Karl Riha: Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „manhatten island“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „manhatten island“ aus Hans Magnus Enzensberger: landessprache. –

 

 

 

 

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

manhattan island

wenn die waren runzeln die stirn aus nickel,
verbuchte träume,
wenn sie den käufern unter den händen
frierend verrosten;
werden mohren da sein,
um sie zu verbrennen, die asche
in große barken zu füllen,
werden mohren da sein, sie zu verschiffen weit
und zu versenken in das bittere meer.

wenn die toten hustend gewahren,
daß sie tot sind,
daß es sich nicht gut lächelt
mit verfaulten lippen;
werden blumen da sein,
blumen aus lack, aus zeitungspapier,
ihnen zu stopfen die schwarzen münder;
ausgewiesen werden sie dann über die flüsse,
gehen müssen sie über die bitteren brücken.

wenn die betrogenen innewerden
der großen lüge,
wenn sie wie eine waffe schultern
ihren trostlosen zorn;
werden lachen da sein,
waten müssen sie dann, wie selbstmörder,
durch die schluchten, steigen
auf den endlosen feuerleitern
zum kalten bitteren himmel.

 

Einzelanalyse

Die von Zerstörungen heimgesuchten und dem Untergang preisgegebenen Großstädte der Expressionisten hatten keine individuelle Physiognomie und trugen keine konkreten Namen; aber Hans Magnus Enzensberger ist nicht der erste deutsche Lyriker, der dieser Großstadt-Apokalypse den Namen und das Gesicht der amerikanischen Metropole New York gibt, die sich im zwanzigsten Jahrhundert zur Weltstadt überhaupt entwickelt, eine Vielzahl literarischer Reflexe auf sich ziehend.
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war es in Deutschland – und besonders in Berlin – zu einer heftigen Amerika-Schwärmerei gekommen. Von George Grosz zum Beispiel wissen wir, daß er die Gäste, die er in seinem Berliner Atelier empfing, mit ,amerikanischer Pose‘, das heißt ,mit steifem Hut im Genick‘, ,Niggersongs im Schädel‘, mit den Bewegungen eines ,Ragtimetänzers‘, die gezogene Pistole in der Faust, zu frappieren pflegte; vor der an die Wand geworfenen Skyline New Yorks agierte er, als befinde er sich tatsächlich in New York. In seinem Gedicht „Gesang an die Welt“ grüßt er – mit ,großer Geste‘ – wie folgt übers ,große Wasser‘:

Turbulenz der Welt!
Liebe Freunde! – ahoi!
Seid gegrüßt, boys, über den Atlantic!
Du I.W. Hurban, du Lewis, du Abraham,
Du Theo F. Morse
Und du Lillian Elmore.
Den Urwald zogt ihr auf Noten
Mit eurer Banjo-Musik der Neuen Welt.
Starr hochwachsende Turmhäuser,
Frei das Auge.
Glattrasiert und breit.
1

Brechts „Mahagonny“-Lieder aus der Hauspostille – auch sie mehr literarisch als durch reale Erfahrungen stimuliert – gehören hierher; sie sind, wie es in der einleitenden „Anleitung“ heißt, „das Richtige für die Stunden des Reichtums, das Bewußtsein des Fleisches und die Anmaßung“:

Auf nach Mahagonny
Die Luft ist kühl und frisch
Dort gibt es Pferd- und Weiberfleisch
Whisky- und Pokertisch.
Schöner grüner Mond von Mahagonny,
aaaaaleuchte uns!
aaaDenn wir haben heute hier
Unterm Hemde Geldpapier
Für ein großes Lachen deines großen
aaadummen Munds.
2

Kurt Tucholsky reagierte auf das Erscheinen dieser Verse mit Parodie; er kritisierte derlei „Exotik als Literaturprogramm“, die doch über ein „Bayrisch-Amerika“ nicht hinauskomme, und deklarierte sie zum „geronnenen Großstadtideal“.3Aber auch Brecht selbst ging Ende der zwanziger Jahre auf Distanz; so jedenfalls in seinem Gedicht „Verschollener Ruhm der Riesenstadt New York“, in dem konkret gefragt wird, wer sich wohl heute noch an solche Glorie erinnern könne:

Welch ein episch gefeiertes Becken war doch dieses Amerika damals!
God’s own country!
Nur mit den Anfangsbuchstaben seiner Vornamen genannt: USA
Wie unser jedermann bekannter, unverwechselbarer
Jugendfreund!4

