II
das war der anfang meines lebens und nun
folgt der zweite teil. vielleicht
beginne auch ich das karussell zu lieben
wie constance die starb in eine
straßenbahn laufend im endlich erreichten
freiberg im breisgau beim holen
von frischen brötchen. manche
menschen legen großen wert auf
frische brötchen. die dichter
haben das nie gemacht. immer haben
sie staunend auf den brötchenberg
auf ihrem frühstückstisch geblickt.
fahren jetzt die bullen im lada vorbei
fragen sie sich ob ich da bin und schaut
einer nach oben zu meinen fenstern?
ich bin sicher: irgendwo hat ein computer
die verbindung hergestellt zwischen
mir und meinem freund micha k. mit dem
ich in berlin-pankow in eine klasse
ging in einer eliteschule und
ich muß ihr gerecht werden so wie
er gerecht werden muß seinem
großvater nach dem in dieser
stadt eine straße benannt ist.
und wir brauchen uns nicht auf
die alten generäle zu verlassen
wir können selbst etwas machen
verbunden durch den computer. ideale
und elektronik sind unabdingbare
voraussetzungen unseres lebens. wo ist
er? in moskau peking beirut washington?
hat er noch seinen alten namen und
die brille oder trägt er kontaktlinsen?
mit einer moralischen tat schwingt
man sich in den computer
in das elektronische netztwerk
aus dem man nie wieder verschwinden
kann – jeder der etwas gegen computer hat
begreift den geheimdienst nicht.
radio: filmfestspiele in westberlin
ein regisseur aus ostberlin versucht
die phantastische unterscheidung
von weltanschauung und politik. in
weltanschaulichen fragen könne man
sich streiten in politischen nicht
dieses kunststück scheint er
vorgeführt zu haben in seinem film
einer trage des andern last.
rauchen bis das herz schmerzt. das
leben geht weiter. wir müssen uns selbst
helfen das leben geht immer weiter…
aber es ist gut einen starken baum im
wald zu haben wie die förster wissen
schrieb der in dieser stadt katholisch
erzogene andreas vincent der im forst
arbeitet weil er sonst gestorben wäre
den strick hatte er schon für den suizid
kommt vor. wenn der druck zu groß ist
noch einmal die vorletzte zigarette,
aber ich habe noch tabak und papier
ich kann zigaretten drehen
bis morgen früh. die geschichte
wird von den massen gemacht
in denen ich schwinge weil ich
gelernt habe auf die kleinsten
regungen der straße zu achten
im radio meldungen von der olympiade
stimmen von ski-champion im dialekt
joe cokker singt. ich trinke wein.
Heidemarie Härtl, Auszug aus: Die Strasse, 1986
aus der Literaturlandschaft der DDR, waren es vor allem kleine literarisch-grafische Zeitschriften und Unikatproduktionen, in denen sich seit dem Anfang der achtziger Jahre eine neue Sprache in der Literatur und Kunst entwickelte. Mit Grafiken, Fotos und Zeichnungen ausgestattet, wurden die Zeitschriften zu Kristallisationspunkten einer unabhängigen und außerhalb der staatlichen Kontrolle stehenden Kultur, die Dichter, Essayisten, Maler, Fotografen, Grafiker und Musiker vereinte. Mit Auflagen zwischen 15 und 50 Exemplaren und unter der Hand verbreitet, blieb ihr Wirkungskreis allerdings begrenzt. Viele dieser Zeitschriften sind bis heute unbekannt geblieben. Die Anthologie gibt einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Produktionen und versammelt Texte, Fotos und Grafiken der in den letzten zehn Jahren in Berlin, Halle, Leipzig und Dresden herausgegebenen Zeitschriften: A3, ANSCHLAG, BRAEGEN, CALIGO, ENTWERTER-ODER, GALEERE, GLASNOT, LIANE, POE-SIE-ALL-BUM, SCHADEN, UND, USW, VERWENDUNG UND ZWEITE PERSON.
Druckhaus Galrev, Ankündigung, 1991
Nach dem Ausschluß einer ganzen Autorengeneration aus dem offiziellen Literaturbetrieb, waren es vor allem grafisch-literarische Kleinzeitschriften, Hefteditionen und Künstlerbücher, aus denen sich 1979-1989 eine unabhängige Literatur- und Kunstszene in Dresden, Halle, Leipzig und Berlin entwickelte. Mit über dreißig Zeitschriften und in die Hunderte gehenden Künstlerbüchern setzten Autoren, Maler und Grafiker dem erstarrten Literatur- und Kunstgeschehen der achtziger Jahre eine lebendige Alternative entgegen.
Der vorliegende Band ist eine erste Zusammenschau einer Literatur- und Kunstentwicklung, die bis Ende der siebziger Jahre zurückreicht und in der Symbiose von Malerei, Grafik und Text faszinierende Formen künstlerischer Kommunikation entwickelte. Bei der Zusammenstellung des Bandes kam es uns darauf an, eine Innensicht dieser Literatur zu präsentieren. Konzept des Buches ist es, miteinander korrespondierende Texte in ihren ursprünglichen Zusammenhängen wiederzugeben. Da sich der poetische Aufbruch individuell und zeitlich auf recht verschiedenartige Weise vollzog, folgen die Kapitel weniger einer chronologischen, als einer systematischen Ordnung. Vereinigt der erste Teil Stimmen zur Situation, gehen die Texte des zweiten Teiles analytisch mit diesen Befunden um. Der dritte Teil soll einen Einblick in die verschiedenen poetischen Neuansätze und in deren geheimes Zentrum, die Arbeit am Material der Sprache, geben. Die abschließende Dokumentation gibt Aufschluß über das Selbstverständnis der Autoren und Zeitschriftenmacher, über ihre internen Debatten und Diskussionen. Auf die jüngsten Auseinandersetzungen um die Rolle der Staatssicherheit konnte an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werde, da sich das vorliegende Buch bereits in der Herstellung befand. Hier werden eigene Darstellungen folgen. Fest steht: Nicht alles wurde von den Sicherheitskräften kontrolliert und gelenkt, verhindert oder korrumpiert, dazu war die Produktion zu klein, zu verstreut, zu vielfältig und zu kreativ.
Nicht alle Zeitschriften erklärten sich mit einem Statement oder Editorial … Natürlich konnten nicht alle existierenden Zeitschriften und Heft-Editionen mit ihren Texten ausführlich vertreten sein; vernachlässigt wurden die Zeitschriften MIKADO und ARIADNEFABRIK, da hier bereits eigene Publikationen vorliegen.
Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt, Oktober 1991
-Eine Anthologie mit Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften der DDR (1979-1989).-
Nahezu ein Jahrzehnt drängte der konservative Kulturapparat der DDR eine ganze Autoren- und Künstlergeneration an den Rand der Gesellschaft, versuchte, ihr den Weg zur Öffentlichkeit zu versperren. Es waren nicht einige erfolgreiche Anwerbungsversuche, mit denen die Machthaber Einfluss hatten, sondern ihre repressive Ignoranz – damit erreichten sie freilich das, was sie nicht wollten: dass sich Individualisten solidarisierten, zusammenarbeiteten, eingebunden in ähnliche Erfahrungen. Das, was in den 80er Jahren in der DDR entstanden ist, war nur in einer repressiven Gesellschaft möglich, in der wattierten Konsumwelt zerfällt es sofort zu jüngster Literaturgeschichte.
Namen, Programme
Die SED-Funktionäre zwangen Malern, Autoren, Musikern und Performern die Erfahrung auf, diskriminierte Aussenseiter zu sein, und sie erzeugten damit auch das Umfeld, das den Unbequemen half, sich unter widrigen Umständen zu behaupten. Da es für die meisten jüngeren Schriftsteller kein Forum gab, schufen sie sich selbst Publikationsorgane: zahlreiche kleine Zeitschriften entstanden in winzigen Auflagen. So konnte man die Zensurbestimmungen unterlaufen, und da es den Malern nicht grundlegend anders erging, war es naheliegend, eine Verbindung von Text und Bild weiterzuentwickeln, gemeinsame Projekte anzugehen. Es entstanden Hefte mit Unikatcharakter, die einerseits Kommunikation untereinander ermöglichen sollten, die bald aber, insbesondere im Westen, begehrte Sammelobjekte wurden und zum Lebensunterhalt beitragen konnten. In Ostdeutschland entstand ein Netzwerk, eine unverwechselbare Subkultur, aus der wichtige Künstler und Autoren hervorgingen, die die Verbindung aufrechthielten: Auch A.R. Penck lieferte Beiträge, schickte Unikat-Umschläge.
Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt stellen nun mit „Vogel oder Käfig sein“ Kunst und Literatur aus den unabhängigen Zeitschriften vor, deren Namen oft auch Programm waren: „schaden“, „verwendung“, „anschlag“, „ariadnefabrik“, „Mikado“, „Bizarre Städte“, „Entwerter-Oder“. Diese „ergänzungskultur“ (Christoph Tannert) gehört kurioserweise bereits jetzt zu den am besten dokumentierten Literaturströmungen der letzten Jahrzehnte – drei wichtige Anthologien stellen die Autoren vor, die Zeitschriften „Mikado“ und „ariadnefabrik“ sind durch Buchpublikationen präsent, etwa ein Dutzend Schriftsteller sind durch Einzelveröffentlichungen bei grossen Verlagen mehr oder weniger bekannt geworden.
Netzwerk, Cliquen
„Vogel oder Käfig sein“ ist eine weitere wichtige Sammlung zum Selbstverständnis derer, „die leben und schreiben – dort der diskurs der macht“ (Michael Thulin). Zum einen wird hier klar, dass es nicht nur eine interessante Clique war, die sich ein Forum schuf, sondern dass in verschiedenen Städten und in nur sehr loser Verbindung an diesem Netzwerk gearbeitet wurde. An dieser Subkultur waren nicht nur die anarchischen Experimentierer beteiligt, sondern auch Autoren wie Durs Grünbein, Barbara Köhler, Bernd Igel, Gabi Kachold, Frank-Wolf Matthies, und freilich Uwe Kolbe: „Die Sprache interessiert mich nicht“.
