Karl Stocker: Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Leopoldstrasse“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Leopoldstrasse“ aus dem Gedichtband Hans Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik. −

 

 

 

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Leopoldstraße

Notärzte rutschen vorbei
in gellenden weißen Schlitten
an Umweltfreunden und Pennern.
Ekstasen im Halteverbot.
Bier, Koks und Föhn. München leuchtet
(Also doch.) (Also doch nicht.)
Botticelli-Engel in offenen Jeeps
aus Dachau und Fürstenfeldbruck
lassen Kassetten kreischen.
(Wahnsinn.) Blutlachen stehen
vor mikroskopischen Kinos,
die Blutlachen zeigen. (Das
hört sich schlimmer an, als es ist.)

Betroffene glotzen auf Kaugummifladen.
Blutjunge Sektierer bieten Sinn an
aus Sprühdosen. Alle Chow-Chows
wählen CSU. Anwälte grunzen
im ersten Stock. (Ehrlich.) (Na und.)
(Alles klar.) Journalisten
kacken Titel in Opferstöcke,
an denen sich Frührentner laben.
(Glotzen, Kacken und Grunzen:
Das hört sich so abschätzig an.)
(Das sind doch Menschen, wie gehabt,
weich und brutal.) (Ja dann.) (Verwegene,
Liebenswürdige sind es, Verstörte.)

Auch dort an der Ampel der Ontologe
mit seinem Stift,
seinem Forschungsauftrag,
der vergeblich nach einem Ich sucht,
das gestutzt hätte vor dem Nicht-Ich,
dem Geldautomaten. Oder der Star,
der sich bei seinem Stylisten erbricht.
Spülmittel rinnt aus den Mundwinkeln.
Videokünstler stöckeln verzückt
in transzendentale Schuhgeschäfte.
(Eigentlich.) (Eigentlich nicht.)
Irre Typen lechzen danach, nach etwas
zu lechzen. (Nur so.) (Genau.)
(Das ist es ja.) (Wenn es sonst nichts ist.)

 

München – zum Millenium

Zukunftsmusik ist der Titel der Lyrik-Sammlung von Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, Geburtsort Kaufbeuren, der dieses Gedicht „Leopoldstraße“ entnommen ist. Titel und Inhalte dieser Gedichte, die (s)eine längere lyrische Schreib-Pause beenden, lösen als Leser-Erwartung eine Voraus-Schau, etwas Prophetie, eben etwas Zukunftsorientiertes, etwas ,prospektiv‘ Angelegtes aus, etwas, das zwischen Optimismus und Vision liegt. In den Klappentexten ist Sibylle Cramers Wertung (Tagesspiegel) zitiert, betreffend eine „Zukunft“, die sich nicht auf einen Nenner bringen lässt:

Die Welt wird als großes Finale besichtigt, aber der Blick auf die Dämmerung ist vor allem intelligent. Der Finalist lamentiert nicht, sondern er denkt nach, manchmal ziemlich unbeschwert. In der Haut des Hans Magnus Enzensberger steht der Apokalyptiker auf dem festen Grund der Rationalität und verteidigt sein Terrain mitten in der Katastrophe. Sein Endspiel der Vernunft ist ein Triumph der Vernunft und eine Anti-Apokalypse.

Gert Mattenklott (FAZ) meint:

Der komplizierte Reiz der Gedichte liegt in der widersinnigen Frische, mit der Schwermut, Langeweile und Melancholie zur Sprache kommen, dieser dreifache Abgrund moderner Seelengeschichte.

Zukunftsmusik hat die Musikkritikerin Regina Back ihre Einführung zu Franz Liszts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur, gespielt vom BR-Symphonieorchester im Münchner Gasteig (März 2000), überschrieben – nicht von ungefähr, was den Begriff und seine Herkunftszeit angeht. Einleitend gibt es den Bezug auf einen Essay von Franz Liszt aus dem Jahre 1855, dem Jahr der Uraufführung seines ersten Klavierkonzerts.

Wenn erst als oberster Grundsatz der Gedanke feste Wurzel gefaßt hat […], dann ist das große Wort ,Zukunftsmusik‘ erreicht.

