einem Bild zum anderen Zeitebenen und Zeiträume. Bobrowskis späte Gedichte, die sich in der sarmatischen Landschaft völlig frei bewegen, ohne uns hinweisend oder erklärend zuzureden, kennen nicht die sorgsame epische Folge. Verse und Tempi wechseln abrupt, keine liebevolle szenische Ausmalung mehr. Landschaft rückt zusammen auf wenige Momente, die dem Sprecher unvergänglich sind und uns rasch einbeziehen.
Bobrowski sieht sich nicht mehr als Fremder, als der er kam, schuldvoll, einstiger Heimat verwiesen. Die widerstrebenden Elemente finden auch im Gedicht zusammen. Ein neues Wort steht über dem verlassenen Haus.

DAS VERLASSENE HAUS

Die Allee
eingegrenzt
mit Schritten Verstorbener. Wie das Echo
über die Luftsee herab
kam, auf dem Waldgrund zieht
Efeu, die Wurzeln
treten hervor, die Stille
naht mit Vögeln, weißen Stimmen.
Im Haus
gingen Schatten, ein fremdes Gespräch
unter dem Fenster. Die Mäuse
huschen
durch das gesprungene Spinett.
Ich sah eine alte Frau
am Ende der Straße
im schwarzen Tuch
auf dem Stein,
den Blick nach Süden gerichtet.
Über dem Sand
mit zerspaltenen harten Blättern
blühte die Distel.
Dort war der Himmel
aufgetan, in der Farbe des Kinderhaars.
Schöne Erde Vaterland.

Die Allee dort ist fern, die Leute sind tot. Keine Rührung kommt auf, keine Trübung des Blicks. Das Land ist noch immer nah, schattenhaft wie eine Erscheinung, deutlich wie bei unmittelbarem Anblick. Heimat ist nur dann Heimat, wenn mit ihr diese gesamte schöne Erde gemeint ist, von Menschen behaust, die einem vertraut sind wie die eigene Kindheit. Diese wird direkt angesprochen, und weil sie ganz anwesend ist – aufgetan ihr Himmel in der Farbe des Kinderhaars – reicht sie über das Zeit-Bild hinaus, das nicht statisch ist, sondern im An- und Aussprechen einen Vorgang umreißt.
Diesen Atem haben viele der späten Gedichte Bobrowskis. Sie lassen mit perspektivischen Überschneidungen Zeitebenen stockungslos ineinander übergehen. Die strengen Grenzen sind verwischt, die der Sprecher für sich nicht gelten lassen will, der von Vergangenem spricht und doch hier ist, uns gegenüber und damit bereits voraus, auf dem Wege zu anderem. Lessing sagte von dem Dichter, der die tiefsten Geheimnisse seines Stoffes kennt:

Wenn er davon reden muß, wird er selten wissen, wo er anfangen soll; und wenn er dann anfängt, wird er so vieles voraussetzen, daß ihn gewöhnliche Leser dunkel… halten.

Das – über Klopstock gesagt – mag auch für Bobrowski gelten, in dessen Rede Naturvorgänge zu Ereignissen werden, Ereignisse aber wie Naturvorgänge groß gesehen sind.

DER WANDERER

Abends,
der Strom ertönt,
der schwere Atem der Wälder,
Himmel, beflogen
von schreienden Vögeln, Küsten
der Finsternis, alt,
darüber die Feuer der Sterne.

Menschlich hab ich gelebt,
zu zählen vergessen die Tore,
die offenen. An die verschloßnen
hab ich gepocht.

Jedes Tor ist offen.
Der Rufer steht mit gebreiteten
Armen. So tritt an den Tisch.
Rede: Die Wälder tönen,
den eratmenden Strom
durchfliegen die Fische, der Himmel
zittert von Feuern.

Die sinnlich vollkommene Rede

Wenn ich das Wirkliche nicht
wollte, dieses: ich sag
Strom und Wald,
ich hab in die Sinne aber
gebunden die Finsternis,
Stimme des eilenden Vogels, den Pfeilstoß
Licht um den Abhang

und die tönenden Wasser –
wie wollt ich
sagen deinen Namen…
(„An Klopstock“)

Das Erstaunliche an Bobrowskis Gedichten war, daß sie sich mit dem klingenden Wohllaut ihrer Kurzzeilen, mit ihrer im deutschen Vers seltenen Anschaulichkeit, durchsetzten, noch ehe sein Vorhaben mit dieser sarmatischen Welt zu übersehen war. Manche Kritiker nannten sie „Gedichte über ein historisches Ostpreußen“; sprachen von einer „romantischen Abkehr von der Gegenwart“. Aber bei Bobrowski war alles so gegenständlich beschrieben, daß auch die Fürsprecher einer Dichtung metaphysischer ,Mächte‘ nicht recht auf ihre Kosten kamen und dem Dichter ihrerseits „Welt mit all ihren Widersprüchen“ zubilligten, um dann zu der Formel „primitiver Mensch“ zu greifen, dem „Intuition und Intellekt, Seele und Geist noch nicht so arg auseinanderklaffen“. Die einen sahen auf einen allzu vordergründigen Realismus, vermißten den „aktuellen Bezug“. Die anderen spürten nicht, daß in Bobrowskis Versen sich wirklich eine neue Einheit von Sinnlichkeit und Reflexion zeigte, die in ihren Dimensionen nicht auf den ersten Blick zu erfassen war. Dem aufmerksamen Leser konnte freilich Bobrowskis Abrechnung mit dem Zweiten Weltkrieg nicht entgehen (Gedichte wie „Kaunas 1941“, „Der llmensee 1941“, „Bericht“ u.a.), er spürte, wie sich auch die Gegenwart als Bezugsebene zur Landschaft der Kindheit anbot – freilich nicht als konträres Gegenüber, sondern der lyrischen Sprechweise immanent, das Gedicht akzentuierend. Nicht nur, daß die „Pruzzische Elegie“ von heute aus entworfen ist und auf die eben verübte Aggression antwortet, nicht daß in „Holunderblüte“ Pogrome, die Isaak Babel beschrieben, gegen das Vergessen aufgerufen werden, nein, schon, daß sich der Lyriker als Sprecher einfach in das Gedicht bringt, ändert seine Haltung.
So beginnt das oft zitierte Gedicht „Steppe“ mit einem Erinnerungsbild:

Einer war,
der sang in den Abend. Draußen
schwer die Ebene,
baumlos, um niedres Gewächs
brennend der Sand –
da hielten die Wolken dunkel,
und ein Mond hing herab.
An dem Wasserloch falb
die Herde. Einer, braunbärtig,
kam, er trieb die Rinder
fort. Im Fenster der andere sang.

