Kathrin Schmidt: Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik

Schmidt/Butzmann-Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik

GRENZWERTBESTIMMUNG

Zwischen zwei Versen durchkreuzt mich geduldig
ein tarnfarbner Tanker im deutschen Kanal.
Ich kann mich nicht waschen, nicht haschen, nicht schänden,
ich kann mich nicht kürbisgelb neidisch abwenden
vom Diwan, westöstlich. West-östlich: Skandal!

So liege ich ausgestreckt zwischen den Gleisen,
so bleib ich am Leben im Schienenverkehr.
Die ausgefahrenen Straßen und Bahnen
der freien, deutschen und fliegenden Fahnen
verließ ich längst gestern, und heut schon nicht mehr.

Und heut fang ich an, in die Suppe zu spucken
und spucke mir flugs alle Zähne mit fort.
Nun muß ich mich schützen, mich stützen. Die Pfützen
des Blutes in A-Stadt und B-Land, die nützen
dem Abstand zu manchem zerschossenen Wort.

Die Mark macht mich müde, so funkt mir mein Rückgrat.
Ich ziehe sie rasch untern Rippen hervor,
die blecherne Lunge des Lebens im Streben
nach Aufruhr und Abfuhr, und leg sie daneben
und komme zum Grunde und stehe am Tor.

Zwischen zwei Versen durchkreuz ich geduldig
die Zwischenräume im Schienenverkehr,
ich spuck in die Suppe und fühle mich schuldig
der Müdheit des Marks, als läge ich quer.

 

 

 

Das Wagnis Metapher

„Die Metaphern“, so notierte Franz Kafka im Dezember 1921 in sein Tagebuch, „sind eines in dem vielen, was mich am Schreiben verzweifeln läßt.“
Vager zwar, aber nicht weniger skeptisch äußerte sich Gottfried Benn in seiner programmatischen Rede „Probleme der Lyrik“: Die Metapher sei „ein Fluchtversuch, eine Art Vision und ein Mangel an Treue“. Stellt es also ein Wagnis dar, auf metaphorischen Ausdruck zu setzen? Schwimmt Kathrin Schmidt, die sich vor Jahren schon zum bildhaften, metaphorischen Sprechen bekannte, gegen den Strom? Das 1982 veröffentlichte Poesiealbum (Nr. 179) ließ dies vermuten, aber erst der nun vorliegende durchkomponierte Band ermöglicht Auskunft und Einsicht, und zwar vor allem in bezug auf zwei wesentliche Aspekte: Poetologisches Programm und poetische Realisierung – dies zum einen – differieren bei Kathrin Schmidt kaum. Das variantenreiche metaphorische Sprechen prägt entscheidend die etwa fünfzig Texte ihres Debütbandes. Deutlich wird aber auch, daß die Spannkraft der Metapher, dieser, wie Robert Weimann sagt, „kleinsten poetischen Instanz“, sich jeder Reglementierung und Kanonisierung widersetzt. Es macht den Reiz und die Vielgestaltigkeit von Lyrik aus, daß das Verdikt des lateinamerikanischen Dichters Nicanor Parra („Krieg der Metapher, Tod dem Bild; es lebe der konkrete Fakt…“) ebenso seine aus Zeitumständen und Traditionsbezügen erwachsende Berechtigung hat wie Kathrin Schmidts Position („Ich liebe Bildhaftigkeit, Metaphern“). Relativ leicht fällt es, traditionelle Metaphern zu entschlüsseln, die sich zum Beispiel im Gedicht „Mittwochs“ finden. Da geht die Rede vom „Zeitkarussell“, von „Tränenschnee“ und „Schmerzlawinen“. In der letzten Strophe liest man eine ebenfalls recht konventionelle und gleichwohl berührende Umschreibung:

Der Stuhl, auf dem ich sitz, hat Katzenpfoten.
Man hört ihn nicht, wenn ich so lauthals schreibe
und mich bekenne zu papiernen Rettungsbooten.

