Klaus Martens: Anderswo, nicht hier

Martens/Wieting-Anderswo, nicht hier

PENSUM

Pensum erledigt?
In guter Zeit
die Fäden gesponnen,
zu Texten gewoben –
alles gewogen,
für gut befunden
oder vorher gefärbt
auf Genehmheit
für prüfende Augen –
versteh mich,
kein Makel, menschlich.
Nun bist du erledigt,
Faden am Ende,
Knoten machen – Exit.

 

 

 

Der Druck ungeahnter Erfahrung

und Erlebnisse, aber auch die Suche danach und nach den Möglichkeiten, sie auszudrücken, sind das verbindende Thema dieser neuen Gedichtsammlung von Klaus Martens.

Pop Verlag, Klappentext, 2015

 

Hebt auf euer Hörvermögen / für die verhaltenen Stimmen

Der neue Gedichtband von Klaus Martens, der 1944 in Kirchdorf geboren, in Saarbrücken und Urshult (Schweden) lebt und seit Jahrzenten als Lyriker, literarischer Übersetzer und Literaturwissenschaftler arbeitet, macht auf mich als geneigten Leser den Eindruck eines literarischen Vermächtnisses.
Beim Lesen seiner unter dem Titel Anderswo, nicht hier im POP Verlag erschienenen Gedichte kann man sich der Sogwirkung, die deren unglaublich Vielfalt und Gedanken auslösen, nicht entziehen. „Sie sind“, bekennt der Dichter, „viele kleine Romane, ich / schreibe sie in kürzesten Kapiteln.“
Das Themenspektrum dieser Gedichte ist groß und vielfältig, ihr Ton intensiv, leise und beeindruckend unaufdringlich, musikalisch. Manchmal haftet ihnen etwas geheimnisvoll Rätselhaftes an „als Kammerton im Traum“. Der Dichter scheut in seinen oft fragenden, hintersinnigen Gedichten, weder Reim noch „Wortgeklaube“, weder Sentimentalität noch Ironie:

Seitdem stehe ich fest
auf dem Boden der Gravitation.
Was mir fehlt an Gewicht,
hab ich an Leichtigkeit.

Natürlich beschäftigen ihn auch „Die großen Themen“, Geburt, Liebe und Tod, die er in den   Zusammenhang mit der Fragwürdigkeit unserer menschlichen Existenz stellt, „ein Molekül, ein Gedanke / an ferne Sonnen, zerronnen.“ Aber er befasst sich auch mit allem dazwischen mit Natur, Sehnsucht, Jugend, Alter, Ansichten, Meinungen, Binsenwahrheiten und Sprüchen.
„Am   Geländer des Täglichen“ nimmt uns der Dichter, der weit Gereiste, mit der Frage an die Hand seiner Erinnerungen:

Gibt es einen alten Reim
der’s Unabänderliche unvergessen macht?

„Hier aber bin ich“, konstatiert er, „immer dort geblieben, im Kopf, / wo mein Fernweh ewig ist.“

Oder:

Hier ist es ganz anders, ich bin
woanders, hier ist es lebensecht.

„Lebensecht“ sind die Gedichte des Dichters Klaus Martens allemal, authentisch, am eigenen Ich gespürt und erlebt:

645

Eine Jüngere
an diesem Tag war
Waisenkind
Hana Fuchs
geb.
3. Juni 1936,
tot-
brauner Koffer
mit der Nummer 645.

Auf meinem Kopfbild
hat sie rote Haare,
Sommersprossen
und ein verwehendes Lächeln.

Der Dichter ist ein scharfsinniger Beobachter, einer, der um die Ecke denkt. „Um die Ecke denken“, schreibt er, „heißt auch: ins Unsichtbare / denken.“

„Über das Ende gedacht“ formuliert er:

Ich denke, die Ohren hören noch,
bevor der Kern des Wesens entflieht
und die Lebenden in Sicherheit wiegt.

Der Dichter kennt die Menschen und es hat etwas von Lakonie, wie er sie durchschaut:

Es ist nicht
immer die Seite der Sieger, die ihre
Behauptungen als Wahrheit deklarierten.

Oder:

So ist das Leben, steht im Almanach
der Seufzer, es stimmt aber nicht,
wenn du nicht daran glaubst. So ist Literatur.

Der Dichter benennt die Dinge, wie sie sind, ohne Larmoyanz und Selbstmitleid:

Das Marienbildnis beim Altar:
ein Nischenprodukt für alte Leute
wie Erwachsenenwindeln und Zwieback.

„Menschsein – ein verzweifelt Ding“, weiß er, aber bittet:

Mach mir Widerstand
mit ungewisser Lösung –
halt mich am Leben.

Sein Fazit:

Wir sind alle Artisten,
gehen auf rollender Kugel.

Großartig und variabel weiß der Dichter mit Sprache umzugehen. Er komponiert sie zu einer eigenen, unverkennbaren Martens’schen Musik nach dem Motto:

Hört, das Verebben
der Atempauke
im ziehenden Leben,
tom-tom, tom-tom.

Mehr will und kann bedeutende und gute Lyrik vielleicht nicht sein:

…in dem Kahn am Ufer könnte
ich gut sitzen, unter den alten
Weiden, während du
am Brückengeländer stehst
und schweigend schaust
in das grüne Wetter, den Fluss
und den hellen Tag – wohl
Nachmittag, und ich stehe auch
bei den Weiden, unsichtbar, und sehe.
Ich schreibe dir ein grünes Bild
mit einer roten Mütze.

Dieses Liebesgedicht erinnert mich daran, dass auch die 15 Grafiken von Eva Wieting, der Ehefrau des Dichters, keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen, die dieses treffliche Gedichtbuch auch optisch zu einem unabdingbaren Gesamtkunstwerk machen und unterstützen.
Wer sich auf die Gedichte von Klaus Martens einlässt, den werden sie über den Tag hinaus nicht loslassen. Der wird das Leben aus dem Blickwinkel des Dichters womöglich noch einmal neu und überraschend anders kennen und verstehen lernen, ohne dem Sarkasmus des Dichters recht geben zu müssen:

Du hast dir sprunghaft Gedanken
erlaubt, meistens auf Papier –
wie lang das hält, weiß man ja.

Michael Starcke, lyrikwelt.de, Oktober 2015

Weiterer Beitrag zu diesem Autor:

Jürgen Brôcan: Vom Sammeln der Tage
fixpoetry.de, 24.10.2015

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Klaus Martens liest drei Gedichte aus dem Band Abwehrzauber.

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