Jakob Michael Reinhold Lenz’ Gedicht „An das Herz“

JAKOB MICHAEL REINHOLD LENZ

An das Herz

Kleines Ding, um uns zu quälen,
Hier in diese Brust gelegt!
Ach, wer’s vorsäh, was er trägt,
Würde wünschen, tätst ihm fehlen!

Deine Schläge, wie so selten
Mischt sich Lust in sie hinein!
Und wie augenblicks vergelten
Sie ihm jede Lust mit Pein!

Ach! und weder Lust noch Qualen
Sind ihm schrecklicher als das:
Kalt und fühllos! O ihr Strahlen,
Schmelzt es lieber mir zu Glas!

Lieben, hassen, fürchten, zittern,
Hoffen, zagen bis ins Mark
Kann das Leben zwar verbittern,
Aber ohne sie – wär’s Quark!

1776

 

Konnotation

„Lenz (…), als ein vorübergehendes Meteor, zog nur augenblicklich über den Horizont der deutschen Literatur hin und verschwand plötzlich, ohne im Leben eine Spur zurückzulassen.“ Das Urteil Goethes in der Bekenntnisschrift Dichtung und Wahrheit war selbstgerecht. Denn Goethe hatte selbst dazu beigetragen, dass der Dichter Lenz (1751–1792) aus dem Herzogtum Sachsen-Weimar gejagt wurde und mittellos durch die Welt irrte.
Das Jahr 1776, in dem Lenz sein Gedicht „an das Herz“ – in mehreren Versionen – schrieb und seinem schwierigen Freud Goethe an den Weimarer Hof folgte, war das Schlüsseljahr im Leben des Dichters. Hier begann sein Abstieg in Verzweiflung und Wahnsinn. Das Herz erscheint nicht mehr als das Zentralorgan für Empfindungen der Sehnsucht und Leidenschaft, sondern zuvorderst als ein Ort der Qual. Die Lust wird dominiert vom Schmerz – und auch der beschwingt-komische Schluss des Gedichts kann die Omnipräsenz des Schmerzes nicht aufheben.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

0:00
0:00