Marcus Roloff: gedächtnisformate

Roloff-gedächtnisformate

ZYKLUS

allmählich ging mir der mond auf
ich machte mir meine koordinaten
aber der eindruck vom monat war
zunehmend miserabel obwohl ich schon
weit nach mittag des nächsten tages
noch immer auf wahrnehmung lag & die
nichtverstandene nichthergewandte seite
immer noch hinnahm als eine
dämmerungsabsicht

 

 

 

gedächtnisformate

Das ‚absolute Jetzt‘ der Gedichte von Marcus Roloff, dieses erste und letzte Jetzt, von dem, im Unterschied zum Leben, jeder noch so gebrochene Satz der Literatur ausgeht, dieses Jetzt seiner nicht ersten, aber wie ersten Veröffentlichung, dieses Jetzt dessen, was ihr, der Veröffentlichung, und also der Öffentlichkeit bevorsteht, ist – und daran wird er sich folgend zu messen haben – derart satt von der Mischung aus dem, was sich so vorschnell Erinnerung nennt, mit dem, was als Summe einer Erfahrung bezeichnet wird, dass es sich offensichtlich – und allem Offensichtlichen des Gedichts bleibt nichts weiter, als die Wurzel des Unaussprechlichen zu sein – um das Niemalsland zweier deutlicher Spuren handelt.
In den Gedichten von Marcus Roloff verschränkt sich jene Spur, die aus der ‚vollendeten Zukunft‘ in den Text hereinreicht, mit jener, die aus der ‚unvollendeten Vergangenheit‘ herüberstottert, und das eine brüskiert das jeweils andere mit dem, was es ihm an Defizitärem hinüberspiegelt. So viel zum aus dem Leben Gegriffenen. Denn: der Vers ist die Party ist der See, der an seinen neuralgischen Punkten – ob sie nun „Am Ufer des Events“ oder „An der Feier der Landschaft“ einbrechen – auf niemals eine Pointe hinausläuft, sondern diese Möglichkeit von ihrem Standbild aus umschreibt. Aus der Sicht des Autors nichts, was – „… obwohl ich schon / weit nach mittag des nächsten tages / noch immer auf wahrnehmung lag & die / nichtverstandene nichthergewandte seite / immer noch hinnahm als eine / dämmerungsabsicht.“ – entschieden werden könnte; und das ist es dann auch, was die Gedichte von Marcus Roloff aus dem Einheitsbrei der schreibenden Entscheidungsträger heraushebt, ihnen eine Aura punktgenauer Vor- und Rücksicht verleiht, die das Wesen jeder der vier Jahreszeiten prägt, nämlich das Unberührbare nicht auszuschließen.

gutleut verlag, Ankündigung

 

