Karol Sauerland: Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Kaunas 1941“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Johannes Bobrowskis Gedicht „Kaunas 1941“ aus Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in 6 Bänden, Bd. 1. Die Gedichte. –

 

 

 

 

JOHANNES BOBROWSKI

Kaunas 1941

Stadt,
über dem Strom ein Gezweig,
kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer
rufen. Das hüftkranke Mädchen
trat vor die Dämmerung damals,
sein Rock aus dunkelstem Rot.

Und ich erkenne die Stufen,
den Hang, dieses Haus. Da ist kein
Feuer. Unter dem Dach lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,
flüsternd, ein weißes Wasser
der Töchter Gesicht. Am Tor
lärmen die Mörder vorüber. Weich
gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur

Abends sahn wir hinaus
auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte
um die breite Kuppel,
Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter
bis an den Strom.

Wirst du über den Hügel
gehn? Die grauen Züge
– Greise und manchmal die Knaben –
sterben dort. Sie gehen
über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.

Sah ich dich nicht mehr an,
Bruder? An blutiger Wand
schlug uns Schlaf. So sind wir
weitergegangen, um alles
blind. Im Eichwald draußen
mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinaus um die Firste
des Sommers Schnee.

Tief im Regengesträuch
werd ich treten den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief
Mein Dunkel ist schon gekommen.1

 

In der Mitte des Grauens und in der Mitte des Naturgedichts

Das Thema meines Beitrages stand für mich recht bald fest, als ich hörte, dass die Bobrowski-Konferenz in Kaunas stattfinden wird. Wer denkt bei dieser Stadt nicht an Bobrowskis oft zitiertes Gedicht „Kaunas 1941“? Es erschien 1958 in Sinn und Form:
Es ist eines der wenigen Gedichte mit einer Jahreszahl im Titel. Wir wissen heute besser als vor Jahren, besser als der unschätzbare Bobrowski-Forscher Eberhard Haufe in seinem Kommentar zu diesem Gedicht und anderen, ähnliche Themen betreffenden Entwürfen im fünften Band der Gesamtausgabe, was sich in den ersten Tagen nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, d.h. nach dem 22. Juni 1941, in Kaunas zugetragen hat.2 Bobrowski wurde Zeuge davon. Die deutschen Besatzer ahnten in diesen Tagen noch nicht, dass wenige Wochen später die Einsatzgruppe A unter Dr. Walther Stahlecker und vor allem das Einsatzkommando 3 unter Karl Jäger, das in Kaunas besonders aktiv war, mit cirka 120 Mann die Vernichtung der in Litauen lebenden Juden durchführen wird. Sie konnten guten Glaubens sein, dass sich vor ihren Augen sogenannte innerlitauische „Reinigungsaktionen“ abspielen, in die sie nicht eingreifen durften. Diese wurden als Reaktion auf die brutale Okkupationspolitik der Sowjets und vor allem auf die Junideportationen in Richtung Sibirien interpretiert, denen ca. 15.000 Menschen, darunter auch Kinder und alte Menschen, zum Opfer fielen. Die UdSSR hatte das Land am 14. Juni 1940, einen Tag nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, okkupiert. Zwei Monate später verwandelte sie Litauen in eine Sozialistische Sowjetrepublik. Es war die dreizehnte. Als die Litauer ein Jahr später, am 23. Juni 1941, aus dem von litauischen bewaffneten Einheiten eroberten Sender in Kaunas erfuhren, dass die Wehrmacht die seit dem Herbst 1939 bestehende deutsch-sowjetische Grenze überschritten hat, wurde dies als der Beginn eines erneut freien Litauens gefeiert. Die Zahl der bewaffneten Litauer ging in diesen Tagen in die Tausende, zumal viele der Roten Armee entflohen waren. Sie griffen einerseits die zurückweichenden Rotarmisten an und gingen andererseits gegen wirkliche oder vermeintliche Kollaborateure vor. Den Juden wurde die Hauptschuld an der Bolschewisierung des Landes zugeschoben.3 Es kam zu willkürlichen Plünderungen und zu Mordtaten, über die sich selbst einige Kommandanten der Litauischen Aktivistenfront (LAF) beklagten.4 Die LAF war bereits Ende 1939 gegründet worden, nachdem die UdSSR im Oktober 1939 Litauen gezwungen hatte, einen Beistandsvertrag abzuschließen und die Errichtung von sowjetischen Militärstützpunkten auf eigenem Gebiet zu gewähren.

