Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al.: Hieb- und Stichfest

Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al.: Hieb- und Stichfest

A PROPOS PETRARCA

Säh im Sonett ich echte Poesie,
ich laichte täglich eins auf nüchtern Magen
und anderthalb dazu an Regentagen
und stünd in jedem Jahr so vis-à-vis

500 Stückern, doch ich wüßte nie,
wie rett ich mich dann vor den Großverlagen,
die sich ums Copyright entsetzlich schlagen
und den Petrarcapreis mir à tout prix

verleihen wolln, doch werd ich das nicht dulen,
der bleib der wahren Dichtung vorbehalten,
wie wir’s dem Dichter dieses Namens schulden,

dem sie zu Recht nach als sensibel galten:
Sonette, die sich auf Bewußtes gründen
und wenig nur vom „Reinentsprungnen“ künden.

25. Juni 1995
Lothar Klünner

 

Zwischen Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch

entspann sich 1995 ein keineswegs zimperliches Streitgespräch in Sonetten über Wert, Leistung und Zeitgemäßheit des Sonetts bis zum Letzten Wort für Jeden.
Das ist die TENZONE

Ernst-Jürgen Dreyer, HEL, Joachim Klünner, Gisela Kraft und Brigitte Lange mischten sich mit Sonetten ein.
Das ist die CODA

fulgaro frango, Meiendorfer Druck 40, Ankündigung Erstausgabe

 

 

Folgendes sonett schickte Robert Wohlleben den Streitsonetten voraus:

Ein schieres Stich- und Hiebfest
bescheren uns die Dichter.
Das wächst sich aus zum Triebtest…
als ginge es nicht schlichter!

Was uns zur Not ein Dieb läßt,
verleidet uns Gelichter.
Was niemand je durchs Sieb preßt,
verstopft auch niemands Trichter.

Da komm mal drauf und dann
erläutere, wer kann,
wie Tinte auf den Strich näßt.

Als Adam grübelnd spann,
besann er sich … doch wann
wars jemals HIEB- UND STICHFEST?

Leute, kauft dieses buch. Ihr habt darin ein halbes dutzend deutsche großdichter auf einen haufen. Meiendorfer Drucke werden bald unbezahlbar sein.

Jetzt aber Ich- & stiebfest:

Ein gedichtgefecht auf hoher warte, an tiefe fragen rührend, wann hat es das zuletzt gegeben? wir wissen von Meckel / Törnes freundschaftlichem versewechsel eine generation zuvor. Hier beversen sich wieder zwei dichter. Doch beiden geht es um angelpunkte, die welt in der waage zu halten oder zum klingeln zu bringen. Am ende wedelt die coda mit der kadenz, die fuge steht aus. Mehrmals haben die sonettkoordinatoren Kaarst und Cornwall, Hamburg und Berlin tenzonen gesponnen, über spinner, spinnen und mauern; auch eine gemeinsame kantate gibt es, falls irgend ein Bachurenkel lebt. Im frühjahr dieses Marsjahres 95 also trafen Klünner und Rarisch sich im morgengrauen. Der „Form“, dem sonett, für ihn prüfstein der dichternatur, verschworen, es zu verteidigen gerüstet war Rarisch – Klünner, von der surrealité gekommen, vor reimen sich schüttelnd, sonettierend mit leichter hand, verfocht die „Transformation“. Beide bogenmeister spannten die form bis zum überspann und fanden vor einbruch der dunkelheit zurück. Wir halten die partie für von öffentlichem interesse. Frau Welt redet ihr Wörtchen mit. Wir sind in dem bauloch bei Potsdam, zwischen der form, die gebrochen lag, und der transformation, die ihre schrecken wirft, im luftraum gestürzter -bisse bis -karoi über dem ausgeschachteten has- und igelfeld. Das nur andeutsam, wer weiterliest bleibt unter uns. Was ist davon zu haben?

parzival- und animalisches spielen hinein in Rarischs grimmigen ernst, in Klünners nachlässige heiterungen. Im pförtnerhaus der eigentumsvorbehaltenen abtei Lethema begegnen sich Li Po und Tu Fu. Wir hören den dichtenden mandarin und den mandarinen dichter, sehn klause und theke, tabak und wein, die herbe und die süperbe hand, Sorbonne und Sodompark.

