Abraham a Sancta Claras Gedicht „Mit Essen und Trinken“

ABRAHAM A SANCTA CLARA

Mit Essen und Trinken

Mit essen und trinken,
Mit faulenzen und stinken,
Mit schenkln und spazieren,
Mit löffeln und galanisieren,
Mit springen und tanzen,
Mit liegen und ranzen,
Mit jagen und hetzen,
Mit komplimentieren und wetzen,
Mit Rappen und Schimmel
Kommt man, weiß Gott, nicht in den
aaaaaaaHimmel.

um 1700

 

Konnotation

Der Gastwirtssohn Hans Johann Ulrich Megerle (später: Abraham a Sancta Clara, 1644–1709) durchlief zunächst eine jesuitische Ausbildung und trat 1662 dem Orden der Augustiner-Barfüßer bei. Damit begann sein Aufstieg zum kaiserlichen Hofdichter und wortgewaltigsten Moralprediger der Barockzeit. Als der strenge Verkünder der göttlichen Gebote mit den Folgen der Pest in Wien konfrontiert wurde, legte er seine Tugendlehren auch in schriftlicher Form nieder (z.B. in „Mercks Wienn“ von 1680). Aber Abraham a Sancta Clara widmete sich auch säkularen Formen der Poesie – zum Beispiel dem Trinklied.
Das um 1700 geschriebene Gedicht entzündet sich aus einer Lust am Sprachspiel und an sich übergipfelnden Knittelversen – der mahnende Appell in der Schlusszeile wirkt wie angeklebt, ist nur wie zu Tarnzwecken als scheinbare Conclusio in die vergnügliche Reimerei der säkularen Lustbarkeiten einbezogen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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