Die Anthologie macht deutlich, dass es in der DDR ein viel stärkeres Bedürfnis als im Westen gab, miteinander zu arbeiten: Es entstanden Gemeinschaftstexte wie „Zoro in Skorne“ (Bert Papenfuss-Gorek, Jan Faktor, Stefan Döring), in dem es heisst, „man ist unkontrollierbar in Gedichten kann man radikal empfinden üben“, „Innerdeutscher Dialog“ (Barbara Köhler, Fritz Hendrick Melle), „Zwiespältiges Mutual. Innerview der Begegner Michoacan & Mandragorek“ (Mitch Cohen, Papenfuss-Gorek), oder „DOLOROSA ÜBERHAUPT“ (Sascha Anderson, Papenfuss-Gorek, Stefan Döring). Autoren suchten den Kontakt zu Künstlern wie Helge Leiberg, Thomas Florschuetz, Hans J. Schulze, Angela Hampel, Christine Schlegel, W.A. Scheffler, C.M.P. Schleime und vielen anderen, Mappen und Malerbücher entstanden, gelegentlich zeigt sich eine Tendenz zu „Cross art“: A.R. Penck und C.M.P. Schleime als Lyriker, Bert Papenfuss-Gorek als Grafiker (so beim Siebdruckbuch „einem verreckten kater die scheisse aus den därmen dreschen“), oder wenn Lyriker mit Bands auftraten.
Attacke, Entgegnungen
Im ersten Teil des Buches dominieren poetische Texte und Reproduktionen grafischer Arbeiten, aber auch Andreas Koziols Anmerkungen zum Endreim, Gert Neumanns „Brief in das Gefängnis“ oder Gino Hahnemanns Auseinandersetzung mit Homosexualität sind enthalten. Der zweite Teil, die Dokumentation, ist gegliedert in die Kapitel „Texte zur Literatur“, „Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb“, „Zeitschriften“ und „Debatten“. Hier kann man Volker Brauns Attacke („Technisch die Wiederholung des geistlosen Handbetriebs der Avantgarde, niedrige Verarbeitungsstufe“) nebst Entgegnungen nachlesen, ein Strategiepapier des Büros für Urheberrechte, Rainer Schedlinskis „An das Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften“ oder Jan Faktors Position zur Prenzlauer-Berg-Szene, sowie zahlreiche Statements der Zeitschriftenmacher zu ihrem Selbstverständnis. Plakat- und Zeitschriftencover-Reproduktionen sowie Autorenfotos tragen dazu bei, dass die Anthologie sinnliche Ausstrahlung hat. Die Stasi-Debatte konnte nicht berücksichtigt werden, eine Darstellung hierzu wird angekündigt.
Dieter M. Gräf, Basler Zeitung, 17.10.1992
Im Prinzip ist es eher peinlich, spätabends in der Kneipe zu lesen, anstatt zu trinken, sich zu unterhalten oder mit zurückhaltendem Blick neue Kontakte zu knüpfen. Plötzlich saß ich jedoch da und las und vergaß – was eher selten geschieht – selbst das Bier, das auf dem Tisch stand. Ein Weilchen zumindest. Das Buch, das die Kneipe in den Hintergrund rücken ließ, heißt Vogel oder Käfig sein und enthält auf ungefähr vierhundert Seiten „Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften der DDR“.
„Unabhängig – haha“, werden einige gehässig einwenden. Hatte die Staatssicherheit nicht irgendwie auch die von Rainer Schedlinski herausgegebene ariadenefabrik finanziert, indem sie Ausgaben für jeweils dreihundert Mark aufkaufte? Oder sind nicht einige der Autoren und Organisatoren der vermeintlich unabhängigen DDR-Kunst- und Dichterszene fiese Stasi-Spitzel gewesen? Der Drucktermin lag zu früh – nämlich noch Ende Oktober 91 -, um auf die Vorwürfe einzugehen, so die Herausgeber in ihrer Einleitung. Es werden eigene Darstellungen folgen, hört man beim Galrev-Verlag, und „Fest steht: Nicht alles wurde von den Sicherheitskräften kontrolliert und gelenkt, verhindert oder korrumpiert.“
Die Alternative, die der Titel stellt, trifft so vermutlich nicht zu; angemessener wäre es vielleicht gewesen, den Kafka-Aphorismus zu nehmen: Also nicht „Vogel oder Käfig sein“, sondern „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“ Auf die Darstellungen der Galrev-Kollegen darf man jedenfalls gespannt sein, zumal die sogenannte Stasi-Infiltration sich nicht nur auf Berlin beschränkte. In Cottbus zum Beispiel besuchten „tagtäglich“ Freunde den dortigen Szenekaiser und Maler Hans Scheuerecker, um ihm zu sagen: „Ich war dabei“, erzählte mir neulich ein Galerist und ehemaliger IM, der selbst und freiwillig momentan versucht, seine Stasi- und Kunstgeschichte zu verarbeiten.
Zurück zum Buch: Die versammelten Gedichte, Aufsätze, Prosaskizzen und Grafiken im Buch sind zwischen 1979 und 1989 in Zeitschriften erschienen, die man kaum Zeitschriften nennen mag, lag doch ihr Verbreitungsgrad meist noch deutlich unter der beliebiger Schülerzeitungen. Von schaden, usw., Mikado oder der Kaiser ist nackt, von Liane, Anschlag, und, Entwerter oder wurden zwischen fünfzehn und einhundert Exemplaren gedruckt.
Notgedrungen waren die Zeitschriften nicht so sehr Gegenöffentlichkeit als eine Möglichkeit der Verständigung verschiedener Künstler und Dichter zwischen Berlin, Dresden und Karl-Marx-Stadt. Da es sich größtenteils um Unikate handelte – den Blaupausen der Texte waren häufig Originalgrafiken beigelegt -, wurden sie ziemlich schnell zu begehrten Sammlerobjekten, etablierten sich als „Kunst“: Das Kupferstichkabinett Dresden, die Sächsische Landesbibliothek und später auch die Stasi und die Leipziger Deutsche Bücherei begannen schon ziemlich früh, die Zeitschriften und Malerbücher anzukaufen.
Die Verbindung, die Kunst, Grafik und Dichtung in den Zeitschriften eingingen, ergab sich fast zwangsläufig. Die nicht genehmigte Vervielfältigung von Texten stand ja seit 1979 unter Strafe. Neben der Kirche, die intern auch ohne staatliche Absegnung Texte drucken konnte, war es allein den im Künstlerverband eingetragenen bildenden Künstlern gestattet, Grafiken bis zu einer Auflage von dreihundert Stück herzustellen. Ob Text dabei war, interessierte den Gesetzgeber nicht.
Vom Zusammenspiel zwischen Bild und Text, der seltsamen Mischung aus Fanzine und wertvollem Originalgrafikband kann das Galrev-Buch, so sorgfältig es auch gestaltet sein mag, kaum mehr als eine Ahnung vermitteln: Das Format ist zu klein, der Unikatcharakter läßt sich kaum (bezahlbar) wiedergeben. So hat die Reproduktion der Grafiken und Bild-Text-Verbindungen eher dokumentarischen Charakter.
Im Vordergrund steht die Schrift. Die seltsamerweise exakt hundert Autor/Innen (das I müßte man kleiner setzen, da es sich vor allem um Männer handelt) sind mehr oder weniger bekannt: Sascha Anderson, Christoph Tannert, Rainer Schedlinski, Detlef Opitz, Bert Papenfuß-Gorek, Frank-Wolf Matthies, Matthias Baader Holst, Gert Neumann, Gabi Kachold, Stefan Döring, Frank (F)Lanzendörfer, Jan Faktor, Elke Erb, C.M.P. Schleime, Peter Böthig, Mitch Cohen, A.R. Penck und andere. Es sind nicht so sehr literarische Meisterwerke, die das Buch spannend machen – da gibt es Gelungenes und weniger Gelungenes -, vielmehr ist es eine seltene Frische, die sich sowohl in großartigen Texten mitteilt, als auch in solchen, die eigentlich langweilig, egozentrisch, epigonenhaft daherkommen.
Den meisten Arbeiten merkt man die Notwendigkeit an, aus der sie entstanden sind – mag es teilweise auch nur eine therapeutische gewesen sein, mag die Notwendigkeit auch nur für diesen Autoren gegolten haben. Und weil die Texte geschrieben werden mußten, vielleicht auch, weil sie auf ihren Fehlern bestehen, vielleicht sogar, weil kaum einer auf Computer geschrieben ist (und so einen anderen Weg nimmt als der Computertext, der zwar sauber, aber oft auch gesichtsloser wird) können sie etwas herüberretten von den achtziger Jahren ihrer Autoren.
Die Texte tragen das Gepräge der Tage, in denen sie entstanden waren. Man spürt noch etwas von der vergangenen Sexnacht über die der Autor schreibt, man spürt noch den Wind dort draußen vor dem Fenster, die Depression, die sich in der Theorie auflöste; die Freude am Dichtersein und das Klappern der Schreibmaschine in irgendwelchen Hinterhöfen zwischen Halberstadt, Berlin oder Magdeburg.
Auffällig sind die vorherrschenden Strategien der Entsubjektivierung: Oft bleiben nur die Dinge, die miteinander oder mit dem Text sprechen, oft bleibt nur der Text, der von Ich und Welt entlastet, sich in sich selbst spiegelt. Häufig versteckt sich der Autor hinter einem sehnsüchtigen oder anmaßenden „wir“. In den Texten der DDR-AutorInnen wirken die Adaptionen französischer Philosophie allerdings etwas angenehmer als im Westbetrieb. Während den postmodernen Leerformeln im Westen meist etwas beliebig Kokettes anhaftet, gab es in der DDR wahrscheinlich genug reale Gründe, sich in die Subjektlosigkeit zu verziehen.
