Ludwig Harig: Zu Günter Eichs Gedicht „Wiepersdorf, die arnimschen Gräber“

Im Kern

Im Kern

– Zu Günter Eichs Gedicht „Wiepersdorf, die arnimschen Gräber“ aus Günter Eich: Sämtliche Gedichte in einem Band. 

 

 

 

 

GÜNTER EICH

Wiepersdorf, die arnimschen Gräber

Die Rosen am Verwildern,
verwachsen Weg und Zaun, –
in unverwelkten Bildern
bleibt noch die Welt zu schaun.

Tönt noch das Unkenläuten
zart durch den Krähenschrei,
will es dem Ohr bedeuten
den Hauch der Zauberei.

Umspinnt die Gräberhügel
Geißblatt und Rosendorn,
hört im Libellenflügel
des Knaben Wunderhorn!

Die Gräser atmen Kühle
im gelben Mittagslicht.
Dem wilden Laubgefühle
versank die Stunde nicht.

Im Vogelruf gefangen,
im Kiefernwind vertauscht
der Schritt, den sie gegangen,
das Wort, dem sie gelauscht.

Dem Leben, wie sies litten,
aufs Grab der Blume Lohn:
Für Achim Margeriten
und für Bettina Mohn!

Nicht unter Stein und Ranke
schläft oder schlägt ihr Herz,
ein ahnender Gedanke
weht her von anderwärts.

Verstummen uns die Zeichen,
wenn Lurch und Krähe schwieg,
hallt aus den Sternbereichen
die andere Musik.

 

Ein ahnender Gedanke

Bei Kriegsende im Frühjahr 1945 Kriegsgefangener im amerikanischen Sammellager bei Remagen, besinnt sich der Dichter Günter Eich wie alle Deutschen dieser Zeit auf einen Neubeginn. Um zu sich selbst zu kommen, braucht er nicht den spirituellen Wind des Existentialismus, den Sartre in Frankreich entfacht hat: Eich spürt am eigenen Leib, daß der Mensch sich zuerst als existierendes Wesen begreifen muß, bevor er daran denken kann, sein Dasein zu erklären. Günter Eich macht Inventur, nennt in einem Gedicht seine Siebensachen, die ihm geblieben und zum Weiterleben unverzichtbar sind, Mütze und Mantel, Brotbeutel und Schlafsack. Doch die Bleistiftmine liebt er: Er weiß, daß er sie zum Schreiben, zum Beschwören einer neuen Welt braucht.
Schon in seinen Gedichten des Kahlschlags kündigt sich der Vorsatz zur „Eroberung aller Wirklichkeit durch die Lyrik“ an. „Das Gedicht hat das ihm von der Konvention zugewiesene Gebiet, das einem Naturschutzpark ähnlich war, verlassen“, schreibt er selbstkritisch; es sei notwendig, neue Zeichen zu setzen, es dränge ihn, entscheidende Schritte zu tun. So findet er den Weg zu den Arnimschen Gräbern im märkischen Wiepersdorf, flaniert durch den verwahrlosten Park und begreift, daß nur die Bilder von der Welt unzerstörbar sind. Doch sein Gedicht ist kein Guide bleu, kein Leitfaden für empfindsame Besuchereiner historischen Gedenkstätte.
Zwar spricht er vom Verwildern der Rosen, vom Läuten der Unken, vom Schrei der Krähen, zwar bezieht er in einer berühmten Doppelzeile die Blumen auf den Arnimschen Gräbern in seine Beschreibung mit ein, doch sind sie weit mehr als nur schöne lyrische Bilder eines Gartens. Die Doppelzeile „Für Achim Margeriten / und für Bettina Mohn“, von manchen Literaturenthusiasten mit Tränen in den Augen auswendig deklamiert, führt jäh vom naturschwärmerischen Finale in den utopischen Ausklang der beiden letzten Strophen über. Die Töne aus den Sternbereichen sind Nachklänge aus „Des Knaben Wunderhorn“ und zugleich Vorklänge einer neuen, einer anderen Musik. Ein ahnender Gedanke, der von anderwärts herweht, speist sich aus Bettina und Achim von Arnims romantischer Idee der Dichtkunst, die stets ins Offene, ins Zukünftige weist und den historischen Ereignissen zu ihrem Sinn verhilft.
Alles, was die Geschichte an Lücken lasse, schließe die Dichtung, schreibt Achim von Arnim, er nennt es eine „Geahndete Füllung“: Es ist die Fülle der Poesie, die „ahndungsreiche Bilder“ erzeugt. Deshalb geschehe in der Welt alles der Poesie wegen, schreibt er an seinen Schwager Clemens Brentano. Auch Günter Eich bekennt, er sehe die Welt als Sprache, erst durch sein Benennen der Dinge würden sie für ihn wirklich – und setzt die Zeichen neu. Er begleitet das von ihm wiedererweckte Paar durch den Park von Wiepersdorf, ihr auf Schwingen schwebender Geist der Phantasie ist ihm vertraut: Im Libellenflügel hört er des Knaben Wunderhorn.
Dabei blieb es nicht. Der Maulwurf Günter Eich wollte nicht nach den Sternen greifen. „Fliegst du mir / auf den Flügeln deiner Brauen / bisweilen davon, / Lichtjahre hinter / deinen Gedanken hol ich dich immer ein“, schreibt er später, „aber süß ist es, einander im kalten / Weltraum zu begegnen.“
„Gieb Flügel dann!“ rief Achim von Arnim bei solchen Anwandlungen närrischen Querdenkens.

Ludwig Harigaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Einunddreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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