Nach diesem ungebrochenen Bild folgt eine deutliche Zäsur. Das Gedicht hebt noch einmal an, in einer zweiten, die Beschreibung erst erhöhenden ,Strophe‘:

Dörfer
wie will ich leben
noch? In der Ferne weiß ich
endlos rinnender Himmel
Glanz. Den Jungen, der sang,
und den Hüter mit hellen
Augen hörte ich reden
an der Straße, ich stand,
im Rücken das Dorf.

Der Sänger wird mitten im Lied unterbrochen. Das Dorf im Rücken dessen, der sich plötzlich mit der bestürzenden Frage „Wie will ich leben noch?“ einschaltet, ist ihm nicht zugehörig. Man hat den Vorwurf: Wie kam es dazu? Was führte mich dorthin? mitzulesen und bleibt doch ganz im Anblick der unendlichen Steppe, eines großen Naturbildes. Noch deutlicher unterbricht der Sprecher sein Gedicht „Tod des Wolfs“, das als reale Schilderung zugleich Symbolisches mit vollzieht. Die Erscheinung des Wolfs steht oft in Bobrowskis Gedichten. „Wolfszeit“ heißt die Vorzeit („Wilna“), die im Kriege barbarisch wiederkehrt:

Den alten Wolf, fett von der Brandstatt schreckte ein Schattengesicht („Der Ilmensee 1941“), und „Weich gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur: meint die deutschen Eroberer in geschändeter russischer Landschaft („Kaunas 1941“). Im Gedicht „Tod des Wolfs“ wird zunächst im Stil der volkstümlichen Legende erzählt, wie ein Eber, erntelustig wie ein Bauer auf dem Feld, den Wolf tötet. Wieder verläßt der Sprecher seinen Beobachterstand, identifiziert sich mit der Tat, greift mitten in der Schlußstrophe ein:

… Da kam ich,
über die Schulter die Axt.
Vor der Wehe
lag der Wolf, eingefallen,
die Weiche zerpflügt.
Schweinchen, sag ich, tapferes
Schweinchen, dem Bösen hast
heimgezahlt. Dein Schnaufen,
fröhlich hör ichs,
es macht mir im Dunkel
warm.

Nicht immer sind Untat und Täter so leicht aus dem Wege zu räumen, selten fällt deshalb Bobrowski in diesen heiteren Ton. Aber eine Reihe von Gedichten aus dem Band Wetterzeichen (1966) deuten darauf hin, daß die Anwesenheit des Gegenwärtigen die Dunkelheit des Vergangenen verdrängt. „Der lettische Herbst“ (1961) wird nicht nur mehr im Rückblick heraufbeschworen, Unmittelbarkeit der Natur setzt sich durch, Vergehen und Schmerz brennen nicht mehr wie einst den Betroffenen:

Das Tollkirschendickicht
ist geöffnet, er tritt
auf die Lichtung, vergessen wird
um die Birkenstümpfe der Hühnertanz, er geht
vorüber am Baum, den die Reiher umflogen, auf Wiesen,
er hat gesungen.

Ach daß der Schwaden Heu,
wo er lag in der hellen Nacht,
das Heu zerstreut mit den Winden
flög auf den Ufern –

wenn nicht mehr wach ist der Strom,
die Wolke über ihm, Stimme
der Vögel, Rufe:
Wir kommen nicht mehr –

Dann entzünd ich dein Licht,
das ich nicht sehn kann, die Hände
legt’ ich darüber, dicht
um die Flamme, sie blieb
stehen rötlich vor lauter Nacht
(wie die Burg, die herabkam
über den Hang zerfallen,
wie mit Flügeln das Schlänglein
Licht durch den Strom, wie das Haar
des Judenkindes)
und brannte mich nicht.

Der Herbst hat hier selbst lebendige Gestalt angenommen, ermöglicht die Zwiesprache. Sein Licht bleibt – es leuchtet, es brennt nicht. Diese leibhaftige, direkte Anwesenheit von Natur, ihre Verlebendigung in den Versen der Rückschau und noch deutlicher in denen, die das Einst und das Heute als einmaliges Erlebnis nehmen, wie dieses Herbst-Gedicht, erklärt sich aus dem Anknüpfen an eine realistische Kunstauffassung, die durch die Namen Hamann, Herder und Klopstock ihre Kontur erhielt.
Bobrowski hat gesagt, daß er in der „griechischen Ode, in der von Klopstock bis Hölderlin versuchten Eindeutschung“ ein Hilfsmittel fand, um später in „einer äußerlich freien Form…, die deutlich die griechischen Odenstrophen und Versschemata verrät“ zu dichten. Er nennt die „Verlebendigung der Sprache, Ausnutzung der sprachlichen Möglichkeiten und Neufassung der Metrik“ als die schöpferischen Quellen, die sich bei Klopstock für ihn erschlossen. Aber Klopstock ist für Bobrowski nicht nur ein Beispiel in formaler Hinsicht. Seine Vorliebe für eine literarhistorische Epoche erweist sich nicht zufällig als überaus glücklich für die eigene künstlerische Aussage.
Rede im Gedicht, soll sie uns wirklich erreichen, so daß wir sie auch behalten, verlangt wohlerwogene Maße, die unsichtbar auch den zwanglosesten Vers noch von prosaischer Diktion absetzen. Der Gedanke sucht in diesen Maßen seinen anschaulichen, bildlichen Ausdruck. Und die Empfindung will im tönenden Auf und Ab der Silben, im rhythmischen Wechsel der Takte ihre Entsprechung finden. Es bleibt da etwas unausgesprochen, aber dieses Unausgesprochene verleiht dem Vers erst Bewegung, so, daß wir gehalten sind, aufzumerken. Klopstock spricht davon, daß „auch das Silbenmaß etwas mit ausdrücken könne“. Er sagt:

Überhaupt wandelt das Wortlose in einem guten Gedicht umher, wie in Homers Schlachten die nur von wenigen gesehenen Götter.