Und es finden sich ein paar wirklich großartige Texte: Ein langer Essay von Jan Faktor über die unabhängige DDR-Literatur und –Szene der achtziger Jahre, der nicht nur informativ, sondern vor allem durch wunderbare Abschweifungen beeindruckt; oder ein Gedicht von Stefan Döring (man wird immer töter), das Sascha Anderson bei einem seiner Punckrockauftritte Mitte der achtziger Jahre – im Rückblick ziemlich bewegend – rezitiert hatte:
„… es wird immer töter
töter die liebe,
töter der glaube
töter die hoffnung
will man dennoch leber bleiben
leber töterer Liebe
leber töteren glaubens
leber töterer hoffnung
wird man selbst dabei töter
töterer leber töterer liebe
töterer leber töteren glaubens
töterer leber töterer hoffnung
gibt es denn keine liebe
liebe töteren lebers töteren glaubens
gibt es denn keinen glauben
glauben töteren lebers töterer hoffnung
gibt es denn keine hoffnung
hoffnung töteren lebers töterer liebe
nein!
es bleibt nur noch
töter zu werden
oder töter zu sein
töter der liebe
töter des glaubens
töter der hoffnung
Im Dokumentationsteil des Buches gibt es Schwarzweißfotos aufregender Lesungen und ein paar grundsätzliche Aufsätze und Diskussionen über das, was „Szene“ war oder ist. „die szene ist die weib ist die schoß“, weiß Gabriele Kachold; die Redaktion der Zeitschriften sei ausschließlich von Männern dominiert, bemerkt Cornelia Sachse, die Szene sei kalt und „nur auf eine unangenehme Weise neugierig geladen, letztendlich aber stumpf und teilnahmslos“, schreiben Jan Faktor und Annette Simon 1987 in der ariadnefabrik.
Texte, die das Szeneprinzip grundsätzlich in Frage stellen, gibt es allerdings weniger. So wird aus dem Archiv addiert: ein szenebegleitender Freund meint, in erster Linie wäre es um Spaß gegangen und darum, daß dort immer „so viele schicke Frauen mit engen schwarzen Röcken“ rumgerannt wären; ein anderer (Kuttner) erzählt, daß man in die Szene gegangen wäre, weil dort „immer was los“ gewesen sei; Peter Wawerzinek entlarvt den sogenannten „Untergrund“ als Etikettenschwindel – „eine einladung für einen netten abend, das ist untergrund“.
Irgendwie stimmte ihm selbst der ehemalige „Untergrundkönig“ Sascha Anderson vor einem dreiviertel Jahr noch bei: Im Gegensatz zur Sowjetunion, Polen oder selbst Amerika, können man in der DDR kaum von Untergrund sprechen. „In der SU gab es den politischen, in Amerika vielleicht den ökonomisch-existenziellen Druck, der wirklich einen Untergrund geschaffen hat. Und den gab’s in der DDR eindeutig nicht. Woher soll denn der Untergrund kommen? … Hier ist es vielleicht so: Jeder will raus aus seinen Kreisen. Und ‘ne beliebte Art eines hochwohlgeborenen Kindes – egal in welcher Gesellschaft – ist es, erst mal abzusteigen, Runter an die Basis. Die Bonzenkinder werden also Künstler, Arbeiter oder Terroristen oder je nach dem. Das ist ganz klar. Sie müssen runter vom Etablierten, vom Saturierten und allem, was da dranhängt. Und da ist der einfachste Weg abwärts. Das nennt man dann Untergrund. Also: Entweder man bringt seinen Vater um, oder man steigt ab. Anders geht das nie. Ich kenn‘ jedenfalls kaum Künstler, die aus der Arbeiterklasse kommen. Warum auch?“
In einer Zeit, in der „Untergrund“ als Marktartikel von Philipp-Morris und IBM gesponsort wird, ist das immer noch die klarste, mir bekannte Definition für Untergrund. Das Buch versammelt in diesem Sinn Kunst von Leuten, die, größtenteils übers Elternhaus, für Machtpositionen vorgesehen waren, dann aber den vorgegebenen Weg gesellschaftlicher Etablierung in ihrem System ausgeschlagen haben, um – mehr oder weniger selbstbestimmt – ihr eigenes Ding zu machen.
Vogel oder Käfig sein ist eine gute Erinnerung an eine Zeit, die ich nicht kenne. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war ich extrem gut gelaunt, wollte erst mal durch die Kneipen ziehen und neue Leute kennenlernen. Am nächsten Tag, nahm ich mir vor, würde ich mir noch tausend andere Bücher kaufen. Das ist wahrscheinlich das Beste, was man über ein Buch sagen kann.
Detlef Kuhlbrodt, die tageszeitung, 8.4.1992
in den letzten Wochen und Monaten das Wort Literatur sagte und sich dabei auf die jüngere und unabhängig genannte Literatur der DDR bezog, der sagte auch das Wort Stasi. Wer immer in den letzten Wochen und Monaten darauf aufmerksam zu machen versuchte, daß diese Kausalität in ihrer Grobschlächtigkeit die tatsächlichen Realitäten verfälschte, hatte damit zu rechnen, abgewunken zu werden. Er durfte es sich schon als Erfolg verbuchen, wenn er nicht unterbrochen wurde mit der Bemerkung, daß diese Literatur zwar sehr ins Gerede gekommen, aber weitestgehend unbekannt geblieben war. Bleibt das fragwürdige Verdienst des deutschen Feuilletons zu konstatieren, das in dem Bemühen, ein sattes Stückchen des großen Stasi-Kuchens abzukriegen, zumindest dafür sorgte, den bildungsbürgerlichen Lesedrang für die Sekundärliteratur aufzubewahren.
Wer auch immer (oder noch immer) geneigt sein mag, jenen sekundären ,Rahmen‘ zu verlassen und einmal sich selbst ein Bild zu machen von dem, was hinter dem doppelten Mythos (dem des Elitären und dem der Stasi-Connection) an jüngerer Literatur besteht und bestand, dem sei eine neue Publikation des Ostberliner Druckhaus GALREV empfohlen. Der Titel des Bandes: „Vogel oder Käfig sein – Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften der DDR 1979-1989“ verspricht eine umfangreiche Vorstellung dessen, was nun tatsächlich in den letzten 10 Jahren vor Ende der DDR von der jüngeren Künstler- und Literatengeneration geschaffen wurde. Bei dieser relativ großen Vollständigkeit, in gewisser Weise repräsentativ jedoch kann man es durchaus bezeichnen, was die Herausgeber Michael und Wohlfahrt auf mehr als 400 Seiten zusammen trugen. Egal welchen Wert man nach Lektüre des Bandes den literarischen und künstlerischen Zeugnissen beimessen mag – das Wort Vielfalt läßt sich positiv wie negativ besetzen -, muß man doch den Herausgebern zugute halten, ein längst überfälliges Dokument auf den Büchertisch gebracht zu haben, das geeignet sein sollte, die quantitative Diskussion des Feuilletons (‚Wieviel Spitzel per 100‘) in eine qualitative überzuleiten, der soldatisch geführten Moraldebatte eine ästhetische folgen zu lassen.
Nebst einem umfangreichen Textteil, an dem knapp 50 Autoren beteiligt sind und in dem der ‚herkömmlich-sture‘ Prosatext ebenso vertreten ist wie das schwer zugängliche, gelegentlich womöglich spleenige oder abgestandene Sprachexperiment, bleibt dem zweiten Teil des Buches eine Dokumentation der künstlerischen Entwicklungen im besagten Zeitraum vorbehalten. Es finden sich hier einige vornehmlich ästhetischen Fragen und dem künstlerischen Selbstverständnis gewidmete Debatten, literaturwissenschaftliche Erörterungen und zeitgeschichtliche Auseinandersetzungen, wie auch eine sehr akribisch erarbeitete Darstellung jener berühmtberüchtigten illegalen und halblegalen Zeitschriftenkultur der 80er Jahre. Auch eine Reihe von Bilddokumenten belegen den dokumentarischen Anspruch. Besonders hinzuweisen lohnt sich auf eine mit sehr viel Kenntnis und Sachverstand erarbeitete Bibliographie nicht nur jener Zeitschriften sondern auch unzähliger Künstlerbücher, wenngleich hier der Konflikt der Herausgeber zu beobachten ist, sich durch ihre Ambitionen zu lavieren; so peinlich einige Überbetonungen wirken mögen, so ärgerlich im Sinne des Dokumentierens könnten Vernachlässigungen erscheinen. Aber womöglich ist das ein kleinlicher Einwurf. – Biographische Anmerkungen zu den fast 100 beteiligten Künstlern und Literaten schließen den Band ab.
Bei dieser Anzahl von Beteiligten dürfte es im Gegensatz zu dem Eindruck, den das Feuilleton der letzten Monate verbreitete, schwer sein, wenn nicht unmöglich, eine ‚umfassende‘ Besprechung des ungewöhnlichen und angesichts der Debatte auch mutigen Bandes zu bewerkstelligen. Der im Vorwort erfolgte Hinweis, man habe aus Zeitgründen nicht mehr auf die Debatte, d.h. die Rolle der Staatssicherheit eingehen können, mag vielleicht der überflüssigste Satz des Buches sein, denn natürlich gehört zunächst erstmal das primäre Dokument auf den Tisch.