Im Umschlag der Wertung vom Positiven ins Negativeforciert durch die von den Vereinigten Staaten ausgehende und um sich greifende Weltwirtschaftskrise – wird New York zum Schreck-Exempel schlechthin, zum Musterbeispiel für Niedergang, Ruin, Bankrott.
Dieser sozialhistorische Background kann natürlich auf Enzensbergers „manhattan“-Verse nicht einfach übertragen werden: ihrem Erscheinen nach – 1960 im Lyrikband landessprache veröffentlicht – sind sie ja gerade an keinen wirtschaftlichen Niedergang, sondern an jene rapide Aufschwungsphase der Bundesrepublik Deutschland gekoppelt, der man den Namen ,Wirtschaftswunder‘ gegeben hat. Enzensberger selbst sieht das anders:

was habe ich hier? und was habe ich hier zu suchen,
in dieser schlachtschüssel, diesem schlaraffenland,
wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts,
5

fragt er im Titelgedicht zu landessprache. So bezieht er sich nur insofern auf die aktuell-gegebene und allem Anschein nach im Wachstum begriffene Prosperität, als er sie mit der in ihr schon angelegten, aber noch nicht sichtbar gewordenen, nicht allgemein wahrgenommenen Verderbnis konfrontiert; und für sie ist – nach wie vor – New York ein naheliegendes Paradigma, zumal der bundesdeutsche Aufschwung zu gutem Teil amerikanischer Marshall-Plan-Hilfe zu danken war.
Alle drei Strophen des Gedichts folgen demselben ,wenn-dann‘-Schema. Dabei formulieren jeweils die einleitenden „wenn“-Sätze apokalyptische Signale, auf die hin die Zukunft negativ determiniert scheint; die ,dann‘-Formulierungen schließen an und umreißen die Konsequenzen, die Folgerungen, die sich aus diesen Zeichen ergeben, markieren den düsteren Horizont. In seiner Wiederholung intensiviert sich dieses Schema und gewinnt den Charakter einer sich steigernden Beschwörung…
Die erste Strophe stellt aufs moderne Technikzeitalter, auf industrielle Massenproduktion und Massenkonsum ab. Ihre Segnungen werden jedoch äußerst skeptisch betrachtet: die Waren selbst sind es, die von diesem Zweifel erfaßt werden; in anthropomorphisierender Formulierung „runzeln“ sie ihre „stirn aus nickel“, als wüßten sie um die geringe Befriedigung, die sie – gemessen an Träumen, an wirklicher Phantasie etc. – gewähren. Noch jedes Auto hat der Rost zerfressen! Geschickt greift Enzensberger derlei Assoziationen auf und bezieht sie gleichermaßen auf ,rostende Waren‘ und ,rostende Träume‘. In äußerst komprimierter Bildlichkeit gelingt es dem Dichter, das Frostige in den Beziehungen zwischen Waren und Menschen anzusprechen. – In der Szenerie, wie sie die zweite Hälfte der Strophe entwirft, ist New York nicht direkt, sondern wie mit fremdem Namen, wie hinter einer Maske angesprochen. Die Wortwahl ,mohr‘ für ,Neger‘, ,Farbiger‘ oder ,Schwarzer‘ – wohl abgeleitet aus dem Titel des bekannten Shakespeare-Dramas – und das eigentümliche Wassergefährt ,barke‘ verweisen auf Venedig, die schon immer vom Untergang bedrohte Stadt in der Lagune, bereits in der Romantik zur Totenstadt stilisiert. Auch New York mit seinem großen Hafen liegt am Wasser, am Meer; das erleichtert die Übertragung des seltsamen Bestattungsrituals aus Oberitalien an den Hudson River.
Das Bild der Totenstadt wird in der zweiten Strophe aufgegriffen und im – expressionistisch vermittelten – Motiv der ,lebenden Toten‘ konkretisiert. Sich selbst sieht der Dichter – wiederum im Titelgedicht zu landessprache – in der „netten, zufriedenen Grube“ sitzen, und ein anderes Gedicht dieses Bandes heißt „Die Scheintoten“:

die scheintoten warten vor den kartellämtern,
sie warten, ohnmächtig, aus beiden lungen rauchend,
vor den eichämtern und vor den arbeitsämtern.
ihr bleicher farbloser jubel weht
wie eine riesige zeitung im wind
gegen die vielen vergitterten schalter.

wie sie mit ihren genicken nicken! wie
sind sie tüchtig und aufgeräumt! wie flink
gehn ihnen von der hand lochkarten,
beichtzettel und schecks! in den aktentaschen
tragen sie ihr abrasiertes haar,
und in seinen zwei strümpfen
hat jeder von ihnen zehn zehen gespart.

und dabei essen sie noch und schneiden
mit ihren zehn scheintotenfingern fleisch
vom gebein toter tiere, und nachts,
um zu stillen, was zwischen ihren beinen

trauert und schreit, vermehren sie sich,
wenn die schalter geschlossen sind,
und zeugen scheintote zeugen,

und melden sich morgens, rauchend
aus den ohnmächtigen mündern, an
bei den meldeämtern,
damit man sie nicht begräbt
.6

