Ludwig Fels: Ich bau aus der Schreibmaschine eine Axt

Fels-Ich bau aus der Schreibmaschine eine Axt

SCHÖNER TAG

Hock auf dem Fensterbrett
im dritten Stock
rauch eine Zigarette
hör Musik von Dylan
seh die Leute
auf der sonnigen Straße
die gelbe Tram
freu mich des Lebens
bis es klingelt
und ein paar Polizisten
hereinstürmen und fragen
ob ich wirklich am Leben
bleiben wolle und so weiter.
So viel Angst um mich
wenn ich einmal lustig bin
und lach
an einem schönen Tag
mit Bob.

 

 

 

Nachbemerkung

Ich bin Ludwig Fels nie begegnet. Vom äußeren Ablauf seines Lebens weiß ich wenig. Doch aus seinen Gedichten, aus seinen Geschichten wurde mir seine Haltung zum Leben und zu sich selbst vertraut. Hier tritt mir ein Mensch entgegen, den vor allem auszeichnet: eine außergewöhnliche Offenheit der Ansichten über die Welt, in der er lebt, über alles, was ihn berührt, eine rückhaltlose Ehrlichkeit, die auch vor sich selbst nicht haltmacht, und Bescheidenheit in allem, was die eigene Person betrifft. In einem Interview mit der Nürnberger Zeitung vom Oktober 1977 heißt es, er habe bemerkt, daß er so gut wie nicht „Öffentlichkeitsgeil“ sei. „Mein Arbeitsplatz ist der Schreibtisch.“
Ein von ihm kürzlich verfaßter Lebenslauf ist Ausdruck für diese Haltung:

Name: Ludwig Fels. Geboren am 27.11.46 in Treuchtlingen/Bayern/BRD. Unehelich.
Mutter: Bauernmagd, Fürsorgeempfängerin, Putzfrau bis heute, Zwei Stiefgeschwister.
Von 61 bis 64, nach acht Klassen Volksschule, Malerlehrling und Berufsschüler. Keine Gesellenprüfung, Anschließend Brauereiarbeiter. Hilfsarbeiter in einer Schaumstoffabrik, Maschinist in verschiedenen Farbwerken und Ionischen Betrieben. Stanzer.

1970 Heirat mit Rosy Weiß, Maschinenbautechnikerin. Umzug aus den Elternhäusern nach Fürth und Nürnberg. Dort als Packer in einer Halbleiterfirma beschäftigt gewesen. Verweigerung der Aufnahme in die Berufsaufbauschule. Aufs Schreiben verlegt, das ich die Jahre zuvor geübt hatte. Seit ’73, ,freier Schriftsteller‘, was ich bislang bleiben konnte, das ich aber ohne die ideelle und materielle Hilfe meiner Frau nie geschafft hätte.
Kein Auto. Keine Kinder.
Neben Büchern: Hörspiele, Rezensionen, Kolumnen.

In dieser kurzen Autobiographie fehlt zum Beispiel, daß Fels 1974 mit Max von der Grün den Kulturpreis der Stadt Nürnberg erhielt und im März 1979 mit zwei anderen Schriftstellern den Leonce-und-Lena-Preis eines Lyrikerwettbewerbes der Stadt Darmstadt, daß im Dezember 1978 das Geschichtenbuch Mein Land von der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum „Buch des Monats“ ausgewählt wurde und daß er vom September 1978 bis Februar 1979 Stipendiat der Stadt Hamburg war.

Ludwig Fels nimmt in der Literatur der BRD einen besonderen Platz ein, nicht nur durch die Themenwahl und die Art, Ansichten und Gedanken zu äußern. Soviel mir bekannt ist, hat er wenig Kontakte mit anderen Schriftstellern. Einer literarischen Gruppierung gehört er nicht an. Befragt, wie er zur „Arbeiterdichtung“ stehe, antwortete er in dem oben genannten Interview:

Man wollte mich immer da einordnen, aber der Versuch mißlang. Ich habe mich in jedem Buch dagegen gewehrt. Ich bin nicht gegen die Literatur der Arbeitswelt; ich halte sie sogar für wichtig. Die Nützlichkeit dieser Literatur ist unbestritten. Aber ich kann nicht auf Befehl nur über die Arbeit und den Arbeiter schreiben. Ich schreibe über das, was mir ein Bedürfnis ist.

Hier polemisiert Fels meines Erachtens ein wenig gegen sich selbst. Ich denke, daß es ihm doch ein Bedürfnis ist, über die Arbeit zu schreiben, immer verbunden mit der sozialen Umwelt, in der diese Arbeit geleistet wird. Diese Umwelt ist für ihn Hauptgegenstand seiner oft spontanen und explosiven Kritik. Die meisten von ihm aufgegriffenen Themen beweisen es: wie die Arbeit den Menschen krank machen kann, auslaugt, wie sie ihm die Möglichkeit nimmt, wirklich zu leben, sich selbst zu beseitigen, sich selbst zu verwirklichen, wie die Beziehungen zwischen den Menschen dadurch gestört werden. „Was mich verletzt, darüber schreibe ich, in dem Gedanken, daß andere auch verletzt werden“ – diejenigen, die sich gleich ihm nach einem Leben sehnen, das lebenswert ist. Der Versuch, sich die eigene Lage, die nicht nur die seinige ist, bewußt zu machen, enthält den Wunsch, auch anderen Klarheit über ihre Situation zu schaffen. Da er die Arbeit nicht „bedichtet“, sondern betroffen ist, alles selbst erlebt hat und noch erlebt, gewinnt das, was er schreibt, Überzeugungskraft.
Vor allem in der Lyrik erscheint Fels als ein wütender Rebell, der seine Worte hinausschreit, trotzig, zornig, aggressiv, oft rüde, manchmal vulgär.