Dieses Gedicht kann zugleich auf ein wesentliches Charakteristikum von Kathrin Schmidts Schreibart aufmerksam machen: sie kultiviert – mit wechselndem Erfolg – das Parlando als Kunstform. Über das Aufnehmen oder Ablehnen der Texte entscheidet die Bereitschaft des Rezipienten, der Bilderflut nicht zu wehren und eine entsprechende innere Gestimmtheit auszubilden.
Freilich ist eine gewisse Inflation des Metaphorischen nicht zu übersehen. Allzu beiläufig und austauschbar scheinen mir manche Verse und Adjektive. Daß ein überbordendes Bild schief werden kann, machen die ersten Zeilen von „Netzhautnetz“ kenntlich:

so sehr am morgen
schon beklemmung in den venen: die früh
schiebt die kanüle ein
das bißchen welt wölbt sich in mir
zum krummen hund, erst mittags wirft er lachende,
weinende welpen

In der Mehrzahl der Gedichte jedoch wird souverän eine expressive Bildsprache eingesetzt, begegnen uns kühne Metaphern surrealistischen Zuschnitts, die durch weite Entfernung zwischen Bildspender und Bildempfänger zu einem Appell an die Vorstellungskraft des Lesers werden.
Sinnüberschuß kennzeichnet die metaphorische Sprechweise in Versen wie „… Da strandet an den küsten / mein lippenschiff…“ („Märzen-Becher“) oder „Die Abende sind aschene Geschosse / vor denen ich in meinen Liebsten flieh“ („Mitgift“). Kathrin Schmidt gliedert den Band in drei deutlich voneinander abgehobene Abschnitte. Dennoch ist es kaum möglich, ein die Kapitel jeweils strukturierendes Thema so knapp wie genau zu fixieren. Zwischen den Texten waltet eine universelle Kommunikation, die Gedichte bedrängen, ergänzen, erweitern und korrigieren einander. Vorstellbar wäre auch: alle Gedichte relativ „unsortiert“ zu präsentieren. Die den Band als Ganzes prägende Subjektivität würde so noch stärker kenntlich: durch den Aufbau von Spannungen zwischen den Texten, durch vermittelndes gegenseitiges Kommentieren. Ein Liebesgedicht aus dem Abschnitt „Kopplungen“ neben der eindringlichen Geschichtsbefragung in „Beispiele. Jahre“? Denkbar sicherlich. Letzteres Gedicht fragt nach generationsspezifischen Erfahrungen im Umgang mit der Historie. Gestus und Zugriff auf Geschichte korrespondieren deutlich zum Beispiel mit Steffen Menschings „Amtliches Fernsprechbuch, Reichspostbezirk Berlin, 1941“. Das Gedicht praktiziert am Beispiel der Olympischen Spiele 1936 geschichtliches Sichvergewissern und verbindet sich mit der leisen, aber um so nachdrücklicheren Warnung vor dem Versinken in Geschichtslosigkeit:

träg, wie ermüdete schwimmer,
kommen die jahre an land.
über den beispielen dunkelt es längst,
sie sind hin ins vergessen
oder, verschweigen…

Den Text durchzieht gleichsam eine Wellenbewegung. Der aus Erinnerungsarbeit erwachsende Impuls versetzt das sprechende Ich in Unruhe:

hinter der schläfe
weiden noch herden durchbluteter jahre
die keiner mir austreibt.

Das ernste Spiel mit Redewendungen und gesunkenen Metaphern ist ein von Kathrin Schmidt häufig angewandtes poetisches Mittel, um die Oberfläche von Widerspruchskonstellationen und Manipulationsmechanismen zu durchstoßen. Mit erhellender Doppeldeutigkeit heißt. es in „Beispiele. Jahre.“:

… du findest
ein beispiel unter der nummer 1936
in den archiven jeder kalenderfabrik.
schwarze athleten
liefen ins gold der olympischen spiele.

Ins Messer laufen, ins Gold laufen – Lyrik vor allem vermag durch eine scheinbar winzige Modulation des Sprachsystems Wesentliches (in diesem Fall den Alibicharakter der Olympischen Spiele 1936 in Berlin) sichtbar zu machen.
Einige Gedichte (zum Beispiel „Korrosion“ und „So simpel hängt der Winter herab“) benennen Defizite in den Geschlechterbeziehungen, die Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche sind. Sie finden ihr Pendant in Texten, die im gedanklichen Experiment die emanzipierende Kraft des Utopischen erproben, Visionäres aufscheinen lassen, „Halluzinatorischer Ausgang“ – ein beziehungsreicher Titel:

man müßte spanisch zu den versammlungen gehn,
aber ich bin weder schlank noch schwarz…
ich rege
ein kreisspiel an: wir könnten einander
berühren, ehe das schlußwort zur welt kommt!
so spanisch kommt mir das vor…

