Werner Söllners Gedicht „Alter Mann am Nachmittag“

WERNER SÖLLNER

Alter Mann am Nachmittag

Er hat den Stuhl ans Fenster gestellt.
Dort, wo sich die Sonne noch hält,

sitzt er, ein blinder Fleck, und vergißt,
daß er einmal wirklich gewesen ist.

Er schläft, als sei das Haus schon leer.
Auf seiner Insel im steinernen Meer

sitzt er und döst sich ein Stück
vom raschelnden Körper zurück,

von der Heimat, die er nicht kennt.
Staub, der in den Zellen verbrennt,

steigt in den zitternden Kopf.
Am Hemd aus Holz ein eiserner Knopf.

1992

aus: Werner Söllner: Der Schlaf des Trommlers. Ammann Verlag, Zürich 1992

 

Konnotation

Das isolierte Subjekt als „blinder Fleck“ in der Geschichte, getrennt von seiner Heimat und auch getrennt von sich selbst: Der in Einsamkeit erstarrte Protagonist in diesem Gedicht des aus Siebenbürgen stammenden Dichters Werner Söllner (geb.1951) ist so verlassen wie nur wenige Helden der lyrischen Moderne. Der „alte Mann“ erscheint nur noch als ein Stück Nach-Geschichte, aus dem alles Leben gewichen ist.
Die meisten Gedichte in Werner Söllners Band Der Schlaf des Trommlers (1992) versuchen sich in einer Wiederbelebung sprachmagischen Klangzaubers, wie er in den Gedichten Paul Celans (1920–1970) oder Peter Huchels (1903–1981) noch wirkungsmächtig war. Das Porträt des „alten Mannes“ liest sich nun wie ein endgültiger Abgesang. Am Ende des Lebensweges verliert der Mensch die Idee von Identität und Individualität. Am Ende scheint „der alte Mann“ mit einem skulpturalen Abbild seiner selbst verschmolzen.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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