Gedichte wie Faustkeile – das wäre ein Wunsch. Ich baue mir aus Leitern ein Floß, damit ich nicht aus allen Wolken ins kalte Wasser schlage.

Doch dahinter spürt man eine große Sensibilität, eine tiefe Verzweiflung, für die er Worte, Sätze und Bilder zu finden sucht.

Die ersten Gedichte und Geschichten schrieb er als Hilfsarbeiter, wenn er erschöpft und zerschlagen von der Schicht nach Hause kam. Sie artikulieren die ohnmächtige Wut eines Mannes, der auf Grund seiner Herkunft und mangelnder Bildungsmöglichkeiten zu stupider Tätigkeit verurteilt ist. Auch später, als er nur schreibt, spricht aus fast allen Arbeiten Enttäuschung, Verzweiflung, Ekel. Überdruß auch an seiner Daseinsform. Mit scharfen, bösen, aber auch traurigen Augen sieht er seine Umwelt, zeichnet er Erscheinungen der Gesellschaft, von der er weiß, daß sie so nicht in Ordnung ist, daß sie geändert werden müßte. Resignation und Verzweiflung sind vorherrschend, selten und zaghaft ist das Moment der Hoffnung. Die Töne der Einsicht, daß man etwas ändern könne, sind leise.

Ich kann mir schon vorstellen
was besser wär
aber es scheitert am Machen.

Zeilen, wie die Folgenden, deuten einiges an:

Denkst du dir auch, daß wir
viele wären
die anfangen könnten
und noch mehr würden
bei der Beendigung der Verhältnisse?

und:

Unser Leben lang waren wir
längst aufgestanden und wach
während die Herrschaften noch schliefen.
Ergreifen wir die Gelegenheit!

Mir erscheinen die Gedichte zupackender und daher aufrüttelnder als die Prosaarbeiten. Die im Gedicht notwendige stärkere Konzentration verleiht ihm mehr Genauigkeit, auch im Gefühl. In den Prosaarbeiten spürt man den Lyriker.
Das Böseste, was Ludwig Fels über sein Land geschrieben hat, liest man in einem Artikel, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 1978, dem der Autor nach einem Wort von Alexej Tolstoi den Titel gibt „Und hier ist das Märchen zu Ende“:

Ich ertrage das Schicksal nicht. Deutscher sein zu müssen. Ich finde beim besten Willen nichts Schlechteres auf dieser Welt… Ich kann nicht mehr weinen, mein Verstand ist ein Schlachthof. In den Städten herrscht die Stein-, in den Menschen die Eiszeit. Hier alt zu werden, muß die Hölle vor dem Tode sein.

In diesem Artikel sieht er alles Verderbliche, was es in der BRD gibt, doch nichts von den Kräften, die dem entgegenzuwirken versuchen. Ich glaube, daß er zu wenig von ihnen weiß. Man spürt es in einigen Zeilen. Für Ludwig Fels sind allein die Gedichte und Geschichten, in denen er ehrlich und kompromißlos seine Meinung sagt, der Weg.
Daß er selbst mit seiner Position nicht zufrieden ist, lese ich aus dem Satz:

Ich halt mich über Wasser. Aber das ist nicht der Platz, wo man Feuer fängt.

Annie Voigländer, Nachwort

 

LIED MIT TURNSCHUHEN
(für Ludwig Fels)

Da geht einer durch die großen Städte
den Hut auf dem Kopf, einen Spatz
in der Hand, geht auf blanken, weichen
Turnschuhen durch die großen Städte.

Geh nicht auf deinen verräterischen
Turnschuhen durch die großen Städte
sagen sie zu ihm, aber er lacht, hat seine
Turnschuhe lieb gewonnen auf dem Asphalt

zwischen den Häuserriesen in den großen Städten.
Nur Diebe, sagen sie zu ihm, nächtliche
Einbrecher, die erkennst du gleich, tragen
Turnschuhe wie du in den großen Städten

sagen sie zur Warnung, aber er lacht.
Er möchte die Häuser umarmen wie Frauen
ein freundlicher Kingkong in Manhattan
das Empire State Building macht ihm Mut

auch zu wachsen, immer größer zu werden
sich selbst auf die Schulter zu klopfen
wie ein gemachter Mann von oben herab.
Nachts im Hotelflur begegnet er wirklich einem

dem er sich ähnlich fühlt. Der schleicht
wie er in diesen blanken, weichen
Turnschuhen über den Teppich. Hi, man!
Aber der andere, den er erwartet hat

sein anderes Ich in den großen Städten
der, der nicht aus dem fränkischen Winkel
hervorkriechen mußte bis hierher, sagt:
Nichts da, ich bin der Hoteldetektiv.

Ursula Krechel

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Jan Koneffek: Ein Fremder überall
Frankfurter Rundschaum 25.11.2016

Meike Feßmann: Hart und zart
Süddeutsche Zeitung, 24.11.2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG

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