Jürgen M. Paasch: Zu Nancy Hüngers Gedicht „Erfurt“

Im Kern

Im Kern

– Zu Nancy Hüngers Gedicht „Erfurt“ aus Nancy Hünger: Deshalb die Vögel, Instabile Texte, 2009. 

 

 

 

 

NANCY HÜNGER

Erfurt

eine scheußliche Bewegung im Wind,
der alles aufwarf, auf einem kahlen
Plätzchen schlicht den Ort verlor, man
sehe die Hast den Häusern, schlimmer
Einsiedlern, arbeitslosen Landflüchtern an,
maulende Fischlinge sinds, die aus
den wirren Gassen quatschen, als wär
der Buchdruck nie erfunden worden,
wer es gut meint, spricht vom Zentrum
der Himmelsrichtungen, wo doch in Weimar
schon gar nichts mehr stimmt, sagt, Luther
und Pinthus, einer muss doch hier, wenn
auch in Eile, gewesen sein, wer es gut meint,
hat nie in dieser Stadt gelebt, da Rosi
singend vom blumenumrankten Fahrrad
steigt, mütterlich die großäugigen Mädchen,
nur die traurigfremden, zart in die Wangen
kneift, schließlich sei noch immer alles
gut geworden.

 

Wort reimt sich auf Ort nicht immer

Mit 28 Jahren schreibt Nancy Hünger, 1981 in Weimar geboren, ihre Heimsuchung Erfurt, vielleicht weil einer hier das Zentrum der Himmelsrichtungen versprach und Hüngers Worte doch nach einer Mitte suchend tasten. Immer. „Instabile Texte“ heißt der Untertitel des Bändchens, dem das Erfurt-Gedicht entnommen ist, und Deshalb die Vögel (2009) ist er überschrieben. Die Titel erklären einander. Sie führen auch in Hüngers Welt, in der sich ihre Sprache aus Luft und Laut – schwebeleicht – bewegt. Nach Erfurt hat es ihre Worte verweht mit einer scheußlichen Bewegung im Wind, gleich dem Häuseraufwurf selbst, den sie in einem atemlosen Satz nachbildet. Dass dieser Satz ein Gedicht sei, behauptet die Autorin, dass er eine Mitte hat, ist zu lesen: Um die Achse Erfurt, in dem Lettau die Frage der Himmelsrichtungen geklärt sehen wollte, und Weimar, wo angeblich schon nichts mehr stimmt, sucht Hüngers Sprache nach festem Grund – und verbucht doch nur das Losgelöste. Die Verbündeten im Wort sieht sie in Eile fliehen aus der Stadt in die Weite der Literatur und in ein Leben andernorts. Ortlos ist Hüngers Text auch sonst. Die stabilen Lettern sogar, die dem Gezwitscher des Mittelalters Haltbares abrangen – wie nie erfunden. Wie ehedem hallt das Quatschen maulender Fischlinge wider aus wirren Gassen – die medienmobilen Zeitgenossen sind bei Hünger poetisch maskiert. Rosi, Erfurts rotbäckig blonde Blumenfrau, steigt am Ende als Dea ex machina vom blumenumrankten Fahrrad herab ins Gedicht, greift im wortreichen Finale nach den Wangen großäugiger und traurigfremder Mädchen und säuselt ein Happy End für Analphabeten. Die Autorin selbst flüstert; schon bei ihrem Lyrikdebüt, Aus blassen Fasern Wirklichkeit (2006), musste man genau hinhören. Nancy Hünger studierte Freie Kunst in Weimar und lebt heute – in Erfurt.

Jürgen M. Paaschaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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