Judith Nika Pfeifer: nichts ist wichtiger ding kleines du

Pfeifer-nichts ist wichtiger ding kleines du

PROXY VARIATION

was nicht passt die zukunft von früher
bessermensch wie bessertier salons
letzte dinge wenn es herausfiebert
ein aufregungschaos neuwelt
als innenraum soweit
fahl außen narbenspurschau
ist doch bloß
kuckuck ein übergangsmantel

 

 

 

Zum Buch

Judith Pfeifer arrangiert Alltagsbeobachtungen zu witzigen, frischen, unkonventionellen Klang- und Wortgebilden. Sie verdichtet ihr Leben, beobachtet die Welt in ihr und um sie herum, gewinnt dem Belanglosen neue, überraschende Qualitäten ab. In Kurz- und Kürzestgedichten wirft sie erhellende Schlaglichter auf die Lebens- und Liebeswelten der Internet- und Facebookgeneration.
Jurybegründung Reinhard-Priessnitz-Preis 2012 von Gustav Ernst und Robert Schindel

Diese Gedichte sind Aufhellungen in der mehrfachen Bedeutung des Wortes, sind heiter, einleuchtend, sind auch klärend und können gar grell sein. Eine fröhliche Wissenschaft aus Versen.
Doron Rabinovice

Mitter Verlag, Klappentext, 2012

 

In nichts ist wichtiger ding kleines du

geht es um Möglichkeiten, um Widersprüche, die keine sind. „Gedichte spielen mit uns und mit Übergängen zwischen Sinneswahrnehmungen und anderen Grenzbereichen. Leben wir nicht alle in unseren unparallelen, kleinen Pixelwelten – darin wir alle, du und ich an immer wechselnden Positionen?“ Judith Nika Pfeifer verdichtet ihr Leben, beobachtet die Welt in und rund um sie herum. Egal ob sie sich in die Südsee denkt, eine Fotoserie oder Liebes- und Liebes-Unmöglichkeitsmomente in kurze Blinklichter verwandelt – einmal die Augen zugemacht und die Welt sieht anders aus, oder?
Das Buch lässt sich an jeder beliebigen Stelle anlesen, querlesen, man hat hier quasi eine leser-generierte map of poetry vor sich: nichts ist wichtig ding kleines du ist als eine Art poetisches System gedacht, durch das man sich lesen kann oder wenn man so will, augenhüpfen, das ist eine thematisch grob  gegliederte Landschaft und der/ die Leser*in sucht sich einen Weg da durch.

„Judith Pfeifer kitzelt die Wörter hervor, doch was in ihren Gedichten beiläufig scheint, ist nie beliebig. Diese gewitzte Lyrikerin macht einem Lust auf Sprache und auf eine immer neue Lyrik.“
Doron Rabinovici

„Ja, ja, ja!!! das hat mich ja damals so begeistert! – Ich erinnere : das war so 1 lebendiges, junges, frisches Gedicht!“
Friederike Mayröcker zu/über „nichts ist wichtiger“

Mitter Verlag, Ankündigung

 

Meditative Hip-Hop Poesie

Die junge österreichische Autorin Judith Nika Pfeifer schreibt Lyrik, Prosa und szenische Texte. Außerdem arbeitet sie an Musik- und transmedialen Kunstprojekten in Österreich und im Ausland. Für ihren Lyrikdebütband nichts ist wichtiger ding kleines du wurde sie im Oktober 2012 mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet. –

Das Leben ist ein „Augenblink“. Ein Leuchten, ein Pling, im Display eine SMS. Dann wieder das Warten. Immer bereit für die nächste Botschaft, lebt der vernetzte Mensch in der ständigen Hoffnung auf jene kurzen Momente digitaler Erleuchtung. Davor und danach die digitale Unendlichkeit.

blinkts



dieses kleine winzig kleine klitze kleine
das nicht spricht nur mucksen tut
ganz leise kurz blink blink kurz ganz kürzest
ist es da und blink blink geklimpert
schon ist es wieder fort

Auf der Suche nach den durchlässigen Rändern dieser vernetzten Welt blinken Judith Nika Pfeifers Gedichte ihre Kurznachrichten in die auf Null und Eins gepolte Welt. „mediales“ steht daher nicht zufällig am Beginn ihres neuen Lyrikbandes nichts ist wichtiger ding kleines du. Dem Radio widmet die Autorin den ersten und längsten Verstext. Ihr Retro-Gedicht „funk funk chant chant“ ist ein Abgesang auf die analoge Welt. Ein melancholischer Rückblick auf jene damals scheinbar noch heile Sandmännchen-Idylle. Die analoge Welt des Rundfunks, zu einer Zeit als es nur drei Sender gab, gehört für ihre Generation SMS längst zu den Kindheitserinnerungen.

blaumeer



so eine kindheit
sie ist fort und
man kann sie nicht
einmal fragen

Im Überfluss digitaler Kanäle und omnipräsenter Vernetzung aufgewachsen, wünscht sich die Autorin in ihrem zweiten Gedicht nun genau das „radiogegenteil“: die Funkstille. Streng nach dem Motto „weniger ist mehr“ begibt sich Judith Nika Pfeifer mit ihren Kurz- und Ultrakurzgedichten auf die Suche nach einer neuen meditativen Leere jenseits der Worte. Und entdeckt dabei die flüchtige Schönheit der SMS. Aus einem „Fast nichts“ an Worten entstehen hier Gedichte zwischen digitalem Mantra und Kinderreim, philosophischem Aphorismus und mystischer Zauberformel.
Zwischen den Worten blinkt immer wieder kurz die Erkenntnis auf: Es gibt unendlich viele Dinge zwischen Null und Eins, die wir nicht verstehen. Doch Pfeifer sucht in ihren aphoristischen Texten keinen neuen digitalen Transzendentalismus; und sie liefert schon gar keine fertige Taschenphilosophie im praktischen Handyformat. Ihre spielerisch leichten Gedichte sind eine sinnliche, lebensfrohe, manchmal melancholische, oft humorvolle poetische Spurensuche nach einer eigenen post-digitalen poetischen Identität.

herzmaschine remix



was = das
leben 1 stempel
vorne 1 stempel
hinten das universum
auf ewig so so

Judith Nika Pfeifer versucht in ihren Gedichten das verborgene poetische und philosophische Potenzial der digitalen Tipp-Sprech-Sprache freizuspielen. Sie nutzt die neue Präsenz des geschriebenen Wortes im LED-Format und gestaltet ihre typografisch und mit Emoticons visualisierten Gedichte wie plakative digitale Grafittis. Ihre im Zwei-Finger-Beat des Tasten-Rhythmus getakteten Texte besitzen Song-Qualität. Mit kleinsten Lautverschiebungen macht sie den Tippfehler zum kreativen Motor ihrer Gedichte. Und durch Soundmalerei und Comicsprachelemente entwirft sie konkrete Poesie als „ohrenschönheit“.
Judith Nika Pfeifer ist mit ihrem ersten Lyrikband nichts ist wichtiger ding kleines du eine neue post-digitale poetische Wertschöpfung gelungen. Ihre meditativen Graffitis besitzen Ewigkeitscharakter. Pfeifers wunderbar leichte, heiter-melancholische Hip-Hop-Poesie ist praktische „kunst zum festhalten“ und echte Lyrik zum Anfassen.

Michaela Schmitz, Deutschlandfunk, 3.4.2013
Fakten und Vermutungen zur Autorin

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