Robert Gernhardts Gedicht „Die Lust kommt“

ROBERT GERNHARDT

Die Lust kommt

Als dann die Lust kam, war ich nicht bereit.
Sie kam zu früh, zu spät, kam einfach nicht gelegen.
Ich hatte grad zu tun, deswegen
war ich, als da die Lust kam, nicht bereit.

Die Lust kam unerwartet. Ich war nicht bereit.
Sie kam so kraß, so unbedingt, so eilig.
Ich war ihr nicht, nicht meine Ruhe, heilig.
Da kam die Lust, und ich war nicht bereit.

Die Lust war da, doch ich war nicht bereit.
Sie stand im Raum. Ich ließ sie darin stehen.
Sie seufzte auf und wandte sich zum Gehen.
Noch als sie wegging, tat es mir kaum leid.
Erst als sie wegblieb, blieb mir für sie Zeit.

1987

aus: Robert Gernhardt: Gedichte 1954–1994, Haffmans Verlag, Zürich 1994

 

Konnotation

Mein Körper hält sich nicht an mich, / Er tut, was ich nicht darf.“ Mit solchen Befunden machte Robert Gernhardt (1937–2006), einer der großen komischen Dichter der Gegenwart, auf die hartnäckige Diskrepanz zwischen den Wünschen des Bewusstseins und den Eigenwilligkeiten des Körpers aufmerksam. Auf fast schon tragische Weise versagt das Bewusstsein dem Körper seinen Dienst in dem 1987 erstmals gedruckten Gedicht über die Nicht-Realisierbarkeit der Lust.
In drei Strophen, die in subtiler Wiederholung und Variation die Disharmonie zwischen der Lustempfindung und dem Eigensinn des Willens durchspielen, hat Gernhardt ein kleines Meisterwerk der Komik geschaffen. Das kleine Poem über die Lust und die Unpässlichkeit ist auch eine kleine Reflexion über verpasste Lebenschancen. Die schöne paradoxe Wendung am Ende benennt das Dilemma eines Einsamen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006

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