Po Li kuriert seinen kater mit O-Ton, Fu Tu trinkt sich einen I-bis an, im gemütlichen teil gehts tittenhoch in die ozonzyklone und hodentief ans pantarheisch-kreißen, da sind wir schon in hansischen gebreiten und zwei barone wachen ihren nüchter ein. Das weltlied ist auch in Sonetten stimmbar, wir müssen nicht im Vaticanum suchen. Berlin im vierzehnzeilenrausch, gib uns Ohro-, Naso- und Augopax! et tolle peccata mundi!

Dr Delzepich, Impressum, Heft 2, 1996
(Rezension bezieht sich auf die Erstausgabe)

Hieb- und Stichfest:

− Die gedruckte Erinnerung an einen legendären Sonett-Streit anno 1995. −

Der kleine Leipziger Verlag Reinecke & Voß widmet sich den etwas ungewöhnlichen Seiten der Literatur. Oder sollte man sagen: den etwas anspruchsvolleren? Denn Literatur ist ja nicht nur Spannung, Action, Lesefutter. Es ist – wenn sie gut gemacht ist – auch geistiger Spaß, Freude an geschliffener Form, sauberer Arbeit, inhaltlicher Brillanz. Gibt es auch noch. Wenn man sich auf Entdeckungen einlassen mag.

Der Klassiker: das Sonett. Manchem ist es in der Schule begegnet als die wohl strengste Gedichtform. So wie in Sachen Prosa die Novelle. Aber beides ist nicht wirklich notwendiger Bestandteil der Allgemeinbildung. Die Lyrikbücher der Vergangenheit sind voller Sonette, die man auch beim hundertsten Lesen nicht versteht. Es gibt auch die Sonette, die bis heute faszinieren, weil der Autor – zum Beispiel einer, der unter dem Namen Shakespeare veröffentliche – es geschafft hat, seine Gefühle, Leidenschaften, Sehnsüchte und Zweifel in 14 Zeilen zu packen. Mit Beachtung des Reimschemas, der Strophenordnung und des markanten thematischen Bruchs nach den ersten beiden Versen.
Muss sich der Leser auch nicht merken. Darf er aber bemerken in guten Sonetten, die eben nicht nur stilistische Maßarbeit sind, sondern auch in der Lage, den Leser zu überraschen.
Weil die jüngere Lyrikszene sich mit derlei Dingen kaum noch beschäftigt, begegnen auch Lyrikfreunde dem Sonett eher seltener. Außer, sie verirren sich auf Websites wie fulgura.de, wo Sonette und andere literarische Skurrilitäten gepflegt werden. Da stolpert er auch über ein paar Autoren, die sich zeitlebens mit dem Sonett als Möglichkeit der literarischen Finesse beschäftigt haben. Ältere zumeist.

Er trifft sie auch in diesem Büchlein, das sich einer kleinen Anzettelei aus dem Jahr 1995 widmet. So etwas zettelt freilich nur an, wer so eine seltene Spezies wie das Sonett mag. Etwa einer wie Herbert Laschet Toussaint (HEL, heute 55), der 1995 eine Vortragsreihe zum Sonett startete. Und Kollege Lothar Klünner (80) schrieb ein Sonett darüber, das sowas gar nicht mehr ginge. Und Klaus M. Rarisch (76) antwortete mit einem Sonett, das wieder ein Sonett herausforderte – und am Ende beschlossen Klünner und Rarisch einander ein Frühjahr lang mit Sonetten, in denen es auch heftig zur Sache ging, weil echte Sonettisten natürlich sofort sehen, wenn andere zwar so tun, als könnten sie Sonette schreiben – aber die strengen Regeln nicht einhalten.

Zwischenbemerkung: Nach den strengen Regeln der Sonett-Kunst sind einige der schönsten Sonette der Weltliteratur auch keine Sonette.