Ein Meister in der deutschen Sprache aber wird Klopstock von Herder genannt, der vom Dichter verlangt, daß Rede im Gedicht mit allen Sinnen empfunden werden soll, wenn sie nicht „Wortklauberei oder Philosophie“ ist. Herder rühmt Klopstocks freie Behandlung der Odenstrophe, „freie klopstocksche Silbenmaße“ und fragt, „ob diese neue glückliche Versart nicht eher die natürlichste Poesie genannt werden könnte“. Er polemisiert in seinen Fragmenten Eine Beilage zu den Briefen, die neueste Literatur betreffend (1767) damit zugleich gegen Lessing, der diese Verse „als eine künstliche Prosa“ bezeichnet hatte (Aus den Briefen, die neueste Literatur betreffend; 51. Brief vom 16.8.1759). Herder schließt mit seiner Formulierung zugleich an die „Andeutungen“ eines anderen Mannes an, der Bobrowski zeitlebens faszinierte, den er bewunderte: Johann Georg Hamann.
Hamann hat seine philosophischen und ästhetischen Gedanken oft dunkel und recht fragmentarisch ausgesprochen. Im Prinzip ergeben sie – insbesondere seine Aesthetica in nuce – eine Verteidigung der natürlichen, wirklichkeitsverbundenen dichterischen Sprache gegen ihre polierte, schulmäßige Handhabung in der deutschen Dichtung vor Klopstock. Hamann wendete sich gegen allzu dogmatisch-vernunftbetonte Tendenzen der Aufklärung: „Reden ist übersetzen… das heißt Gedanken in Worte, Sachen in Namen, Bilder in Zeichen“. – „Rede, daß ich dich sehe!“ – „Vernunft ist unsichtbar ohne Sprache, aber freilich ist diese der einzige Ausdruck der Seele und des Herzens zur Offenbarung und Mitteilung unseres Innersten.“ – Eine Replik Hamanns aus der Rezension zu Kants Kritik der reinen Vernunft hat sich Bobrowski in diesem Zusammenhang in sein Notizbuch geschrieben:

Entspringen Sinnlichkeit und Verstand, als die zween Stämme der menschlichen Erkenntnis, aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel, so daß durch jene Gegenstände gegeben, und durch diesen gedacht (verstanden und begriffen) werde, wozu eine so gewaltige, unbefugte Scheidung dessen, was die Natur zusammengefügt hat?

Herder, der bei Hamann anknüpft („wenn in der Poesie der Gedanke und der Ausdruck so fest aneinanderkleben“) gelangt im ersten Kapitel seiner Kritischen Wälder (1769) zu einer Konkretisierung der von Baumgarten, einem der Begründer der Ästhetik, vorgenommenen Definition der Poesie als „sinnlich vollkommener Rede“. Poesie, sagt Herder in seinen auch für Bobrowskis dichterische Sprache zutreffenden Ausführungen, macht ihre Rede sinnlich, indem sie sich durch Gegenstände und Handlungen ausdrückt. Erst Gegenstände in ihrer Beziehung zueinander geben uns die Vorstellung des Räumlichen wie in der Malerei. Aber die Rede hat – wie die Musik – zugleich die Kraft, uns auch die Vorstellung der Zeit zu vermitteln, „durch eine Folge vieler Teile zu einem poetischen Ganzen… dies macht sie zu einer Musik der Seele, wie sie die Griechen nannten…“
Kommen diese beiden Komponenten, räumliche und zeitliche Vorstellung, zusammen, vereinen und durchdringen sie sich, kann man von sinnlich vollkommener Rede sprechen, und sie ist das eigentliche Wesen der Poesie. Wie Herder formuliert:

Ist Kraft die aus dem Raum (Gegenstände, die sie sinnlich macht) in der Zeit (durch eine Folge vieler Teile zu einem poetischen Ganzen) wirkt.

Es ging Bobrowski immer um ein Zusammenwirken von Sinnlichkeit und Erkenntnis, von Gefühl und Vernunft. Nur in dieser Einheit ließen sich die widerstrebenden Elemente seiner Lyrik in einen Strom wirkender Sprache bringen. Seine Gedichte sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast alle in freien Rhythmen geschrieben, Verse ohne vorbestimmtes Grundmaß, ohne eine regelmäßige Einteilung in Strophen. Trotzdem wird man ständig auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten stoßen.

SPRACHE

Der Baum
größer als die Nacht
mit dem Atem der Talseen
mit dem Geflüster über
der Stille

Die Steine
unter dem Fuß
die leuchtenden Adern
lange im Staub
für ewig

Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn

Das Gedicht – es fragt nach dem Sinn der Sprache – arbeitet mit drei Bildern, die, so nebeneinander gerückt, zueinander in Beziehung treten und wohl auch den Vergleich herausfordern. Danach kommt dem Baum die Erhabenheit und Anmut der Natur zu, deren Stummheit erst von uns erhört sein will. Die Steine in ihrer Bewegungslosigkeit verheißen Ewigkeit und Dauer. Die Sprache hingegen befindet sich in ständiger Unruhe, unterwegs auf dem nichtendenden Weg zum Mitmenschen, und diese Bewegung verleiht ihr große Gestalt, daß sie neben der wirklichen Natur bestehen kann. Ihre Dauer heißt Mühe und ihre Schönheit Veränderung. So gleicht sie dem Menschen selbst. Das Gedicht zeigt eine deutliche Dreiteilung, so daß man fast von „Strophen“ sprechen kann, die je fünf Zeilen haben. Diese Regelmäßigkeit wird noch dadurch unterstrichen, daß die beiden ersten Sequenzen mit einem Auftakt einsetzen: Der Baum – Die Steine. Die dritte Sequenz aber fällt gleich mit der ersten Silbe des Hauptwortes voll ein: Sprache – und betont so den Gegensatz. Ähnlich verhält es sich mit den Schlußzeilen: die beiden ersten sind kurz, die dritte jedoch ist mit zweifachem Takt von doppelter Länge und Schwere. Der freie Rhythmus ist dem Sinn des Gedichts entsprechend auch in den Silbenmaßen bewußt akzentuiert und nicht willkürlich.
Bobrowski griff auf die Klopstocksche Ode zurück, weil ihm hier Maße vorgegeben schienen, diese Rede zu bändigen und gleichzeitig tönen zu lassen. Aber nur in wenigen Stücken seiner Dichtung hält er die klassische Odenstrophe ein (z.B. die sapphische Strophe in „Ode auf Chatterton“, die alkäische Strophe in „Der Muschelbläser“). Sonst befreite er sich von jedem formalen Zwang, mit dem sicheren Gefühl für die sprachliche Inversion – die Umstellung der normalen Wortfolge des Prosasatzes –, die der beschreibenden, ja erzählenden Diktion erst ihren tönenden, rhythmischen Gestus verleiht: Schilderung als sinnliche Bewegtheit und Unmittelbarkeit des lyrischen Ichs.

In der großen Stille
komm ich zu dir,
schöner Bruder der Wälder, der Hügel,
mein Fluß.

redet der Dichter Die Jura an (wie Klopstock den Mond: „schöner stiller Gefährte der Nacht!“),

Meines Lebens verworrene
Schattenfabel! o frühe, frühe begann sie schon
dunkel…

lautet der Anfang des Gedichts „Mein Schicksal“ von Herder, und man erkennt nicht nur an der Sprechweise, sondern bis in die Wortwahl hinein, wo Bobrowski anknüpfte. Die Stadt seines Gedichts nennt Bobrowski „Wilna, du reifer Holunder!“. Er sagt „ich“, und die Gestalt des Mickiewicz redet durch ihn, er durch sie. Landschaft spricht mit ihm personifiziert direkt zu uns, er ist die Geliebte selbst: „An der Schulter war ich die Ader an deinem Hals“ („Im leeren Spiegel“), und der Natur antwortet er – eins mit ihr an der Wurzel – über das Verstummen hinaus, Verse von Walter Gross aufnehmend:

ANTWORT

Über dem Zaun
deine Rede:
Von den Bäumen fällt die Last,
der Schnee.

