Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Niemand“

MARIE LUISE KASCHNITZ

Niemand

Wer nirgends ist, ist niemand. Ich
Auf dem soundsovielten Breitengrad
Aber umgeben von nichts als Wasser und Luft
Bin nicht mehr ich.

Mein starkes Schiff Provence
Ist wie jedes ein Fliegender Holländer.
Kommt nur in Booten. Klettert über die Bordwand.
Da trinken Herr Niemand Frau Niemand
Da schlafen Herr Niemand Frau Niemand
Kind Niemand sitzt auf dem Holzpferd
Ich Niemand schreib in den Wind.

um 1960

aus: Marie Luise Kaschnitz: Gesammelte Werke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1985

 

Konnotation

Auf seiner Lebensreise hat das lyrische Ich dieses um 1960 entstandenen Gedichts alles verloren: seine Identität, seine Ziele, seine Position im Raum und die Möglichkeit einer Ankunft. Es geht um den Selbstverlust, die Anonymisierung und „Verniemandung“ eines Subjekts, ein Prozess, den die Dichterin Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) metaphorisch gleichsetzt mit der Irrfahrt des „Fliegenden Holländers“ an der Schnittstelle von Atlantik und Indischem Ozean. Marie Luise Kaschnitz war selbst eine große Reisende und ist bei einem ihrer Aufenthalte in Frankreich zur Schriftstellerin geworden.
Nach einer mittelalterlichen Überlieferung scheiterte das Schiff des holländischen Kapitäns van der Deucken (des legendären „Fliegenden Holländers“) bei dem Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln. Nach einem Fluch des Kapitäns war das schwarze Schiff dazu verdammt, bis zum Jüngsten Tag die Fahrt fortzusetzen, sein Erscheinen kündigte allen Fahrzeugen, die ihm begegnen, Sturm und Untergang an.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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