Die in Kaunas am Abend des 24. Juni einmarschierende 16. Armee der Heeresgruppe Nord unter der Führung von General Ernst Busch, zu der auch Bobrowski als Obergefreiter des Nachrichtenregiments 501 gehörte, wurde am nächsten Tag begeistert als Befreier begrüßt.5 Bereits am 23. Juni hatten bewaffnete Gruppen der Litauischen Aktivistenfront (LAF) die Kontrolle über die Stadt übernommen. Unter ihnen befanden sich auch solche, die an den Judenpogromen in diesen Tagen teilnahmen. Dem Rabbiner Zelman Osowski wurde demonstrativ der Kopf abgeschlagen und zur Schau gestellt. Die Stadt war voller Leichen. So manche Juden und Jüdinnen suchten bei den Deutschen Schutz.6 Sie fanden ihn aber höchstens vereinzelt, zumal diese nicht tätig werden durften.7 Man hat den Eindruck, daß die „Jüdin“, die in „in der Juden Verstummen“ lebt, eine solche ist, der Bobrowski und irgendwelche Kameraden helfen konnten; wahrscheinlich nur vorläufig, denn das „weiße Wasser“ verweist ja bereits auf den Tod. Gleichzeitig stellt das lyrische Ich die Frage, ob es „über den Hügel“ gehen wird, wo die „grauen Züge – Greise und manchmal die Knaben“ sterben. Wer sind diese? Sind es die Juden oder sind es die von den Sowjets Deportierten? Sie gehen „über den Hang, vor den jachernden Wölfen her“. Die Opfer an der Spitze, die Täter hinter ihnen. Da es sich nur um männliche Opfer handelt, ist man geneigt, an die Juden zu denken, denn anfänglich werden von den Sonderkommandos keine Frauen ermordet;8 aber gleichzeitig denkt man an jene Züge, die vor dem deutschen Einmarsch gen Osten, in der Umgangssprache nach Sibirien, abgingen. Es ist jedoch wenig wahrscheinlich, dass es sich um von den Sowjets Deportierte handelt, denn das lyrische Ich erklärt in der nächsten Zeile, dass es ihn, den Bruder, nicht mehr ansah. Die nach Sibirien Deportierten hatte es ja vorher nicht gesehen. Das lyrische Ich und die andern – es ist von einem Wir die Rede – zogen weiter, „um alles blind“. Dieses Wir wollte die zum Tode Verurteilten offenbar nicht zur Kenntnis nehmen. In der Wirrnis der ersten Wochen als die sowjetischen Verbrechen allen den Atem verschlugen, ist dies irgendwie verständlich.9 „An blutiger Wand“. Um welche Wand handelte es sich? Um die litauisch-sowjetische? War sie es, an der „uns Schlaf“ schlug, d.h. in den Schlaf schlug angesichts der erlebten Verbrechen, vor denen man nur in tiefsten Schlaf, wahrscheinlich ins Vergessen, fliehen kann. Vielleicht ist der Bruder einer, der vor dem Wir an der Wand erschlagen wurde, die nun blutbespritzt ist. Die Folge ist nicht nur der Schlaf/das Vergessen, sondern auch das Nicht-Sehen-Wollen. Es machte „uns um alles blind“, heißt es. Blind wofür? Sicher für die künftigen deutschen Verbrechen, aber von ihnen kann man in diesem Augenblick noch nicht wirklich sprechen. Vorläufig nimmt das lyrische Ich die makabren Szenen in Kaunas wahr und hört sicher von dem Geschehenen. Deswegen, weil es sich in diesem Moment nicht einem Tätervolk zugehörig fühlen muss, ist es ihm – selbst nach 17 Jahren – möglich, so viel Distanz zu wahren und – da er das Gesehene und sein späteres Wissen vom Holocaust nicht zusammenbekommt – in die Natur zu fliehen, dort „Regengeräusche“ zu vernehmen und „im Dunst der Ebenen“ zu lauschen. Doch kündigt sich in der Natur bereits ein Dunkel an. Es wird der Waldtaube in den Mund, nein in den Schnabel gelegt:

Mein Dunkel ist schon gekommen.

