Hans Carl Artmanns Gedicht „Daumenlanger Hänsel“

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HANS CARL ARTMANN

Daumenlanger Hänsel

DAUMENLANGER HÄNSEL,
schädelrunde dirn,
gehen wir in das schauhaus,
tauschen wir das hirn.
geb ich dir mein kleines,
gibst du mir dein groß’,
wenn der tausch perfekt ist,
ziehn wir wieder los.

1968

aus: H.C. Artmann: Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Klaus Reichert. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2003

 

Konnotation

Das Kinderlied vom „spannenlangen Hansel“ und der „nudeldicken Dirn“ verwandelt hier der Wiener Wortartist und Sprachschamane Hans Carl Artmann (1921–2000) in eine böse Moritat van zwei sehr unterschiedlich begabten Kindern, die sich in einer Leichenhalle (= Schauhaus) zu einem ungewöhnlichen Tauschhandel zusammenfinden.
Im ursprünglichen Kinderlied konkurrieren der „spannenlange Hansel“ und die etwas dickliche „Dirn“ miteinander. Bei Artmann kommt es zu einer freiwilligen, aber sehr zweifelhaften Zusammenarbeit, von der nur der minder begabte, aber weit gerissenere „Hänsel“ profitiert. Hinzu kommt der makabre Schauplatz dieser seltsamen Verabredung in der freien Natur, Artmann führt sie in die Gerichtsmedizin.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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