Marcus Roloff

hat nach fast zehn Jahren einen neuen Gedichtband vorgelegt, der 54 großenteils unveröffentlichte Texte enthält. Es ist sein zweiter. Und doch ist Roloff seit der Veröffentlichung von Herbstkläger (1997) alles andere als unproduktiv gewesen. Anthologien und Zeitschriften haben seine Gedichte gedruckt, unter ihnen die mittlerweile eingestellte Neue deutsche Literatur und das im S. Fischer Verlag erscheinende Jahrbuch der Lyrik des Jahres 2005.
Nun also Gedächtnisformate. Der Band, dessen Titel nach schablonenhafter Erinnerung klingt, ist in drei thematische Sammlungen mit 14 und zweimal 20 Gedichten unterteilt. Sie heißen „gärten & schlösser“, „märzspaziergang“ und „formate“. Der Autor, so scheint es, will den Leser mitnehmen auf eine Reise zu den Orten der Vergangenheit, die, so selbstverständlich sich das lyrische Ich auch gegen den Versuch des biografischen Erhellens behauptet, Stationen im Leben des Lyrikers Marcus Roloff sind.
So finden sich vor allem in „gärten & schlösser“, eine Verdrehung des Topos der märkischen Schlösser und Gärten, Gedichte wie „glambecker see“, „wannsee [einundzwanzigster elfter]“, „ahlbecker strasse im winter“, „maria am ostbahnhof“, aber auch „frankfurt süd“, die Namen von Orten und Landschaften von Lebensphasen in Neustrelitz, Berlin und Frankfurt aufrufen. Immer wieder wird Roloffs Sprache dabei durch antike und religiöse Bilder durchkreuzt, die nie akademisch wirken, sondern Teil der Gedächtnisprotokolle sind. Dazu passt, dass der Band eine Reihe von Widmungsgedichten enthält.
Das Etikett Landschaftslyrik, gegen das sich Dichter wie Huchel oder Bobrowski zeitlebens gewehrt haben, trägt aus diesem Grund bei Roloff nicht. Denn den Landschaften haftet nichts vom Gefühl sentimentaler Erinnerung an. Das Gesehene verharrt in der Andeutung und wirkt dadurch flüchtig und flaneurhaft. Am Ende sind es die Namen, die für sich stehen und dadurch magisch wirken, während die Umrisse der Plätze und Orte verschwimmen. „mein gedächtnis hat / löcher“, heißt es im Gedicht „u-bahnhof“, das in nur wenigen Zeilen ein schaurig-schönes Bild der ermordeten Rosa Luxemburg malt, das einem Fahrgast vom Schlage Roloffs beim Passieren des U-Bahnhofs Rosa-Luxemburg-Platz kommen mag.
So ist es die Sprache, die Heimat im Wort, die das eigentliche Thema der Gedächtnisformate Roloffs bildet. Der Autor nimmt mit seiner selbstreflexiven Sprachkritik den zugegebenermaßen dicksten Faden der modernen Lyrik auf und stellt ihn ins Zentrum seines Schreibens. Das Anfangsgedicht der abschließenden dritten Sammlung heißt bezeichnenderweise „fragezeichen“.

ist sprache was ist sprache geheul
ist sprache ein fluch ein segen ist
sprache die säge mit der man die namen
zersägt die höhle in der die dinge hausen
[…].

Eines der komischsten Gedichte in diesem bemerkenswerten Band trägt den Titel „interimsgöttingen“ und mag während eines Intermezzos des Autors in Göttingen entstanden sein.

: du bist die
kleinstadt, die ewig
teilnahmslose prinzessin
auf dem gebügelten bett-
zeug

heißt es darin. Man ist geneigt, die Zeilen Heines in der Harzreise zu bemühen, wonach die kleine Stadt an der Leine vor allem mit dem Rücken hübsch anzusehen sei. Roloffs Lyrik kommt ohne solche Gymnastik aus.

Andreas Möller, rezensionen-welt, 11/2006

Lyrikgeheimtipp

Roloff ist ein eher Unbekannter und sein neuer Band Gedächtnisformate sollte dies eigentlich ändern helfen. Denn diese Texte sind die konzentrierte Kost eines wachsam um sich (und in sich) Blickenden. Sein zweiter Band versammelt Gedichte, die zwischen Küste und Kosmos einen Raum entwerfen, der so einiges Relevante enthält. Schon der schlüssige Aufbau des Bandes ist unbedingt zu loben. 3 Abteilungen, 3 Themenkreise (der Ort, der Körper, der Kopf). Keine lauwarme Befindlichkeitssuppe, kein ödes Erinnerungsgemurmel, sondern Texte mit eindeutiger und starker, z.T. auch deftiger Bildsprache. Zeilen, die – hier mehr, da weniger – aufeinander und ineinander geschoben werden, dass einem zuweilen der Atem stockt. Diese Stimme ist eine ausgesprochen eigen-artige und innerhalb der zeitgenössischen Lyrikproduktion um einiges nachhaltiger als Bekannteres aus dem Kreise der immer Selben. Geheimtipp!