Aus der Perspektive unseres heutigen Urteils über die vergangenen Zeiten, bei dem allerdings nur selten die mörderischen Verquickungen, der sowjetisch-deutsche Pakt und dessen Folgen, mit berücksichtigt werden, würden wir dieses Dunkel als das Dunkel, das die nationalsozialistischen Mordtaten hervorbrachten, auslegen. Aber eine rein politische Auslegung des Dunkels wäre zu einseitig, denn wenn wir Bobrowskis Gedichte aus der Zeit zwischen 1941 und 1943 anschauen, und zwar jene, die sich auf den Osten beziehen, erkennen wir, dass der Schluss:

Tief im Regengesträuch
werd ich treten den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief
Mein Dunkel ist schon gekommen.

so einmalig nicht ist.
So endet die 1941 gedichtete „Östliche Landschaft“ mit den Versen:

Was drunten blieb, verfiel in die Ruh des Tods.
Gesang nur richtet lang noch die Hügel auf
und setzt die Steine, alles Sehnen
schwer an die Stille der Erd zu bannen.

Darinnen aber stehst du. Der Mond stieg auf
Und mancher Vogel regt noch die Schwing. Nun geh
zum Fluß hinab, und netz die Stirne,
daß du erwachest, dir mit Lebend’gem
.10

Da ist der Fluss, da sind die Vögel, die noch fliegen, aber überraschenderweise gibt es hier ein Erwachen.

Im Gedicht „Winterwald“ heißt es, dass die Fichten noch grünen,

[…] Und die Krähe wirft
den rauhen, wie zerbrochenen Schrei hinauf,
auf in die Winde. Ihre schwarze
Schwester im schweigenden Wald ruft Antwort,
11

Sie hätte ohne weiteres rufen können:

Mein Dunkel ist schon gekommen.

Das Gedicht gibt uns auch einen Hinweis, wie das Wort grün zu verstehen wäre. Das lyrische Ich hat höchstwahrscheinlich trotz der Dunkelheit das Grün des Waldes, der sich stromaufwärts („stromhinauf“) dahinzieht, vor Augen.
Die Kaunaserlebnisse finden, wie bereits angedeutet, erst nach siebzehn Jahren einen dichterischen Niederschlag. Wie Bobrowski sie in sein sich veränderndes Weltverständnis eingeordnet hat, ist schwer zu sagen. Es ist von Mördern die Rede, aber woher sie stammen, bleibt offen. Und desgleichen bleibt offen, aus welcher Situation heraus gemordet wurde. Das lyrische Ich taucht in der Natur unter, wenngleich es der Spur der Wölfe folgt. Es können damit die berüchtigten Einsatzgruppen gemeint sein, aber was wusste Bobrowski von deren Wirken? Zumindest nach dem Krieg? Die intensiven Aufklärungen darüber haben ja recht spät eingesetzt, zum großen Teil nach 1989.
Die Biographen schätzen Bobrowski als einen Hitlergegner ein. Er bewegte sich in Berlin unter Gleichaltrigen, die negativ über Hitler sprachen, wie wir von Johannes Uhlmann wissen,12 aber das taten viele Deutsche im engeren Kreis. Im Gegensatz zum ersten Weltkrieg herrschte in Deutschland keine eitle Freude über den Kriegsausbruch im September 1939. Es gab aber auch keinen nennenswerten Widerstand gegen das sogenannte Nazi-Regime, zumal die deutschen Truppen einen Sieg nach dem anderen errangen.
Bobrowski war von Anfang an bei den Kriegshandlungen als Soldat dabei. Erst in Polen, dann in Frankreich und schließlich an der Ostfront, die er allerdings vom Dezember 1941 bis Mitte März 1942 verlassen konnte, um in Berlin Kunstgeschichte zu studieren. Dieses Studium muss ihn für die Architektur des Nord-Ostens, insbesondere für den orthodox-christlichen Kirchenbau sensibilisiert haben. Er schrieb unter anderem an der Front eine Arbeit über den Holzbau in Nordrussland, die leider nicht erhalten geblieben ist. In seinen Gedichten aus der Kriegszeit richtet sich der Blick des lyrischen Ichs dagegen immer wieder auf sakrale Gebäude und Ikonen. Sie sollen dann auch in der reifen Lyrik Bobrowskis aus der Nachkriegszeit eine wesentliche Rolle spielen. 1950 schickte ihm sein Kriegskamerad Helmut Scheiffl das ein Jahr zuvor erschienene Buch Die Göttliche Ikone von Leonhard Küppers. In diesen Jahren scheint allgemein bei den einstigen Landsern aus dem Osten das Interesse an der orthodoxen Kirche und Kunst zugenommen zu haben. Bereits 1946 lag Wege östlicher Theologie von Julius Tyciak vor. Ein Jahr später folgte Geist und Geschichte der russischen Ostkirche von Konrad Onasch. 1948 war sogar ein Titel wie der folgende möglich: Die Gegenwartslage der Ostkirchen in ihrer völkischen und staatlichen Umwelt. Der Autor ist Bertold Schuler (1911–1990), der später als Professor an der Universität in Hamburg tätig war. Diese hat ihm u.a. die Gründung eines Lehrstuhls für Ägyptologie zu verdanken. Durch die Lektüre der genannten und anderer Bücher13 konnten sich Teilnehmer des Ostfeldzugs, die überlebt hatten, zu gemeinsamen christlichen Wurzeln bekennen und nachträglich die östlichen Völker, insbesondere das russische Volk, als zutiefst gläubig, friedfertig und mit einer eigenen bodenständigen Kultur rühmen.
Ein reines Ikonengedicht stellt das „Christusbild des Polyeukt Nikiforow, 3. Sept. 1191“ dar. Bobrowski hat es 1943 – bis auf den Reim – ganz im Rilkeschen Stil verfaßt.14 „Du bist das Schweigen“,15 mit dem das Gedicht endet kann rilkescher nicht klingen. Die Forschung hat es, soweit ich es sehe: nicht beachtet, obwohl hier in ausgezeichneter Weise die Entstehung einer Ikone und deren Wirkungskraft nachgebildet ist. Dass es Bobrowski zu Lebzeiten nicht veröffentlicht hat, ist wohl nur politisch begründbar. Schließlich war er aktives Mitglied der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Da war ein Kult der Ikonen nicht gefragt.
Zuvor hatte Bobrowski den Vers Ikone als Eingang zu dem Gedichtkreis „Nowgorod 1941“ verfasst, das er am 26.12.1942 ohne die Jahresangabe 1941 Ina Seidel schickte. Der Vers lautet:

