Rainer Brambachs Gedicht „Paul“

RAINER BRAMBACH

Paul

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter

den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

und fiel.

1960er Jahre

aus: Rainer Brambach: Gesammelte Gedichte. Diogenes Verlag, Zürich 2003

 

Konnotation

Dieses fast tonlose, lapidare Requiem auf ein gewaltsam zerstörtes Menschenleben benötigt keine affektiven Gesten oder emotionalen Dramatisierungen, um die Ausweglosigkeit des Krieges zu demonstrieren. Rainer Brambach (1917–1983), der als Schweizer Staatsbürger 1939 zwangsweise zur Wehrmacht eingezogen wurde und später desertierte, gehörte zur „Generation 1917“, deren Vertreter zu Hunderttausenden auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs starben.
Das Brambachs Schrittstellerkollegen Jürg Federspiel gewidmete Gedicht resümiert in extremer Knappheit einzelne Lebensabschnitte des imaginierten jungen Soldaten „Paul“. Der Text gewinnt seine verstörende Intensität aus Wiederholungsfiguren und der Zweideutigkeit des Verbs „fallen“. Die Dynamik des Jugendlichen, der über den Schulhof und später über das militärische Übungsgelände stürmt, wird von der tödlichen Realität des Krieges jäh beendet. Geboren „an einem Tag unter Null“ 1917, ist die Lebensgeschichte des jungen Soldaten „an einem Tag unter Null“ an der Ostfront zu Ende.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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