Detlef Opitz, Mitteldeutscher Rundfunk, 31.3.1992
Der literarisch begabte Sohn eines DDR-Generals wird mit fünfzehn Pazifist, fliegt mit sechzehn von der Schule, verweigert mit achtzehn den Waffendienst, „wird von der Stasi observiert, verhaftet, zusammengeschlagen. Und von den Westbullen ebenso“ – und kann nach all dem nicht glauben, daß seine Dichtung integrierbar war: „Was ich mache (…) steht in der häretischen Tradition. Die kann man vielleicht erst sehr viel später literarisch integrieren, politisch wird man die nie integrieren können.“ Politisch nie! So beschwor Ende Januar Bert Papenfuß-Gorek die Zukunft in dem Augenblick, als ihn die Stasi-Vergangenheit Andersons einholte.
Aus Papenfuß spricht das illusionäre Selbstbewußtsein des Prenzlauer Bergs. Man denkt groß von der Sprache, wenn sie nur als Kunst auftritt, und schlicht von der Politik, der man nicht zutraut, für überschüssige Intelligenz ein Areal einzurichten, wo Kunst für Künstler kultiviert werden darf.
Mit polizeilichen Verboten hatte nur in Dresden „UND“ zu kämpfen, als einzige der unabhängigen Literaturzeitschriften, wie Peter Böthig, ein Kenner der Materie, schreibt. Aber welche Courage gehörte dazu, in einer Diktatur, die jeden öffentlichen Text kontrollierte, einfach anzufangen auf eigene Faust zu publizieren. Papenfuß ist überzeugt, seine Texte sind subversiv – denn keiner zertrümmerte Sprache so gut wie er. Doch die Frage, ob es denn stimmt, daß ohne Andersons und Schedlinskis Verbindungen nichts vom Prenzlberg veröffentlicht worden wäre, kann Papenfuß nicht verneinen: „Sascha war dafür ein Sammelpunkt und Lutz Rathenow der andere. Beide haben sich dafür angeboten.“
Welchen Anteil hatten Sprachspiele an der Zersetzung der politischen Situation in der DDR? Und welche künstlerische Qualität haben die Texte Sascha Andersons, Zentrum der Kommunikation damals und Maßstab für die Kunstproduktion dort?
Wonach fragt die vorliegende Anthologie? Der Titel, „Vogel oder Käfig sein“, macht neugierig. Vor allem aber die Aussicht, es werde ein Überblick über die Produktion unabhängiger Kunst in der DDR publiziert: „Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften in der DDR 1979-1989“, so heißt der Untertitel. Es sei zwar nur eine „erste Zusammenschau“, heißt es etwas unsicher im Vorwort, aber die Erwartung wird dann doch gestachelt: die „Innenansicht dieser Literatur“ solle präsentiert werden. Also die Stasi-Connection, die „Ästhetik des Verrats“ (Rathenow), mutmaßt der Leser? Und „fest steht“, so versichern dann auch die Herausgeber Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt, „nicht alles wurde von den Sicherheitskräften kontrolliert und gelenkt, verhindert oder korrumpiert“. Nicht alles? Also immerhin doch vieles! Was wissen die Autoren? Das „geheime Zentrum“ der poetischen Neuansätze, so verraten sie schließlich (sie schreiben wirklich „geheim“), sei „die Arbeit am Material der Sprache“.
Welch eine Entdeckung! Gab es etwas, das die Akteure des Prenzlauer Bergs breiter getreten hatten als die Absicht, Arbeit am Material der Sprache zu leisten?
Wie die Gliederung des Buchs zeigt, ist die Ignoranz gegenüber der Geschichte konzeptionell. Wichtige Daten für die DDR-Zeitgenossenschaft der achtziger Jahre, wie zum Beispiel die Verhängung des Kriegsrechts in Polen oder der Machtantritt Gorbatschows, spielen in „Vogel oder Käfig sein“ keine Rolle. Und schon gar nicht das Jahr 1989, der Anfang vom Ende des Kommunismus in Europa. Die Tendenz zur Entpolitisierung des Prenzlauer Bergs wird nicht befragt, sie wird wiederholt. Unter keinen Umständen soll irgendeine Entwicklung gezeigt werden. Es geht um Kunst als zeitlose Größe. Entsprechend sollen die Kapitel nicht einer Chronologie folgen, sondern „einer systematischen Ordnung. Vereinigt der erste Teil Stimmen zur Situation, gehen die Texte des zweiten Teiles analytisch mit diesen Befunden um.“ Literarische Texte werden also eingeteilt in solche, die Stimmungsbilder liefern, und in andere, die „mit den Befunden“, wie es weich abgefedert heißt, „analytisch umgehen“. Dieser Jargon signalisiert Empathie mit dem Konsens des Prenzlauer Bergs. Was Jan Faktor 1988 „die neue Kritiklosigkeit“ nannte, setzen die Autoren hier fort. Man setzte Duftmarken, um sich wiederzuerkennen. Es ging um Kommunikation, um Lebenshilfe. Die Kunst war wichtig als Gestus.
Die unscharfe Unterscheidung literarischer Texte nach Situations- oder Analysebild ist Krampf. Gänzlich scheitern muß das Prinzip bei der Auswahl des Bildmaterials, wo Darstellung und Deutung beim besten Willen nicht trennbar sind. Aber da die Zeichnungen und Graphiken, in Hochglanz präsentiert, derart bescheiden sind, kommt’s nicht weiter drauf an. Auch die Auswahl des Textmaterials, so muß man den Eindruck gewinnen, ist unter Absehen von Qualitätsmerkmalen getroffen. Das betrifft zum Beispiel den ganzen Teil II, also gut und gerne 70 Seiten (mit Ausnahme von Michael Thulins „Krippenspielmaschine“, einer der besten Texte im Buch). „Spott sei dank“ liegt das nicht nur an dem „lauwetter geballter mitte“, an der „geschwätzigen langeweile“, an dem „modernistischen Kitsch“ des Prenzlauer Bergs. In meinen drei handsignierten Sammelobjekten (Grafik/Lyrik, Die Tage sind gezählt, Dresden 1983; Rückzug: Marsch. Poesiealbum April 1984; Edition Mariannenpresse 1985) finde ich frühe Zeichnungen von Leiberg, die schön, und Gedichte von Anderson, die lesbar sind. Ein Gedicht beginnt zum Beispiel mit den Versen: „MEINE TAGE SIND GEZÄHLT / ICH HABE MEIN WORT GEBROCHEN / ARMDICKE GEDANKEN BILDEN FÄUSTE.“
Eindrucksvoll in „Vogel oder Käfig sein“ ist das Foto von Florschuetz auf Seiten 107 und dessen Deutung durch Sascha Anderson: „das wesen dieser fotografie ist, alles in allem, zum beispiel die möglichkeit der hand, mit dem mund zu sprechen, und der, wie gesagt, handelt.“ Der Mund handelt. So lapidar kann man reden. Anderson kommt hier dem nahe, was Jan Faktor einklagt, wenn er die Prenzlauer ermahnt, beim Schreiben „wenigstens ab und zu mal ein klares Wort auszusprechen“. Sie hätten den Kampf um die Schaffung einer autonomen Literatur verloren, so seine Bilanz: die großen Themen fehlten, Weltoffenheit und Kritik. Jan Faktor war dabei, ließ sich aber den unbestechlichen Blick nicht trüben, den Blick des Fremden aus der CSSR. Nützlich sind der dokumentarische Teil mit wichtigen Aufsätzen von Tannert, Hesse und Schedlinski zum Beispiel, die Bibliographie der Zeitschriften und die Kurzbiographien.
„Das vorliegende Buch befand sich schon in der Herstellung“, sagen die Herausgeber; sie hätten auf die jüngsten Auseinandersetzungen um die Rolle der Staatssicherheit nicht mehr eingehen können; und sie datieren ihr Vorwort auf den Oktober 1991. Ausgeliefert wurde das Buch aber erst im März 1992. Wäre in diesem langen Produktionszeitraum nicht Spielraum gewesen für einen Kommentar, der aktuell Stellung bezieht oder wenigstens zwei, drei Fragen aufwirft? Die Herausgeber wissen, daß sie sich hier gedrückt haben, und versprechen für den Herbst weitere „Darstellungen“ (Arbeitstitel „Zersetzung“).
Was unterlassen wurde, wird also nachgeholt: Verortung des Prenzlauer Bergs in den „Landschaften der Lüge“. Ohne solche Analyse bleiben alle Aussagen über das Herzstück der „unabhängigen“ Literatur und Kunst, über den Autonomieanspruch, Makulatur.
Horst Domdey, der Freitag, 8.5.1992
„Wer zu spät kommt,“ – Sie wissen, wie es weitergeht – „den bestraft das Leben“. Michail Gorbatschows Ausspruch ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden, das sich auf alles mögliche anwenden läßt; so auch auf wichtige Bücher. Und ein wichtiges Buch ist die vorliegende Anthologie „Vogel oder Käfig sein“ aus dem Druckhaus Galrev zweifelsohne; nicht nur, aber vor allem seit es jene erbitterte Debatte um Autonomie, Anspruch und Qualität der Literatur vom Prenzlauer Berg gab.
Doch das Buch kommt spät, vielleicht zu spät; wenn nicht gleich das Leben, so doch eine große Zahl von aufgebrachten Kritikern hat gestraft und – nicht selten aus Unwissenheit – eine ganze Autorengeneration in Mißkredit gebracht. Wie so oft in den letzten Monaten muß daher im Zusammenhang mit der literarischen Prenzlauer-Berg-Szene der Konjunktiv bemüht werden: hätte man doch…! Hätte doch das Druckhaus Galrev, den schon für das Frühjahr, dann für den Herbst 1991 angekündigten Band zu Zeiten der heftigsten Auseinandersetzungen zügig veröffentlicht, um wie vieles differenzierter, mindestens aber fundierter hätten die Debatten durch diese umfassende Zusammenschau ausfallen können. Wenn nämlich, fernab von persönlichen Animositäten und Eitelkeiten, von moralischen Ansprüchen und generationsspezifischen Mißverständnissen, der Blick auf das Wesentliche dieser Szene gerichtet worden wäre: auf ihre Literatur! In „Vogel oder Käfig sein“ nämlich ist sie versammelt, umfangreich wie kaum je zuvor. Doch obwohl das Manuskript schon monatelang fertig im Druckhaus Galrev vorlag, hat man die Chance zur zeitigen Veröffentlichung bedauerlicherweise ausgelassen.