Das Etymologische Wörterbuch der Deutschen Sprache verweist indes auf die 1850 veröffentlichte Schrift von Richard Wagner Das Kunstwerk der Zukunft; 1853 benutzt er das (Hohn-) Wort „Zukunftsmusiker“, und ein Jahr später taucht in der Korrespondenz (mit Ludwig Spohr) „Zukunftsmusik“ auf, gerichtet gegen Richard Wagner. Mit Zeitsprung: Ein Blick auf die Bundesbahn-Reklame ein gutes Jahrhundert später zeigt, dass der Begriff „Zukunftsmusik“ eine Begriffserweiterung erfahren hat: Zukunftsmusik ist da, jetzt in einem pragmatischen Bereich, zu verstehen im Geiste digitaler Steuerungssysteme.
Bliebe noch nachzutragen, dass Hans Magnus Enzensberger jenes Kapitel, in dem das Gedicht „Leopoldstraße“ steht, überschrieben hat mit Alles Gute – was nach der Sprechakttheorie semantisch unterschiedlich auslegbar ist. Die Straße ist benannt nach „Leopold, Prinz von Bayern (1846-1930), Sohn des späteren Prinzregenten Luitpold, im Ersten Weltkrieg als Generalfeldmarschall Oberbefehlshaber Ost; seit 1873 vermählt mit Gisela, Tochter Kaiser Franz Josephs I. von Osterreich“, der Ausbau erfolgte 1891.