Vor fünfundzwanzig Jahren polemisierte Karl Mickel gegen den „Feinsinn“ vieler Gedichte, die von den Beziehungen zwischen den Geschlechtern handeln (NDL, Heft 2/1963). Das Gefühl erscheine in ihnen nur als „Resultat von Erwägung“. Der Dichter reflektierte in seiner Polemik die Suche nach einer lyrischen Sprache, die der Sinnlichkeit der Liebesbeziehung angemessen ist. Kathrin Schmidt hat ihre unverwechselbare Sprache gefunden. Gedichte wie „Ich gestehe“, „Die braunen Lämmer meiner Achselhöhlen“ und „Höchste Zeit“ in ihrer Mischung aus intimem Parlando, aus Rigorosität und Verletzbarkeit lohnen allein schon die Lektüre des Bandes. Möglicherweise muß die belächelte, bejahte, verneinte, auf jeden Fall heiß umstrittene Frage nach der Existenz „weiblichen Schreibens“ (Stichwort „Frauenliteratur“) stärker gattungsbezogen diskutiert werden. Den genannten Texten und auch dem Sonettenkranz „Pupillenfliegen“ eignet unzweifelhaft ein spezifisch weibliches Ferment, das sich begrifflicher Fassung womöglich entzieht.
Auf die Frage nach den für sie wesentlichen Traditionslinien verwies Kathrin Schmidt in einem Interview auf Johannes Bobrowski und die expressionistischen Lyriker, nannte auch Ungaretti, Lundkvist, Brecht und Volker Braun. Vermutlich gaben in den letzten Jahren auch die frühen Gedichte Paul Celans Impulse, und zwar sowohl in bezug auf die Metaphorik als auch auf den dialogischen Zug der Texte.
Für jenes „Komm! ins Offene, Freund!“, das die Lyrikerin im Gedicht „Ins Feld, ins Feld mit Hölderlin“ zitiert, steht nicht zuletzt die Figur des Engels, die uns in wechselnder Gestalt verschiedentlich begegnet. Namentlich der „Fabrikengel“ aus dem Gedicht „Tapetenfabrik“ vertritt das nicht Planbare, das reizvolle Unwägbare. Im Flugschatten des „Fabrikengels“ verändern sich die Lichtverhältnisse, gewinnt Wirklichkeit etwas Durchscheinendes. Die sehr irdischen Engel erinnern mich an das Leitmotiv des „Lächelns“ in der AItersdichtung Erich Arendts – es steht für das Menschliche.
Skeptisch fragte Kathrin Schmidt noch vor einigen Jahren:

Vielleicht stehe ich mit meiner Metaphorik bißchen einsam rum? Ich bin mir nicht sicher, ob sie gebraucht wird.

Diese Zweifel sind geschwunden, die Lyrikerin ist sich ihrer poetischen Mittel sicher. Spürbar ist eine nachdenklich-wägende Haltung, die ihre Wurzeln sicher auch im familiären und beruflichen Alltag hat (Kathrin Schmidt ist Mutter von vier Kindern und arbeitete als Kinderpsychologin). Sowohl die Gedichte als auch die poetologischen Positionsbestimmungen zeugen von dem Bestreben, über den Rand des Faktischen, des Gegebenen hinauszudenken.
So zielen die Überlegungen der Autorin zu den Wirkungschancen von Lyrik letztlich auf das Verhältnis von – menschlicher und politischer Emanzipation:

Wir haben so eine Massenbewegung im Land, die Menschen trainieren ihren Körper, und zwar ganz freiwillig, aus Spaß und Einsicht. Das läßt mich hoffen, daß eines Tages auch ein lustvolles Trainieren des Geistes üblich sein wird. Gedichte, davon träume ich, werden dann ihre Natur als Massenmedium realisieren… (Temperamente, Heft 3/1986).

Rainer Zekert, neue deutsche literatur, Heft 438, Juni 1989

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLGInterview + Lesung
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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Kathrin Schmidt

 

Kathrin Schmidt in der Sendung „typisch deutsch“.

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