Hartmuth Burmeiner, amazon.de, 31.3.2007

TOTENLAMPE, TOTALE SONNE – Zu Gedichten von Marcus Roloff

Es ist eine alte, aber selten akut realisierte Erkenntnis, daß nicht nur die Gegenwart selektiv darüber entscheidet, was wahrgenommen und Erinnerung wird, sondern, daß auch die Erinnerung beeinflußt, was Gegenwart ausmacht. Dies in zweifachem Sinne: erst einmal grundiert Erinnerung als Erfahrung das eigene Denken, den „Weltzugang“. Mehr aber noch: das „Format“, die Art und Weise, in der wir Erinnerung abspeichern, prägt im Moment selbst das Erleben. Man wird sich vorstellen können, daß das vermutlich mehr automatische Erinnern der Tiere sich von dem suchenden Erinnern der Menschen unterscheidet – und daß letztere Art von erweiteter Erinnerung immer schon in die erinnerungsprägende Wahrnehmung zurückwirkt. Bergson beschrieb folgerichtig die Aktualität als die Gegenwartsspitze einer fortwährend breiter werdenden Erinnerungspyramide.
Der Mensch wird darüberhinaus permanent mit anderen Erinnerungen konfrontiert, alles wirft Geschichte auf, wir bewegen uns in einem „Weltgedächtnis“ (Deleuze).

Man wird von einem Autor, der seinen Lyrikband ambitioniert Gedächtnisformate betitelt, erwarten, daß seine Gedichte sich zwischen intimer Innerlichkeit und Ausfahrt in die Welt bewegen, daß er formale Formate mit inneren Wortlichtspielen in Übereinstimmung bringt. Marcus Roloff geht keinen einfachen Weg, das wird ihm bewußt sein. Wie viel einfacher wäre es, wie so manche der jüngeren, ein variables Verfahren zu entwickeln – und dann zu schauen, was sich, Mal um Mal, ergibt. Marcus Roloff trägt aber einen Anspruch hoch: „Gedächtnisformate“.
So wundert es nicht, daß sich in seinem Band viele Wörter und Satzteile finden, die man als „Anleihen“ verstehen könnte und man wird dann dieses, jenes in den Gedichten Roloffs erkennen. Allerdings nicht wiedererkennen. Roloff orientiert sich nicht labelgerecht an einzwei bekannten Autoren, die er dann verfahrensmäßig weiterführte, im fließenden sound, sodaß man sich leicht zurechtfände, sondern geht einen tastenden, stets jedes Wort neu aufsuchenden Weg. Er schlägt sich geradezu durch von Zeile zu Zeile – nur manchmal, aufblitzend, erhaschen wir ein Panorama. Beobachtung – Assoziation – Reflexion durchdringen sich – und führen zurück in die beobachtete, nun die Gedächtnis-Welt. Gedächtnis spricht ja schon von mehr als von Erinnerung, von dem, was auch für andere begreifbar sein müßte, es scheint etwas objektiver sein zu wollen (als „Erinnerung“).
Das lyrische Ich in den Gedichten Roloffs sucht nicht primär Erinnerungen auf, es erkundet, wie wir sie in den Griff bekommen, mehr noch: wie die Erinnerung und Gedächtnis uns im Griff haben. So ist der Weg, wie der jeder echten Erinnerung (die nach Deleuze nur aufsucht, was sie nicht findet, da sie sonst in einem Automatismus mündet) – schwankend.
Roloff schichtet, klumpt oder, je nachdem, faltet auseinander: besonders schön auch in den Klammern, die mir vertraut vorkommen in der Verwendungsweise – nahe, im Kopf – die fremde Schichten einfügen.

