Ilma Rakusas Gedicht „Jim sagt sie es geht mir an die Substanz…“

ILMA RAKUSA

Jim sagt sie es geht mir an die Substanz
Ann sagt er ich bin kein Popanz.
das geht so und geht und nennt sich Patt
oder (to be honest) Schachmatt.
Zwei lieben sich wollen das Beste
fragt sich das Beste für wen. Die Tage
vergehn aus dem einenden Bett wird
ein Rechenbrett. Spontan sind nur noch
Trauer und Wut. Wer nimmt den Hut?

1997

aus: Ilma Rakusa: Ein Strich durch alles. Neunzig Neunzeiler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Im Geschlechterkampf und im Liebesstreit kommt es nicht selten zu einem negativen „Patt“ – zu einem Unentschieden, das den Akteuren mehr Verluste als Gewinne aufbürdet. So auch in den „neunzig Neunzeilern“, in denen die 1946 in Rimavska Sobota (Tschechoslowakei) geborene Dichterin und Übersetzerin Ilma Rakusa Urszenen der Liebe durchgespielt hat. Die Tochter einer Ungarin und eines Slowenen hat sich hier eine strenge Form verordnet – die aber immer neue Wege öffnet zu einem sinnlichen Sprechen.
Jim und Ann wollen in diesem im Februar 1997 entstandenen Neunzeiler füreinander nur „das Beste“ – und setzen sich doch nur gegenseitig zu mit nervenzehrenden Auf- und Ab-Rechnungen. Die Zertrennungs-Wut der Liebenden spiegelt sich in den anarchisch gesetzten Binnenreimen des Textes. Am Ende geht es nur noch darum, wer als erster das Liebes-Desaster eingesteht.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

0:00
0:00