Auch im gestürzten Holunder
das Schwirrlied der Amseln, der Grille
Gräserstimme

kerbt Risse ins Mauerwerk, Schwalbenflug
steil
gegen den Regen, Sternbilder
gehn auf dem Himmel,
im Reif.

Die mich einscharren
unter die Wurzeln,
hören:
er redet
zum Sand,
der ihm den Mund füllt – so wird
reden der Sand, und wird
schreien der Stein, und wird
fliegen das Wasser.

Bobrowski trug seine Gedichte so vor, wie er sprach, ohne Deklamation, ohne Pathos, einfach den lyrischen Inversionen seiner freien rhythmischen Strophen folgend. Wie selbstverständlich klang diese Rede, die sich dem Ohr durch ihre Modulation mitteilte und damit sinnlich-bildliche Realität gewann. Man sah so, wie es beschrieben war. Hier hat Bobrowski dem deutschen Gedicht Perspektiven eröffnet. Die sinnliche Anschauung, die nur selten die Metapher gebraucht (wenn auch der Vers metaphorische Kraft hat), die auf hyperbolische Wendungen verzichtet (wenn auch die Sprache Gegenstände und Sinn überhöht), entspricht der verhaltenen Beweiskraft des überzeugenden realistischen Verses dieser Zeit. Diese Sprechweise geht nicht nur auf die Hymnik Klopstocks zurück. In einer seiner Hamann-Ausgaben hat Bobrowski folgende Stelle angestrichen.

Homers monotonisches Metrum sollte uns wenigstens ebenso paradox vorkommen, als die Ungebundenheit des deutschen Pindars (Klopstock). Meine Bewunderung oder Unwissenheit von der Ursache eines durchgängigen Silbenmaßes in dem griechischen Dichter ist bei einer Reise durch Curland und Livland gemäßigt worden. Es gibt in angeführten Gegenden gewisse Striche, wo man das lettische oder undeutsche Volk bei aller ihrer Arbeit singen hört, aber nichts als eine Cadenz von wenigen Tönen, die mit einem Metro (Versmaß; d. Verf.) viel Ähnlichkeit hat. Sollte ein Dichter unter ihnen aufstehen: so wäre es ganz natürlich, daß alle seine Verse nach diesem eingeführten Maßstab ihrer Stimme zugeschnitten sein würden.

Nun finden sich in Bobrowskis Versen zahlreiche Anklänge an diese natürlichen, ursprünglichen Elemente in Bild, Motiv und Modulation. Ein Gedicht wie „Dorfmusik“ folgt ganz dem liedhaften Aufbau, hat sogar den Reim. Das Gedicht „Der Wachtelschlag“ nimmt die Lautmalerei – das „Lobet Gott“ des alten Volksliedes auf, und vereint es mit einer großen Vision östlicher Welt (erinnert sei an die Prosaskizze „Stiller Sommer, zugleich etwas über Wachteln“, die das Motiv prosaisch variiert). Dem litauischen, lettischen und russischen Lied hat Bobrowski in Widmungsgedichten seine Huldigung gebracht und von ihnen Anregungen erhalten.
Aber auch die Unmittelbarkeit, mit der sich in diesen alten Weisen der Mensch tätig in seine Umgebung stellt, ist bei Bobrowski erhalten, so daß ein englischer Kritiker von der „pastoral folkworld“, der ursprünglichen (Hirten)-Volkswelt, sprechen kann, die Land, Flüsse, Berge, Sage und Spuk, Dörfer und Tiere, Fische und Vögel, deutsches, polnisches, jüdisches Volk unvermittelt bewahrt und weitergibt. Das Gedicht wird zur Szene, mit Personen und Handlung, in der das Mädchen Alinka heißt und auf die Frage „Wie lebst du“ antwortet: „Türriegellos!“ („Das Holzhaus über der Wilia“). Ein anderes Gedicht gibt eine Wagenfahrt wieder, die ihre Laute und Reden hat:

Schöner Mond von Mariampol! Auf deinem
strohernen Rand, mein Städtchen,
hinter den Buden
kommt er herauf,
schwer, und hängt ein wenig
nach unten durch. So geht der
Pferdehändler, er kauft
seiner Mutter ein Fransentuch.

Abends
spät
sangen die beiden. Wir fuhren
über den Fluß nach Haus,

an der Fähre mit Ruf und Zuruf
ging Gerede wie Wasser
leicht – und wir hörten ihn lang
über der Stadt;
droben in Türmen, hörten
den jüdischen Mond. Der ist
wie im Gartenwinkel das kleine
Kraut aus Tränen und Küssen,
Raute, unsere Mädchen
brechen es ab.
– – –
Joneleit, komm, verlier dein
Tuch nicht. Die Alten schlafen.
Ausgesungen wieder
ist eine Nacht.

Die zärtliche Anrede des Mondes, des Städtchens, die Beschreibung der Fahrt, das Heraustreten der Gestalt aus der Anonymität mit Namen und Beruf – das sind Wendungen, die Bobrowskis Gedichte mit alter Folklore gemeinsam haben (man vergleiche damit das litauische Lied „Der unglückliche Weidenbaum“, das Herder in seine Volksliedersammlung aufnahm, die detaillierte Reiseschilderung „Ei, mein Pferd, mein Pferdchen… wird dir wohl zu sauer diese weite Reise“). Wohl kennt Bobrowski die modernen Mittel, die abrupte Überblendung, den überraschenden Wechsel des Standortes der Betrachtung, die den alten Versen unmöglich sind. Er ist kein Nachahmer, der sich um eine Einfachheit bemüht, die archaisch anmutet. Die Verfahrensweise ist modern, schafft aus der Konfrontation von genauer Zeichnung und Einfühlung mit bewußter Überhöhung und Sinngebung überraschende Ergebnisse:

Er tanzt in der Stube,
kleine Schritte im Dielensand,
zittert, wie er den Fuß hebt, sein
Gelächter – ein Leintuch –
stellt sich vor ihn,
vor seine Tränen.

Im Fenster die Pferde
bewegen die Häupter, der Stieglitz
pfeift an den Balken hinauf,
rot und blau die Stockrosen
sagen über den Zaun:
Es kommt ein Regen, bald,
der wird für uns weinen.

Warum weinen, fragt das Gelächter.
Warum lachen, fragen die Tränen.