Im Gedicht „Leopoldstraße“ von Hans Magnus Enzensberger liegt uns eine Serie von Momentaufnahmen in drei Langstrophen vor: Impressionen, die unmittelbar reflektiert werden – entlang einer topographisch fixierten Achse, die man über München und Bayern hinaus kennt als Flaniermeile von Schwabing (auch als „Wahnmoching“ bekannt), die Leopoldstraße eben, ,nach‘ der Ludwigstraße die Fortsetzung der Mainstreet Münchens, eine der Hauptachsen. Der München-Kenner Enzensberger nimmt sie, respektive ihren Lifestyle, sowohl assoziativ wie reflexiv auf. Ein neueres Nachschlagewerk attestiert dem Autor ästhetische Intelligenz, artistische Meisterschaft, Montagetechnik, Widerspruchskonstellationen. Eingefangen ist die Hektik einer Verkehrsader, die Binnenstraße mit hohem Verkehrsaufkommen und Passantenfrequenz, Einfahrtsschneise in die City und Ausfallstraße zu den Ringstraßen oder Autobahnen zugleich ist.
Im Text finden sich parataktisch wie hypotaktisch angeordnete Sätze; Einwortsätze sind darunter. Relativ häufig begegnen Anmerkungen/Bemerkungen in Parenthese; sie sind mit (hilfreichen) Klammern versehen, die Spekulationen zulassen – etwa über Gehörtes, im Vorbeigehen Aufgeschnapptes. (Es lässt sich vorstellen und ausprobieren, dass dieses Sprachgebilde von einem zweiten oder von mehreren Sprechern und natürlich einem ,Erzähler‘, dem Hauptregistrator des Gesehenen und Geschehenden, kolportiert und kommentiert wird – in Anwendungsformen bis zum Multilog.) Diese Sprachfetzen oder Gedankenfetzen können die akustische Ebene des mehr oder weniger zufällig Mitgehörten, des ,laut‘ Gedachten, des im Selbstgespräch Kommentierten darstellen, alles angesiedelt zwischen Affirmation und Kritik, mit einer Laut- und Sinngebung gewissermaßen nach „innen“. Das klingt dann durchaus verfremdend, etwa an zwei Stellen (z.B. Strophenende zwei und drei): „Das hört sich so abschätzig an.“ Dass im Alltag, auf der Straße, sehr konventionell und lässig gesprochen wird, überrascht nicht, klingt authentisch, erinnert an den Sprachduktus bzw. die Sprachebene(n) der nachmittäglichen Fernseh-Talkshows und an die Ungeniertheit der Round-Table-Gespräche und der Individualbeichten im RTL-Big Brother.
Enzensberger bzw. der Augen- und Ohrenzeuge in der Leopoldstraße registiert, offeriert nur in einer Art von augenzwinkernd-begleitetem Beiseitesprechen so etwas wie Wertungen. Entlang einer pulsierenden Verkehrsader will man sehen und gesehen werden; der Rest ist Wahrnehmung der unstrukturierten Art, im Neben- oder Nacheinander von zumeist flüchtigen Eindrücken. Ohne dass damit eine Paraphrasierung, eine Umsetzung des Gedicht- bzw. Stropheninhalts auf Prosa vorgenommen wird, lässt sich die Summe der Eindrücke in der gebotenen Reihenfolge nachvollziehen: Notärzte, Umweltfreunde, Penner und Ausgeflippte, blondgelockte Dandys, brünette „Engelsgesichter“, Köpfe wie aus den Bildern des italienischen Malers Botticelli (1445 – 1515) entsprungen, ungehaltene Passanten (Vertreter des Münchner „Grant“?), Frührentner im Umfeld von Zeitungsständern, den Nachfahren der Litfasssäulen, die es obendrein auch noch vereinzelt gibt: „Das sind doch Menschen, wie gehabt, weich und brutal“ … Verwegene sind darunter, Liebenswürdige, Verstörte – es geht ganz offensichtlich nicht um eine vorstatistische Bestandsaufnahme einer improvisierten Volkszählung, sondern um Vertreter einer Menschenkategorie, die zwischen Sein und Schein lebt.
Der Ontologe, Berufsbezeichnung nicht als die eines Schein-, sondern eines Seinsforschers, könnte zum Umfeld der (benachbarten) Universität gehören, und natürlich ist der Stadtteil Schwabing, die dortige ,Szene‘, ein ,Biotop‘ odernüchterner – Auffanglager für Stars der männlichen oder weiblichen Zuordnung (oder eben keiner Entscheidung), auch für Videokünstler als Vertreter einer boomenden Branche. Überhaupt könnte man sich vorstellen, von den aufgezeigten oder denkbaren Motiven und ,Events‘ Videomontagen zu drehen, was weit innovativer wäre als „stehende“ Lichtbilder.
Nahe gebracht wird uns das Fluidum einer pappel-flankierten Prachtstraße, nach Leopold, dem Bayernprinzen, benannt, mittels kontextabhängiger Rede („Auch dort an der Ampel“), mit Verweisen auf das Alltägliche, auf das, was Ärgernis bereitet, wie Kaugummiflecken oder Blutlachen, auf den Bank-Service der Geldautomaten. Ein paar hundert Meter Spaziergang stadtein- oder -auswärts genügen, um all dies nachvollziehen zu können, wenn es denn so wichtig, wenn es nicht so alltäglich wäre. Vielleicht kommt ein Hauch der Dreierfigur da zu, von Bier, Koks und Föhn, wobei Koks eher mit Kokain gleichzusetzen wäre statt mit früher üblicher Hausbrandversorgung. Föhn ist jener über die Alpen drängende, warme, trockene Fallwind – ein in München alles oder zumindest vieles entschuldigendes, auf die Gemütslage wirkendes Außenphänomen. Der Hinweis „München leuchtet“ ist eine, auch ordensgestützte, Allusion auf Thomas Manns Gladius Dei.
Dies alles ist das Umfeld, ist Humus und Nährboden für „irreTypen“, von denen „man“ nur oder immerhin sagen kann, sie „lechzen danach, nach etwas zu lechzen“. Keiner, auch sie selbst nicht, wissen wonach… Streng thematisch geht es in dem Gedicht „Leopoldstraße“ um die Natur des Menschen – Karikaturen vor dem Zerrbild einer pulsierenden und bei aller Ver-Rücktheit liebenswerten Stadt, über deren Geist oder Mentalität man sich (freibleibend) rückversichern kann bei Herbert Rosendorfer und Ludwig Merkle.

Karl Stocker, aus: Günter Lange und Bernhard Meier (Hrsg.): Lese-Erlebnisse und Literatur-Erfahrungen. Annäherungen an literarische Werke von Luther bis Enzensberger. Festschrift für Kurt Franz zum 60. Geburtstag, Schneider Verlag Hohengehren, 2001

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