Nun denn, die Anthologie zur – wie es im Untertitel heißt – „Kunst und Literatur aus den unabhängigen Zeitschriften in der DDR“ erschien erst in diesem Frühjahr als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Die monatelange Diskussion um den Einfluß der Stasi auf die unabhängige Literatur der 80er Jahre hatte eine kaum zu erwartende Intensität und Publizität erreicht. Die Unabhängigkeit, die auch der Buchdeckel von „Vogel oder Käfig sein“ beschwört, war lauthals infrage gestellt worden. Und so durfte man gespannt sein auf diese erste Anthologie nach dem großen Streit und – zumindest in einem Vorwort oder Kommentar – eine Bewertung der zusammengestellten Literatur und der gegen sie erhobenen Vorwürfe erwarten. Doch weit gefehlt! Das spärliche Vorwort tut weitgehend so, als wäre gar nichts gewesen und flüchtet sich in einen Trick: es ist auf den Oktober 1991 datiert – also just auf jenen Monat, in dem die ersten Vorwürfe gegen Sascha Anderson öffentlich wurden. Es scheint also einleuchtend, daß keine Bewertung möglich war. Das Vorwort selber aber zeigt, daß auch nach dem Oktober 1991 noch daran geschrieben wurde, eine dringend notwendige Überarbeitung also möglich gewesen wäre – Es heißt dort: „Auf die jüngsten Auseinandersetzungen um die Rolle der Staatssicherheit konnte an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werden, da sich das vorliegende Buch bereits in der Herstellung befand. Hier werden eigene Darstellungen folgen. Fest steht: Nicht alles wurde von den Sicherheitskräften kontrolliert und gelenkt, verhindert oder korrumpiert, dazu waren die Produktionen zu klein, zu verstreut, zu vielfältig und zu kreativ.“ Soweit das Zitat und soweit auch der einzige Hinweis im ganzen 450-seitigen Buch auf die zuletzt geführten Auseinandersetzungen.
Dabei hätte es einer Änderung der Textzusammenstellung überhaupt nicht bedurft – worauf der Hinweis, daß das Buch sich bereits in der Herstellung befunden habe, ja wohl abzielt. Nein, diese Sammlung von Arbeiten aus zehn Jahren unabhängiger Literaturproduktion in der DDR ist an sich sehr lobenswert. Denn neben bereits bekanntem wird hier erstmals auch bislang schwer zugängliches Material als Einstieg für ein breiteres Publikum, aber auch als Grundlage für eine fundierte wissenschaftliche Arbeit öffentlich gemacht. Ob die Lektüre heute jedoch noch so unvoreingenommen stattfinden kann wie vor einiger Zeit, ist fraglich. Da wäre es Aufgabe eines gelungenen Vorworts gewesen, diesen Freiraum der reinen Lektüre von Literatur gegen Ressentiments und Vorurteile zurückzuerobern und zu verteidigen. Sich in diesem Punkt jeglichen Kommentars zu enthalten, grenzt an Ignoranz und provoziert, was gar nicht nötig gewesen wäre, daß nämlich hinter vorgehaltener Hand, Autoren, die glauben oder wissen, daß ihnen Unrecht angetan worden ist, über eine Verschwörung spekulieren. Das Druckhaus Galrev schütze seine IM’s, stelle sich nicht der Diskussion und der innerste Kreis mache weiter, als sei gar nichts geschehen. Leonhard Lorek zog daraus die Konsequenz, den Abdruck seiner Texte zu verweigern. Andere Autoren, Jan Faktor etwa, wollten ihre Stimme gerade nicht im Kanon fehlen lassen, wundern sich aber über die Auswahl des Materials. Selbstkritisches ist Randerscheinung. Es gärt in der Szene und diese Anthologie ist Öl im Feuer ihrer Kritiker.
Beim Versuch, die Dinge positiv zu wenden, könnte man den Herausgebern Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt immerhin zugute halten, daß sie keine kurzlebige Streitschrift in den schwelenden Konflikt einzuspeisen beabsichtigten, sondern ein – wie es der Verlagsprospekt vollmundig ankündigt – „Standartwerk zur Geschichte der staats-unabhängigen Kunst des letzten Jahrzehnts der DDR. Und in der Tat, was von 1979 bis 1989 lediglich in den diversen kleinen Zeitschriften mit einer Auflage zwischen 10 und 100 Exemplaren veröffentlicht werden konnte, sammelt „Vogel oder Käfig sein“ nun zu einem beachtlichen Lesebuch. Doch wieder muß eingeschränkt werden. Mit dem Hinweis auf dazu bereits vorliegende Publikationen wurden die zwei vielleicht wichtigsten Zeitschriften außer acht gelassen; „Mikado“ und „ariadenfarbik“. Sieht so ein Standartwerk aus, daß die Geschichte einer der bedeutendsten literarischen Szenen dokumentieren will?
Was bei allen Ungereimtheiten rund um die Literatur bleibt, ist die Literatur. Die nämlich, die Gerhard Wolf einmal eine „widersetzliche Literatur“ nannte, eine, die sich sowohl den sprachlichen als auch gesellschaftlichen Konventionen verweigert. Sicherlich gerät das hier und da zum Selbstzweck, viel häufiger aber ist das Ausdruck eines morbiden Lebensgefühls, dann nämlich, wenn aus zertrümmerter Sprache Neues wächst, sich Splitter zu neuen Inhalten ordnen, die freilich immernoch keine Botschaft sin.d Wie sollte sie auch lauten?
Der größte Teil der in jüngster Zeit gegen diese Lyrik vorgebrachten Vorwürfe erweisen sich bei der gründlichen Lektüre schnell als haltlos. Diese Literatur ist nicht gleich „hermetisch“, nur weil sie sich nicht nach dem ersten Lesen wie ein Schlager singen läßt. Sie ist auch nicht deshalb „unpolitisch“, nur weil sie auf politische Plattitüden à la Biermann verzichtet. Sie hat Substanz und „Vogel oder Käfig sein“ ist das Buch, dies zu entdecken.
Jürgen Deppe, Deutschland Sender Kultur, 17.6.1992
Derzeit noch immer damit beschäftigt, den Schaden zu begrenzen, den die Stasi-Rohrkrepierer im Druckhaus Galrev verursachten, tritt Klaus Michael, gemeinsam mit Thomas Wohlfahrt, als Herausgeber des Bandes „Vogel oder Käfig sein“ hervor. Die Edition bietet „Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften in der DDR 1979-1989“. Kunst in der DDR ist gemeint, die neben der DDR-Kunst existierte. Ein Kunst voller Einfälle, die einfallsreich ihre Resonanz in Wohnungs-Galerien, Wohnungs-Lesungen, durch Auftritte unterm Dach der Kirche, selbstverlegte Kunstbücher und polygraphisch mangelhafte Zeitschriften organisierte, die ihre DDR-Herkunft so wenig verrieten wie die Kunst.
Über 30 Zeitschriften, so die Herausgeber, tauchten in den achtziger Jahren auf und hatten eine kürzere oder längere Lebensdauer. Die Erinnerungs-Edition will keine riskante Exhumierung vornehmen. Selbstverständlich wichen die Herausgeber nicht von der Berliner Linie ab, die diagonal durch den „Prenzlauer Berg“ geht. Die Nachdrucke der Anthologie festigen nachdrücklich die Stellvertreterrolle des Prenzlauer Bergs. Aufatmend ist daher zu registrieren, daß die dominierenden Zeitschriften „Mikado“ und „ariadnefabrik“ bewußt „vernachlässigt wurden“. Der Verzicht bewahrte andere Regionen wie Leipzig, Dresden, Halle davor, zu Bittstellern zu werden, die nur einen Fuß in die Tür bekommen. Daß sie dennoch im Vorraum stehenbleiben, hat damit zu tun, daß die Publikation eine völlige Öffnung der Provinz Prenzlauer Berg nicht wagte. Der selbst heraufbeschworenen Gefahr, wieder nur eine Bibel für die Gemeinde zu verlegen, entzieht sich die Edition durch den zweiten Teil. Die „Dokumentation“ klammert direkte und indirekte Kapitel der „Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb“ nicht aus. Sie entwickelt sich mehr und mehr zu einem übersichtlichen und nützlichen Lexikon und ist das endgültig im biblio-biographischen Teil. Der ist eine Schaffens- und Personengeschichte in Stichworten zur Literatur und Kunst in der DDR, die in jedem DDR-Kunst- und Literatur-Lexikon fehlt. Die nichtoffiziellen Zeitschriften „waren nie reine Literaturprodukte. Ihre Besonderheit bestand in der intensiven Korrespondenz zwischen Malern, Grafikern, Fotografen, Filmemachern und Musikern, die ein breites Spektrum nonkonformistischer künstlerischer Ausdrucksweisen dokumentierte“ (Klaus Michael). Um nicht hinter dem zurückzubleiben, was die Qualität der Zeitschriften stabilisierte, ist „Vogel oder Käfig sein“ eine schön gemachte Sammlung mit sorgfältigen Reproduktionen und seltenen Fotos. Etwas Weihrauch soll sein und den Neugierigen unter die Nase steigen.
Bernd Heimberger, DIE ANDERE, Heft 21, 1992
-Offiziell aus dem Kunstbetrieb ausgeschlossen – DDR-Autoren 1979 bis 1989.-
Vielsagender Blick in die DDR-Vergangenheit: Derzeit geächtete Künstler beschreiben die Innenansicht ihrer Szene während der Jahre 1979 bis 1989. Dem erstarrten System alternativ entgegenarbeitende Dichter, Schriftsteller, Maler und Grafiker präsentieren sich in einer ersten, gesammelten Dokumentation. Beschreibend und analysierend versuchen die Autoren, dem äußeren und inneren Druck der Bevormundung standzuhalten, ihren Gedanken und Gefühlen durch kritische Gegenwehr Luft zu machen, immer auf der Suche nach Neuansätzen.