Ihr macht mir die Füße tanzen,
einer zur Rechten,
einer zur Linken,
beide zur Rechten,
beide zur Linken,
beide voraus auf dem Weg:
wo das Licht weht am Fluß,
fortgeht über die Felder,
auffliegt über dem Wald –

Sprich doch.
Nun spricht er nicht mehr.

(„Kolnoer Tanz“)

Hier ist die Rhythmik des Tanzes, seine Anmut und Vitalität sinnlich da. Man sieht den Tänzer, hört und spürt die Takte des Tanzes aus Trauer und Freude. Zugleich ist in ihn Leben geschlossen, Wechsel von Lachen und Weinen, die den Lebenstanz begleiten, Lust und Vergehen.
Bobrowski hat seine Sprache am lebendigen Dasein bereichert, wie er es kannte, und wie er es aus den alten Quellen vernahm – nicht als Selbstzweck für ein in sich ruhendes Gedicht, auch wenn die Schönheit der Form für ihn wesentlich war.
Er sah sich, von weit herkommend, inmitten der Natur, las in ihren Zeichen und gab ihnen seine Deutung, Gedenkzeichen und Warnzeichen:

WETTERZEICHEN

Mit dem Fluß hinab,
dem Wiesenfluß
und den wilden Gerüchen
der Wälder, redend
laut mit dem Sommerlicht

und den Vögeln
gegen den Abend, im Dunkel
den Fledermäusen – im Winkelflug
fuhren sie auf und hinab
um eine Scheuer mit kleinen
Drachenflügeln – redend
kam ich hierher, hier bin ich,

auf dem Sandberg, ins trockene Moos
setz ich den Fuß, den breiten
Himmel hab ich getragen,
die atmenden Lüfte, ich schwanke,
es ist ein Rauschen, ich hör
in der dröhnenden Finsternis,

hör auf den Fluß, er lag
über dem Sand, die Hände
führte der Wind ihm,
der Sommer kam
mit Ermattungen, mit
Blut in den Augen, zuckenden
Schläfen, den Mund voll Rost,

aber er führte die Hände
meinem Fluß, der den Feuern
geht im Schatten der Fische,
im Schatten des Schilfs entgegen,
im Schatten der Bäume –

Flamme, flieg, die Küsten
fahren einwärts ins Land,
lautlos, wehend von Dünen
um das verlassene Meer
sinken die Steine – Feuer,
leg in den Sturm die Schwingen
wie Rauch, er trägt vor den Wettern
dich, vor der rasenden Stille,

eh die Himmel brechen,
die siedenden Wetter, zerbrochen
die Lüfte dann, auf dem Sand
reglos der Fluß

und der Hügel getroffen,
ich halt einen Baum, ich red noch:
Wir sahen kommen die Zeichen
und schwinden, her durch die Stille
zwei Federn fielen herab.

Licht und Schatten im Gedicht

Schatten, tretet hervor,
das Licht will beginnen mit kleinen
Schritten, zeigt ihm
den Weg.

(„Haus“)

Hat man sich in die Lyrik Bobrowskis eingelesen, wird man sich der Gegensatzpaare bewußt, die in den Versen ihre Existenz behaupten: die Gegensätze von dunkel und hell, unbelebt und lebendig, von Licht und Schatten, von Fremdsein und Nahsein. Durchaus nicht alle Gedichte, gar Zeilen oder Strophen, selbst wenn man sich ihrer Motive und Elemente versichert hat, lesen sich wie Klartexte. Oft ist der Kampf nicht entschieden, einige Gedichte geben keine Antworten, sind offen für weitere Dunkelheiten, die erst in anderen Gedichten Erhellung finden – manchmal bleibt sie auch aus. Das Wort „Schatten“, das sehr häufig auftaucht, ist zudem nicht eindeutig, es wechselt seine Bestimmung und Funktion, will von Gedicht zu Gedicht anders gelesen werden. Hier gibt Bobrowskis Lyrik Schwierigkeiten auf, die nicht in jedem Fall zu lösen sind – ,dunkle Stellen‘, inkommensurable Größen, im einzelnen schwer festzulegen, nur im Blick über den Gesamtkomplex zu klären.
Schattenreich, das ist nach der griechischen Mythologie das Reich der Toten, der Hades, die Unterwelt – wörtlich genommen die Welt ,unter‘ der realen, die irreale, die Vor-Welt. Spricht Bobrowski über die „Schattenfabel von den Verschuldungen‘ („An Klopstock“), so meint er die historische Schuld seines Volkes und zugleich auch die nicht mehr ganz greifbaren, zurückliegenden Ursachen für Konflikte und Gegensätze der Gegenwart, meint das „Schattengesicht“ („Der llmensee 1941“) der Wolfszeit, das im Krieg wieder aufkam.
Licht dagegen ist das friedliche Dasein, das er aus der Kindheit kannte:

mein unendliches Licht
mein glanzloses Licht,
an die Ränder geschrieben
meinem Leben…

(„Dorf“).

Licht bedeutet Leben. Aber es besteht nur im Kontrast zum Dunkel, ohne dieses wäre es unkenntlich, farblos und kalt. Es ist „Gegenlicht“ – belichtete Seite des Lebens neben der dunklen, unergründlichen Seite. Sie stehen miteinander im Streit, das Gedicht ist sein Schauplatz. „Der Himmel… voller schwieg er die Schatten herein“, heißt es in dem Gedicht „Winterlicht“. Ein strömender Fluß, Die Düna, in dem sich das lyrische Ich verkörpert sieht, versinnbildlicht diese Polarität so:

Düna, Morgenfrühe
immer um dich und der herrliche
Wind der Ebnen. Die alte
Stadt liegt im Rauch.

Kalt deine Ufer. Buschwerk,
ein grüner Streif. Deine Schwalben
jagen hinaus
ins Licht.

Müd
um den Mittag
bin ich gekommen,
ich fall auf den Sand.

Ich will vom Atem der Ströme
leben, vom Spund
trinken, das Irdische trinken,
die Nacht, vom Geheimnis der Tiefe
unter dem Gras.

Leben im Feuer des Tags
will ich, die Flammen teilen,
dich zu sehn: Im steigenden Jahr
schweren Mundes gehst du,
dunkel – die Möwen
sprühn und die Wasser auf,
schreiend empfängt dich das Meer –
du gehst ihm entgegen.
In seinem Schatten,
vom Grund
das alte Getier
seufzt dir zu.

Hier wird ein Fluß beschrieben. Der Betrachter versenkt sich nicht romantisch in ihn, geht nicht in ihm auf, sondern spürt seinem Wesen nach, fühlt sich von seinen lebendigen Wassern bewegt. Die widersprechenden Urelemente kommen in ein Bild. Das ist ein Leben im Feuer des Tages, das um die Schatten am Grund weiß:

schweren Mundes gehst du, dunkel –.