Ihr Tafeln, die Zusammen ich getan
aus vielen Stücken scheu, ihr blickt mich an
als müßtet ihr mit euern Feuerblicken
mich nun zusammentun aus vielen Stücken
.16

Man fragt sich, ob das lyrische Ich angesichts der Zerstörungen im umkämpften Nowgorod Ikonen im Geiste zusammenfügt oder, was mir wahrscheinlicher scheint, sie angesichts ihrer Vielzahl zu ordnen sucht, die dies jedoch nicht zulassen, indem sie ihn zu einem Ganzen fügen. Die weiteren Strophen „Nowgorod 1941“ haben offenbar mit der Ikone wenig gemein, denn das lyrische Ich sieht die zerstörte Stadt von weitem, es kann also die Ikonen noch gar nicht wahrgenommen haben. Oder sollen wir das Wort Ikone im übertragenen Sinne verstehen: dass damit die Wahrzeichen der Stadt, die Klosterkirche, die sich im nächsten Entwurf in die berühmte Dreieinigkeitskirche verwandelt, und der Kreml gemeint sind?

In dem Gedicht „Klosterkirche“, dem dritten von „Nowgorod 1941“, wiederholt sich das Bild der Ikone:

Im Angesichte aber der Bilderwand –
wer mag den hundertfältigen Blick bestehn

[…]

Außerdem heißt es, es sei, als „verschlinge das Dunkel dich“, doch als das lyrische Ich – als du auftretend – den Blick hebt,

[…]  Da fällt hernieder
rettend ein schmales Licht aus der Kuppel.
17

Die Bilder werden sichtbar, das Ich kann sich nun auf ihren Anblick konzentrieren.
In „Nowgorod 1943“ fehlen die Ikonen bzw. Bilder. Die Stadt ist zerstört, dem lyrischen Ich „zieht das Herz / sich […] zusammen“. Eigenartigerweise fügt es hinzu:

und doch ist ein Frieden bereitet in der Zerstörung.18

Warum? Es ist schwer zu sagen. Immerhin erschien das Gedicht auf Empfehlung von Ina Seidel im Inneren Reich. Zieht sich das Herz zusammen, weil die Stadt damals als eine mit großer deutscher Vergangenheit angesehen wurde? Dass die „deutsche Blüte“, die der Hanse, ins späte Mittelalter fiel, spielte für die nationalistische Propaganda ja keine Rolle, außerdem hatten die Sowjets so gut wie alle Kirchen zweckentfremdet, was sie in den Augen der anderen zu Barbaren machte. Das Gedicht endet damit, dass das Herz, nachdem das lyrische Ich sich dem Anblick des Flusses und vor allem des meergleichen Sees überlässt, wieder zu sich zurück findet.
Der Bezug auf die Natur sorgte in dieser Zeit für eine innere Beruhigung. Ich würde aber nicht behaupten, dass es sich um eine innere Emigration handelt, sondern um eine Wende in der Lyrik, die Ende der zwanziger Jahre als Reaktion sowohl auf die expressionistische Rhetorik wie auch auf dasjenige, was man damals Moderne nannte, einsetzte. Der Verherrlichung technischer Errungenschaften wurde die Überzeugung entgegengehalten, dass es dem sich der Natur und dem Kosmos verpflichtenden Ich möglich sei, die durch die Urbanisierung und Atomisierung des Individuums erlittenen und zu erleidenden Erschütterungen zu überstehen, in sich Halt zu finden. Es war eine Kehre ins Innere, aber auch in die Unendlichkeit der Landschaft, wie sie Bobrowski zu erleben meinte und sie auch in vielen Gedichten auskostete. Für die Unendlichkeit stehen der Strom, der meeresähnliche Ilmensee, der sich dahinziehende Wald, die Dämmerung am Horizont und die Dunkelheit der Nacht, aber auch der Wind. Es fehlt nur die Weite des flachen Landes, der Steppe, wie wir sie aus der polnischen romantischen Lyrik kennen. Aber dazu hätte Bobrowski in der Ukraine eine sarmatische Landschaft finden müssen.
Bobrowski diente in einem Nachrichtenregiment, d.h. zu seinen Aufgaben gehörte nicht nur die Reparatur von schadhaften Leitungen, sondern er muss auch in Vorkommandos tätig gewesen sein, die neue Telefonleitungen legten und Verbindungen schufen. In seinen Gedichten sowohl aus der Kriegszeit wie auch aus den Jahren der Rückerinnerungen spürt man davon nichts. Es ist so, als hätte er sich immer wieder in die Natur begeben können, als hätte er nur von Zeit zu Zeit das Grauen wahrnehmen müssen. Und dieses Grauen durfte am Ende nur ein deutsches sein. Wer Sarmatien zu seiner Heimat erklärt, weiß jedoch, dass man dort von einer doppelten Okkupation spricht, dass es keine geschichtslose Landschaft ist, die ihr Glück ausschließlich durch die Deutschen, begonnen mit dem Deutschen Orden, verloren hat, wie Bobrowski suggeriert. Sein Bild, dass es eine Landschaft mit Wölfen ist, hat er leider nicht bis zum Ende dafür genutzt (er knüpft eher an Trakls-Wölfe in dessen Gedicht„ Osten“ an),19 um bewusst zu machen, dass es in diesem Raum wie in jedem anderen ein schwieriges Unterfangen ist, eine klare Unterteilung in Täter und Opfer vorzunehmen. Wie schwer dies ist, zeigt uns das Gedicht „Kaunas 1941“. In ihm erkennen wir auch, wie sich Bobrowski zwischen dem Grauen und jener Form des Naturgedichts befindet, das Geschichte zugunsten von Eiche, Birke, Weide, Moor, Torf, Strom, Fische, Pirol und alten Gesängen maximal ausblendet, als habe sie dort nicht stattgefunden, als habe es nur jene „erzene Heeresmacht“ gegeben, die durch diese Landschaft mit „dem sengenden Blitzschlag“ schritt, um aus der „Pruzzischen Elegie“ zu zitieren, gegen die Celan so heftig Stellung bezog. Die Anderen lebten friedlich-ländlich miteinander, wird uns suggeriert. Umso schwerer fällt es den alten EU-Mitgliedern zu begreifen, dass die neuen ebenfalls mit einer komplizierten Geschichte oder komplizierten Geschichten zu ringen haben.

Karol Sauerland, aus Andreas Degen und Thomas Taterka (Hrsg.): Zeit aus Schweigen. Johannes Bobrowski – Leben und Werk, Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, 2009

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