Aus Hunderten von Büchern, Zeitschriften und Hefteditionen wurden ihre Beiträge zusammengetragen. Sie entstammen der unabhängigen Literatur- und Kunstszene in Dresden, Halle, Leipzig und Berlin. Namen wie Rainer Schedlinski („die macht eine monströse speditionsleistung potemkischer dörfer…“), Sascha Anderson („… und oben schwimmen in überfluteten labyrinthen kadaver…“), Stefan Döring („wer weiß nicht wann er ist noch was ihm wird je gescheiter er sich anstellt…“), Andreas Koziol („… wir tauchen mitunter des friedens wegen in unfallquellen nach höheren gewalten…“) und C.M.P. Schleime („es gibt immer frauen die schneewittchen in einen glassarg legen…“) sind längst geläufig.
Die Not der Jahre hinter dem Eisernen Vorhang, die Kraft, sich mit ihr auseinanderzusetzen und die existentielle Frage „Vogel oder Käfig sein“ findet in diesem Buch erschütternden Ausdruck.
„… reisende in richtung schöne weile … laufen bis elansdorf vor und fallen dort um ab hinterhalt … anschluß verpatzt…“ heißt es in Frank Weiße’s zynischen S-Bahn-Bändelgesprächen.
Die Sackgassen und das Köpfeeinrennen gegen Mauern sind unwiderruflich festgeschrieben. Hohn auf die Menschheit! Schlimmste Aggressionen brechen durch in Worten. (Frank-Wolf Matthies: „… scheiße aus eimern gegen das Fenster…“). Die zornprovozierenden Zustände jener Jahre werden für spätere Generationen unrühmliche Marksteine sein, wohlgeeignet, darüber zu stolpern.
Sehr aufschlußreich ist Michael Thulins Vortrag über „Das Unikat-Syndrom“ und die Gefahr, daß sich „Dokumente einer zuende gehenden Epoche verflüchtigen in … Bibliotheken und in den Schränken der Sammler…“ ein Vergessen „dieser Generationserfahrung“ wäre kaum denkbar. Das Buch ist mit Grafiken und Fotos von Zeitzeugen der Jahrgänge zwischen 1930 und 1966 bebildert.
Christa Fenzl, Main-Echo, 8.2.1993
Das Verlagshaus Galrev verkauft Bücher und Getränke. Letztere im Café Kiryl (plus Literaturverein), gleich nebenan in der Lychener Straße im Prenzl’berg. Warum ich das erwähne? Zur Umreißung von Literaturverhältnissen.
Der Zusammenhang zwischen künstlerischer Produktion und dem Café als Ort der Sozialisation (á la Boheme) ist ein althergebrachter. Der Weg der literarischen Wirkung führt über den Schoppen Wein. Kreativität und Getränk gehören zusammen in der „Szene“. Szene: Menschen tun ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung Genüge, indem sie sich in ein dafür geeignet scheinendes Territorium zurückziehen, sich einander durch einen ähnlich nachlässigen äußeren Stil kenntlich machen und produktiv oder rezeptiv, in jedem Falle aber durch Teilnahme am Gastronomiebetrieb, an der Schaffung eines literarisch-kulturellen Zentrums mitwirken. Diese Beschreibung nun ist eine eher formale, tun wir uns nach einer substantiellen um.
Zu diesem Zwecke liegt ein ganzer Band von Literatur, Graphik, Photographie vor; die unabhängige Kunst, wie man so sagt, der 80er Jahre in der DDR. Aus der Edition Galrev. Da haben wir die Hinterhaus-Avantgarde, die Künstler/innen aus den „Zimmern unter dem Dach“ (Danke, Gerhard Schöne!), die, um nicht mehr nur ihre Gedichte auf die freien Ränder von Zentralorganen zu kritzeln, eigene Zeitungen machen wollten. Und was die volkseigenen Verlage nicht publizierten, konnte in den Druck kommen bei Zeitschriften, wie ariadnefabrik, Mikado, schaden etc.
Diverses Divergierendes steht hier beieinander zwischen den selben zwei Buchdeckeln; die Gemeinsamkeit besteht vor allem in der Ablehnung des Establishments. Von einer literarischen Gruppierung kann die Rede wohl nicht sein; die Sehnsucht nach Öffentlichkeit schuf diese Gemeinsamkeit. Am Ende gibt’s bittere Klagen und „Vage Zagenvragen“. Cornelia Sachse spricht für die Frauen: „achtung hier ist szene / hier wirst du entwürdigt wie noch nie“. Und Rainer Schedlinski: „‚szene‘- … eine lose ansammlung einzelner leute, die nur wenig miteinander gemein haben, die sich nicht sonderlich nahestehen und die auch beileibe nicht alle unter einer decke stecken“.
Nicht alles, was in dieser „Ansammlung“ zusammengetragen wurde, ist gut, interessant, bemerkenswert. Aber es gibt Bilder, Metaphern, die lassen sich nicht einfach ins Regal zurückstellen, die leben im Alltag erst richtig auf. Rezensieren Sie selbst, liebe Leser/innen! Vielleicht bei einem der achtundvierzig Whiskys im Café Kiryl.
Emilia Dube, Humboldt-Universitätszeitung, 13.5.1993
… Lange vorher vollmundig als erste(!) vollständige (!) Darstellung des künstlerisch-literarischen Untergrundes in der DDR angekündigt, lag zum Jahreswechsel 1991/92 der Band „Vogel oder Käfig sein – Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften in der DDR 1979-1989“ vor. Im Druckhaus Galrev herausgegeben von Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt, stellt er eher eine Innensicht von Beteiligten dar. Galrev als nunmehr ordnungsgemäß geführter Verlagsbetrieb ist nach 1989 aus der Szene selbst entstanden, jener „Berliner Szene“, die Rainer Schedlinski in ariadnefabrik, einer Zeitschrift, 1987 so beschreibt: … lose ansammlung einzelner leute, die nur wenig gemein haben … manche westberliner, die mal was von der ‚szene am prenzlauer berg‘ gehört oder gelesen haben, kommen auch immer mit ihren fotoapparaten und sind dann enttäuscht, wenn sie nicht finden, was ihnen vorschwebte…“
Von dieser Art Selbstironie enthält das Buch vielleicht eine Spur zu wenig; hingegen wird versucht, die Aura zu rekonstruieren. Die in drei Abschnitten (Situationsbeschreibungen, Analysen, poetische Neuansätze) wiedergegebenen Texte aus der Szene (denken Sie sich einfach Gänsefüßchen oder Gänschenbewunderung zu diesem Wort hinzu, wenn Sie mögen) vermitteln aber nur eingeschränkt eben jene Aura. Am nunmehr konventionellen Satz der einstmals als außergewöhnlich angesehenen Sätze wird deutlich, daß Besonderes nicht zuletzt in besonderer Umgebung bestanden haben mag: das Typoskript trug die Spuren seines Produzenten. Herausgeber Klaus Michael (Thulin) verweist in einem gescheiten Aufsatz zum „Unikat-Syndrom“, 1990 als Vortrag gehalten, auf diese Tatsache – und deren Gewinn.
Der Leser heute wird sich fragen: Was war gefährlich an diesen Texten? Wieso mußten sie im Selbstverlag erscheinen? Die neuen Fragen sind die Fragen von gestern. Denn nicht Texte waren gefährlich, sondern allein ihr Ungenehmigt-Sein.
Das „geheime Zentrum, die Arbeit am Material der Sprache“ (Vorwort) war denn auch eher geeignet, politische Bedeutungslosigkeit zu installieren. Die Machtkämpfe in der Szene, die Buchstabengefechte, wären in jedem anderen Land als Künstler-Kaspertheater freundlich toleriert worden, nicht ganz zu Unrecht vielleicht.
Die zahlreichen beigegebenen Fotos stellen junge Leute dar, wie sie sich mit Kunst vergnügen: Trompeten und Wandmalen, Erste-Geige-Spielen und Zur-Schau-Stellen. Im normalen Leben ist so was Selbstfindung. In der DDR war es Widerstandskampf.
Ich bin mir unschlüssig, ob ich den letzten Satz eigentlich ironisch verstanden habe möchte.
Was den Band besonders interessant macht: Dokumentationen. Manchmal sind es nur Abbildungen, wie die Einladungskarte von Cornelia Schleime zur Lesereihe „Zersammlung“ in der Lychener Straße, letzter Hinterhof. Zuweilen, wenn auch nur selten, wird Auseinandersetzung dokumentiert, z.B. eine SINN- und FORM-Debatte, die außerhalb jener Zeitschrift geführt wurde. Ideologischer Kampf per Jugendzeitungsartikel und „Strategiepapier des Büros für Urheberrechte“. Ein Stück aus dem Tollhaus wurde alleweil gegeben: „Die Angst des Staatswesens vor der Lyrik“.
Der Band macht aber auch überdeutlich: wenn Künstler sich gar heftig von den Freuden und Leiden der Welt abwenden und sich ständig gegenseitig Texte vorlesen, werden sie irgendwann nur noch ihre Texte für großartige Welt halten. Politischer Alltag und Alltagswitz werden dann als banal, Späße und Genüsse nichtdichtender Leute als affirmativ empfunden. Poetische Provinzen der Künstler verkommen so zu papiernen Provinzen. Die eigene Straße reicht dann nicht bis zum Horizont, sondern der Horizont schiebt sich an die eigene Straße heran.