Die Beschreibung wird hier zum Gleichnis, symbolische Überhöhung leitet sich aus treffender Beobachtung und Kenntnis von Land und Leuten her. Spürt man diese visionäre Kraft, so bleiben zwar manche ,Unklarheiten‘ bestehen, weil wir nicht sofort alle Zusammenhänge erfassen können, aber sein Weltbild, das diese Dialektik von Natur und Gesellschaft kennt, wird zusehends durchschaubar.
Damit ist schon gesagt, daß man einer ganzen Reihe von Gedichten nicht mit dem herkömmlichen Terminus „Natur- und Landschaftslyrik“ beikommt. Man versteht, daß sich Bobrowski gegen die Klassifizierung „Naturlyriker“ verwahrte wie auch gegen die „Naturreligion“ der Romantiker. Landschaft als Realität ist ihm die Basis für das Gedicht – nicht Zweck oder Ziel. Im Hinblick auf die Gedichte Peter Huchels, die ihn „ungeheuer beeindruckten“, hat Bobrowski davon gesprochen, daß ihn das „Elementare der Landschaft gar nicht reize, sondern die Landschaft erst im Zusammenhang und als Wirkungsfeld des Menschen“. Das erklärt, warum in das Gedicht der Betrachter hineingestellt wird, der eine „Geschichte menschlicher Arbeit in der Landschaft auffindet“.
Verfolgt man unter solchen Aspekten, wie sich das Verhältnis von Licht und Schatten in Bobrowskis Lyrik bewegt, so stellt man im Verlaufe seines Schaffens Verschiebungen und Entwicklungen fest. Das „Schattenland“ der Vor-Welt tritt mehr und mehr zurück. Schatten lauern nur noch aus der jüngst vergangenen Zeit.

AUFENTHALT

Keiner erfährt, wo wir waren,
mit trüben Augen Hunde
sahen uns laufen hinab
an Zäunen, schwarz das Haus
und das Land um die Wolgaquelle
hügelig, Haus und Wand,
verblichen das Bild:

Tolstoi, alt, an den Balken
gereckt der hölzernen Bahnstation,
bäurisch mit den Händen,
erschreckenden, die zu schmal sind
für ein Gered im gestirnten Schloß,

wo der Schatten vorbeischleift
an den Zäunen – ich kenne
die Gräber nicht, er entstieg
Grüften, aber, ich weiß,
ich lehn mich ins Licht, das die Berge
befällt mit der Wildnis der Lüfte –

Vogelzüge, Geschrei
drübenher, über mir, dort
in die Ferne davon – ich stand
auf verschütteten Strömen,
hörte seufzen den Sand,
ich war ein hölzerner Schatten,
beschlagen mit Eisen, umflogen
vom fallenden Licht.

Die Wolgaquelle liegt in den Waldeshöhen südlich des Ilmensees, „wo wir waren“ – als Soldaten der Hitlerwehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Die Gestalt Tolstois an der Bahnstation Astapowo, seinem Sterbeort, steht in der Landschaft. „Ich lehn mich ins Licht“, sagt der Sprecher heute, aber dort, damals, war dieses Ich „ein hölzerner Schatten, beschlagen mit Eisen“. Bobrowski empfindet diesen „Aufenthalt“ nicht nur als Schuld, er sieht in ihm ein Sinnbild für die Entäußerung des Menschlichen. Der Mensch war zum Schatten geworden, selbst entfremdet.
Das Gedicht „Schattenland“ von 1962 aus dem Band Wetterzeichen zeigt eine menschenleere Landschaft, über die sich die Finsternis gesenkt hat („wer hier lebt, spricht mit des Vogels Stimme“). Das nur wenig später geschriebene Gedicht „Begegnung“ versucht dann die Trennung von Mensch und Natur dadurch zu überwinden, daß der Mensch sich mit dem Kreatürlichen wiedervereinigt (Fisch und Wild werden mit Namen genannt, „Gewölk zieht über dem Strom / das ist meine Stimme“), und der Mensch wirft einen Schatten, der spricht: „Nimm mich zurück“. Bobrowski geht hier bis an die Grenze des Nichts, denn Zurücknahme kann auch Aufgabe des Menschlichen schlechthin bedeuten. Da ist Leben und Licht in Frage gestellt. Es bleibt bei der aufgeworfenen Frage, die sich der Mensch heute unter der totalen Bedrohung seiner Existenz stellen muß. Bobrowski lehnt eine bloß erleidende Hinnahme und Resignation ab, wendet sich immer gegen die drohenden Schatten, richtet sich polemisch gegen eine Literatur, die der Verzweiflung anheimfällt. In einem späten Gedicht, das „Entfremdung“ überschrieben ist, geht die Zeit mit Kleidern aus Glück und Unglück einher:

Der im Unglück
spricht mit der Klapperstimme
der Störche, die Störche
meiden ihn: sein Gefieder
schwarz, seine Bäume Schatten,
da ist Nacht, seine Wege
gehn in der Luft.

Diese Zeilen – nimmt man sie als Metapher oder Anspielung – kennzeichnen auch eine Kunst, die sich mit Schatten, Schwärze und Nacht schmückt: Man trägt Resignation, deren Wege gehen in die Luft. Das war nicht der Weg Bobrowskis, der von den ,Schattengefechten‘ westdeutscher Lyrik nicht viel hielt. Lassen sich Texte von Günter Eich („Wo die Beleuchtung beginnt / bleibe ich unsichtbar“ – Gedicht „Huhu“) oder von Hans Magnus Enzensberger („schatten sind meine nächte nachtschatten schatten sind meine werke / und ich bin ein schatten“) in schattenwerk als Ausdruck menschlicher Verlorenheit in der spätkapitalistischen Welt lesen, so bezeichnen Bobrowskis Verse, bei Konstatierung der Gefahren für den Menschen, eine entgegengesetzte Position. Seine sinnlich-gegenständlichen Landschaften heben sich zudem von der meist unkonkreten, chiffrierten Sphäre solcher Dichtung deutlich ab. Nicht indem man über Erscheinungen der Entfremdung hinwegsieht, so tut, als gäbe es sie nicht, sondern indem man sich ihnen stellt.
Ein Gedicht wie „Haus“ (aus dem Jahr 1963) geht wieder in die sarmatische Kindheitslandschaft, es meint aber nicht nur eine Wiederkehr, sondern ist gleichzeitig Ankunft in einer Zeit, in der die Schatten nicht mehr schweigen können, sondern zu reden beginnen, weil es der Dichter so will.

HAUS

1
Da fährt das Licht übers Dach
und will den Amseln nach
Holunder verwischt auf der Wand
die Linien einer Hand.

Im Rundbeet der Rittersporn
hat aus dem Ohr mich verlorn.
Nun schreibt an das Firstholz der Regen:
Hier werd ich mich niederlegen.

