Heiner Müllers Gedicht „Rätsel“

HEINER MÜLLER

Rätsel

Zwei Beine hat mein Vater
Das eine ist aus Holz.
Er hats vom Krieg. Nun ratet:
Auf welches ist er stolz?

1949/50

aus: Heiner Müller: Die Gedichte. In: Werke. Band 1. Hrsg. v. Frank Hörnigk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1998

 

Konnotation

In seinen letzten Lebensjahren agierte der Dichter und Dramatiker Heiner Müller (1929–1995) mehr als murmelndes TV-Orakel und als Bonmot-Lieferant einer fatalistischen Geschichtsphilosophie denn als Poet. Nach seinem Tod wurde nur noch selten registriert, dass Müller auch vorzügliche Gedichte geschrieben hat – düstere Parabeln, verknappte Legenden und reflexiv ausschweifende Geschichtspoeme.
Bevor Heiner Müller gegen Ende der 1950er Jahre in der DDR als Dramatiker hervortrat, hatte er fast zehn Jahre lang ausschließlich Gedichte geschrieben. Aus diesem ersten Jahrzehnt literarischer Produktion stammt auch das um 1949/50 entstandene „Rätsel“, das lakonisch die körperlichen Verletzungen eines Kriegsteilnehmers benennt, der hier vom Ich als Vater gekennzeichnet wird. Die Rätsel-Frage ist polemisch, legt sie doch nahe, dass der Kriegsversehrte auf sein Holzbein, also auf seine Aktivitäten während des Krieges „stolz“ sein könnte. Seinem eigenen Vater, der von den Nazis inhaftiert worden war und später aus der DDR floh, hat Müller in seinem Werk nie Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009

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