Beckmesserei & Vergleiche
… Das GALREV-Buch hat mit seiner schlichten Farb-Beilage eher den Punkt konkreter Sinnlichkeit getroffen. Leider aber sind hier formale Fehler um so gravierender, gerade wegen des hohen Anspruchs, „erste Zusammenschau“ (Vorwort) zu sein.
Eine Auswahl der GALREV-Ungereimtheiten: die Bibliographie im Anhang ist läppisch, selbst „Auswahlbibliographie“ träfe die Sache kaum; einige Mappen und Bücher scheinen willkürlich herausgegriffen zu sein, mal genauer, mal oberflächlich beschrieben. Wissenschaftlichen Ansprüchen hält wenig stand. Das Namensverzeichnis ist zufällig. Der in Leipzig zu einer Ausstellung der schon erwähnten Galerie EIGEN+ART (März 1990) präsentierte Katalog „Zellinnendruck“ wurde mit allen Fehlern übernommen. Der Blick ist arg verengt; dem Buch haftet eine unbewegliche, typisch Berliner Provinzialität an. Wieso ist aus dem Umfeld der Karl-Marx-Städter Galerie „oben“ lediglich Steffen Volmer mit seinen Büchern vertreten, nicht aber der wohl produktivste Malerdichter Wolfgang Henne aus Leipzig? Warum ist die Hallenser Eigenverlagsszene um Jörg Kowalski und Ulrich Tarlatt gänzlich unerwähnt geblieben, die in Wirkung und Qualität die anderen Zentren weit übertrifft?
Im Untertitel ist der Zeitraum 1979 bis 1989 angegeben: die Präsentation führt aber oft darüber hinaus, obwohl die Bedingungen im Eigenverlag sich nach dem Oktober 1989 völlig änderten: so erhalten mache Publikationen nachträglich ihren Untergrundwert. Nebenbei: Scharlatanerie scheint sich in diesem Bereich ohnehin breitzumachen, ist es doch relativ einfach, im nachhinein Produkte als „illegal“ zu offerieren, gar eigens herzustellen und damit Kunstmarktwirtschaftler zu beeindrucken.
Kleinere Lapsus bei GALREV sind unüberschaubar, wie ihre Materie: die Haufe-Presse gibt es nicht, allerdings die Haufen-Presse, Sascha Andersons „Poe Sie All Bum“ erschien erstmals 79/80; Jot (Johannes) Jansens Bücher sind unvollständig angegeben; wieso einfache Maschinen-Manuskripte von Eberhard Häfner als „Künstlerbücher“ firmieren, ist unersichtlich, wo andererseits kirchliche Zeitschriften unerwähnt bleiben; Kaltnadelradierungen werden „Zeichnungen“ genannt; Zeitschriften von 1991 als DDR-Erzeugnisse im Bild gezeigt; Abbildungen sind seitenverkehrt; die falschen Zahlenangaben und Namensschreibweisen sind Legion und werden nun gewiß durch alle Nachfolge-Editionen geschleppt werden…
Da der Unterhaltungswert von „Vogel oder Käfig sein“ wirklich groß ist, würde ich meine Beckmesserei hier lassen; zu fürchten aber ist der Ewigkeitswert aller aufgeschriebenen Fehler…
Matthias Biskupek, Aus: Wilde Künstlerbücher…..Milde Kunstkäufer…..Wüste Stazidichter Deutsche Verschriftungen, Neue Deutsche Literatur, Heft 7, 1992
-Rückblick auf die alternative Literaturszene der DDR.-
Mit unserem nassen gefieder
gleichen wir lange schützten
Und letztlich doch vor dem aus-
sterben nicht mehr gefeiten reihern.
Thomas Böhme
Das gelegentlich zu lesende Urteil, die DDR habe keine (ernstzunehmende) eigene Kultur hervorgebracht, basiert auf Unkenntnis und Böswilligkeit; keine angenehme Mischung. Soeben erscheinen einige hochinteressante wie liebevoll ausgestattete Bücher, die dieses Dictum korrigieren helfen, was die Literatur betrifft. Die in der Edition Galrev vorgelegte Anthologie „Vogel oder Käfig sein“ ist eine gelungene Ergänzung des 1990 bei „Text + Kritik“ publizierten Sonderbandes „Die andere Sprache. Neue DDR-Literatur der 80er Jahre“ (Zeit Nr. 30/1990), und drei besonders schön gestaltete Bände der Autoren Jan Faktor, Flanzendörfer und Bert Papenfuß-Gorek in der von Gerhard Wolf betreuten Janus press bieten die Chance, in größerem Zusammenhang nachzulesen, was die alternative Literaturszene in der DDR hervorgebracht hat. Das ist bestürzend, in der Qualität beeindruckend und manchmal im Versuch, eine untergegangene Moderne neu zu erfinden, lächerlich. Hübsch der Reihe nach.
I.
Unter fast allen Texten der rund hundert Autoren, die die hervorragend dokumentierte Anthologie versammelt, liegt eine totale Identität von Existenz und Schrei(b)versuch; es ist weder sentimental noch dramatisch, wenn man – „geradeheraus in die Fressen der Politikanten“ – von existentieller Not spricht, die hier formuliert wurde: „Ich höre besser vorm Schluß auf. Ich melde mich hiermit ab. Ich erkläre mich ausverstanden, Tod frei! Text Ende. Anfang.“ Was da in Dutzenden von Privatdrucken, Graphikmappen, kurzlebigen Zeitschriften und Handpressen-Postern (heute von Akademien und Bibliotheken begehrte Sammelobjekte) sich artikulierte, war zuerst einmal überhaupt kein Spiel: Es war bezahlt mit Not, Schulden, Angst und Verfolgung – bis etwas zum Selbstmord des fünfundzwanzigjährigen Frank Lanzendörfer, der sich Flanzendörfer nannte und über den das Nachwort zu berichten weiß: „Jedenfalls scheint es nicht übertrieben zu behaupten, daß die Stasi einen Anteil an seinem Freitod hatte, das gehetzte (tier) heißt einer seiner letzten Zyklen. Und nach seinem Tod lief Stasimann ‚Gröger‘ herum und erkundigte sich, zum Beispiel bei Jansen, ob es in der Szene Gerüchte gäbe, Flanzendörfer habe sich wegen der Stasi umgebracht.
Die Gedichte, Szenen, oft Prosa-Fetzen dieser durchweg jungen, mittellosen und oft illegal kampierenden Autoren, entstanden in Kneipen, Hinterhöfen oder den ungeheizten Zimmern von Abbruchhäusern, sind authentisch in ihrer Radikalität:
ich habe das Gift
getrunken, ich trank,
eingebunden in meine zeit
Bernd Igel
Grotesk, mit welcher – gelegentlich aus der Rechtschreibung kippenden – Genauigkeit die „lektorierende“ Zensurbehörde das wahrnahm; in einem sechsseitigen „Strategiepapier“ des Büros für Urheberrechte (wo heute natürlich niemand mehr als Literaturverhinderer gedient haben möchte) heißt es über das Manuskript der später bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Anthologie „Berührung ist nur eine Randerscheinung“: „Das Manuskript enthält Texte, in denen die Positionen des ‚Außenseiters‘ bzw. des ‚Aussteigers‘ aus unserer sozialistischen Gesellschaft zur Schau gestellt werden. Es wird ein Lebensgefühl artikuliert, in dem resignative und nihelistische Züge vorherrschen, Elegisches und Bitteres, Gefühle des Eingesperrtseins, kommen zum Ausdruck, Selbstmord und Tod sind bevorzugte Motive. Das Manuskript kommt aus diesem wie auch aus Gründen der Autorenzusammensetzung für eine Veröffentlichung in einem Verlag der DDR nicht in Frage.“
Die Herren und Damen Zensoren konnten immerhin lesen: Mit Hilfe eines Computers ließen sich wohl rasch die Wort- und Begriffshäufungen von Nacht, schwarz, elend, Stein, hart, Tod, Sturm, Angst zertreten und so weiter summieren – das Dunkelvokabular einer Literatur des Bedrohtseins: „verwirrung / einbildung / entfremdung / dünnschiß // folgt: // angst / zwang / depression / depeche mode / new wave / punk“ (Flanzendörfer)
Es ist ein Gebot des Anstands, sich die Atemnot junger Leute vorzustellen, die oft ohne festen Wohnsitz, exmatrikuliert, einkommenslos und nirgendwo Mitglied, ohne jeglichen Schutz einer perfiden Staatsmacht ausgeliefert waren, die selbst einem bereits renommierten Schriftsteller wie Christoph Hein Furcht einjagte: „Ich habe übrigens auch, anders als einige Protagonisten der DDR-Schriftstellergeneration nach mir, nie das Gefühl gehabt, man könne mit der Stasi spielen. Ich hatte kein ironisches Verhältnis zur Staats-Macht. Als protestantischer Pfarrerssohn wußte ich, wie schnell man an die Wirklichkeit stößt. Die Stasi-Instrumente waren nicht nur zum vorzeigen da, sondern wurden auch benutzt.“ Es war ja keine „Ich-stelle-mir-vor“-Redefigur und auch kein fingierter Brief, wenn Gert Neumann einem Freund schrieb: „zurück bleibt nur ein Ekel; wenn man die gesamte Figur, die die ‚Organe‘ in Deiner Angelegenheit in die Gegenwart geschrieben haben, betrachtet. Ihr Sinn bringt nur Zerstörung und erzeugt Haß.“ Dieser Freund saß im Gefängnis. Wir haben es also mit einem vollständig anderen „Herstellungsprozeß“ von Literatur zu tun, als es der in München, Paris oder New York ist. Man kann gewiß auch in Graz unglücklich sein: In Dresden oder am Prenzlauer Berg saß man in der Falle, die nicht nur auf den Namen „unglückliches Bewußtsein“ zu taufen war.