2
An der Wand die Schatten
reden mit Stimmen:
Wie werden wir uns kleiden
für den Tag?

Eine Zitterblume
ins Haar, eine grüne
Ranke über die Augen,
ein Dreiblatt an die Brust.

Schatten, tretet hervor,
das Licht will beginnen mit kleinen
Schritten, zeigt ihm
den Weg.

Den Hang hinunter
beim Feuergeschrei
der Hähne über die Dächer,
zum alten Gerede der Tiere,
mit Sprüngen aber,
über den Hofsand.

Schatten, nun geht von der Tür.
Schatten, nun geht von den Fenstern.
Geht hervor unterm Dach.
Schatten Zitterranke,
Weinblatt Schatten, ich will’s
hören, Schatten sprecht:
Du wirst hier bleiben
eine Zeit.

Bobrowski hat die sarmatische Welt kaum verlassen. In ihren Dimensionen finden im Gedicht die Auseinandersetzungen statt. Sie ist eine poetische Landschaft, die an Farbigkeit, Schönheit und Lebendigkeit in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik ihresgleichen sucht. Sie bietet sich zugleich als geschlossene Welt dar, deren Bezirke vom Dichter erst dann überschritten werden, wenn er mit menschlichen Gestalten, durch Vorbild und Größe, auf sie verweist.
Die sicherste Beziehung des Menschen, Isolierung und Einsamkeit zu überwinden, war für Bobrowski die Liebe, sie ist menschliche Nähe, Verstehen, Miteinander und Harmonie – Voraussetzungen für ein sinnvolles Leben. „Einmal haben wir beide Hände voll Licht“ („Einmal haben“) beginnt eines der schönsten dieser Gedichte aus dem Band Sarmatische Zeit. Bobrowski hat sehr heftig der Meinung widersprochen, daß das Liebesgedicht nicht mehr möglich sei. Er hat Liebesgedichte geschrieben. Sie entsprechen einerseits seiner christlichen Einstellung, dem Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden, andererseits auch der Überzeugung, daß Liebe dort, wo er sie fand, in sozialistischer Gesellschaft, zu verwirklichen sei. Bobrowski hat gegen Kollegen polemisiert, die meinten, das Liebesgedicht „als Angelegenheit zwischen zwei Leuten“ dränge die Belange der Gesellschaft zurück. „Es geht nicht an“, äußerte er, „über die Schulter der Geliebten hinweg dauernd auf die ganze Welt zu sehen. Das ist keine Liebe, nicht wahr, das ist etwas anderes. Ich glaube, daß die Gesellschaft durchaus darauf Wert legen muß, daß diese intensive Ich-Du-Beziehung im Gedicht gerettet bleibt. Ich halte es für eine Vorbedingung für Gesellschaft.“
Selbstverwirklichung als Vorbedingung für die Liebe aber ermöglicht nur eine Gesellschaft, die die Persönlichkeit erneut als existenzberechtigt erklärt und sie schöpferisch macht. „Das Schwinden des Persönlichen in der modernen Massengesellschaft“ (Karl Krolow) des Kapitalismus drängte das Liebesgedicht in die Isolierung, es bewahrt sich dort als Insel neben der Öffentlichkeit oder verstummt.
Für Bobrowski ist sie Anfang und Ende vom Menschen, untrennbar verbunden seiner Schöpferkraft, die des betonten Hinweises auf einen gesellschaftlichen Zusammenhang nicht bedarf, weil er in der erfüllten Liebe selbst sich aussagt. „Ankunft“ heißt diese Liebe, Sich-Wiederfinden:

Meine Tür
hat dich gerufen…

… aus dem Regen
nahm ich das Licht, aus schlagendem
Wasser das Licht, so verbrannt ich
das Dunkel im Haus.


Hier wird sprechen,
der vor das Tor tritt, der
Lebendige, er wird sagen:

Wer des Wegs kommt,
trete herein.

(„Ankunft“)

Bobrowskis Liebesgedicht kennt die sinnliche Begegnung, die Erfüllung heißt:

Gestern –
ich bin vergangen –
heute –

ich hab dich gehört –
und ich atme noch immer.

(„Liebesgedicht“)

Es ist ein Gedicht, das die Einheit von Natürlichkeit und Verstand wieder empfindet:

Laß,
in den Nacken hinab,
laß fallen dein Haar, ich hör
in meinen Händen, ich hör
durch die Kühle, ich hör ein Wehen,
hör anheben die Strömung,
steigende Flut,
den Taumel
singen im Ohr.

(„Dryade“)

Es ist schließlich ein Gedicht, das die alte Formel, „ein Mann mit seinem Weibe ein Leib“ wieder ungebrochen über die Lippen bringen darf, weil es auf eine „Zeit ohne Angst“ hin gesehen ist, für die der Mensch eintritt .
Bobrowski kann dieses Eintreten für den Mitmenschen zum gleichnishaften Bild werden lassen, das Natur und Mensch in einer Geborgenheit sieht.

VOGELNEST

Mein Himmel
wechselt mit deinem,
auch meine Taube
jetzt
überfliegt die deine,
ich seh zwei Schatten
fallen
im Haferfeld.

Wir vertauschen
unsere Augen,
wir finden
ein Lager:
Regen,
wir sagen
wie eine Geschichte
die halben Sätze
Grün.
ich hör:

Zu meiner Braue
hinauf
mit Vogelreden
dein Mund
trägt Federn und Zweige.

Bobrowskis erster Gedichtband Sarmatische Zeit endete mit einer „Absage“. In ihr behauptete sich die aus verschuldeter Geschichte und Bewahrung des Kindheitsbildes gelesene Zeile „Neues hat nie begonnen“. Sie wird dort dem Aufschwung des Gedichtes: „Feuer, / aus Blut die Lockung: / der schöne Mensch…“ entgegengehalten. Auch die Schlußreplik: „Ich bin ein Mann, / mit seinem Weibe ein Leib / der seine Kinder aufzieht / für eine Zeit ohne Angst“ nimmt zwar etwas davon zurück, widerlegt es jedoch nicht.
Betrachtet man Bobrowskis gesamte Lyrik einschließlich des letzten von ihm herausgegebenen Bandes Wetterzeichen, zeichnet sich in größeren Maßen eine Antwort ab: „Aufstrahlte die Wahrheit, die in Schatten vorgebildete, und ist erfüllt von der Welt“, heißt es in einem programmatischen Satz der Erzählung „Die Seligkeit der Heiden“, den man über diese Lyrik stellen kann.
Sie hat sich für diese Aufgabe ständig eines großen Beistands literarischer Vorbilder und Vorkämpfer versichert. Viele Widmungsgedichte beweisen das. Es sind aber eigentlich „keine Porträts… sondern Anrufe an Sternbilder, nach denen der alte Sarmate die Himmelsrichtung peilt“. Wie an den zitierten slawischen Dichtern Mickiewicz und Bezruč, mißt er – „wenn mich ein kleiner Ruhm fände“ („An Klopstock“) – die eigenen Versuche an beispielhaften Persönlichkeiten, deren Erscheinung und Sendung er nachempfindet: François Villon und Góngora (ein spanischer Dichter am Beginn des 17. Jahrhunderts), die Deutschen Hölty und Hölderlin, Lenz, die Günderrode, oft Dichter tragischen Lebens, bis hin zu Zeitgenossen. Den drei großen jüdischen Dichterinnen dieser Epoche gilt seine Verehrung: Gertrud Kalmar, Nelly Sachs und Else Lasker-Schüler. Hier war anzuknüpfen:

Liebe
(du sprichst aus dem Grab)
Liebe tritt, eine weiße
Gestalt,
aus der Mitte des Grauens.

