Wolfgang Weyrauchs Gedicht „Signale“

WOLFGANG WEYRAUCH

Signale

Ich sah dich, und ich sah dich nicht,
ich seh dich nicht und seh dich doch,
ich sah dich nie und seh dich doch,
denn dein Gesicht ist mein Gesicht,

denn meins ist deins, und du bist ich,
und ich bin du. Wir sind die Welt,
und wenn die Lava niederfällt,
denkst du an mich, denk ich an dich.

Die Asche fliegt, du rufst Signale,
das Feuer knirscht, ich ruf zurück,
die Flamme winselt vor dem Glück,
dann zischelt sie zum letzten Male.

Wir aber atmen Ewigkeiten,
wir atmen Wasser, atmen Brot,
wir wissen es: der Tod ist tot,
im Hauch der Orte und der Zeiten.

1956

aus: Wolfgang Weyrauch: Atom und Aloe. Gesammelte Gedichte. Reclam Verlag, Leipzig 1991

 

Konnotation

Wolfgang Weyrauch (1914–1980), dem umtriebigen Publizisten, Lektor, Anthologisten und Dichter, verdanken wir die zwei folgenreichsten poetologischen Stichworte zur Nachkriegsliteratur. Zum einen propagierte er in einer Prosa-Anthologie den „Kahlschlag“, zum andern erfand er die berühmte Sentenz, die das Gedicht auf Wachsamkeit und Wirkung verpflichten wollte: „Mein Gedicht ist mein Messer.“
Mit seinen Texten wollte Weyrauch die Menschen „aus der Bewegungslosigkeit, aus den überholten Ordnungen“ herausführen. In einem Gedicht aus dem Jahr 1956 bewegt er sich durch Antinomien und Paradoxien vorwärts, um von einer existenziellen Grenzsituation zu sprechen. Die letzte Strophe verweist auf die religiöse Vorstellung vom Jüngsten Tag, an dem der Tod besiegt ist – zugunsten einer Realisierung der Ewigkeit. Mit dieser pathetischen Prophetie reklamiert der Dichter einen priesterlichen Status für sich – den ihm Weyrauch auch konzediert: „die Schriftsteller sind die Stellvertreter der Propheten, die verschollen sind.“

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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