Die Herausgeber der Zeitschrift Mikado, Uwe Kolbe, Lothar Trolle und Bernd Wagner, haben die Situation beschrieben: „Das immer tiefere Versinken einer Gesellschaft in Agonie kann im einzelnen die Illusion fördern, er müsse mit seiner Arbeit alles das ersetzen, was die Gesellschaft nicht leistet. Ein hoffnungsloses, in Wahnsinn oder Journalismus treibendes Unternehmen. Und doch, scheint es, muß erst ein ähnlicher Punkt von lange gestauter Energie, Wut und Langeweile erreicht werden, bevor eine Schranke wirklich durchbrochen und sich auf Neuland gewagt wird. Es bedurfte etlicher Winter der Depression, einer Bibliothek voller ungedruckter Texte und schließlich des Zurückgewiesenwerdens einer gesamten Schriftstellergeneration, bevor der Blick überhaupt in eine solche Richtung gehen konnte.“
II.
Die Bedingungen des Schreibens also sind klar (und durch die hier erörterten Bücher genauestens dokumentiert). Das Geschriebene selber gibt Rätsel auf, gelegentlich Bedenken. Falls das Bild nicht frivol ist: Die Kunstläufe dieser Autoren erinnern an Rollschuh-Demonstranten, die scheinbar mühelos und spielerisch einer schwer bewaffneten Staatsmacht davongleiten; sie können die Wasserwerfer oder gepanzerten Mannschaftswagen verhöhnen – aber sie hängen durch unsichtbare Drähte mit ihnen zusammen. Wer ist der Dramaturg der Handlung? Da widerspricht sich etwa Jan Faktor, wenn er einerseits daklariert: „Das Einmischen in die inneren Angelegenheiten des Geschehens ist ein Zeichen von Unreife, Dummheit oder Senilität. Und wenn er andererseits in seinem glänzend argumentierenden Ariadnefabrik-Essay „Was ist neu an der jungen Literatur der achtziger Jahre?“ 1988 sogar proklamiert, „zwischen den den Sozialismus aufbauenden Dichtern von damals und denen von heute“ gäbe es eigentlich keine scharfe Trennung: „Um gesellschaftliche Relevanz, um die Breitenwirkung ging es damals wie heute. In beiden Fällen, und auch ‚dazwischen‘, und auch sonst immer, ging es, mußte es gehen, um nur jedesmal ein bißchen anders gelagerte Balance-Akte zwischen dem Bedürfnis nach Autonomie gegenüber dem Staat (der Gesellschaft) und dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu ihm (zu ihr). Daß man für sich schreibt, ist nicht nur ein hilfloses Klischee, sondern mehr schon eine Lüge.“
Wir sind hier vielleicht an dem entscheidenden Punkt der Erörterung: daß es nämlich auch bei der staatsfernen Literatur um ein DDR-Spezifikum ging. Sie erwehrte sich – aber sie war eben darin Teil von dem, dessen sie sich erwehrte. Ich lasse mir nicht einreden, daß die Zeilen von Flanzendörfer etwa unbezogen auf Realität zu lesen sind:
trostlos eingewohnt &
land vermessen ausgewandert
von irgend nach wo aufn weg
Die Choreographie „weg von etwas“ bezeichnet nicht nur die Fluchtbewegung, sondern auch, was man flieht. Wie das Aufbrechen ästhetischer Verabredungen eben diese Verabredungen nicht nur voraussetzt, sondern auch benennt.
III.
Ein Kanon sollte zerbrochen werden, der nicht nur ästhetische Vereinbarungen fixiert, sondern zugleich politisch-moralische einbezog. Da diese Verlautbarungen sich einer bestimmten Sprache bedienten, versuchten viele der unter der Chiffre „Prenzlauer Berg“ begriffenen Autoren, den Kommunikations-Charakter von Sprache aufzukündigen. Das ist ein Vorgang nicht nur innerhalb der Literatur. Wolfgang Thierse, der zwar stellvertretender SPD-Vorsitzender, aber auch Germanist ist, hat zu diesem Thema kürzlich auf der Jahrestagung des Deutschen Instituts für Sprache in Mannheim einen bedenkenswerten Vortrag gehalten: „Sprachlich verankerte Differenzen zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen ergeben sich nicht aus unterschiedlichen Sprachkenntnissen, sondern aus unterschiedlichen Kenntnissen über den Gebrauch der Sprache (…) Hinter jedem Wort stecken Geschichten. Ihnen muß man nachspüren, denn der Wortschatz einer Sprachgemeinschaft ist immer gleichzeitig Museum und Werkstatt ihrer Geschichte. Das eigentlich Interessante am DDR-Wortschatz ist das, was er uns anzeigt über die geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen seiner Entstehung als einer Ausprägung geregelten Sprachgebrauchs mitsamt dem darin enthaltenen Konfliktpotential.“ Diese Dialektik von Sprachregelung, Sprachverweigerung und Sprachzertrümmerung prägt zahlreiche Texte dieser Autoren; gelegentlich versuchen sie, Sprache als Zeichen und Möglichkeit, Dinge zu bezeichnen, aufzulösen: „Die Wörter des reinen Denkens so zu führen, daß sie deren Syntax nicht verfallen und in ihr zum bereits erklärten Stoff gerinnen (…) bedeutet eine Sehnsucht für uns, die wir aus dem Verfall der Gegenwartssprache abzuleiten meinen (…) Die Aufnahme der dem Ereignis zugehörenden Wörterzeichen gilt bei uns als Makel.“ (Gert Neumann)
Der Vorgang in einem Staat, in dem selbst für Kochrezepte regierungsamtliche Sprachregelungen ausgegeben wurden und das Presseamt des Ministerrats eine Ukas an die Zeitungen gab. „nicht vom ‚Staatszirkus der DDR‘ sprechen, den Namen umschreiben“, ist verständlich. Das Resultat ist es – wie das kurze Textbeispiel von A.R. Penck zeigt – nicht mehr:
Tschoisoisullisois neptun kilt
Will kill ana rotten nasmosch bebe go ehed.
Verzweiflung brandet marmar tartar satur ri.
Interiectum consequuto ars armada genereled.
Amasch buplap meerenge pa nama jilou baluba.
Diese Avantgarde au seiner Konserve, deren Verfallsdatum längst überschritten ist, hat etwas Rührendes; der ästhetische Trotz mit dem man sich dem Brecht/Benjamin-Rezept vom „Gebrauchswert” des Gedichts verweigert, und die Energie des falschen Zeilenfalls: ein Kampf der Arrieregarde. Nun ist aber auch einzugestehen, daß unsereins leicht lächeln hat über die allenthalben versteckten „Anna Blume“-Kassiber, die abgegraste Asphodelenwiese oder die Kunsthochschul-Neckischkeit von Graphik-Gedichten, die in kühnen Bogen an Gertrude Stein vorbeikurven: „ein vorbeifahrendes auto ist ein vorbeifahrendes auto, das vorbeifährt“; es wäre eine eigene Untersuchung wert, den gesellschaftlichen Notstand zu eruieren, der diese Gegenrituale etwa denen der Wiener Gruppe vergleichbar macht. Oder gegenüberzustellen, welche Choreographien des vom Dogmatikpapst Lukács verdammten Expressionismus bewußt übernommen wurden. Da ist beispielsweise das Menetekel Großstadt, geliebt-gehaßt wie weiland bei Heym, Benn, Becher, der Frank-Wolf Matthies 1982 eine Wut-Epiphanie singt:
———————————ich starre
über die dächer: wind und perversion: und
weiß wirklich nicht worauf die antennen
hier warten: / im kühlschrank schales bier /
mein schwanz verschwitzt hat dich nicht gefunden /
in diesem zwielicht wohnt das erhängen:
ja ich weiß wirklich nicht: worauf wir noch
warten: jetzt kann mein messer gut magische
zeichen in deinen warmen leib schneiden
dazu lippen: um einen Mund voll von
———————————gesang
Das hat bei Flanzendörfer, etwa zum selben Datum, eine fast melodie-gleiche Entsprechung:
fahle farben tage
stürzen treppen leiber mundgeruch
auf strassen menschen meute
weiter immer weiter
winden winde winter um
graben gräber erde ab
stehen still die gräser
Allein das Wortmaterial – kalt, starr, stumpf, ertrinken, verglühen, schwammig, Schlammloch – deklariert solche Konterbande als Ruf-Gedichte Verbannter, Eingesperrter. Damit sind – jenseits der Frage nach dem genuinen literarischen Wert – alle diese Texte faszinierende Dokumente; schon die Titel der Künstlerbücher – „Schattenverschlüsse“, „Zwinger“ – oder Zeitschriften – Herzattacke, schaden, ariadnefabrik – waren Signale. Das Aufregende daran ist, daß noch das schreiendste Pamphlet der Wut eines Kindes auf den Vater gleicht: Ein Stück des Attackierten war man selbst. Bert Papenfuß-Gorek nennt ein Gedicht zwar höhnisch „leben in sozialistischer geborgenheit“; aber in der Mitte stehen die Zeilen:
todentrückt
& mit gezügeltem herzen
gehen wir suchen, was wir nicht finden werden
Fritz J. Raddaz, Die Zeit, 8.5.1992
Text zur Lyrik der nichtoffiziellen Literaturszene in der DDR (I976-I989).
Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.
Poesie des Untergrunds – Prenzlauer Berg kontrovers – Trailer zum Dokumentarfilm.
Poesie des Untergrunds -In der Kunstszene der DDR entstand in den Jahren vor der politischen Wende ein eigener Mikrokosmos. Besonders in Berlin-Prenzlauer Berg hatte sich eine Gemeinschaft entwickelt, die den Untergang des Systems in ihrem unangepassten Leben vorwegnahm. Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum zeigt jetzt die Werke von 38 der wichtigsten Künstler jener Zeit.
Poesie des Untergrunds − Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989. Eine Ausstellung in der Kunstsammlung Jena vom 13. März bis 23. Mai 2010.