(„Else Lasker-Schüler“)

Den Musikern Buxtehude, Bach und Mozart sind Verse gewidmet, auch dem weniger bekannten Friedrich Silcher, der das „Ännchen von Tharau“ vertonte. Würdigung finden der Maler Philipp Otto Runge und der moderne Plastiker Calder. Das Gedicht „Barlach in Güstrow“ ist bezeichnend dafür, auf welche Weise sich Bobrowski seinen Gestalten nähert. Nicht ihre Erscheinung schlechthin ist Anlaß dazu, meist geht eine direkte Begegnung voraus („Brentano in Aschaffenburg“ – nach einem Besuch der Stadt; „Trauer um Jahnn“ zum Tode des verehrten Einzelgängers). Das Barlach-Gedicht ist die genaue Beschreibung eines Fotos, auf das Bobrowski stieß, als er das Material für den im Union Verlag herausgegebenen Band Prosa aus vier Jahrzehnten von Barlach durchsah. Es zeigt den Dichter und Bildhauer vor dem Südportal der kleinen Güstrower Gertrudenkapelle im Sommer 1934.

BARLACH IN GÜSTROW

Steine,
den vielfachen Bogen
verschließt
mit Eisenadern
die Tür. An der Schwelle
die Erde
mit wenig Gras und Wegerich.
Ich steh,
den Stock an mich gezogen.

Das ist nichts:
umhergehn, andere Wege.
Wer das war,
der ins verschlossene Grün
tönerne Vögel setzte,
hab ich vergessen.
Er saß an der Weide. Mit Rauchfahnen
ungesichtig
geht dieser Tag.

Rauch.
Dort der Bogen
Licht stürzt die Dächer herab.
Der Kiesel unter dem Schuh,
abends, der Kiesel,
abends
der Kiesel
gefangen.

Beschreibt die erste Strophe das Portal, um am Schluß Barlach als Gestalt sprechen zu lassen, so sagen die folgenden Strophen, was ihm im Gesicht geschrieben scheint: die anderen Wege, die er geht, die Rauchfahnen des ungesichtigen Tages darüber, die selbst den Vogellaut künstlich machen. Der gefangene Kiesel unter dem Schuh – das meint die Situation Barlachs, der in einem Brief 1933 schrieb:

Dieselbe Zeit ist mir nicht grün, ich passe ihr nicht in den Kram, ich bin nicht national aufgeputzt, unvölkisch frisiert… statt römische Armgesten zu vollziehen, ziehe ich den Hut in die Stirn.

Bobrowski konnte dem Mann da vor der Kapelle nahe sein, weil sein lyrisches Sehen der bildnerischen Kraft vergleichbar ist, die einen Barlach auszeichnet. Mit diesen Gedichten hat Bobrowski seiner sarmatischen Welt Gestalten hinzugefügt, die auch über die Erfahrungsebene seines ästhetischen Raumes hinausweisen. Die Verse erhalten dann einen programmatischen Gestus, seine Bach-Gestalt ragt über ihre irdische Zeit, Jakub Bart ist die Stimme seines Volkes, Mickiewicz ein Rufer über die Jahrhunderte hinweg, durch sie spricht der Dichter Johannes Bobrowski selbst.

Ich gewöhn mich ins Glück,
ich sage, es ist ganz leicht,
ich denk, meine Stimme trägt…

Im Juni 1965, wenige Wochen vor seinem Tode, schrieb er ein Gedicht, das seinen letzten Band, Wetterzeichen, beschließt. Es ist ein Gedicht, das – selten in seiner lyrischen Praxis – ganz auf die Idee gestellt ist. Man kann es als ein Vermächtnis nehmen, auch als Überschrift, rückschauend über das gesamte lyrische Werk. Sie lautet: „Das Wort Mensch“.
Hier ist die poetische Mitte seines Werks, das Wort Mensch – gegen die Schatten der Vergangenheit und gegen die, die in die Gegenwart hineinragen. Es ist die Verlebendigung dessen, wofür er geschrieben hat. Zugleich Forderung an die Nachgeborenen, mit ihm Schöne Erde Vaterland zu sagen, Wirklichkeit, unter gesellschaftlichen Voraussetzungen gesehen. Mit Bobrowski fand die deutsche sozialistische Lyrik einen Dichter, der alte Worte in einem neuen und wahren Sinne aussprechen kann.

DAS WORT MENSCH

Das Wort Mensch, als Vokabel
eingeordnet, wohin sie gehört,
im Duden:
zwischen Mensa und Menschengedenken.

Die Stadt
alt und neu,
schön belebt, mit Bäumen
auch
und Fahrzeugen, hier

hör ich das Wort, die Vokabel
hör ich hier häufig, ich kann
aufzählen von wem, ich kann
anfangen damit.

Wo Liebe nicht ist,
sprich das Wort nicht aus.

Gerhard Wolf, aus Gerhard Wolf: Johannes Bobrowski. Leben und Werk, verlag das europäische buch, 1982

Walter Gross: Der Ort, wo wir leben
DU, Heft 2, Februar 1965

Jürgen Joachimsthaler: Bobrowskis Häutungen
literaturkritik.de, 5.4.2017

Andreas Degen: Kafka zum Beispiel
literaturkritik.de, 9.4.2017

Thomas Taterka: Der letzte Talissone
literaturkritik.de, 5.4.2017

Sabine Egger: Martin Buber und Johannes Bobrowski
literaturkritik.de, 16.4.2017

Andreas F. Kelletat: Vom Ende der Sesshaftigkeit
literaturkritik.de, 5.4.2017

 

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977

Zum 15. Todestag des Autors:

Jürgen Rennert: Von der Sterblichkeit der Dichter
Das Literaturjournal, 3.9.1980

Zum 20. Todestag des Autors:

Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985

Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987

Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987

Zum 50. Todestag des Autors:

Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015

Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015

Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017

Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017

Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
FreiePresse, 7.4.2017

Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017

Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017

Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017

Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017

Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017

Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017

 

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