Das Sterben der Menschen ist also auf ihre gesellschaftliche Nichtigkeit bezogen; ihr Leben hat einzig den Zweck, ihnen ihren Tod – ihre Ohnmacht – bewußt zu machen. – Der zweite Teil der Strophe variiert das venezianische Begräbniszeremoniell der ersten Strophe, amerikanisiert es mit „blumen aus lack“ und – mehr noch – mit dem Hinweis auf Zeitungen, die schon Brecht, und ebenfalls im Zusammenhang mit „Asphaltstadt“ und „Eiland Manhattan“, zum zeitgenössischen „Sterbsakrament“ erklärt hatte.7 Mit dem bedruckten Papier werden ihnen die „schwarzen münder“ gestopft, sie werden geknebelt und ausgewiesen, verjagt.
Daß der Weg der vertriebenen ,Toten‘ über Flüsse und Brücken führt, ist eine erste bildliche Konkretisierung des Gedichttitels; das verstärkt sich in der dritten Strophe, die mit „schluchten“ – ,häuserschluchten‘ – und „feuerleitern“ bekannte Topoi der New-York-Beschreibung aufführt. In seltsamer Verfremdung werden die Wolkenkratzer zu einer Sumpflandschaft umgedeutet, durch die all jene waten müssen, die sich erst jetzt der großen Lüge, des großen Betrugs bewußt werden, die ihr Leben ausmachen. Die Analogie zu den ,lebenden Toten‘ ist nicht zu verkennen, nur daß nun die Momente des ,gesellschaftlichen Lebens‘ und ,Todes in der Gesellschaft‘ noch stärker betont werden, denn Empörung und Auflehnung sind vergeblich und wenden sich – wie der ,selbstmörder‘-Vergleich andeutet – allenfalls gegen sie selber. Auch in anderen Gedichten der Zeit hat Enzensberger immer wieder auf die Unfreiheit des Individuums, seine Verplanung und damit seine tendenzielle Vernichtung hingewiesen. Ob nun vom Lebensanfang oder vom Lebensende her betrachtet, die kritische Summe ergibt immer den gleichen Nenner; so heißt es etwa in der ersten Strophe von „Geburtsanzeige“:

wenn dieses bündel auf die welt geworfen wird
die windeln sind noch nicht einmal gesäumt
der pfarrer nimmt das trinkgeld eh er’s tauft
doch seine träume sind längst ausgeträumt
es ist verraten und verkauft
8

– und dem korrespondieren die Schlußzeilen des Gedichts „Bildzeitung“, das sich in jener Schnitt-Manier, aus der dem Autor in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte ein festes Etikett als Montage-Lyriker erwachsen ist, an „Markenstecher Uhrenkleber“, „Manitypistin Stenoküre“ und „Sozialvieh Stimmenpartner“ wendet:

möge die erde dir leicht sein
wie das leichentuch
aus rotation und betrug
das du dir täglich kaufst
in das du dich täglich wickelst.
9

Das Schlußbild der dritten Strophe – „endlose feuerleitern“, die aus den Wolkenkratzer-Schluchten in einen „kalten bitteren himmel“ hinaufführen – weist auf die Schlußbilder der zweiten und ersten Strophe zurück: ,bitter‘ sind ja auch die Brücken, über die die ,lebenden Toten‘ vertrieben werden, und ,bitter‘ ist das Meer, in das die ,Totenasche‘ versenkt wird. Mit dieser Bewegung, die von unten nach oben, aus der Tiefe in die Höhe geht, die „meer“, „brücken“ und „himmel“ einbegreift, wird die Stadt, auf die das Gedicht zielt, in einen größeren, umfassenden Natur- und Weltzusammenhang gestellt; er unterliegt aber einheitlichen Negativ-Charakterisierungen. Durch die Wiederholung der adjektivischen Bestimmung werden alle drei Strophen in gleicher Weise eingestimmt, in gleicher Weise ausgerichtet. Dabei meint ,bitter‘ zunächst die Geschmacksempfindung, die in der Regel Abwehrhaltung, Ekel hervorruft; das manifestiert sich in einer vertrauten Sprachwendung wie ,gallenbitter‘. Das Wort erlaubt aber über ,Bitternis‘ hinaus auch Assoziationen wie ,Erbitterung‘ und ,Verbitterung‘ und also über ,bittere Tränen‘ hinaus auch ,bitterer Zorn‘. Man geht mit dieser Deutung nicht fehl, denn das ganze Gedicht ist ja – höchst artifiziell und zugleich entschieden politisch-gesellschaftlich engagiert – auf poetische und sprachliche Anspielungen hin angelegt, realisiert sich in ihnen. Von seinem ersten literarischen Auftreten an ist deshalb Enzensberger stets nicht nur – wie das Schlagwort damals lautete – als ,junger zorniger Mann‘, sondern eben auch als Artist angesprochen worden. Sein New-York-Gedicht, dem er den Titel „manhattan island“ gegeben hat, das aber in seiner kritischen Stoßrichtung auch auf die deutsche Großstadtwirklichkeit zielt, bestätigt und stützt diese literarische Ortsbestimmung.

Karl Riha, in Karl Riha: Deutsche Großstadtlyrik, Artemis Verlag, 1983

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