Mit dem Kapitel „gärten&schlösser“ beginnt sein Buch, quasi mit Spaziergängen – und endet mit „formate“. Jede seiner Wahrnehmungen ist schon von Motiven, Gedächtnisanzeichen, und – gefährlich durchaus – Metaphern durchsetzt:

hinter den baumkronen hält ein schlusslicht
die ferne bereit,
zersprungen lehnt sich die jahreszeit in den
gehstock zurück.

(„der winter“)

Betrachtet jemand hier die Kindheit – oder beginnen gar „die / kindheiten (…) dich zu betrachten“ („Perpetuum“)? Immer wieder senkt er graubleie Wörter in die aufflackernde Landschaft und beschwert sie. Manches verschraubt sich zu Wortgebilden, die Celansche Höhenluft atmen wollen [„geschwengelte laune“ („september“), „ein dohlenschwarz rudert im blau (…) wenn die namen zurückfluten“ („die namen“)]. Anderes erdet sich schroff und durchaus ironisch [„ewige pappnasigkeit“ (interimsgöttingen“)].
Die Gedichte berühren vieles auf zum Teil sehr divergente Art. Wir finden eine Vielstimmigkeit oder vielfache Verwurzelung im einzelnen Wort.
Es wird klar: es ist durchaus nicht klar, „welches format“ grade „unter- / stützt wird“ („formate“). Kein Redestrom, kein Erinnerungskatarakt. Eher: Stauungen, Brocken, „also knirschen sand&proviant im satz- / getriebe“ („gar nichts“). Was wir gewinnen dafür, sind Verse, die sich nicht selbst erledigen im Gelingen, im Effekt, die Anschluss suchen und ausbaufähig sind. Die einer verkerbten, verknoteten, oftmals „enterbten“ und doch ahnenden, ahnungsvollen Wahrnehmung Tribut zollen – an entlegenen Stationen, in „zersiedelten“ (sète) Arealen.

Es geht also nicht um sentimentale Erinnerungen, sondern um ein Gedächtnis, in dem die Welt widergespiegelt wird, sich wiederholt, mit dem ganzen Schmodder der Geschichte: „verklären z.b. das / weltei. grüner pudding / aus engelsgeduld“ („denken oder sagen oder leuchten“). Oder wir können sehen, wie etwas (in das Gedächtnis, das Vergessen, in die Sprache?) sackt („angeschwemmte sprüche“, „klöße im hals“, „wringmeister“ – offener abend. tribüne). Mitunter: interessante Exzentrik der Wortwahl – aber sie entspringt bei Roloff sicherlich nicht nur einer Liebe zum Detail, zum Wort – in seiner Sprache zeichnet sich die Absurdität der Welt, besser: die potentielle Inkommensurabilität zwischen Wahrnehmung und Sprache oder Ich ab. Roloff versteht Gedächtnis nicht als Verklärungs-Fundus für ausgeleierte Wiederaufnahmen des ewig gleichen Spektakels, sondern geht den Verklumpungen nach, den schwarzen Flecken und der Fragwürdigkeit des Abspeicherns. Prozesse, natürlich sprachliche.
Da kann das immer wieder überraschend prägnant werden, sich straffen, so zum Beispiel, eine der schönsten Zeilen, ausgehend von einem Spaziergang, der in einen Stillstand mündet, in sète: „totenlampe, totale sonne, seeblick, tief /“. Knapper scheint es in der Tat kaum zu gehen, das sitzt. Und dann eben doch: setzt in Bewegung, stößt an, davon dürfen wir ausgehen bei diesen Gedichten.

Hendrik Jackson, Ostragehege, Heft 47, 2007

Weitere Rezension zu diesem Buch:

Andreas Möller: Marcus Roloff Gedächtnisformate
poetenladen.de, 30.10.2006

Tobias Amslinger: Poetische Kartographie
literaturkritik.de, März 2007

Michael Braun: Mein nicht geschnittener Blick. Die Wortlichtspiele des Dichters Marcus Roloff.

Marcus Roloff liest bei HAM.LIT 5

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