Was gar nichts macht, auch wenn die beiden in diesem Sonett-Dialog, den sie Tenzone nennen, einander fast die Köpfe abzureißen scheinen. Wobei augenscheinlich auch die „Tenzone“ nicht ganz hinhaut, denn anfangs geben sie sich gar nicht die Mühe, die Endverse ihres Kontrahenten aufzugreifen, um damit ihr eigenes Sonett zu beginnen.
Ja, auch die Tenzone ist streng definiert. Die Coda nicht, heißt ja auch einfach „Schwanz“. In diesem Fall eine Art Nachtrag mit weiteren Sonetten zum Sonettenstreit von Klünner und Rarisch, in dem sich weitere hochkarätige Dichter der strengen Form widmen, sich instrumental einmischen, eigene Motive formulieren und – natürlich die Sonettform kräftig demontieren.
Im Sommer 1995 fand dieses lustige Treiben unter hochbegabten deutschen Dichtern dann ein versöhnliches Ende, Lothar Klünner schrieb ein kleines Postscriptum, zu dem Rarisch noch einen kleinen Aufsatz gesetzt hat, der die Poetik des Sonetts einmal aus der Sicht des erfahrenen Meisters schildert. Womit dann auch der Leser dieses kleines Buches, das den hieb- und stichfesten Sonett-Streit von 1995 gedruckt bietet, erfährt, wie schwer es eigentlich sein sollte, ein richtiges Sonett zu schreiben.

Zwischenbemerkung: Gute Sonette sind – siehe oben – leichter. Der Autor muss sich nicht in die perfekte Form prügeln, sondern darf damit spielen.

Womit man eigentlich beim wirklichen Spaß dieses Büchleins ist, das eben gerade durch das Streithafte zeigt, wie sehr Lyrik vom Spiel und von der Abweichung von der Norm lebt.

Das aber – nächste Zwischenbemerkung – ist dann wieder schwer. Was besonders die jüngeren Dichter im Land zumeist noch nicht wissen. Denn sie wollen gern zum guten Ergebnis kommen, ohne die schwierige Zwischenphase. Man hat es einfach eilig. Das Ergebnis ist dementsprechend – zumeist flach.
Kann zwar eine berühmte Zeitung für sich als Werbespruch formulieren: „Guter Journalismus darf auch mal flach sein.“ Aber in der Literatur gilt das nicht. Wirklich nicht. Zwar ist 90 Prozent dessen, was gedruckt wird, flach. Entsprechend kurz ist auch die Halbwertszeit. In der Eile liegt die Oberflächlichkeit. Für das, was Bestand hat und auch noch nach 100, 500 oder 2.000 Jahren anrührt, haben sie sich immer geschunden, die Literaten. Nur dann und wann haben sie sich eine Spielzeit genommen und einander mit geschliffenen Versen attackiert. Wie die hier versammelten sieben Autorinnen und Autoren 1995. Das ist auch schon wieder lange her. Aber man merkt es den Texten nicht an. Man merkt es erst, wenn man die kleinen Biographien im Anhang liest.

Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung, 26.9.2012

Hieb- und stichfest

Kommt Kunst wirklich von Können, oder schafft das Können allein nur Kunststücke, keine Kunstwerke, und kommt also Können von Kunst, wie der zu Unrecht vergessene Maler Carl Hofer es einmal formulierte (ich zitiere hier aus dem Gedächtnis – Korrektur oder Präzisierung sind willkommen)?
Dieser Frage gehen die beiden Dichter Klünner und Rarisch in einer Reihe von miteinander streitenden Sonetten nach, und wie bei jeder Ei-oder-Henne-Frage ist nicht das Ergebnis das Interessante, sondern der Prozess des Antwortens. Klünner fordert zum Streit mit einem Sonett, in dem er das Schreiben von Sonetten verunglimpft: eitles Scheibenschießen sei das, ein längst abgeschlossenes Kapitel, das ihm „auf den Geist“ gehe. Rarisch, ein Kenner und Könner auf dem Gebiet des Sonetts, lässt das nicht auf sich sitzen und antwortet – natürlich ebenfalls in einem Sonett. Daraufhin entspinnt sich vor dem Auge des staunenden Lesers ein Schaukampf, der es in sich hat: Schwere Invektiven werden da gegen Ziele ober- und unterhalb der Gürtellinie geschwungen, spitze Bemerkungen mit Widerhaken verschossen, gelehrte Anspielungen mitsamt lateinischen Zitaten dem Gegner über den Schädel gezogen, und zur Not werfen die Kontrahenten auch schon mal die Waffen von sich und gehen mit bloßen Silben aufeinander los. Ein unterhaltsames, wunderbar choreographiertes Scheingefecht gibt es da zu sehen, und wenn am Ende des einundzwanzigsten Sonetts der aufgewirbelte Staub sich wieder legt, dann stehen die beiden Dichter ungebeugt und unbeschädigt da, und dem Leser schwirrt der Kopf.
Doch der Sturm legt nur eine Pause ein. Denn mit dem zweiundzwanzigsten Sonett tritt HEL (Herbert Laschet Toussaint) auf – in der Maske des Schiedsrichters, um das Unentschieden zu verkünden, in Wirklichkeit aber als agent provocateur. Und die Provokation gelingt. Denn nun wird aus der Ecke des Herausforderers ein Hagel von Sonetten in den Ring geworfen, der Verssturm, in den sich Klünner (auch unter Pseudonym) immer wieder, Rarisch aber gar nicht mehr einmischt, bricht jetzt erst richtig los. Angeregt vom siebten und achten Sonett, in dem Klünner die Transformation der strengen Form gefordert, Rarisch eben diese Transformation als Spiel „mit Kuchenförmchen“ abgetan hatte, wird von Ernst-Jürgen Dreyer, Lothar Klünner, Gisela Kraft, BRI (Brigitte Lange) und HEL transformiert was das Zeug hält, und mag die strenge Form dabei auch knirschen und krachen, das erhöht nur das Vergnügen. Selbst Klünner kann hier wohl nicht verhehlen, dass dieses Spiel ihm nicht mehr „auf den Geist“ geht.
Das Schlusswort hat dann Klaus M. Rarisch. Prosaisch und nicht ohne Mäkelei beharrt er auf seiner Abneigung gegen diejenigen, die ohne „langjährige Übung und strenge Selbstkritikk“ Sonette schreiben, verzichtet in einer leicht überheblichen Praeteritio darauf, die formalen Mängel seiner Widersacher zu analysieren und zitiert stattdessen ein „formal absolut makellos[es]“ Sonett des wohl zu Recht vergessenen Prinzen Emil von Schönaich-Carolath. Und wunderbarerweise leuchten nun die in diesem herrlichen Büchlein versammelten Sonette vor dem Hintergrund des makellos-grauen Textes nur umso farbiger und schöner.

In gewohnter Weise legt der Verlag Reinecke & Voß mit Hieb- und stichfest ein Buch vor, das jeder, dem Dichtung am Herzen liegt, besitzen, lesen, verschenken sollte – und das sich auch jeder leisten kann. Man kann nur hoffen, dass bald wieder ein Streitapfel geworfen wird, diesmal vielleicht in das Lager der Autoren alkäischer Oden?

Dirk Uwe Hansen, lyrikzeitung.com, 26.9.2012

Weitere Rezension zu diesem Buch:

Christian Kreis: Sonettisten und Klassizisten
fixpoetry.de, 29.8.2013

Armin Stiegenberger: Ein Fest der Hiebe und Stiche: Sonettsportler auf allerhöchstem Niveau
fixpoetry.de, 15.9.2013

Chris Popp: Ein Buch, ja mehr ein Heft, recht klein,…
booknerds.de, 4.9.2015

Die Erstausgabe der Streitsonette bei fulgura frango

Fakten und Vermutungen zu Klaus M. Rarisch
Fakten und Vermutungen zu Lothar Klünner
Nachruf auf Lothar Klünner: Der Tagesspiegel

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Lothar Klünner

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